Predigt über 1. Petrus 2, 2-10

Liebe Gemeinde,
in den vergangenen Tagen konnte die deutsche Öffentlichkeit von einem mutigen Lebens- und Glaubenszeugnis zweier Theologen Kenntnis nehmen. Die Wochenzeitung "Die Zeit" und das Magazin "Der Stern" veröffentlichten Interviews mit Anne und Nikolaus Schneider. Anne Schneider beschreibt darin ihre Gefühle und Gedanken angesichts einer plötzlichen Brustkrebsdiagnose. Und Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland sagt, wie er seine Frau begleiten möchte. Die Wochenzeitung "Die Zeit" führt allwöchentlich ganzseitig unter der Rubrik "Glaube & Zweifel" Artikel und Interviews auf, die sich mit religiösen und sinnsuchenden Fragen beschäftigen. Evelyn Finger, eine der beiden ostdeutschen Redaktionsmitglieder der "Zeit", ist für die Gestaltung verantwortlich. Nun sind es gleich zwei Seiten unter dieser Rubrik, auf denen Nikolaus und Anne Schneider befragt werden, erstaunlich. Kleine deutsche Regionalzeitungen und große überregionale Tageszeitungen drucken Auszüge des Interviews nach. Wie das? Sind christliche Lebenswerte gefragt angesichts des Todes? Mitten im Sommer, der einlädt zu Entspannung und Ablenkung, lassen sich Menschen auf die Suche nach persönlicher Lebenswahrheit ein und folgen einem streitbaren und barmherzigen Gespräch.
Anne Schneider erzählt, den möglichen Tod im Auge: "Meine Mutter hatte einen tollen Arzt, der ließ sie in der Schlussphase ihrer Krebserkrankung die Dosierung des Morphiums selber übernehmen in dem Wissen, das ab einer bestimmten Menge ihr Herz aufgibt." Anne Schneider geht weiter und möchte sich mindestens in Gedanken den Weg der Inanspruchnahme aktiver Sterbehilfe offenhalten. Hören wir: "Ich hoffe, wenn ich selber an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet. Das er neben mir sitzen und meine Hand halten würde, wenn ich das Gift trinke". Alle kirchlichen Stellungnahmen und die Praxis der sogenannten passiven, begleitenden Sterbehilfe, wie wir sie aus den Hospizen und von den Palliativstationen und von der vielfachen häuslichen Begleitung kennen, wollen genau diesen Weg verwehren. Und was antwortet Nikolaus Schneider auf den Wunsch seiner Frau? Hören wir auch das: "Das wäre zwar völlig gegen meine Überzeugung, und ich würde es sicher noch mit Anne diskutieren. Aber am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten." Und er bekräftigt noch einmal: "Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun. Aber ich würde alles versuchen, Anne für einen anderen Weg zu gewinnen."
"Ich würde sicher noch mit Anne diskutieren ." Es ist genau diese Bereitschaft, wenn es ganz ernst wird noch zu diskutieren, die ein Lebenszeugnis zum Ausdruck bringt, das bereit ist ein Wagnis einzugehen und nicht einfach etwas hinzunehmen, nur weil etwas irgendwo hindrängt. Die Liebe, einen Menschen zu begleiten, wann und wohin auch immer, diese Liebe verbinden mit der Bereitschaft zu diskutieren! Eine Diskussion und Auseinandersetzung wird geführt um existentiell wichtige Fragen; manche Menschen bemühen sich sogar eigens darum überhaupt zu Diskussionen dieser Art zu kommen. Die Diskussion kann darin weiter gehen als ein Gespräch oder ein Dialog - ein Gespräch, das den Austausch sucht und ein Dialog, der Ausdruck der inneren Veränderungsbereitschaft zweier oder mehr Menschen ist. In den Grenzbereichen des Lebens nicht aufzugeben miteinander zu reden, ja zu diskutieren, bedeutet genau darin Momente des Glücks, der Erfüllung, der Zuneigung und des Bewusstseins, wirklich da zu sein, zu finden.
Möge doch diese Haltung gegenüber dem Sterben und dem Tod in uns zum Zuge kommen. Sie wird gelebt von denen, die glauben und empfinden: durch die Taufe bin ich mit Jesus am Kreuz gestorben und habe Anteil an allem, was sich dann weiter mit Jesus Christus ereignet. Seine Liebe macht lebendig, meine Liebe lässt den vertrauten Menschen - den Partner, den Freund, den Verwandten, den Bruder und die Schwester in meiner Gemeinde - nicht hängen und gibt mir die Gewissheit, dabei zu sein am Leben. Das Gespräch endet mit einem befreienden Lachen, denn Nikolaus Schneider bekennt fröhlich, er sei lieber bei seiner Frau als "in den Gremien unserer Kirche". Über dieses Interview heißt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wenige Tage später, niedergeschrieben von Christian Geyer: "Man liest es, schaut aus dem Fenster und staunt, als hätte man Sonne und Wolken noch nie gesehen."
Haben wir Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach Vitalität des Herzen, nach Frömmigkeit vom auferstandenen Christus her? Sehen wir ihn in Gott und wirksam in seinem Geist unter uns? Fühlen wir, das alle Fragen, die sich uns stellen, eingewoben sind in seine Allgegenwart im Himmel und auf Erden? Die drängenden Fragen nach Leben und Tod, nach Frieden und Freiheit verschwinden nicht, bestimmt nicht - sie werden beantwortet. Ihr seid "lebendige Steine", heißt es im 1. Petrusbrief. Ihr seid Leben, geistliches Leben und Glauben tragt ihr in euch und tragt es weiter. Ihr seid lebendige Steine. Steine? Steine sind tot, sind Materie. Steine sind möglicherweise Energieträger, es gibt Menschen, die wollen die Heilkraft von Steinen auf andere Menschen übertagen. Alle wissen, dass heiße Steine wärmen können. "Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Haus und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus" (Vers 5), heißt es. Ihr nehmt am Leben von Jesus Christus teil, seid in gleicher Weise unterwegs. "Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein" (Vers 4), schreibt der Verfasser zuvor.
Christen sind in gleicher Weise unterwegs wie Jesus Christus. Wirklich? Nicht ganz, oder anders gesagt, nicht ganz deckungsgleich. Christen sind in gleicher Weise unterwegs - niemals aber jeder für sich allein. Christen sind in Gemeinschaft Jesus Christus gleich. Ihm - dem, der einen einzigartigen Weg ging, sind Christen gleich in der Gemeinschaft - durch die Taufe und die Bündnisse, die in seinem Namen eingegangen werden. Zwei Menschen sagen in ihrer Partnerschaft Ja zueinander im Vertrauen auf Gott und opfern geistliche Opfer und schenken Leben und Begleitung und Lachen und Weinen und keiner muss Gewinner sein und der, der gibt, empfängt unendlich - Leben. Die christliche Gemeinschaft kommt zum Ausdruck in der Partnerschaft, einer Lebensgemeinschaft und sie kommt zum Ausdruck in der Freundschaft.
Die Gemeinschaft sollte vor Idealisierung geschützt werden. Sehr wohl ist uns bewusst, dass Christen weltweit durch die je erfahrene Taufe verbunden sind, es ist dies das verbindende Zeichen, das ein jeder, eine jede an sich trägt. Darum ist es auch so schmerzlich, dass Christen, so bezeichnet durch die Taufe, wenn sie in Verfolgung geraten, nicht in größerer Gemeinschaft unmittelbar einander beistehen können. Vor Idealisierung sei deshalb gewarnt, weil die Gemeinschaft uns nicht untereinander gleich macht und jeder jeden in gleicher Weise verstehen, beistehen oder mit dem anderen, mit der anderen lachen kann. Darum gehört es zu den schönen Erlebnissen, im christlichen Geist Freunde zu finden, einen Menschen zu finden, mit dem in dieser Gemeinschaft ein Austausch und diese leise Bereitschaft, in einen inneren Veränderungsprozess zu gelangen, ermöglicht wird. So wird der Weg gebahnt, dass auch Diskussion und Auseinandersetzung zu Fragen an den Lebensgrenzen möglich werden; so wird der Weg gebahnt, dass Freundschaft trägt und glücklich sein lässt; so wird der Weg gebahnt, dass Begleitung des anderen und die Heiterkeit am Dasein zusammenkommen. Ich möchte Sie, liebe Gemeindeglieder und Gäste ermutigen zur Suche nach Freuden in der Gemeinde!
