Predigt über Römer 11,25-32

Liebe Gemeinde,
unter dem Wort "Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen" (Vers 29) soll Text und Taufgeschehen bedacht werden.
Erinnern Sie sich an ihre Taufe? Die meisten unter uns wohl nicht. Aber vielleicht einige, ich meine diejenigen, die sich als Erwachsene taufen ließen, die erinnern sich. Die Taufe ist für sie ein langer und bewusster Gang zum Taufstein im Chorraum einer Kirche. Ich habe hohe Achtung vor allen, die diesen Weg gehen. Ich lasse mich von ihnen fragen, welche Berufung mein Leben prägt. Wozu hat Gott mich bestimmt, meinen Lebenswillen in die Gemeinde und in die Gesellschaft einzubringen? Wie wirkt die Absage an das Böse im Taufgeschehen auf die Bereitschaft Frieden zu schaffen? Mich haben erwachsene Taufwillige darin beeindruckt, wie sie mit der Taufe eine bestimmte Lebenshaltung, ja auch ein Engagement im öffentlichen Raum verbinden.
Erinnern Sie sich an Ihren Taufspruch? Das werden schon mehr unter uns sein, denn Eltern und Paten haben möglicherweise den Taufspruch manches Mal aufgesagt. Oder irgendwo in den Unterlagen fand sich die Taufurkunde. Mit Aufregung verbunden, konnte da der Spruch gelesen werden. Ich habe schon aus der Kirche ausgetretene Menschen erlebt, die mir ihren Tauf- oder Konfirmationsspruch aufsagen konnten, manche auch stolz. Ein Bibelwort für den Einzelnen soll der Taufspruch sein. In ihm spiegeln sich die Wahrheit der ganzen Bibel und die Glaubensgedanken, die Eltern und Pfarrer oder Pfarrerinnen dem Täufling oder ein Erwachsenen sich selbst zugedacht haben.
Von der Liebe ist in den Taufsprüchen des heutigen Gottesdienstes die Rede. Wer wollte bestreiten, dass die Liebe Gottes die Liebe der Menschen untereinander inspiriert. Die Liebe wird fregesetzt bei denen, die glauben. Und keiner wird bestreiten, dass die Liebe mit Geduld, mit einem Bleiben einhergeht. Die Geduld kann durchgehalten werden, wenn die Liebe hinzutritt. Die Hoffnung, die ein Kennzeichen für Christen ist, sie schaut nach vorn und oben - ohne sich selbst und alle Prägung zu vergessen. Kann ein Mensch ohne erfahrene Liebe hoffen? Wohl kaum. Wir spüren, wie das Zeugnis der Bibel ein Wort und einen Satz in dem anderen Wort und Satz enthält. Und doch gilt jeweils ein Satz, ein Wort aus der Bibel einem Menschenkind.
Erinnern Sie sich noch an Ihre Paten? Was für eine Frage? Bestimmt erinnern Sie sich an Ihre Paten. Ich sehe bei einigen von Ihnen Freundlichkeit und bewegte Augen. Und möglicherweise erinnern Sie sich nicht nur an die Paten, vielleicht haben Sie noch Verbindung zu ihnen und sorgen sich um in die Jahre gekommene Menschen. Wie oft höre ich Menschen, die sagen, "das ist meine Patentante" und sie ist schon 90. Und fast immer ist es einer unter den Paten, dem sich das heranwachsende Kind besonders nahe fühlt. Spielen, Wandern, Familienbegegnung, der Weg zur Kirche, die Feier der Konfirmation, das Gespräch, das Geschenk. Und wie wertvoll sind die Paten für die Eltern der Kinder. Mit ihnen können Eltern sich beraten und den Weg des Kindes wahrnehmen. Dafür ist oftmals zu wenig Zeit. Mit Paten wird vieles leichter, spielender.
Liebe Gemeindeglieder, sind Sie selbst Pate oder Patin bei einem Kind? Wenn die Paten reif sind für dieses Amt, dann kann Freude kaum größer sein. Die Patin, der Pate nimmt Teil am Lebensweg des ihm anvertrauten Kindes. Und die Paten dürfen ein- und ausgehen in den Elternhäusern, in den Gotteshäusern sowieso. Die Paten pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zu den Eltern, Vertrauen und Nachfrage werden entgegengebracht. Für ein Kind ist es ein Glück einen Paten zu haben. Und für den Taufpaten bedeutet seine Patenschaft eines der schönsten Ämter überhaupt inne zu haben. Ein Pate, eine Patin ist eine der nächsten Vertrauenspersonen nach den Eltern.
Getauft zu sein und Vater und Mutter eines getauften Kindes zu sein und Pate oder Patin für ein Kind zu sein bedeutet von Gott her mit einer Gabe beschenkt zu werden. Von Gottes Gabe schreibt der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Rom. "Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen" (V 29). Gnaden- und Geistgaben sind es, die Gott denen zu Teil werden lässt, die an ihn glauben, seien sie Juden oder Christen. Der Apostel unterscheidet in seinen Briefen und Reden verschiedene solcher Gaben: die Weisheit, die einem Menschen verliehen ist; die Erkenntnis, eine christliche Wahrheit zu verdeutlichen; den Glauben, den ein Mensch unerschütterlich lebt; das prophetische Wort, das den Menschen mahnt und tröstet; die Geisterunterscheidung, die die Lüge entlarvt; die Ektase, die ein Geheimnis des Glaubens erlebt (siehe insbesondere 1. Kor. 14).
