Predigt über 2. Mose 16,2-3.11-18

Liebe Gemeinde,
die wunderbare Weise, wie Menschen Nahrung erhalten, wird mit dem heutigen Sonntag beschrieben. Gottes Gegenwart in mitten unserer Alltage der Bedürfnisse und Erwartungen wird bezeugt. In der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten wir vom Brotbrechen in der Abendmahlsgemeinschaft. Die Christen, so heißt es, "brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk (Apg. 2. 46.47). Am Abend fanden Männer und Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten zu einem Sättigungsmahl zusammen und feierten bei Brot und Wein unter den Worten des Herren Jesus. Ein Sattwerden an Seele und Leib war das. Und gleiches kann gesagt werden von dem Speisungswunder für 5000 Menschen, die in der Gegenwart des Jesus von Nazareth an einigen Broten und Fischen satt werden. Und die wunderbare Weise zu Nahrung zu kommen wird mit der Speisung des Volkes Israel in der Wüste und auf der Flucht aus Ägypten beschrieben. Speise dankbar als Rettung und Stärkung annehmen, dies soll heute gepredigt und geglaubt werden.
Es sind zwei Geschichten, die ich eingangs erzählen möchte.
Ein alter Mann fühlte sich umsorgt in der Freude nach einem schönen Gottesdienst in der Gemeinde. Mittagessen gab es sogar danach. Diese Freude füllte ihn aus. Getragen wusste er sich und fasste einen Entschluss. Ich fahre in das nahegelegene Gebirge mit meinem Auto und, obwohl es schwer fällt, setze ich da noch einmal Fuß vor Fuß zu einer kleinen Wanderung an. Und wirklich, ein Berg taucht in seinem Blickfeld auf und er beschließt auf diesen, ihm schon seit Jugendtagen bekannten Berg zu steigen. Froh, fast leichten Fußes kommt er oben an, verweilt, genießt die Aussicht und nimmt danach einen anderen Weg zurück. Er verläuft sich, das einsame Tal hat zwar einen kühlen Grund, aber die Stunden gehen schon auf den Abend zu. Der alte Mann hat Durst. Er beugt sich über einen Quellgrund und stürzt, er erreicht das Wasser nicht. Mit einer leichten Verletzung entschließt er sich den Weg zurück zu gehen, auf den Berg also. Oben angekommen, müde und verunsichert, sieht er im Abendschein ein Dorf und einen Weg dorthin. Er nimmt den Weg auf sich, hoffend, dass ihn die Füße tragen. Er schleppt sich die letzten Schritte zum ersten Haus an der Dorfstraße und klopft an die Tür. Ein Ehepaar öffnet und will sofort die Wunde versorgen. Der alte Mann bittet um Wasser, schlicht nur Wasser und der sehnliche Wunsch wird ihm erfüllt. Er dankt und dankt, dabei ist er erst wenige Minuten im Haus von Fremden. Am Morgen war er im Gottesdienst. Fremde hatten ihm die Tür geöffnet und nach 9 Stunden Brot zum Leben gegeben, eben Wasser, schlicht Wasser. Das war in Tschechien nahen der Grenze hinter Zinnwald vor 4 Wochen.
Und eine zweite Geschichte, die ich dieser Tage mit dem Blick auf Israel und Gaza lebhaft erinnere. Ein junger Mann erzählt in der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig vom Ernst des Lebens in Israel. Er gehört zu den Palästinensern, die christlichen Glaubens sind. Und er besitzt einen israelischen Pass. Damit hat er leichter den Weg nach Deutschland zum Studium gefunden als etwa junge Leute aus den vielen provisorischen Camps für Palästinenser in den nordafrikanischen Staaten. Er weiß um seine privilegierte Stellung und doch fühlt er sich nicht als gleichwertiger israelischer Staatbürger. In seinem Dorf leben Christen und Juden, es gibt wenig achtungsvolles Miteinander.
Sein gleichaltriger Freund gehört zur Gemeinschaft der gläubigen Juden. Beide fassen einen Beschluss, von dem noch lang in der Gegend nordöstlich von Jerusalem zu hören sein wird. Sie beschließen einen Jugendclub für Palästinenser und Israelis zu gründen. Zunächst stellen sie keine Fördermittelanträge. Nein, sie organisieren Treffen Jugendlicher auf der Straße. Dann überzeugen sie die Behörden und erhalten ein Haus. Sie diskutieren mit vielen über den Namen des Clubs, zugleich soll er Motto sein für alles weitere. Zweisprachig sagen sie: Schalom, Salam - Frieden. Und es dauert nicht lange da ist das Schild am Haus. Schalom, Salam. Der junge Mann kann seine Initiative mit dem jüdischen Freund belegen und erhält ein entwicklungspolitisches Stipendium der Evangelischen Kirche in Deutschland, finanziert aus Mitteln der Hilfsaktion "Brot für die Welt". Von Leipzig aus beginnt er sein politikwissenschaftliches Studium. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Vor Tagen sehe ich einen verzweifelten Vater und seinen jugendlichen Sohn auf einem Foto - vor dem einzigen und inzwischen zerstörten Kraftwerk im Gazastreifen, das bis dahin Strom für wenigstens 3 Stunden am Tag in die Haushalte lieferte. Gute Erinnerungen können durch harte Bilder in Brand gesteckt werden. Der Leipziger Student und Christ aus Israel hatte Hunger nach Verständnis und Gespräch. Eine Freundschaft war es, die ein Dorf in Bewegung brachte. Sein Gesicht strahlte, während er von seinem Friedensprojekt erzählte, immer wieder.
Das Volk Israel verstand die Welt nicht mehr. Mose und Aron hatten ein besseres Leben östlich des Nildeltas versprochen, frei von dieser Sklavenarbeit. Mose und Aron sprachen von Gott, er würde sich erweisen. Alle kamen im Strom der Flüchtigen von einer Oase mit Namen Elim (2. Mose 15,27). Das versprach Hoffnung auf ein wirklich neues Leben. Nun waren sie weiter gezogen und vertrauten sich fortgesetzt Mose und Aron an. War das ein Aufbruch ins Ungewisse? Der Hunger schlich sich ein, bei dem einen früher, bei dem anderen später, irgendwann bei allen. Und die Kinder in den Zelten hatten beides, Hunger und Durst. Für sie nahmen wir doch alles auf uns. Mose und Aron, wir erinnern uns an die - nun schon sprichwörtlich gewordenen Fleischtöpfe - führten weg von den Fleischtöpfe Ägyptens. Es bleibt dabei, Sklaven wollen wir nicht mehr sein, aber dort hatten wir zu essen. Nun müssen wir womöglich mit ansehen, das unsere Kinder sterben. Ich habe einmal, liebe Gemeinde, eine lange persönliche Schilderung eines Flüchtlings aus Nordkorea gehört samt seiner Beschreibung mit anzusehen zu müssen, wie seine Verwandten im Haus langsam an Hunger starben. Seit dieser Begegnung trage ich die Vermutung herum, dass das Sterben an Hunger und Durst die grausamste Weise ist dem Tod entgegen zu treten. Gott hört die Verzweiflung des Volkes und lässt Mose sagen: "Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich der Herr, euer Gott bin" (Vers 12).
Nun geschieht das Wunder vor dem Wunder. Israel verbindet das überraschende Ereignis, dass Wachteln vom Himmel auf tauchen mit Gott. Wachteln sind Zugvögel, die schwer sind und Pause am Boden machen und leicht zu fangen sind. Es geschieht das Wunder vor dem Wunder. Israel verbindet das überraschende Ereignis, dass Manna-Brot, das der Wind aus den Bergen des Sinai heran wehte mit gleichfalls mit Gott. Manna - das sind kleine weiße Beeren von Tamariskensträuchern, süßlich schmeckend. Dieses Wunder, hilfreiche Ereignisse mit dem unaussprechlichen Gott zu verbinden, mit ihm eben darin den ungewissen und doch behüteten Weg in die Freiheit zu gehen, dieses Wunder ist ein Geschenk an die Menschheit. Gott hilft durch die Geschichte auf Wüstenwanderungen - und gibt Nahrung. Gott überrascht mit seiner Gegenwart, gibt Segen und Gebot dazu. Für Jesus von Nazareth ist dieses Wunder alle Mal Grund seine Botschaft, sein Heil, seine Brotgabe den Menschen bekannt zu machen. In einem weiteren Vers heißt es, ein Krug, mit Manna gefüllt, wurde vor Jahwe, vor Gott aufgestellt (Vers 33). Liebe Gemeinde, vor Gott, vor dem allgegenwärtigen, unsichtbaren und doch leitenden Gott, der jetzt hilft und Zukunft ist, wird ein Krug aufgestellt mit Manna gefüllt - aus tiefer Dankbarkeit. Vor Gott wird der Krug in den Wüstensand gestellt, weil Gott da ist.
Diese Liebe zu diesem Gott und damit zu einem tragenden Leben, das die menschlichen Regungen der Verzweiflung aus Not nicht verschweigt, berührt. Israels Weg kann nachempfunden werden in den Wegen der einzelnen Menschen während einer bedrängenden Not. Israels Weg kann nachempfunden werden in den Flüchtlingsströmen gedemütigter Völker unserer Tage. Israels Weg kann nachempfunden werden in den Initiativen tausender, die sich nicht abbringen lassen Schalom-Gemeinschaften, Friedensinitiativen zu gründen, weil sie damit rechnen das Verstehen und Feindesliebe plötzlich um sich greifen können. Wie wir leben vom schönen Gottesdienst und der Mahlgemeinschaft, wie wir leben von der Tischgemeinschaft mit den Kindern und dem Gebet füreinander, so, so innig und stärkend wird das Wort Gottes uns zum Kauen für den Alltag angeboten.
Verweilend, ganz bei dem Geschehen des zweiten Wunders, des Speisungswunders mit der süßlichen Speise des Manna verweilend, heißt es: "Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde" (Vers 14). Wir werden in die Wüste geführt, da wo die Israeliten laufen und lagern, da, wo sie am Morgen noch lagern, bevor sie aufbrechen, um weiter zu ziehen. Der Morgentau liegt auf allem. Zwischen den Zeltbahnen ist die Sicht bedeckt. Wie solche Tropfen am Morgen, sind sie plötzlich da, die Speisen, klein, rund, vielfach, tropfenartig, das Manna - danke. Die Kinder können danach greifen und sich freuen. Als Reif, als rauer Reif, weiß wie Altschnee werden die Speisen geschildert - liebevoll, dankbar. Ein Bild entsteht, liebe Gemeinde. Das Auge sieht in ein Endlos der Gabe Gottes sieht, sieht über den weiten Wüstenboden hin.
Ist die Poesie der Bibel mit der Politik dieser Tage vereinbar? Nein. Der Friede, tausendfach zwischen Einzelnen geschlossen und mit Erwartungen auf ein Mehr verbunden, droht unterzugehen. Im Jahr 2005 übergaben Regierung und Militär des Staates Israel den besetzen Gazastreifen und darin eingeschlossen ein Gebiet von 21 jüdischen Siedlungen der palästinensischen Selbstverwaltung. Und es flogen und fliegen Raketen auf Israel. Und Israel führt Krieg gegen eine Gruppe von Palästinensern, die sich mit Hilfe von Terroristen militärisch organisiert. Jeden Tag können wir von der steigenden Zahl von Kriegstoten lesen, es sind schon über 1600. Krieg soll nach Gottes willen nicht sein, das haben Deutsche durch Versagen und Schuld hindurch gelernt. Kann die Poesie von Gott gegenüber der Politik und der Gewalt etwas ausrichten? Jedenfalls glauben wir, dass Gott die Gedanken des Friedens mit seinem Wort lehrt. Hört aufeinander, damit nicht die Sirenen, Raketen und Panzer zu hören sind. Die deutsche Kanzlerin hat mit ihrem Wort, dass Deutschland im Sinne der Staatsräson an der Seite Israels steht, versucht jeder Kritik den Boden zu entziehen. Nein, das ist nicht richtig. Es bleibt dabei, mit dem Wort der Bibel zu widersprechen und solche Fragen zu stellen, die energisch auf ein Ende der Gewalt zielen.
Heute vor Mittag - wir sind hier versammelt, sind angesprochen von dem Bibelwort. Wo verlangen wir nach Wasser und sind dankbar, wenn wir es bekommen? In welcher Situation rufen wir nach Gott und wollen ihn hören? Wann ist das Manna einer gemeinsamen Speise mit anderen über mich gekommen und ich habe Worte der Dankbarkeit an Gott und Menschen gerichtet? Empfinde ich die Gemeinschaft im Abendmahl des Herrn als Aussendung, zu teilen mit Freude gegenüber Fremden und Flüchtlingen? Es müssen Familien mit Kindern, die bestens Deutsch in einer sächsischen Schule gelernt haben weg, einfach weg über Nacht. Ob sie auf dem Weg, meist zurück nach Polen oder Tschechien und dann weiter in die Herkunftsländer Manna finden? Das kann natürlich möglich sein und sowieso ist nicht jede Abschiebung ein Affront. Aber, liebe Gemeinde, Kinder sollen überall Manna auf dem Boden finden können - warum nicht hier, möglichst dauerhaft!? Der alte Mann ist nun längst zurückgekehrt von seiner Wanderung aus Zinnwald und geht im Anschluss an die Gottesdienste nach Hause, manchmal von seinen Verwandten begleitet. Es bleibt aber dieses erste Wunder mit Israel und Jesus Christus zu feiern, dass wir so viel Gutes, welches wir sehen und schmecken, mit Gott verbinden! Darin liegt die schier unendliche Kraft ein konkret engagiertes Leben im Blick auf alle Zukunftsfragen zu führen. Oder sollte es besser heißen: darin liegt die reine unendliche Kraft sich von Gott führen zu lassen?
Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt