Predigt im Abendgottesdienst über Römer 12,17-21


Liebe Gemeinde,

es gibt Bibelworte, die lösen sogleich beim Lesen oder Hören eine Erinnerung an eine Begebenheit aus. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem, der Schlusssatz des Predigttextes gehört zu solchen Bibelworten. Sie, liebe Gemeinde, nennen vielleicht sofort andere Bibelworte. Und womöglich können sie sich aus dem Stand heraus auch an Situationen erinnern, die sie mit einem Bibelwort verbinden. Manchmal mögen es nur Teilverse sein, Wendungen, die auftauchen aus dem Schatz der biblischen Überlieferungen. Bei einem Konflikt können wir an das Wort Jesu denken: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn Krieg und Unversöhnlichkeit Menschen trennen, können wir an das Wort Jesu denken: Liebe deine Feinde. Wenn Unheil und Krankheit über einen Menschen kommen, können wir an Jesu Wort denken: Dein Glaube hat dir geholfen.
Ich selbst erinnere bei dieser Wendung, das Böse solle mit Gutem überwunden werden, an einen krassen Fall von Rechtsextremismus, der mir unter die Haut ging. Bei der Auslegung dieser Botschaft des Apostel Paulus komme ich nicht umhin, das zu erwähnen. Würde ich das nicht tun, so würde ich die Auslegung, die mir das Leben geschrieben hat, abtun. Und da ich in der Wahrnehmung des Satzes - Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem - von diesem Geschehen bestimmt bin, will ich dasselbe darlegen und erzählen. Vor Jahren, während meiner Zeit der Begleitung der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig gab es einige wenige junge Leute, die mit ausländerfeindlichen Parolen die Mitglieder des Internationalen Arbeitskreises der Gemeinde überzogen und Homosexuelle beleidigten. Es gab unter der Mehrheit der Gemeindegliede Kritik an diesem feindlichen Vorgehen. Einige Gemeindemitglieder sagten, in einer Gemeinde, in der solche Haltungen geduldet werden, möchten sie nicht mehr ein- und ausgehen.
Viele Gespräche bis hin zu einer Gemeindeversammlung standen an und wurden geführt. Nach langen Beratungen auf dieser Gemeindeversammlung und unter Anwesenheit zweier Mitglieder, die offen ihre ausländerfeindlichen Äußerungen verteidigten und zum Teil auch herunterspielten, las ich schließlich den Lehrtext des Tages aus meinem Amtskalender vor. Das Wort aus Römer 12,21: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Anschließend begründete ich knapp, dass ich keine andere Möglichkeit sehe, dieses Bibelwort in folgender Weise auszulegen: Mit Gutem wird das Böse überwunden. Ich erteile mit sofortiger Wirkung Hausverbot für die beiden Mitglieder. - Die Gemeindeversammlung löste sich sogleich auf, die Kritisierten verließen das Haus und kamen nicht wieder. Den Betroffenen und Verletzten stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Ich blieb etwas unsicher im Haus zurück, zumal ich auch persönlich von den Studierenden mit ihren krassen ausländerfeindlichen Worten angegriffen worden war.
Jahre später erhielt ich einen Brief von einem der beiden hinausgeworfenen Gemeindemitglieder. Nicht ohne Aufregung öffneten ich ihn. Und da standen Worte darin, diese: "Ich weiß heute , dass meine damaligen Ansichten grundlegend falsch waren. Ich war (und dieses Wort "war" ist unterstrichen, Anmerkung vom Prediger) ausländerfeindlich eingestellt, ich habe Homosexuelle sprachlich angegriffen und ich habe nicht zuletzt dich sprachlich angegriffen... Ich möchte dich hiermit bitten, mir diese Verfehlungen, Angriffe und Verleumdungen zu vergeben. Ich weiß heute, dass nichts wichtiger ist als zu Gott und den Nächsten zu stehen, oder wie es in der Bibel heißt, ihn (Gott und den Nächsten) zu lieben. Ich weiß, dass es immer wieder Disput und unterschiedliche Meinungen zwischen Kirchenmitgliedern gibt und geben muss, aber sie dürfen nicht so ausarten und die Gemeinde zerstören. Es tut mir leid und ich wäre froh, wenn du mir trotz der schlimmen Äußerungen von damals verzeihen könntest. Ich erwarte nichts, aber ich bitte dich darum, mir zu vergeben."
Ich vergebe dir, was ist das für ein Schritt ein solches Fehlverhalten einzugestehen. Ich vergebe dir, wie viele Gedanken und Gefühle hat Gott in Bewegung gebracht. Ich vergebe dir, welcher Wandel ist im Gang und Dritten wird Gutes getan. - Damals hatte ich gefragt, ob ein anderer Weg im Miteinander, irgendwie ein neuer Weg gefunden werden kann. Und ich habe gebetet. Hilflos fühlte ich mich. Beide sollten bitte eine neue Gemeinde finden können. Kann das Gute einhergehen mit einem Nein, einem so bestimmten Nein eines Verbotes, das Gemeindehaus weiterhin zu betreten? Ist zuerst dem Wort zu folgen, lass dich nicht vom Bösen überwinden? Birgt eine Trennung aber nicht die Gefahr, dass Unfriede, Hass und Gewalt sogar noch vermehrt werden? In harten und brüchigen Situationen ist das Gute nicht einfach ein braves Ja sagen, die bloß geäußerte gute Absicht, die nicht nach den Folgen fragt und aufgibt, das Böse einzudämmen. Dieser junge Mann mit seinen Zeilen geht mir nicht aus dem Kopf. Und was ist mit dem anderen Mann?
Der Apostel Paulus schreibt ab dem 12. Kapitel seines Briefes viele Ermahnungen an die Gemeinde in Rom. Er spricht von Liebe, Hoffnung, Gebet und Gastfreundschaft und von Demut. Dann verlässt er die vorrangig das Gemeindeleben betreffenden Anregungen, nämlich beieinander und füreinander da zu sein und spricht Fragen an, die auch gegenüber der nichtchristlichen Umwelt von Bedeutung sind. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, heißt es. Die Frage nach dem Umgang mit dem Bösen bildet die Klammer für die Schriftauslegung heute. Manchmal sagen wir: das ist aber leicht gesagt. Z. B. dieses Wort: vergeltet nicht Böses mit Bösen. Das drückt dann Hilflosigkeit aus. Wir wissen nicht, wie wir handeln sollen. Der Apostel will gerade in dieser brisanten Frage des Umgangs mit dem Bösen, dem nicht mit Vergeltung zu antworten ist, nicht belehren. Er erinnert an ein alttestamentliches Wort, überliefert in den Sprüchen des Salomo: "Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln" (Sprüche 25,21.22).
Kann Feindschaft nicht überwunden werden, wenn zum Einfachsten zurückgekehrt wird, wenn dem Feind Nahrung angeboten wird? Wenn nur immer die Gelegenheit bestünde, dem Feind mit etwas entgegen zu kommen, das er braucht und so auf diesem Weg die Überzeugung auszubreiten, zur Feindschaft gebe es keinen Grund! Wenn du diese Gelegenheit aufgreifst, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Mit diesen Worten wird an einen ägyptischen Bußritus erinnert. Ein Mensch bekennt sich zu einer bösen Tat und setzt sich aus Reue unter ein Becken mit brennender Kohle. Das Böse geht einen Weg durch die Hitze, Läuterung ist angesagt. Wir, liebe Gemeinde, entnehmen diesem Ritus, den der Apostel als ein Bild aufgreift: alles, möglichst vieles dafür zu tun , dass Menschen eine Chance zum Wandel ihrer Einstellungen erhalten.
Manchmal zwingt die Faulheit den Einzelnen in einen Fatalismus, der da sagt, es ändere sich sowieso nichts. Das ist nicht gut und Gutes wird aus solcher Haltung nicht entstehen! Menschen eine Chance zum Wandel ihrer Einstellungen zu geben, ist eine Überzeugung aus Glaubenserfahrung. Gott, der auch mein Herz wandeln kann, will den Frieden unter allen Menschen. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden, heißt es. Keine Haltung, irgendwie schiedlich friedlich zu sein und auseinander zu gehen als wäre nichts gewesen, ist hier gemeint. Eine Haltung vielmehr des Glaubens ist hier gemeint, im Bewusstsein zu stehen, dass Gott alle Menschen liebt - bei genauer Betrachtung des Menschen ist das eine ungeheuerliche Aussage -, eine Haltung mit Gott in allen Lebenslagen und unter allen Menschen zu rechnen, diese Haltung birgt ungeahnte Freiheit und innerliche Sicherheit, das Ja und das Nein in den vor uns liegenden Fragen zu finden, auszusprechen und zu leben. Die Zukunftsfragen überfordern nicht, sind nicht bedrohlich, so bedrohlich sie auch sein mögen, weil Gottes reicher Schatz an Antworten mir zur Verfügung steht, je weiter und umfangreicher ich die Welt samt ihren Schattenseinen kennenlerne, kennenlerne als die Welt, die seine ist und bleiben wird, die Welt, an der Gott und Jesus Christus leiden um unserer Freiheit willen.
Ich habe einmal auf einer rechtsextremistischen Demonstration in meiner Aufgabe als Polizeipfarrer mit einem populistisch daherredenden jungen Mann gesprochen. Er hatte seine Tochter auf dem Arm und rief laut den Slogan "Todesstrafe für Kinderschänder". Es interessierte ihn meine Kritik an diesem Slogan nicht. Ich fragte ihn nach seiner Tochter, er erzählte begeistert - auch von seiner Freundin und wie sie alles schaffen mit wenig Geld in der Tasche. Irgendwann sagte ich dann, dass die Todesstrafte unchristlich und dem Menschen nicht zustehend ist. Er hielt inne, wollte verstehen, was ich meine, er war etwas durcheinander. Ich sagte, Menschen sind Sünder, das kann sich grausam und schrecklich auswirken. Er wurde ruhig und begann nach meiner Arbeit zu fragen. Dabei liefen wir durch einige Straßen im Leipziger Osten. Es ist nicht an uns, liebe Gemeinde, endgültige Urteile im menschlichen wie im juristischen Sinn zu sprechen. "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr" (5. Mose 32,35), zitiert Paulus ein weiteres Wort aus dem Alten Testament. Die Vergeltung ist allein bei Gott, sagte einer im Bibelkreis am vergangenen Dienstag zu diesem Wort. Ich habe Mühe an einen rächenden und zornigen Gott zu glauben. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben - mit dieser Aussage sieht der Apostel uns geschützt vor plötzlicher Willkür untereinander.
Gottes Wirken unter uns gebrochenen und begabten Menschen bleibt ein Geheimnis. Muss ich sein Wirken bis in ein Letztes verstehen wollen? Nein. Gott kann auch unter uns seinen Willen plötzlich kund tun und das kann weh tun. Liebe Gemeinde, bleiben wir in einem Verhältnis der Bitte zu Gott und es werden sich böse Herzen wandeln.
Ich möchte sie bitten unter dem Leitsatz, lass dich nicht vom Bösen überwinden, persönlich zu fragen, wo ihr Einsatzgebiet ist. Es gibt die Möglichkeit Patenschaften für Asylbewerber abzuschließen, es gibt die Möglichkeit in der internationalen Partnerschaftsarbeit von Kirchgemeinden oder dem Leipziger evangelisch-lutherischen Missionswerk mitzuarbeiten, es gibt die Möglichkeit in der Ukraine-Hilfsaktion für die Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Kiew hier in der Thomaskirchgemeinde zu wirken, es gibt die gute und wichtige Möglichkeit auf Demonstrationen gegen rechtsextremistische Gruppen zu gehen. Die wirkliche Stärke, die Christinnen und Christen zu allem bringen, heißt Dialog und darin unbeirrtes Vertrauen, dass sich Gesinnungen der Menschen wandeln können im Horizont eines Lebens mit unserem Gott in Jesus Christus. Lass dich nicht überwinden - überwinden von lebensfeindlichen Einstellungen! In welcher Situation auch immer, bedeutet das, wachsam zu sein in eigenen Angelegenheiten, sich nicht für überlegen und unfehlbar zu halten, sondern Gnade für mein Leben von Gott zu erwarten.
Von Gott begnadet sein für ein Leben, das dem Bösen nicht gleiches entgegensetzt, ist unsere Berufung. Dem Bösen aber zu wehren, entgegenzutreten, ist Aufgabe jedes Christen, nun aber nicht immer voller Anstrengung, vielmehr mit dem Gespür: Gott liebt die Menschen mit ihrer Neigung Gutes zu tun - allerdings mit eben diesem Unterfangen, sehr vieles kann schief gehen.
Amen.