Die Charismen, die Gottesgaben - wenn der Mensch sie zulässt und lebt - münden ein in eine Berufung. Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Gott gereut es nicht dem Menschen ein Geschenk zu machen und ihn zu berufen. Seine Segensgaben und die Berufung, ein gläubiger Mensch zu sein, sind unwiderruflich. Gott nimmt nichts weg von seiner Geschichte mit uns Menschen, von der Schöpfung beginnend, durch die Geschichte des erwählten Volkes Israel und mit seiner Erscheinung in Jesus Christus sowie der Berufung des Menschen zum christlichen Leben durch die Taufe. Die Geschichte Gottes mit dem Menschengeschlecht können wir gegenwärtig erfahren, sie ist da, erlebbar, präsent. Darum, liebe Gemeinde, ist es für Paulus so wichtig das Charisma des Glaubens, des Glaubens an Gott hervorzuheben.
Paulus schreibt einen Brief an die christliche Gemeinde in Rom. Dort mussten sich Menschen damit befassen, wie jüdische und nichtjüdische Gemeindeglieder in der christlichen Gemeinde zusammen leben und glauben können. Die Menschen waren von unterschiedlicher Herkunft. Die einen waren als Juden in die Gemeinde gekommen, anderen kamen aus anderen Nationen des großen Römischen Reiches. Ein beträchtlicher Teil der Gemeindeglieder war gar nicht in Rom geboren worden, sondern kam aus unterschiedlichen Landesteilen. Die Hauptstadtgemeinde des Römischen Reiches hatte etwas multikulturelles. Wie wir aus der Gegenwart wissen, schafft das manchmal Probleme und die wiederrum können sich zu Konflikten auswachsen, die bearbeitet werden müssen. Überall da, wo das wirklich geschieht, erleben Menschen die Vielfalt als Bereicherung.
Paulus legt den Römern die Ansicht vor, um der Gabe des Glaubens willen haltet fest an allen, die Gott anrufen. Ihr sollt nicht diejenigen gering achten, die den jüdischen Glauben weiterleben. Gott ruft alle Menschen aus welchem Volk sie auch kommen, wie er auch diejenigen ruft, die frei sind und diejenigen, die versklavt sind. Paulus hält an der besonderen Rolle Israels für seine Geschichte mit der Menschheit fest, Israel ist erwählt. Die Zeugnisse Israels für den Glauben an Gott bleiben Vorbild. Zugleich leidet Paulus mit denen, die annehmen müssen, dass Christus von vielen Juden wie auch von vielen Menschen aus anderen Völkerschaften nicht angenommen wird. Der Glaube, dass sich Gott den Menschen, den Gemeinden und ihren Gruppen und den Völkern annehmen wird in Barmherzigkeit trägt ihn. Paulus möchte sagen, die Gabe des Glaubens empfangt ihr von dem Gott, der sich aller Menschen erbarmen will.
Wir singen das Kyrie eleison, das Herr erbarme dich - im Gottesdienst. Hier nun ringt Paulus um den Ungehorsam im Gegenüber zum Glauben und sagt: Gott will auch denen, die ihn nicht erkennen, Barmherzigkeit erzeigen. Paulus treibt den Gedanken soweit zu behaupten, dass Gott den Ungehorsam hinnimmt, damit Menschen auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind. Der Apostel möchte versöhnend wirken. Erst wenn alle Menschen außerhalb Israels den Glauben finden, wird die jüdische Gemeinschaft anerkennen können, woran Christen glauben. Die Gnadengabe, an Gott glauben zu können, richtet sich an uns selbst. Nehmen wir diesen Glauben immer wieder neu an oder sind unsere Kleider verstaubt? Begreifen wir die wunderbare Möglichkeit Kinder um uns herum zu erleben als einen Ruf, neu vom Glauben an Jesus und dem Erbarmen Gottes zu erzählen? Oder haben wir uns längst eingerichtet mit dem Glauben und alles bleibt wie es ist?
Die Gnadengabe des Glaubens bezeugen wir mit unserem Leben - für uns selbst. Wir bezeugen die Gnadengabe des Glaubens an den Kindern und Heranwachsenden. Wir bezeugen die Gnadengabe des Glaubens als Erwachsene untereinander. Vor ein paar Tagen bin ich von einem Gemeindeglied gefragt worden, doch einmal ein Gedicht von Johannes Richter, dem früheren Superintendenten an dieser Kirche zu interpretieren. Johannes Richter hat die Gnadengabe des Glaubens in dem Gedicht "Wenn mich deine Hand berührt" beschrieben (Johannes Richter, Innen und außen. EinSichten und AusSichten. Gedichte, Stuttgart 1997). Vier Fragen stellt Johannes Richter in diesem Gedicht. Die Fragen können wie ein Prosastück gelesen werden, denn Richter bildet ganze Sätze und führt zu einer Aussage. Aber in Verse gesetzt wird die Aussage verdeutlicht, Zeile um Zeile. Die Struktur des Gedichtes besteht nicht im Reim von Zeile zu Zeile in jeder Strophe. Vielmehr gibt es Wortbezug und Reim von einer Strophe zur nächsten. Auf den zweiten Blick ist ein Kunstwerk zu entdecken.
