Predigt über Lukas 19,1-10

Predigt über Lukas 19,1-10 und BWV 194 „Höchsterwünschtes Freudenfest" (Kirchweihkantate)

Kanzelgruß
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Lied: EG 155, 1-4 Herr Jesus Christ...

Praeloquium
Lasst uns, liebe Gemeinde, unsere Gedanken richten auf jene Erzählung vom Zöllner Zachäus, in dessen Haus unser Herr Jesus Christus eingekehrt ist. Lasst uns bedenken, wie er auch bei uns einkehrt um unsere Herzen und Sinne zu wenden. Wenn wir nun davon hören, so bitten wir Gott um das Geleit seines Heiligen Geistes und beten:
Vaterunser...

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,1-10

Liebe Gemeinde,
„Höchsterwünschtes Freudenfest", diese wunderbare Kantate dürfen wir heute hören! Einst von Johann Sebastian Bach geschrieben zur Einweihung der Störmthaler Orgel hier ganz in der Nähe im Jahr 1723. Eine Kantate zur Orgelweihe bzw. zum Kirchweihfest, der feierlichen gottesdienstlichen Einweihung einer Kirche. Sie ist damit verbunden, Gott um seine Gegenwart in all dem zu bitten, was hier geschehen wird -im Bewusstsein, dass er sich nicht in Kirchen zwingen lässt. Wir können die Freude heute noch mitempfinden über den damals geschaffenen nachhaltigen Wert. Wir können es vor allem auch jetzt und hier und heute in Leipzig, wenn man bedenkt, welche Werte hier gerade entstehen: Zwei Orgeln in der neuen Universitätskirche und eine katholische Kirche mit einer neuen Orgel unweit von hier. UMD David Timm wies am Rande unserer Gesprächsreihe im Thomascafe während des Bachfests zutreffend darauf hin: Die Zeit, die wir hier gerade erleben, ist diesbezüglich nur mit der Gründerzeit vergleichbar. Und in der Tat, wenn man sich die Möglichkeiten überlegt, all die originalen Orte hier, die keineswegs museal, sondern belebt sind, gefüllt mit Geist und Musik und in dieser Woche noch mehr als sonst mit Menschen aus aller Welt - was für ein Freudenfest ist es auch, das Bachfest, hocherwünscht in jedem Jahr.

Etwas Hocherwünschtes gibt es auch im Leben dessen, der uns im Evangelium des Kirchweihfestes begegnet: der Zöllner Zachäus. Vielen von uns ist er seit Kindertagen bekannt als der, der auf einen Baum steigt, um Jesus zu sehen. Klein ist er von Gestalt, schreibt Lukas und als oberster der Zöllner unbeliebt im Volk. Sie zeigen ihm in Jericho die kalte Schulter. Er sieht die Menschen nur von hinten, wie sie ihm den Rücken zudrehen und ihm die Sicht nehmen. So weicht er seinerseits aus auf einen Baum. Und da hängt er nun, zwischen den Leuten, die er arm gemacht hat und seinem Beruf, der ihn reich gemacht hat aber mit der Sehnsucht, dass es doch mehr geben möge als das, was mit Geld zu kaufen ist. Das will er sehen. Und: Er will gesehen werden. Von dem, der unter diesem Baum durchgehen wird. Der fähig ist, Menschen mit dieser Sehnsucht nach Leben und nach Aufbruch aus ihrer beklemmenden Situation zu helfen, in die sie sich durchaus auch selbst gebracht haben. In dem, wie Lukas ihn schildert, erscheint Zachäus als Prototyp, der uns eines vor Augen stellt: Wie es ist, wenn in uns ein Zusammenspiel bestimmter Kräfte verhindert, uns zu entwickeln und zu entfalten: Wo eine Position im öffentlichen Leben dazu führt, dass Leute auf uns herunter gucken. Oder: Weil wir schlicht klein bleiben, obwohl wir aufgestiegen sind. Oder: Weil wir kleinkrämerisch nur auf das gucken, was wir für uns selbst heranscheffeln können. Der gerade verstorbene Journalist Frank Schirrmacher hat das als ein Merkmal auch unserer heutigen Gesellschaft analysiert. Und bezeichnete sich selbst als Zeugen eines Denkens, „das zwangsläufig in die Privatisierung von Gewinnen und die Vergesellschaftung von Schulden führte." Vielleicht war es das, was Zachäus auf die anderen wirken ließ wie ein rotes Tuch - die Vergesellschaftung von Armut und Schulden ohne jede Hemmung.

