Predigt über 1. Petrus 4,7-11

Als Epistel lesen wir einen Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, Kapitel 4. Sie ist zugleich der Predigttext.
Dieser Brief wendet sich an eine Gemeinde, die verfolgt wird: Es misstrauten ihr sowohl die Nachbarn als auch die römischen Behörden. Es kommt zu gewalttätigen Übergriffen. Der Brief möchte den bedrohten Christen helfen und raten, sie trösten und ermutigen.

7 Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge.
So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.
8 Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe;
denn "Liebe deckt (...) der Sünden Menge zu"
9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren.
10 Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe,
die er empfangen hat,
als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes:
11 Wenn jemand redet, rede er's als Gottes Wort;
wenn jemand dient, tue er's aus der Kraft, die Gott gewährt,
damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus.
Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde in St. Thomas,
1. Haben Sie selbst schon Christenverfolgungen erlebt?
Einige unter uns sicher nicht, manch‘ andere schon. Denn - vorwiegend junge - Christen wurden in der DDR gezielt benachteiligt, herabgesetzt, drangsaliert. Ich kenne Menschen, deren seelische Verletzungen bis heute nachwirken. Die Frage dieser betroffenen Schülerinnen und Studenten war: Was sollen wir tun? Was können wir tun, was lassen? Eltern, Pfarrer und Kirchenleitungen waren um Rat gefragt und mussten sich doch oft genug erst selbst orientieren. Was rät man Verfolgten, Benachteiligten, Gefährdeten? Bleiben oder gehen? Sich wehren oder aushalten? Was ist billig und feige? Was tollkühn und gefährlich? Genau diese Fragen bewegten auch vor 2000 Jahren die christlichen Gemeinden in Kleinasien. Denn: Ihre Nachbarn sind in Pogromstimmung. Die Polizei schaut weg oder beteiligt sich selbst an den Übergriffen. Was soll man da helfen und raten? Im ersten Moment klingt es fast enttäuschend schlicht, was wir im Brief lesen:
So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.
8 Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; ...
9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren.
10 Und dienet einander,
ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat,...
Kein Aufruf zur Rache, zum Gegenschlag, zur Revolution. Provozierend brav und ziemlich innerkirchlich klingt diese Mahnung. Ist das hilfreich?

2. In diesen Wochen sind unsere Zeitungen voll von Religionsverfolgungen. Im Blickpunkt dabei vor allem die sonst wenig bekannte Gruppe der Jesiden. Es ist richtig, gut und wichtig, dass die deutsche Politik und unsere Gesellschaft an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Ich kann mich allerdings an eine ähnliche Aufmerksamkeit für die verfolgten Christen aus Mossul und aus Syrien nicht erinnern. Unsere Zeitungen und andere Medien halten sich vornehm zurück, wenn Christenverfolgungen beim Namen genannt werden müssten. Vor den brutalen Terroristen des Islamischen Kalifats im Irak und in Syrien, dem Islamischen Staat, mussten schon seit längerem auch große Gruppen von Christen fliehen. Allein aus Syrien 500.000! So viel Menschen, wie in ganz Leipzig leben. Darunter sind auch die letzten Christen, die noch die Sprache Jesu benutzen und zu den ältesten Kirchen der Welt gehören. Bleiben oder gehen? Das war und ist für sie eine Frage auf Leben oder Tod. Ihr Schicksal übersteigt jetzt das, was die christlichen Kirchen in Palästina, in der Türkei oder in Ägypten seit langem erleben und erleiden. Auch ihnen blieb und bleibt oft nur die Flucht, die Ausreise.
Die Liste verfolgter Christen ließe sich erheblich verlängern. Denn die weltweit meisten Verfolgungen wegen ihrer Religion erleiden global - Christen. Was kann man ihnen raten, wie ihnen helfen? De Frage: Bleiben oder gehen? Die kennen die Älteren unter uns noch ziemlich gut. Sie ist noch immer aktuell. Jetzt aber in anderen Ländern.

