Predigt im Abendgottesdienst über 1. Kor 9,16-23

Liebe Gemeinde,
auf uns strömen viele Informationen ein täglich, manche mögen diese Tatsache als ein Überströmen, Überfluten empfinden. Und manche resignieren darüber und informieren sich nicht mehr. Der Umgang mit Informationen erfordert bewusste Entscheidungen. Ein befreundeter Journalist sagte mir einmal, er würde keine Zeitungsausschnitte aufheben. Das verblüffte mich. Jede und jeder unter ihnen, liebe Gemeinde, hat seine eigene Weise entwickelt mit Informationen umzugehen. Was lasse ich an mich heran aus Rundfunk, Fernsehen, Internet, welche Bücher oder Programmhefte hebe ich auf. Manchmal fällt es schwer loszulassen, dann aber wieder gibt es einen Grund etwas zu sammeln, um sich zu vergewissern oder auch sich engagieren zu können. Tief wurzelt dieser Informationsfilter in unserem bisherigen Lebensweg, den wir weitergehen und genau darin möglicherweise verändern wollen.
Vor einigen Wochen stieß ich auf einen Namen, einen der schwer auszusprechen ist. Und die Geschichte fesselt mich. Xu Zhiyong, ein chinesischer Rechtsanwalt, veranstaltet mit geschätzten 5000 Gleichgesinnten und Aktivisten Abendessen in vielen chinesischen Städten, eine förmliche Bewegung ist entstanden im größten Volk der Erde. In Wohnungen oder Restaurants treffen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit je verschiedenem sozialen Status, mit anderen Interessen und Zukunftsvisionen. Es sind Treffen auf Augenhöhe und in der Gemeinschaft einer Mahlzeit. Über gesellschaftliche Probleme wird diskutiert. Es ist der Anspruch dieser Bewegung vorrangig solche Fragen zu diskutieren, die die kommunistische Partei selbst zur Debatte in ihren Reihen freigegeben hat.
Es wird in dieser "Bewegung neuer Bürger" debattiert über Korruption, über Rechtsverstöße, über die Situation von Millionen Wanderarbeitern und ihren Familien, vor allem die sozialen Kälte unter den Kindern in dieser Situation; es wird diskutiert über sogenannte schwarze Gefängnisse, in die Funktionäre und Beamte missliebige Bürger stecken, die kritische Eingaben geschrieben haben. Xu Zhiyong spricht von der "Selbstkultivierung des chinesischen Bürgers" als Aufgabe. Der Anwalt und Juradozent hilft, wie viele andere auch. Er hilft Menschen, die die ihnen zustehenden Rechte in Anspruch nehmen wollen. Dafür wurde er schon in staatlichen Medien zum Vorbild erklärt. Die "Bewegung neuer Bürger" geht vorsichtig zu Veränderungen hin, will allen, auch den Parteikadern einen Weg der Hoffnung auf eine Kultur des Dialogs machen. Xu Zhiyong handelt gerade darin aus christlichen Glauben. Er bekennt sich zu Jesus Christus, öffentlich. Im April diesen Jahres wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt "wegen Störung der öffentlichen Ordnung durch Massenzusammenrottungen."
Xu Zhiyong stellt sein Programm unter die drei Worte: Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe. Und er meint diese Zuspitzung auf die Liebe hin im christlichen Sinn der Grenzüberschreitung des Menschen zu seinem Nächsten. Die Friedfertigkeit tausender Initiativen in dieser Bewegung wird mit der Einladung zu Mahlzeiten am Abend tatsächlich und im Sinnbild belegt. Diese Friedfertigkeit berührt in der Mischung aus der Offenheit eines Tischgespräches und der Möglichkeit dann konkret untereinander zu helfen. Als ich das erste Mal von den Grundsätzen dieser Bewegung las, dachte ich sofort an das bekannteste Wort des Apostel Paulus - ein Wort das so viele Menschen über ihr Leben
schreiben. Es steht gleichfalls in diesem ersten Brief an die Christen in Korinth. "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen" (1. Kor. 13,13).
Die Liebe zu den neu gegründeten christlichen Gemeinden im Römischen Reich treibt den Apostel. Es ist die Liebe zu den Menschen. Paulus schreibt: "Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne" (1. Kor. 9, 19). In der Liebe kommt es darauf an, dem anderen zu erklären, wo ich gerade stehe. Der Apostel benennt die Freiheit gegenüber allen Menschen, denen er begegnet. Denn die Liebe Gottes in der braucht am Anfang die freie Zustimmung, zumindest gehört die freie Zustimmung zu jeder wirklichen Berufung. Eine Beziehung aus Liebe geschieht von dem freien Entschluss her mich ergreifen zu lassen in dieser Liebe.
Der Apostel sieht die Grenzen der Freiheit und er sieht die Teilung in der römischen Gesellschaft in Bürger und Sklaven. Er will die Chance zur Verkündigung nicht auslassen - und versucht das den Korinthern deutlich zu machen. Er, Jude, Bürger des römischen Staates und Apostel will Sklave sein gegenüber jedem Mann und jeder Frau. Das geht nicht eigentlich. Wer kann die Seiten schon so ohne weiteres wechseln. Aber in der neuen Formation der christlichen Gemeinde geht das, denn in Christus, so ruft er den unterschiedlichen Gruppen zu, sind Trennungen, Grenzen, ist die Teilung aufgehoben. Darum kann der Apostel auch wie ein Sklave an der Tür klopfen und um Einlass bitten zum Abendmahl der Gemeinde. Ich kann nicht anders, sagt er. Wie ernst er das meint, wie sehr sein persönliches Dasein und seine Aufgabe in eins gehen, wie sehr er also anklopft als ein Bittsteller und Arbeiter, ein Sklave, das macht er deutlich durch eine Absage an eine Entlohnung für seine Dienste, obwohl er doch ein Recht dazu habe. "Dass ich das Evangelium predige ohne Entgeld und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache" (1. Kor. 9,18). Paulus positioniert sich.
In der Grundschrift Martin Luthers, in seiner Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" kämpft er sich durch zu einer klaren und verständlichen Einsicht, die der Position des Paulus noch ein weiteres hinzufügt, ein poetisches. Martin Luther schreibt: "Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe, gleich wie Christus." Von unserer Teilnahme an einer Fahrt zwischen Christus, mir selbst und meinem Nächsten ist die Rede. Eine freie Fahrt, die einmal einsetzt ganz von mir selbst her, meinen Bedürfnissen und meiner Not; eine freie Fahrt, die ein anderes Mal einsetzt bei Christus und mir Anteil gibt an immerwährender göttlicher Liebe; eine freie Fahrt, die oftmals anhält bei dem, was meinem Mitmenschen beschäftigt, was ihn/ sie erfreut, was ihm/ ihr an Geduld abverlangt wird. Dass Christen heute in Gefängnissen offensichtlich ungerecht einsitzen, fordert das Liebezeugnis heraus.
Die Fahrt, die einsetzt bei Christus und Anteil gibt an der immerwährenden Liebe hat der Apostel vielfach angetreten. Und er lässt nicht los und gibt nicht auf, er schreibt nach Gemeindebesuchen Briefe und will klar heraus sagen, wie das Zeugnis von Christus angenommen und verbreitet werden kann. Wem etwas wirklich wichtig ist, der oder die scheut sich nicht von sich selbst zu sprechen. Das Zeugnis des Apostels soll Juden erreichen und die Menschen, die unter Gesetz und Gebot leben und auch die Menschen, die nicht unter dem Gesetz leben - gemeint sind die Menschen, die Gott nicht kennen können aus den vielen Völkern der Erde. Und sein Zeugnis soll die Schwachen gewinnen, das bedeutet dem Apostel ein Leben im Gesetz Christi zu führen. Es heißt "den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne" (1. Kor. 9, 22). Liebe Gemeinde, der christliche Glaube kann überall einkehren. Deshalb will Paulus sich mit Menschen gemein machen, mit denen er nach seiner persönlichen Herkunft nichts zu tun hat. Ich stehe staunend vor der Tatsache, in wie viele kulturellen Zusammenhängen der christliche Glaube Platz gefunden hat. Es ist heutzutage das Leben in der freien Annahme der christlichen Botschaft, das Menschen neu verbindet in China oder Korea, in Russland oder in den USA. Mit diesen an Grenzen gehenden Worten hat der Apostel Paulus die weltweite Kirche mitbegründet.
