Predigt über 2. Thessalonicher 3,1-5

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
da oben steht er jetzt: der neue Trompetenengel der Thomaskirche. Er ist ein ganz besonderes Geschenk für die Sauerorgel im 125. Jahr ihres Bestehens. In den damaligen Plänen war er schon vorhanden. Aber er wurde nie ausgeführt. Das war jetzt möglich durch einige, die wollten, dass das jetzt doch noch geschieht. Ein echtes Geschenk also, nicht gekauft. Er steht mit Trompete im Orgelprospekt - und die Engel sind ja in der Bibel durchaus musikalische Wesen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" - dieser Gesang über den Feldern von Bethlehem als rettende Botschaft an die Menschheit - er wiederholt sich Sonntag für Sonntag im Gottesdienst. Auch heute haben wir diese Engelsworte von neuem gesungen und damit unserer Sehnsucht Ausdruck verliehen: Möge sich das endlich erfüllen unter uns und in dieser unfriedlichen Welt.

Im biblischen Sinne ist die Aufgabe der Engel damit bereits beschrieben. Sie sind Boten des Evangeliums, der guten Nachricht Gottes an die Menschen. Die Bibel hat kein weiteres Interesse an einem wie auch immer gearteten Eigenleben, oder an der Erforschung ihres Wesens. Nur, was sie sagen und tun, ist wichtig. Und das ist einiges. Etwa: Menschen zu warnen vor Abwegen. Dass sie sich ihnen in den Weg stellen, so wie es im Alten Testament dem Seher Bileam ergeht, dessen Eselin diesen Engel erkennt und ihren in diesem Fall blinden Herrn vor dem Ritt ins Verderben bewahrt. Engel leiten einen um, sie haben Zugriff auf den menschlichen Instinkt, so wie sie etwa Josef zweimal im Traum erscheinen, um den neugeborenen Jesus vor dem Zugriff des Herodes zu schützen. Und: Engel dienen auch den erschöpften und verzweifelten Menschen. Sie rühren sie an, sie richten auf, sie motivieren, weiterzugehen zu ihrem Ziel. Elia erlebt das in der Wüste, die Magd Hagar und nicht zuletzt auch Jesus selbst. Und immer wieder sagen sie einen wichtigen Satz: „Fürchte dich nicht!" 365x kommt der Satz in der Bibel vor, für jeden Tag des Jahres also einmal, weil wir es ja auch an jedem Tag brauchen, aus Menschenfurcht und Kleinglauben herausgerissen zu werden. Mein katholischer Kollege Propst Vierhock meint zwar: „Das hast Du aber großzügig gerechnet" - aber mir gefällt diese alte rabbinische Tradition und Zählweise, die auch ähnliche Formulierungen großzügig mitzählt.

Das also tun Engel: Sie vermitteln etwas von ganz oben und sie entziehen sich unserer Verfügbarkeit. Dieser Engel hat damit also genau den richtigen Platz in unserer Kirche, hoch oben im Orgelprospekt!
Um musikalisch im Bild zu bleiben, könnte man die Aufgabe der Engel auch so zusammenfassen: Sie sind Dirigenten des menschlichen Herzens. Auf diese Formulierung hat mich ein Satz aus dem Predigttext gebracht - und zwar der letzte: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi". Wortwörtlich könnte man auch übersetzen: Er lenke, er dirigiere Euer Herz hin auf Gottesliebe und Geduld Christi. Das klingt nach Ordnung und Konzentration, nach Zusammenführen der verschiedensten Stimmen in uns zu einem Klang: Das Zusammenspiel unseres Glaubens, Denkens und Tun wird geordnet. Wir gewinnen neue Orientierung und Ermutigung für alle drei Dinge. Das geschieht durch Engel, das ist ihr Ziel. Und sie ermutigen auch, dabei genau hinzusehen, sich nicht abbringen zu lassen von dem, was dem offensichtlich entgegensteht: Auch das Wort „Siehe" gehört zu ihren Lieblingsworten. Hinsehen mit Bedacht und Geduld. All das verdichtet sich im Predigttext aus dem 2. Thessalonicher wie unter einem Brennglas:

Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Das klingt natürlich nicht durchgängig nach einem Dirigat hin auf Gottesliebe und Geduld Christi. Die Bitte darum, erlöst zu werden von den falschen und bösen Menschen, deren Ding der Glaube nicht ist, klingt plump nach schwarz-weiß und nach einer der biblischen Stellen, die Wasser auf die Mühlen derjenigen zu sein scheinen, für die das Christentum eben doch in erster Linie Hass und Abgrenzung von den Ungläubigen predigt. Aber wenn man sie nicht im Zusammenhang liest und belässt, wird deutlich: Die Thessalonicher bekommen nicht den Auftrag, die Bösen und Falschen wegzubomben oder abzuschießen. Hieraus ist keine Rechtfertigung abzuleiten, sich falscher, böser oder gar nach eigenen Maßstäben „ungläubigen" Menschen mit Gewalt zu entledigen. Es geht vielmehr um die Bitte, Widerstände von außen ertragen und annehmen zu können. Denn davon gab es für die Gemeinden des ersten Jahrhunderts mehr als genug. Und mancher hat sich dafür entschieden, den einfacheren Weg zu gehen, angepasst an die Umwelt mit den Göttern, die man dort anbetete. Unter diesen Umständen ist die Sehnsucht nach Erlösung von dem Bösen natürlich besonders groß. Und natürlich stellte sich auch damals schon die Frage wie heute: Wie weit darf man denn gehen, um sich der falschen und bösen Menschen tatsächlich zu entledigen? Darf man etwas Schlimmes tun, um noch Schlimmeres vielleicht zu verhindern? Muss man nicht notfalls mit Gewalt diejenigen in den Griff kriegen, die ein voll besetztes Flugzeug mit hunderten Menschen abschießen? Muss man da nicht irgendwie sofort eingreifen? All das schießt einem ja durch den Hinterkopf, wenn man mit solchen Nachrichten wie denen aus dem Osten der Ukraine konfrontiert wird und die Opfer via LVZ Gesichter bekommen. Das macht einem die Irrsinnigkeit eines solchen Konflikts ja erst wirklich bewusst und unsere Maßlosigkeit als Menschen insbesondere in Sachen Hass und Gewalt.

Aber gerade deshalb ist ja gewissermaßen ein Dirigat über diese Gedanken nötig. Dass Kopf und Herz zur Besonnenheit zurückgerufen werden und man sich auf das besinnt, was natürlich Grundgedanke des Christentums ist, für den auch einzutreten ist: Das Böse zu überwinden und die todbringenden Mächte dieser Welt zu entkräften.
Und so gingen auch lange gedanklich-besonnene Wege dem voraus, was heute genau 70 Jahre zurückliegt: das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. Da kamen einige zu dem Schluss, dass sich Erlösung von den falschen und bösen Menschen nicht anders bewerkstelligen ließ als durch Tötung. Lange und intensiv waren in den Kreisen des Widerstands Möglichkeit und Sinn eines Attentats aus Offizierskreisen diskutiert worden. Politischen Sinn machte es nicht mehr. Längst war militärisch und politisch der Zusammenbruch Deutschlands klar und die Kapitulation die einzige Perspektive. Dennoch musste etwas getan werden, wenn man vor den Gräueltaten der Wehrmacht im Osten und der planmäßigen Vernichtung der Juden und anderer die Augen nicht mehr verschließen wollte. Da sahen sich Graf Stauffenberg und andere gezwungen, gegen ihren Eid und ihre sonstigen Überzeugungen zu handeln, insbesondere auch gegen das 5. Gebot. Stauffenberg wie andere waren überzeugte Christen, wenngleich aus heutiger Sicht keine Pazifisten oder Demokraten. Dennoch brauchte es zur Erlösung von dem, der sich Führer nennen ließ, die sichtbare Tat um zu zeigen: Dieses Morden und Abschlachten wird nicht mehr hingenommen und wir werden es beenden. Graf Stauffenberg sagte kurz vor dem 20. Juli: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen." Ohne diese Tat wäre die Schuld noch größer für ihn gewesen - so blieb die Hoffnung auf Vergebung sowie sich aller Konsequenzen bewusst zu sein, was passiert, wenn es schief gehen würde.

Auch vor diesem Hintergrund erscheint der Text aus dem 2. Thessalonicher als eine einzige große Bitte um Konzentration und Energie dafür, das Rechte zu tun. Dass Beten und das Tun des Gerechten sich nicht nur ausschließen, sondern sogar einander bedingen, davon war ja auch der Theologe des 20. Juli überzeugt, Dietrich Bonhoeffer - und er hat als einer der wenigen ja in diesem Sinne auf Stauffenberg und andere gedanklich Einfluss genommen. Bonhoeffer war überzeugt davon, dass wenn sich, wie es hier heißt, „Herzen und Sinne ausrichten auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Jesu Christi", sich daraus alles Weitere an Taten ergeben würde. Ein allgemeines und in jeder Situation gültiges Gesetz gibt es dafür nicht. Bonhoeffer betonte in diesem Zusammenhang aber eine hilfreiche betende Lebensgrundhaltung: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube dass Gott kein zeitloses Fatum - kein zeitloses Schicksal ist - sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."
Um die Bitte um diese Grundhaltung geht es in diesem Predigttext. Darum, getragen zu werden von diesem Zuspruch: „Der Herr aber ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen." Diese Gewissheit kann uns entscheidungsfähig und -mutig machen. Und es gibt sowohl Zeiten als auch Anlässe und Menschen, die das in uns bestärken. Die, wenn wir an den Anfang zurückkommen wollen, Engelsaufgaben übernehmen und sagen „Fürchte dich nicht". Die uns aufrichten, uns losschicken und sagen: „Habe keine Angst vor der Zukunft".

Und da ist durchaus auch ein Trompetenstoß manchmal gut, der uns an den Cantus firmus des Liedes der Engel von Bethlehem erinnert, an das auch heute von uns gesungene „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen Gerechtigkeit". Dieses Lied hat drei Themenbereiche und Aufgaben, deren Behandlung allesamt Besonnenheit erfordern: Wem sind wir verantwortlich? Wohin führt es, wenn sich der Mensch selbst zu Gott macht und sich „Führer" nennen lässt? Wie können wir beitragen zur friedlichen und diplomatischen Lösung furchtbarer Konflikte, und welche Antworten finden wir darauf, allen Menschen ein Leben in Würde und Auskommen zu ermöglichen? All die Themen von Flucht und Asyl, Gefälle zwischen Nord-und Südhalbkugel, die Frage nach der Verantwortung für die, die mitten unter uns im Abseits leben und aus eigner Kraft nicht mehr herausfinden aus ihrer sozialen Not ohne Arbeit, ohne Schulabschluss, ohne Lebensaufgabe - all diese Fragen und nicht zuletzt auch die, die die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 bewegt haben, benötigen nicht nur den langen Atem, sondern auch die öffentliche und gesellschaftliche Diskussion. Sie benötigen die Begegnung der Meinungen, verantwortet und getragen von allen.

Schon deshalb gehören wie Veranstaltungen wie ein Katholikentag 2016 nach Leipzig. Und deshalb gehört er auch öffentlich gefördert als Veranstaltung, die ja nicht nur, mit Verlaub, Katholiken bespaßt, sondern den gesellschaftlichen Diskurs auch jenseits von Kirche und Religion voranbringet. Dass tagelang alle diesen Fragen Raum zur Diskussion geschaffen wird. Bei aller berechtigten Kritik an katholischer wie evangelischer Kirche, die man dabei ja auch gerne äußern und diskutieren kann: Wer organisiert so etwas auf solcher Ebene, wenn nicht die Christen? Abgesehen davon, dass es sich ein Zuschuss von einer Million Euro rentiert, wenn tagelang über 100.000 Menschen die Hotels bewohnen, sich in der Stadt versorgen, hier einkaufen und Leipzig außerdem noch in den Focus bundesweiter Öffentlichkeit kommt als Stadt, die in jeder Hinsicht Kultur hat - auch in Sachen Gastfreundschaft, Toleranz und geistiger Weite. Auch wenn, wie es im Thessalonicherbrief heißt, der Glaube „nicht jedermanns Ding" ist - die Fragen, mit denen sich der Glaube auseinandersetzt, sollten es schon sein. Das lehrt uns dieser Tag, der 20. Juli 1944 wie der 20. Juli 2014. Mögen in diesem Sinne die Engel unser aller Herzen dirigieren. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org