Allerdings, und das lässt ihre Reaktion erahnen, über den Besuch Jesu im Haus des Sünders zu murren: Ihr Motiv ist sozusagen die Vergesellschaftung von Schuld - Schuld im Singular. Er, der Oberste der Zöllner, ist der Buhmann, die Persona non grata. Die Zöllner, man hätte sie damals sicher gerne abgeschafft, standen sie doch in dem Ruf, unrechtmäßig Gelder abzuzweigen und ihre Machtposition schamlos auszunutzen. Jericho war eine Oase und an einer wichtigen Handelsstraße gelegen und man konnte sie und den fälligen Zoll kaum entgehen. So lag es nahe, ihn als Einschränkung der persönlichen Lebensentfaltung zu empfinden und ihn mit dem Makel zu behaften, einem doch nur das eigene Geschäft zu erschweren. So, wie auch heute nicht zu übersehen ist, mit welchem Motiv man sich so manchen Zolls zu entledigen versucht, etwa mithilfe eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA. Aber da werden ja nicht um der Entbürokratisierung wegen Zölle aufgehoben, sondern etwas ganz anderes wird preisgegeben: mühsam errungene Regularien, demokratische Beschlüsse und Willenskundgebungen werden ja möglicherweise ohne demokratischen Beschluss kassiert. Es ist sicher nicht verkehrt, heute die Frage zu stellen: Was würde mit dem Bachfest, wenn es nicht als staatlich subventionierte Kulturveranstaltung betrachtet würde, sondern als subventionierter Wirtschaftsbetrieb? Und ein Mitbewerber kultureller Veranstaltungen die Streichungen der Subventionen verlangen könnte - oder sein eigenes Recht darauf geltend macht? Dann stünde es wohlmöglich schlecht um Zuzahlungen im Kulturbetrieb. Die Zöllner und ihren Zoll abzuschaffen, um es auf diesen Nenner zu bringen: Keine gute Idee!

Und so hat auch Jesus ein Auge auf diesen Zöllner, der sich zwar im dichten Maulbeerlaub vor den Menschen versteckt, aber zugleich doch gesehen werden will. Denn wer will nicht aussteigen, heraustreten aus den durchaus auch selbstverschuldeten Zwängen und Verstrickungen? Jesus nennt Zachäus bei seinem Namen - und macht damit den Menschen hinter all dem sichtbar, was er tut, was er auch an Falschem tut, den Menschen, der als Mensch unabhängig davon Würde besitzt: „Zachäus, steige eilend herunter, ich muss heute in deinem Hause einkehren." Er bleibt unter dem Baum stehen, dort, wo Zachäus hängt zwischen der Realität und den Sehnsüchten seines Lebens. Und es ist keine Moralpredigt, die er ihm hält: Komm runter von deinem hohen Ross, deinem hohen Baum. Er sagt: Ich komme in dein Haus. Heimsuchung ist das. Im besten Sinne. Und auch im doppelten. Denn es ist zwar sein Haus gemeint, in das Jesus einkehrt - aber auch Zachäus selbst. Sein Innerstes. Wo er eigentlich beheimatet sein sollte. Dort soll er heute noch ankommen. Bei sich. Er sieht Zachäus als einen Menschen, der eben nicht bei sich selbst zuhause ist, sondern in einem Haus haust, das einsam ist. Zachäus fühlt sich darin nicht nur gesehen, sondern anscheinend auch erkannt. Eilends steigt er herab, das hocherwünschte Freudenfest kann beginnen, so, wie es in der heutigen Kantate heißt: „Unendlich großer Gott, ach wende dich, zu uns, zu dem erwähleten Geschlechte. Du, den kein Haus, kein Tempel fasst, lass dir dies Haus gefällig sein... Drum lass dein Auge offenstehen und gnädig auf uns gehen." Zachäus ist gesehen worden als Mensch. Als einer, der sich in eine lächerliche Position begeben hat, der alles von oben herab betrachten wollte - und sich größer machen als er ist. Darin ist er gesehen - aber nicht beschämt worden, so wie es unter uns ja oft zugeht. Denn wie gehen wir um mit Leuten, die sich aus unserer Sicht aufplustern und dabei am Ende doch nur sind wie Zachäus: im höchsten Maße verunsichert über ihre Position - und manchmal hilflos in der Wahl ihrer Mittel. So wie die murrende Menge, die Zachäus darauf behaften möchte.