Wenn mich nicht deine Hand berührt
Wenn mich nicht
deine Hand
berührt,
wer sollte mich
dann heilen?
Und wenn mich
deine Hand nicht
führt,
wohin soll ich
wohl eilen?
Wenn mich nicht
deine Hand
beschützt,
wem soll ich
sonst vertrauen?
Und wenn mich
deine Hand nicht
stützt,
auf wen, Herr, soll
ich bauen?
(Wiederholtes Lesen!)
Wenn mich nicht/ deine Hand/ beschützt. Ein jeder, eine jede unter uns sucht Schutz und ist schutzbedürftig. Wäre das nicht so, so lebten wir gefährlich, könnten unser Leben verlieren. Die Kinder werden manchmal "Schutzbefohlene" genannt. Hier, in der 3. Strophe können wir an die Hand von Vater und Mutter denken, die dem Kind die Hand hinhalten, das diese Hand zum Schutz schon sucht. Wem sollte das Kind denn sonst vertrauen? Das Kind vertraut sich den Händen an, die zu einem vertrauten Gesicht gehören. Richter nimmt das Wort "beschützt" in der abschließenden 4. Strophe auf. Er minimalisiert die Silben auf eine und schreibt "stützt". Zugleich radikalisiert er inhaltlich und nimmt die Gefahrensituationen des Lebens auf. Er beginnt mit den ersten drei Zeilen: Und wenn mich/ deine Hand nicht/ stützt. "stütz" bildet eine Zeile wie zuvor schon "beschützt".
Und wenn mich/ deine Hand nicht/ stützt,/ auf wen, Herr, soll/ ich bauen? Die Gnadengabe des Glaubens wird wach gerufen. Antworte selbst, es ist naheliegend zu sagen: auf dich, Herr, will ich bauen in den Gefahren des Lebens, weil ich doch weiß um die Gefahren des Lebens. Dir will ich vertrauen, weil ich doch weiß um die Schutzbedürftigkeit von Seele und Leib. Zu dir will ich eilen, weil ich doch weiß, manchmal, dass du das Leben führst. Heilung von dir erwarte ich im Leben und im Sterben, denn zur Berührung von Menschenhand kommt deine Kraft hinzu. Auf diese Weise, liebe Gemeinde, können wir das Gedicht als geistliches Gedicht aufnehmen und vom Schluss her lesen. Das Gedicht ist vielschichtig, weit tragend, mit Bezügen zu uns selbst und den Gemeinschaften, in denen wir leben, streiten, glauben. Eine jede und ein jeder von uns wird es anders lesen und darin doch gleiches finden.
Johannes Richter lässt uns in 3 Strophen ohne den Bezug zu Gott durch das Leben mit seiner Sehnsucht nach Gesundheit, Maß und Schutz laufen. Wir antworten und sehen Menschen vor uns, die geholfen haben, sehen Menschen auch, die geführt haben in einer geschichtlichen Stunde etwa vor 25 Jahren und sehen Menschen, denen wir vertrauten und Geborgenheit erfuhren. In Strophe 4 dann wirft der Verfasser den Leser auf Gott. Nun denn, wir sind schon eingeübt im Lesen und Hören und darum wird die Strophe 4 zur Frage an die gelebte Glaubenswahrheit, indem sie uns sehen lässt auf die Menschen, auf die Verlass ist, die Stütze sind, wenn es gilt etwas neu zu beginnen, etwas zu bauen. Der Glaube an Gott und die Empfindung für den Mitmenschen gehören zusammen! Der Apostel schreibt seinen Brief nicht an einen Menschen allein, er schreibt hier an die christliche Gemeinschaft in der Hauptstadt in einer friedlosen Welt. Besinnt euch untereinander. Besinnt euch auf die Gnadengabe des Glaubens.
Der Taufspruch, das Patenamt, die Berufung des erwachsenen Christen bezeugen die reiche Gnadengabe, die mir Gott geschenkt hat. In einer Welt, die den Ausbruch von Hass täglich erlebt und Leben vernichtet, wirkt die Absage an das Böse in der Taufe als ein Befreiungsakt. Frei sein aus Glauben an Gott in Jesus Christus lässt tief durchatmen. Frei sein aus Glauben an Gott in Jesus Christus lässt teilnehmen an der Geschichte, die mit den Tagen der Kinder Israels begann. Frei sein aus Glauben an Gott in Jesus Christus lässt mitwirken an der Zukunft der Kinder und Kindeskinder -
Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt