Predigt über Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
ein uraltes biblisches Sprichwort lautet: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden."
Wir wissen, da ist etwas dran. Es gibt Schuldverstrickungen, die werden von einer Generation auf die nächste gebracht. Einiges hat man dabei selbst schon geerbt von der vorigen und manches wird gar weitergetragen auch auf die übernächste. Heute vor genau 100 Jahren, am 6. Juli 1914 hatte der deutsche Kaiser ausdrücklich bekräftigt, „dass ein enges Bündnis zum Kaiserreich Österreich Ungarn besteht und dass das Vorgehen Österreichs von Seiten des Deutschen Reiches vollkommen unterstützt wird". Österreich-Ungarn hatte bekanntermaßen nach dem Attentat von Sarajewo Serbien den Krieg erklärt. Russland stellte sich an Seite Serbiens und Deutschland erklärte wiederum Russland den Krieg. So nahm die Katastrophe des 1. Weltkriegs ihren Lauf mit Millionen Toten. Und aus den sauren Trauben dieses Kriegs wurde wiederum Verhängnis um Verhängnis geboren, die zum 2. Weltkrieg führten, wo man sich mit ähnlichen Motiven und ähnlicher Dummheit in den nächsten Krieg stürzte. Saure, giftige Trauben sind da geschluckt worden, die einem bis heute den Mund zusammenziehen, insbesondere, wenn einem deutlich wird, was noch höchst lebendig ist an zerstörerischen Motiven und Phantasien von damals.

So ist dieses Sprichwort nur allzubitter wahr. Und gerade in der letzten Woche war ja einmal mehr sehr deutlich, dass es tatsächlich die Kinder sind, die betroffen sind von den Taten ihrer Väter und Mütter, drei ermordete israelische Jugendliche, der Rachemord an einem palästinensischen 16-Jährigen, der lebendigem Leibe verbrannte. Spuren, die weit zurückreichen. Und Kinder sind es ja auch bei uns, die die Leidtragenden sind angesichts der Tatsache, dass viele Familien über Jahre schon in Abhängigkeit von sozialer Unterstützung im Abseits leben: ohne Schulabschluss, ohne Beruf - zuweilen auch ohne Tagesstruktur in der stumpfen Wiederholung des Immergleichen.
Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. Die Zusammenhänge sind deutlich und es ist eine über ihre biblische Verankerung hinausgehende Weisheit. Allerdings kann sie einen auch ganz verhaftet bleiben lassen in den Verirrungen der Vergangenheit und mag das überkommene Erbe als einseitig negativ belastet sehen. Das aber wiederum kann eine Gesellschaft auf allen Ebenen wie eine kollektive Lähmung erfassen: ein lethargischer Geist, der sich schwer vertreiben lässt. So war es bei den Israeliten, die im Exil in Babylon gelandet waren. Sie waren am Leben, aber guckten zugleich resigniert auf das zurück, was sie verloren hatten: Land, Stadt, den Tempel, ihr religiöses Herz, man saß da, verschleppt und in Erwartung einer ungewissen Zukunft. Da fand es Anklang, dieses Sprichwort: Die Alten sind schuld, was haben sie sich auch mit den mächtigen Völkern der Umgebung angelegt, was wollten sie sich auch als unbedeutende Kleinnation militärisch profilieren unter den Großen. Die nächste Generation sitzt nun im Schlamm zwischen Euphrat und Tigris, sauer und mit stumpfen Zähnen. Alles schmeckt schal und man kriegt den Mund auch nicht mehr auf. Und wenngleich man sich dieses Exil in Babylon komfortabel vorstellen darf, wird es doch das gegeben haben, was es bis heute in jedem Flüchtlingslager, in jeder Asylunterkunft auf dieser Welt gibt: die unterschwellige Gewalt gärt, Menschen verlieren ihre Hoffnung, drohen getrennt von ihren kulturellen und religiösen Wurzeln innerlich abzusterben, weit entfernt von der Perspektive eines normalen, selbstbestimmten Lebens ohne Vorschriften, wo man sich aufzuhalten hat, was man darf und nicht darf, wo man zum Nichtstun verurteilt ist und angewiesen auf freundliche Menschen, die sich einem wenigstens ab und zu freundlich zuwenden. Dagegen erhebt sich die Stimme des Propheten Hesekiel mit klaren Worten:

12 Was habt ihr unter euch für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. 21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben. 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und .... 31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Hesekiel will sicher nicht in Frage stellen, dass man an seinem Erbe zu tragen hat. Aber dass der Mensch nur aus seinem Herkommen lebt, ist eine alte Lüge. Genau so, wie der Mensch ohne Herkommen eine moderne Lüge ist. Er will vielmehr an einem wichtigen Punkt das Denken verändern - und zwar im Blick auf die Individualisierung von Schuld. Er wendet sich gegen die damalige eindimensionale Auslegung des Satzes von Heimsuchung der Sünden der Väter bis ins dritte und vierte Glied - wenngleich natürlich bis in die dritte und vierte Generation reichen kann, was geschichtlich passiert ist. Das mögen man sich vielmehr zur Warnung auf die eigenen Taten gereichen lassen. Denn aus der Individualisierung von Schuld erwächst zugleich die Individualisierung von Verantwortlichkeit. Was wir aus dem Überlieferten machen - von dieser Verantwortung sind wir nicht freigesprochen. Egal, was uns beschädigt oder gehindert, zu werden, was wir gerne gewollt hätten. Die böse Welt ist nicht schuld daran, wenn es mir schlecht geht. Und in dem Moment, wo ich bei anderen die Schuld dafür suche, wenn ich mich auf mein Elend zurückziehe, sollte ich mir sofort selbst auf die Spur kommen und mich fragen: Warum tue ich den Mund nicht auf? Warum hindert mich der stumpfe Belag daran, meine Zähne zu zeigen? Denn ich bin doch verantwortlich für das, worauf mein Tun und Lassen zuläuft: Auf Dummheit oder Wissen, Lähmung oder Aufbruch, Schweigen oder offenes Wort- und letztlich Tod oder Leben.

