Predigt über Römer 6,19 -23

Liebe Gemeinde,

wir sind hier zusammengekommen, um miteinander Gottesdienst zu feiern, um miteinander zu singen und zu beten, um Gott zu loben und zu preisen, um Sorgen und Nöte auszusprechen und Gott zu klagen. Wir sind natürlich auch hier, um zu hören, nicht nur auf die schöne Musik, sondern vor allem auf das Wort Gottes, das uns durch Musik und Predigt verkündigt wird, uns zur Freude und Erbauung, uns zum Trost und zur Orientierung im Leben. Wir feiern diesen Gottesdienst im Wissen darum, dass wir ohne Gottes Wort in den Wirren und Verwirrungen unserer Tage Halt und Orientierung verlieren, in unserem persönlichen Leben, wie auch im gesellschaftlichen und weltpolitischen Geschehen. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist"; im Wort Gottes wird es uns gesagt!
Ohne Orientierung am Wort Gottes verlieren wir den Horizont unserer Verantwortung in der Welt aus den Augen, verlieren das Bewußtsein unser Endlichkeit und Begrenztheit und damit das wahrhaft menschliche Maß, das zu finden unserer Zeit mit ihrer Gottvergessenheit so schwer fällt und Anlaß zu größter Besorgnis gibt. Nicht, dass Christen besser als alle anderen wüßten, was in den Wirren der Zeit zu tun ist. Nein, das nicht; aber Christen wissen noch um etwas entscheidend anderes als das, wozu Angst und Sorge raten und was dank Erfahrung und Überlegung mit Sachverstand bewältigt und gemeistert werden kann und was nicht. Christen wissen darum, dass Leben sich nicht selbst verdankt, sondern vor einer letzten Autorität, vor dem lebendigen, ewigen Gott zu verantworten ist. Seit den Tagen ihreres Ursprungs verkündigt die christliche Kirche, dass auch unser Dasein nur in diesem Horizont seine Erfüllung findet. Einer der frühsten Zeugen dafür ist der Apostel Paulus, der im 6. Kap. seines Briefes an die Römer in den Versen 19-23 folgendes schrieb:

 Lesung: Röm. 6, 19-23
„(19) Ich muß menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: Gleichwie ihr eure Glieder zum Dienst der Unreinigkeit ergeben hattet und von einer Ungerechtigkeit zu der anderen, so gebt auch nun eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden. (20) Denn als ihr der Sünde Knechte wart, da wart ihr frei von Gerechtigkeit. (21) Was hattet ihr damals für Frucht? Deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben heißt Tod. (22) Nun ihr aber seid von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden, habt ihr eure Frucht, daß ihr heilig werdet, das Ende aber ist ewiges Leben. (23) Denn der Sünde Sold ist Tod; Gottes (Gnaden-) Gabe aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn."