Einen meiner Freunde habe ich vor Jahren begleitet an den letzten Tagen seines Lebens. Er stellte seiner Frau und mir eine generelle Vollmacht aus, was geschehen sollte, wenn er selbst nicht mehr über lebenserhaltende Maßnahmen entscheiden könnte. Ihm war in den letzten fünf Tagen seines irdischen Daseins wichtig, möglichst viel selbst zu entscheiden. Vielleicht half ihm die ausgestellte Vollmacht frei zu werden auf diesem Weg. Er handelte von Tag zu Tag die Dosis Morphium mit dem Arzt aus. Er wollte nicht, dass sein Bewusstsein vom Schmerz zerrieben wird. Und er wollte nicht, dass das Morphium seinem hellwachen Empfinden und Verstehen den Dämmerschlaf gibt. So haben wir Stunden in Stille und mit Lachen, mit ernsten Worten und seinem 103. Psalm, mit Pizza auf der Faust und dem Trocknen von viel Schweiß auf der Stirn verbracht. Er verlangte nicht nach aktiver Sterbehilfe, er wünschte sich Begleitung von Menschen, die seinen Glauben teilen und steuerte gewissermaßen selbst herüber, so hat er gelebt.! Die lebendigen Steine werden im 1. Petrusbrief zur Priesterschaft gesammelt. Der Freund sprach, geschwächt vom Lungenkrebs, den 3. Vers aus Psalm 103: "der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit". Er sprach das Wort aus freien Stücken zu mir und anderen, die an seinem Bett saßen. Eine geistliche Gemeinschaft erhob er mit diesem Wort, das einst Heimat im Jerusalemer Tempel hatte. Und wie jener Tempel aus Steinen gebaut, sollt ihr euch verstehen als ein Haus der gläubigen Menschen, ein Haus, das schützt und birgt, in dem euer Loblied erklingt und ihr euch stärkt für ein starkes Leben in den Auseinandersetzungen der Welt.
Der erste Petrusbrief macht den getauften Christen am Ende des 1. Jahrhunderts richtig Mut festzuhalten an der Kostbarkeit des Lebens mit Christus. Licht und Gnade sind mit Christus verbunden. Haltet fest daran, obschon Römerkaiser Domitian, er regierte vom Jahr 93 bis 96, euch hart verfolgt und mit dem Tod bedroht. Trinkt Milch, trinkt die Worte Gottes als wären sie Muttermilch. Nun, wir hier erinnern uns nicht der Zeit, in der vermutlich viele unter uns Muttermilch trinken konnten. Wie dann dieses überschwängliche Bild, wie ist es zu verstehen? "Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist" (Vers 2.3). Seid begierig nach geistiger, reiner Milch, so lautet ein weiterer Übersetzungsvorschlag. Überlasst euch dem Wunsch, diesem Verlangen, das sich ergibt in eurem Leben nach einem Wort der Bibel, von dem ihr zehren könnt. Gott krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, ist so ein Wort. Wer trägt die Krone sichtbar, die Krone der Gnade, die Krone der Barmherzigkeit in dieser Welt? Weitere Bibelworte kommen in den Sinn, vergiss sie nicht für den Tag und das Leben!
Die Journalistin Evelyn Finger spricht mit dem Ehepaar Schneider - ich lese an dieser Stelle der Abfassung der Predigt das Interview noch einmal. An fünf Stellen werden Worte aus der Bibel nahezu beiläufig zitiert, der Mutter-Milch-Durst wird gestillt. Und dann gibt es noch weitere Worte, Worte, die von Gott her gesprochen sind. Ziemlich am Anfang erkenne ich dieses Wort von Anne Schneider: "Wir sagen, wie es um uns steht." Sie ergänzt: "Über Theologie zu reden, ohne über sich selbst zu reden, das geht bei uns nicht." Wir sagen, wie es um uns steht, so lautet das Zeugnis einer Frau, die uns bekannt gibt: Wer es schafft auszudrücken - dazu gehört Kraft -, wer es schafft auszudrücken, wie es um ihn, wie es um sie, wie es um dich, wie es um mich steht, der hat die Tür aufgemacht und Gottes Wort kann eindringen! Wir sagen, wie es um uns steht. Gott sagt, ich stelle dich in das Licht des Heils. Gott sagt, Christus ist kostbar für dich. Gott sagt, du bist kein toter Stein. Du bist lebendig mit vielen im Menschheitsbau derer, die aus Gnade und Frieden leben. Amen.