In dieser Verantwortung ist jeder Mensch vor Gott unmittelbar. Dazu ruft und ermutigt Hesekiel ausdrücklich: Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Das klingt wie eine neue Schöpfung, meint aber, die alte erst einmal ernst zu nehmen: nämlich zu dem zu stehen, was uns Menschen laut Schöpfungsgeschichte von allen anderen Kreaturen unterscheidet: Ebenbild zu sein. Gegenüber Gottes, ja bis hin zu der natürlich mit Vorsicht auszulegenden Stellvertreterposition. Das meint ja die biblische Stelle „zum Bilde Gottes schuf er ihn". Hesekiel spricht von einem neuen Herzen: das betrifft das Selbst des Menschen - nicht in erster Linie seine Gefühle, sondern seinen Verstand. Der sitzt nämlich nach biblischer Auffassung im Herzen, nicht im Gehirn, also in der Mitte des Menschen. So richtet Hesekiel in Gottes Namen die entscheidende Frage den Verstand der Menschen: Warum wollt ihr sterben? Warum wollt ihr verhaftet bleiben in Bedingungen, die durch Genuss unreifer Trauben entstanden sind? Es ist eben immer eine Frage des Wollens: Ob das man will, kleben an der Vergangenheit, sich abfinden mit dem stumpfen Gefühl auf den Zähnen, dem Belag, den man nicht zeigen mag... „Ich habe keinen Gefallen am Tod des Sterbenden", sagt Gott. Ein Satz, der uns bewegen will zum Wiederstehen gegen das scheinbar Unabänderliche mit Herz und Verstand. Einen, der das wie wenige gelebt hat, tragen wir ja heute Nachmittag zu Grabe, Pfarrer Christian Führer. Für das allgemeine Gedächtnis ist es vielleicht das eindrücklichste Geschehen, als sie am 9. Oktober 1989 in die Nikolaikirche einrückten, die Stasi-Büttel mit ihren Brotdosen und Thermoskannen. Dass er sich von der Demonstration dieses Ungeistes nicht einschüchtern ließ, sondern freundlich entlarvend die Emporen freihielt für das arbeitende Proletariat, das erst nach 16 Uhr kommen konnte. Gerade, was den Nachmittag des Tages betrifft, können einem ja heute Schauer über Rücken laufen über das wahre Angesicht des damaligen Staates DDR. Einer, der damals ab 16.00 Uhr auf den Emporen dabei war, hat mir erst bewusst gemacht: War denen, die da saßen, eigentlich klar, dass die eigenen Leute sie im Falle eines Falles mit über den Haufen geschossen hätten? Waren die einfach nur naiv - oder verblendet in ihren Unverletzlichkeitsphantasien? Waren da nicht nur die Zähne ideologisch abgestumpft, sondern, mit Verlaub, auch das, was sich im Kopf darüber befindet? Es wäre interessant, darüber etwas von denen zu erfahren, die damals im Kirchenschiff gesessen haben, es dürften ja noch genug davon leben.

Neuer Geist und neues Herz - die Größen, die Menschen Gerechtigkeit und Freiheit widerfahren lassen in dem was sie tun, denken und glauben, ja, auch wo sie sich aufhalten und wohnen wollen, sind nicht aufzuhalten von einem Ungeist, der die Menschen knechten will. Das ist die gute Nachricht, die sich in der Geschichte seit biblischen Zeiten ständig wiederholt. Wohl denen, die ihr Vertrauen darauf setzen. Und wohl uns, die wir Gott für Vorbilder wie Christian Führer danken können, die das auch konsequent durchgezogen haben in der Überwindung ihrer Angst vor dem Verlust ihres Lebens.

Wovon geht das nun aus, wie hier beschrieben, neu zum Leben zu kommen, loszukommen vom sauer-bitterlichen Traubengenuss der Väter, und gewissermaßen hin zu einer solche Selbst- Reanimation? Zwei Wege mögen da genannt sein, einer ist benannt, der andere zumindest angedeutet: Es geht um Umkehr, also um Abkehr von den auch in uns selbst ständig wiederkehrenden Ängsten und Vorurteilen, von den stumpfen Ohnmachtsgefühlen, in denen wir die Gedanken kreisen lassen und dabei nicht selten den anderen das Feld überlassen, die keine Hemmungen davor haben, ihre politischen und anderen Parolen dumpf und ungefiltert abzulassen. Das ist das eine.
Und das andere ist letztlich die Kraft der Vergebung: die Fehler der Alten zu benennen, sie zu analysieren - und sie zu vergeben und möglichst nicht wiederholen. Auch das ist ein Geist, der zur Bergpredigt gehört: Barmherzigkeit und Vollkommenheit sind dort ja sehr nahe zusammen gerückt.

Der Weg zum Leben hat damit zu tun: Nicht mit Vergessen, sondern mit qualifizierter Erinnerung an das, was mal die Zähne stumpf gemacht hat, mitunter einem ganzen Volk. Mit fürchterlichen Folgen. Am 6. Juli 2014 möge uns das zu denken geben, im Gedenken an das was vor 100 Jahren zum 1. Weltkrieg führte und heute, wo wir um einen Menschen trauern, dessen Gedächtnis in dieser Stadt schon deshalb lebendig bleiben wird, weil er in dem Geist handelte, der ins Leben ruft. Und so möge auch der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org