Was ist das für eine sonderbare, unzeitgemäße Sprache, derer sich Paulus bedient. Er spricht von „der Schwachheit des Fleisches", von Unreinheit und Ungerechtigkeit, von Knechten und Freien, vom Sich-schämen, vom Heiligwerden, von Sünde, Tod und ewigem Leben. Das sind keine zeitgemäßen Themen, nicht wahr?
Zugegeben, der verlesene Text ist alt, sehr alt sogar, fast 2000 Jahre. Er berichtet nichts Neues und erzählt auch keine Geschichte. Das macht ihn nicht sehr attraktiv. Dennoch sind des Paulus Worte alles andere als belanglos. Das Gegenteil ist schon eher der Fall; denn der Apostel stellt klar, was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat. Dabei macht er den Christen in Rom-und uns mit ihnen-deutlich, dass es in Dingen des Glaubens um nichts weniger geht als um das Ringen um Antworten auf letzte Fragen menschlichen Daseins, näm-lich auf die Fragen nach Leben und Tod, nach dem Überleben. Das sind Fragen, die beun-ruhigen und denen wir nicht einfach entrinnen können, wie sehr wir sie auch zu verdrängen, zu betäuben und zu vergessen suchen. Wir alle werden uns früher oder später ihnen zu stellen haben.
Grundfragen menschlichen Lebens entziehen sich aber der beredten, oberflächlichen Alltags-geschwätzigkeit, die nur auf Neuigkeiten und Abwechselung aus ist, obwohl diese in der Regel lediglich Variationen ein- und desselben Themas sind: Bedrohung und Vernichtung von Leben. Nachrichten über geschehene Greueltaten in den Kisen- und Kriegsgebieten der Welt, über unvorstellbare Brutalität im Leben einzelner Menschen und Familien führen uns das in oft nicht mehr zu ertragender Anschaulickeit tagtäglich vor Augen. Ein Schock folgt auf den anderen, eine Erschütterung jagt die andere. Das läßt uns mit der Zeit abstumpfen und unempfindlich werden. Im Gottesdienst dagegen können diese Grundfragen des Lebens in der ihnen gebührenden Weise ausgesprochen und bedacht werden. Dazu hilft uns heute der Abschnitt aus dem Römerbrief, den ich gerade verlesen habe. Er gipfelt in der Aussage: „Der Sünde Sold ist der Tod; die Gnadengabe Gottes aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserm Herrn." (V. 23) Dies soll zu unserer Erbauung und Orientierung ein wenig näher betrachtet werden.
(A) - Zunächst: Der Sünde Sold ist der Tod.
Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund. Er bringt auf den Punkt, was viele vielleicht dumpf ahnen und unterschwellig fühlen aber nicht so aussprechen können. Ungeschminkt stellt er eine uns in ihrer Offenheit verblüffende, ja vielleicht auch erschreckende Diagnose: Der Sünde Sold ist Tod! Das ist deutlich geredet; doch wird es auch verstanden?
Unter Sünde versteht der Volksmund ja für gewöhnlich die Übertretung von Verhaltens-vorschriften, insbesondere die Verletzung geltender Moral. Dieses Verständnis hat allerdings wenig mit dem zu tun, was Sünde eigentlich meint; denn Sünde bezeichnet dasjenige Verhalten von Menschen, durch welches Leben zerstört und vernichtet wird, nicht nur im unmittelbaren Sinn von Mord und Totschlag, sondern in umfassenderer Weise. Z.B. zerstört Sünde durch Mißtrauen, Achtlosigkeit und Selbstsucht menschliche Beziehungen aller Art in Freundschaft und Ehe, in Familie, Staat und Staatengemeinschaften. Sünde zerstört verant-wortliches Wirtschaften durch Habgier und Geiz, durch Verweigerung gerechten Lohns und Mißachtung der Menschenwürde; Sünde zerstört die vitalen Grundlagen allen Lebens durch Raubbau an der Natur und Verschwendung von Gütern, und Sünde zerstört durch Machtbe-sessenheit, Korruption und Hass auch die beste Politik. Das Hinterhältige sündigen Verhal-tens besteht darin, dass es meistens nicht bewußt geschieht sondern sich unter sogenannten Sachzwängen einschleicht, ohne zunächst als solche erkannt zu werden. - Das ist die eine, die tatbetonte Seite von Sünde.
Die andere Seite sündigen Verhaltens, um die der christliche Glaube weiß, ist die sich der Tat verweigernde Seite; denn nicht nur dort, wo Menschen Böses oder Unbedachtes tun geschieht Sünde, sondern auch da, wo sie gerade nichts tun, wo sie schweigen, anstatt zu reden, wo sie sich abwenden, anstatt zuzupacken. Wo immer Menschen sich ihrer persönlichen Ver-antwortung entziehen geschieht Sünde.
Diese Einsicht macht betroffen. Wir wissen selbst nur zu gut, wo wir uns durch Schweigen, Verschweigen und Nicht-Tätigwerden dem Leben verweigert haben. Haben nicht auch wir durch unser eigenes Verhalten dem Tod des öfteren mehr gedient als dem Leben? Haben nicht auch wir so manches Mal ungerechtes Verhalten gefördert (V 19)? Und wer ist schon vor der Gefahr gefeit, dass in Zukunft das, was in bester Absicht getan oder unterlassen wird, letztlich doch grundverkehrt ist? Diese Einsicht entlarvt alle Selbstgerechtigkeit. Sie beschämt (V 21) uns und alle, die Gutes tun wollen und denen Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wirklich am Herzen liegen.
Nüchterne Einsicht in diese Widersprüchlichkeit und Verstricktheit menschlichen Verhaltens ist gemeint, wenn von Sünde gesprochen wird. Darüber verständigt sich Paulus mit den Christen in Rom, um ihnen-und uns-sodann einen Weg zur Überwindung jenes Wider-spruches aufzuzeigen, nämlich:
(B) - Die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.