3. Wir stellen diese Fragen und halten uns an die Antworten, die der 1. Petrusbrief zu bedenken gibt: Das erste ist und bleibt, diese Schicksale überhaupt wahrzunehmen, sie an uns heranzulassen. So wie es in unserem Brief geschieht. Die Empfänger wissen nun durch diesen Brief: Wir sind nicht allein. Unser Schicksal ist anderen nicht gleichgültig. Ähnliches haben wir in DDR-Zeiten erlebt, wenn Christen aus dem Westen bei uns zu Besuch waren und nach unserem Ergehen gefragt haben. Es ist darum nicht gut, wenn die verfolgten Christen nur wenige Anwälte in unseren Kirchen haben. Und es nicht gut, wenn diese Anwälte fast nur einer, gelegentlich etwas einseitigen kirchlichen Strömung angehören.
Und es ist darum schlimm, wenn solche Verfolgungen öffentlich für gleichgültig erklärt werden, weil Christen doch auch nicht besser handeln. Als Beweis dafür gelten dann christliche Milizen in Afrika oder die Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland. Ganz zu schweigen von den Kreuzzügen, die keiner genau kennt, die aber immer wieder herhalten müssen, um noch nach 800 Jahren heutige Gräuel an Christen zu erklären.
Opfer mit anderen Opfern aufzuwiegen, ist immer unmenschlich. Jedes Opfer hat sein eigenes Gesicht, sein eigenes Gewicht und sein eigenes Recht, sei es ein jeside, eine Muslima oder eine Christin. Das übervorsichtige, scheinbar neutrale Schweigen muss durchbrochen werden, auch für die Angehörigen unseres eigenen Glaubens. Das ist die beharrliche Liebe, die unser Predigttext empfiehlt.
Und wenn man das richtig bedenkt, dann sind auch die anderen Ratschläge plötzlich nicht mehr nur bieder und brav, sondern hochpolitisch: Oder was ist die Aufforderung, besonnen und nüchtern zu bleiben, anderes als der Aufruf gegen Rache und Vergeltung, also ein Aufruf zur Versöhnung trotz schlimmer Verbrechen? Besonnen und nüchtern raten und argumentieren auch kirchliche Vertreter aus dem Nahen Osten. Sie warnen uns in Europa und Amerika vor unbedachten öffentlichen Asylangeboten, weil diese die Vertreibungen noch anfeuern.
Aber auch das ist leider wahr: Keiner hat ein Patentrezept, wie Achtung und Toleranz, wie Frieden und Ausgleich im Nahen Osten gefördert werden können, und wie zugleich die akut Bedrohten geschützt werden können.

4. Denn es gibt viele, die kein Zuhause mehr haben und jetzt Zuflucht bei uns in Europa, in Deutschland, suchen müssen. Es ist zu erwarten, dass ihre Zahl auch noch in den nächsten Monaten deutlich zunehmen wird. Keine leichte Aufgabe für unsere Städte, für unsere Gemeinden. Klingt dann die Mahnung: „Seid gastfrei untereinander ohne Murren" noch einfältig und brav? Wohl kaum! Flüchtlinge aufzunehmen, ihnen einen Platz unter uns zu schaffen, berechtigte Anliegen zu erfüllen aber auch überzogene Ansprüche abzuweisen, das gehört für viele Beteiligte zu den schwierigsten Aufgaben, die man sich vorstellen kann.
Das kann über die Kräfte gehen. Das kann enttäuschen. Die Verständigung untereinander, das Aushalten verschiedener Lebensstile, die aufreibende Eingewöhnung in unsere Gesellschaft, das alles haben schon viele Kirchgemeinden mühsam mit Asylsuchenden versucht und waren dabei nicht nur erfolgreich. Doch zur Beharrlichkeit der Liebe gehört auch die Verarbeitung von Misserfolgen.

5. Und auch darin zeigt sich die reiche Erfahrung, die in unserem Brief zu Worte kommt. Es heißt dort: dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter! Das meint auch das Haushalten mit den eigenen Kräften, mit den eigenen Möglichkeiten, mit den eigenen Talenten, also Gaben. Keiner kann alle Talente besitzen, die man braucht. Oft genug auch keine Gemeinde allein. Es kommt also darauf an, die Kräfte zu bündeln und mit dem anzufangen, was jetzt als allererstes zu tun ist und das einzubringen, was ich besonders gut kann.
Es gibt in Leipzig Gemeinden, die sich besonders um Asylbewerberheime in ihrer Nähe kümmern, wie in Schönefeld. Es gibt Einrichtungen, in denen Christen und Nichtchristen zusammenwirken und vieles ermöglichen, wie die Regionalen Arbeitsstellen oder der Flüchtlingsrat. Sie alle werden in der kommenden Zeit dringend gebraucht. Genauso wie die Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes im Irak, bei der Frank-Walter Steinmeier gestern zu Gast war. Ich bin froh, dass die evangelischen Kirchen diese langfristige und zuverlässige Hilfe ermöglichen. Wo jede und wie jeder von uns helfen kann, wird jeder für sich entscheiden. Doch was uns verbindet und jede einzelne Hilfe zu einem Ganzen machen kann, das ist die erste Bitte, der erste Rat, die entscheidende Aufforderung im ersten Petrusbrief: So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Helfen und Raten, Begleiten und Fördern sind in diesen Monaten enorm wichtig. Aber die beharrliche Liebe braucht als Grundlage das beharrliche Gebet. Ohne den Schrei nach Gerechtigkeit im Gebet, ohne die Klage über das himmelschreiende Unrecht im Gebet, ohne den Dank im Gebet über viele Menschen, die ehrlichen Herzens helfen wollen, ohne die konkrete Fürbitte für die betroffenen Menschen, und ohne die Bitte, uns Kraft zu geben, bleibt alles Stückwerk, was wir tun. Die alten Mönche wussten es: Beides gehört zusammen: beten und arbeiten. Beides fügt zusammen. Ora et labora mahnten sie sich gegenseitig: Bete und arbeite!
Ich wünsche und bitte für uns, dass wir an dieser Aufgabe, die in verstärktem Maße auf uns zukommt, nicht verzweifeln, sondern stärker werden, um der betroffenen Menschen, der getroffenen Schwestern und Brüder willen. Und so bewahre und schütze uns der Friede Gottes, der höher ist als alle sorgende Vernunft, in Jesus Christus unserem Bruder und Herrn. Amen