Der Apostel zielt auf die Schwachen und denkt dabei gewiss an die Bedürftigen an Leib und Seele. Darin sieht er einen Liebesdienst. Und nochmals zugespitzt: Auch die, die in ihrer Glaubenspraxis vielleicht als schwach einzuschätzen sind, sollen Schwester und Brüder im Geist sein. Zu ihnen begibt sich der Apostel, ihnen gleicht er. Wer hier unter uns wollte sich nicht als bedürftig oder schwach und hoffentlich empfangsbereit in den Glaubensdingen nennen lassen? In der Gemeinde finden wir viele, die bedürftig sind. Ich denke hier einmal an die Ehrenamtlichen, das sind die vielen, die helfen und gestalten. Wenn hier nicht ein inneres Bedürfen sich melden würde, so wären es nicht viele. Und wenn dieses Bedürfnis nicht auch gestillt würde, so wären es gleichfalls nicht viele. Nun sind es aber ganz erstaunlich viele, die sich hier in der Gemeinde engagieren. Und es ist wohl bewusst, dass mit der wunderbaren Musik, den feierlichen Motetten und besonderen Gottesdiensten die Seele dankbar satt wird. Ist aber in gleicher Weise bewusst, dass das Ehrenamt aus starkem Bedürfnis, auch Bedürfnis nach Achtung gelebt wird? Es tut gut dies anzuerkennen und denen im richtigen Moment zu danken, die hier aktiv sind. Die Liebe Jesu lebt den inneren Grund unserer Gemeinschaft, in dem möglichst jeder/ jede mit wenigstens einem Menschen diese Verbundenheit erlebt.
Vor einigen Tagen besuchte ich die evangelisch-lutherische Gemeinde Deutscher in St. Peterburg. In der evangelischen Petrikirche stellte uns der Pfarrer zunächst der ehrenamtlichen Leiterin des Posaunenchores vor, die mit Instrumenten in der Hand die Treppe zum Probenraum heraufstieg. Wenig später schloss der Kollege eine Tür zum Kellergeschoss auf und zeigte uns das unter der Kirche befindliche Schwimmbad. Seit 1963 sprangen zahllose Petersburger vom Beckenrand ins Wasser, die Emporen waren zu Rängen umgebaut worden und im ehemaligen Altarraum stand der Sprungturm 10 m hoch. Im Zuge von Umbau und Wiedereröffnung der Kirche schenkte der amerikanische Künstler und Friedensaktivist Matt Lamb der Gemeinde ein Stück Lebenszeit und Kunst. Er malte das Kellergeschoss aus. Da sehen die Besucher viele Gesichter, farbenfroh - und mit suchenden Augen. Da sind bunte Regenschirme unter Gewölbebögen aufgespannt. Sie zeigen, dass auch der Himmel herabschaut in die Tiefe, in die Abgründe des Lebens. Ein Künstler hat sich in ein Amt rufen lassen, der Gemeinde ein Aufatmen und etwas Leichtigkeit nach der Verfolgung zu schenken. Ein Achtungszeichen, das von Liebe zeugt auf dickem sowjetischen Stahlbeton.
Xu Ziyong spricht von der Liebe, die er in die Gesellschaft tragen will. Politische Abendessen finden im fernen Osten statt. Die Liebe Christi kennt keine Grenzen. Ich versuche mich auf dieses Zeugnis aus der Ferne einzulassen - das Gebet im kleinen Kreis in der Wohnung; die Bibelkreise, die die Hauskirchen, die sich "Heilige Liebe" nennten, veranstalten; das freie Gespräch, das unter Christen und Buddhisten dort stattfindet, wirklich. Sollten wir darüber reden und uns belesen, was in diesem größten Land der Erde geschieht? Ich tue das selten. Ich will nicht nur stehen und da sein hier. Ich möchte stehen bei denen, die dort und in der Ferne leben. Und ich bitte Gott, mache auf solchem Weg meinen Glauben reich. Dein Evangelium hat diesen Wortklang von Freiheit, von Gerechtigkeit, von Liebe, niemals ohne Liebe.
Amen.