Auch dies ist wieder eine dichte, höchst konzentrierte Aussage, die, oberflächlich betrachtet, leicht als gutgemeinte aber zutiefst bedeutungslose, fromme Behauptung mißverstanden werden kann. Was heißt schon „ewiges Leben"? Wir sehen doch, dass mit dem Tod, dem nie-mand und nichts entrinnen kann, das Leben aus ist; auch Paulus und die Christen in Rom wußten das. Dennoch hielten sie am ewigen Leben fest. Warum? Ist das nicht einfältiges, kindisches Wunschdenken nach endloser, immerwährender Lebensdauer? Aber welchen Le-bens? Unseres Lebens?
Diese landläufige Vorstellung ewigen Lebens versteht unter Leben nur die durch den Tod begrenzte Lebenszeit. Doch Leben ist ja viel, viel mehr als das. Leben ist Lebendigsein, ist leibhaftes Erleben mit allen Sinnen; Leben ist Tun und Lassen, Denken und Fühlen, ist Essen und Trinken, ist Lachen und Weinen, ist Lieben, ist Wachsen und Reifen, ist Altern und Sterben, ist als Mensch ein Ichbewußtsein zu haben und eine Person mit eigenem Namen zu sein - und Leben ist noch so viel, viel mehr!
Fällt es uns schon nicht leicht, die Fülle des Lebens, an der wir alle teilhaben, recht in Worte zu fassen, um wieviel schwieriger wird es da von dem zu sprechen, was gewöhnlicher All-tagserfahrung entzogen ist. Hier stoßen wir an die Grenze des Sagbaren. Wir geraten ins Stot-tern, fangen an zu stammeln und haben manchmal sogar, wenn wir wahrhaftig bleiben wollen, ganz zu verstummen. Die Einsicht, dass es Größeres gibt als das, was wir mit Sprache erfassen und im Denken begreifen können, macht hilflos. Das ist unangenehm; das ist aber nicht sinnlos. Wenn wir Grenzen des Sagbaren bewußt anerkennen, dann weisen wir zugleich über sie hinaus, ohne das Größere, das Heilige zu zerreden; nicht grundlos bemerkte ja Paulus eingangs, dass er „um der Schwachheit des Fleisches willen ... menschlich ... reden muss." (V 19)
Doch können Menschen überhaupt anders als menschlich von Gott reden? Alles, was wir über ewiges Leben sagen können bleibt unbeholfen und mißverständlich, und das trotz der anschaulichen Beschreibung ewigen Lebens in der Offenbarung des Johannes mit der Vision vom neuen Himmel und neuer Erde. Uns fällt es leichter zu sagen, was ewiges Leben nicht ist-nicht Tod-als zu sagen, was es ist. Mit ewigem Leben muß Leben gemeint sein, das, obwohl der Vergänglichkeit preisgegeben, nicht durch Tod vernichtet wird, ein Leben, das nicht sinnlos und vergeblich ist, ein Leben, das vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat und auch vor dem letztgültigen Gericht Gottes bestehen wird; davon spricht der zweiten Teil der Kantate, den wir gleich hören werden.
Woher aber wissen wir das? Paulus ruft uns ins Gedächtnis, dass ewiges Leben unlöslich mit dem Glauben an Jesus Christus zusammenhängt; er spricht vom „ewigen Leben in Christus Jesus, unserem Herrn." Damit weist er auf die Geschichte Jesu von Nazareth hin, auf dessen Kreuz und Auferstehung, in der christlicher Glaube von jeher den Mensch geworden, ewigen Gott erkannt und bekannt hat. Erst im Lichte der Menschwerdung Gottes in Christus wird es uns möglich, als Menschen auch sinnvoll von Gott und vom ewigen Leben zu reden.
Glaube an den lebendigen Gott, wie er sich in Jesus Christus uns Menschen erschlossen hat, besteht aber nicht in bloßem Wissen oder vertrauendem Fürwahrhalten dessen, was die Schrift bezugt. Dieses Wissen ist nur dann wirklich verstanden, wenn es in gelebter Tat lebendig bezeugt wird. Wir hörten ja, dass schon der Prophet Jesaja seinerzeit das Volk Gottes dazu aufrief: „Laßt uns wandeln im Lichte des Herrn!" Wir hörten auch wie Paulus die Christen in Rom ermahnte: „Gebt eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden." (V 19). Und in der Lesung aus dem Matthäusevangelium haben wir gehört: „Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!" Laßt daher „die Menschen eure guten Werke sehen, damit auch sie euren Vater im Himmel preisen!" (Mat. 5,16). Wir sind nicht Salz der Erde und Licht der Welt kraft dessen, was wir zu sein glauben; wir sind es-oder sind es auch nicht-nur kraft dessen, was wir tun und lassen; Glaube ist im praktischen Tun zu bezeugen und zu bewähren. Die Tat ist des christlichen Zeugen Mund.
Gespeist aus dem Wort Gottes besteht christlicher Glaube im lebendigen, tatkräftigen Zeug-nis für Gottes Gerechtigkeit in der Hoffnung ewigen Lebens. Es gibt es keine andere Mög-lichkeit als entsprechend der Verheißung auf diese Hoffnung hin zu leben. Billiger geht es nicht. Wenn es tatsächlich um Leben oder Tod geht, dann richtet Halbherzigkeit nichts aus, dann ist das ganze Leben in Anspruch genommen.
Aber: christlicher Glaube ist kein blindes Lebenswagnis. Christlicher Glaube ist vertrauendes Sich-Einlassen auf das Wort Gottes, in dem uns gesagt ist „was gut ist". Deshalb können wir auch gewiß sein, letztlich nicht dem Tode, sondern dem Leben zu dienen, z.B. dadurch, dass Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Sicheln umgeschmiedet werden (Jes 2,4), wie dies in der großartigen Vision des Propheten Jesaja zum Ausdruck gebracht ist, die ja in diesem Teil Deutschlands und besonders in dieser Stadt (Leipzig) so geschichtsträchtig geworden ist. Erst in dem, was wir im Glauben an Jesus Christus zu tun wagen, werden wir erfahren, was es mit ewigem Leben auf sich hat, werden es überschwenglich erfahren, so überschwenglich, dass wir es nicht werden fassen können, nämlich als überreiche „Gnadengabe" wie Paulus sagt, als unverdientes Geschenk. Ewiges Leben ist Gnadengabe Gottes in Christus Jesus - in der Tat.

Möge diese Gnadengabe uns allen zu lebendiger, leibhaftiger Erfahrung werden - im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

AMEN