Nun, damit kann man es sich immer leicht machen, ein gängiges Muster, die Verantwortlichkeit für die Missstände bei anderen zu sehen und sich selbst auf der Seite der Richtigen, der Wahren, der Frommen. Es muss uns zu denken geben, mit welcher Selbstverständlichkeit man sich gerade auch in kirchlichen Kreisen zu den Guten und Gerechten zählt. Besonders sichtbar wird das gegenwärtig an der in manchen Gegenden unserer Landeskirchen hochdiskutierten Frage der Lebensgemeinschaften homosexueller Pfarrerinnen und Pfarrer im Pfarrhaus. Wie manche sich da aufführen, die das ablehnen, mit welcher Verachtung für das Haus der sog. Sünder und mit welcher kalten Schulter! Bedauerlicherweise hängt unsere Kirche mit der Diskussion darüber mindestens 30 Jahre hinterher. Andere sind viel weiter bei dem, was in dieser Geschichte ja ein ganz wichtiger Punkt ist: Menschen wie Zachäus, die letztlich zwischen allem hängen, zwischen dem Blick der anderen und ihrem eigenen Wunsch, offen leben zu können, wie man ist, endlich den Weg in ein Zuhause zu ermöglichen. Darum geht es Jesus doch!!!! Dass man all die verschiedenen Zachäus-Typen nicht in den Bäumen hängen lässt, sondern sie hereinholt in die gemeinsame Diskussion über die Zukunft unserer Gesellschaft. Dass sie herabsteigen können von den Bäumen, auf die sie gestiegen sind oder auf die sie sich von uns getrieben fühlen und auf Abstand gehen. Und dass wir auch denen den Weg ins Leben offen halten, die wir nicht gerade schätzen, von denen wir uns aber ebenso gern als die Guten abheben möchten. Und für uns selbst begreifen, wie es im Rezitativ des Soprans in der Kantate heißt: „Wie könnte dir, du höchstes Angesicht, da dein unendlich helles Licht bis in verborgne Gründe sehet, ein Haus gefällig sein? Es schleicht sich Eitelkeit allhie an allen Enden ein."
In der Tat, so ist es. Darum kann es auch am Ende der Geschichte nicht nur um eine teilweise Besserung des Zachäus gehen. Der Höhepunkt dieser Geschichte ist nicht, dass da einer am Ende nur etwas bereut und gelobt, es eben besser zu machen - und daran vielleicht schon wieder scheitert mit den bekannten Folgen. Der Höhepunkt ist vielmehr, dass das Heil in diesem Haus wirklich eingezogen ist. Dass da etwas grundlegend auf den Kopf gestellt wird. Denn ist sein Versprechen realistisch, die Hälfte des Besitzes den Armen zu geben und vierfach zurückzugeben, wo man betrogen hat? Ersteres vielleicht noch, letzteres klingt schon auffällig nach gutem, nicht einzuhaltenden Vorsatz - und das wäre am Ende doch ein enttäuschender Ausgang der Geschichte. Es geht um mehr und das macht der Erzähler Lukas auch deutlich. Nämlich: Dass sich in diesem Versprechen des Zachäus eine innere Wende bei ihm abzeichnet, die mit dem Herabsteigen vom Baum beginnt, wo er seinen distanzierten Beobachtungsposten aufgibt. Dass Jesus bei ihm einkehrt, verändert ihn grundlegend: In seiner Selbstwahrnehmung muss Zachäus nun nicht mehr der reiche Zöllner sein, den alle fürchten, um ein erfülltes und stimmiges Leben zu führen. Er gewinnt einen neuen Lebensmittelpunkt: Er kann seine Kleinheit akzeptieren, er erwacht aus seinen Träumen über eine falsche Größe. Er kann auch selbst nach Hause kommen, in sein Haus. Da kommt einer im wahrsten Sinne des Wortes zu sich. Und kann damit gerade Zöllner bleiben. Lukas erzählt nicht davon, dass er alles aufgibt, sein ganzes Leben ändert und Jesus nachfolgt usw. Das gibt es zwar auch - aber diese Geschichte ist uns vielleicht gerade deswegen so nah und so bekannt, weil sie dicht am Leben dran ist. Wie können die bleiben, die wir sind - und wir können uns als die, die wir sind zugleich verändern und verändern lassen. Wir können es, wenn wir begreifen, was Zachäus begreift und was im achten Satz der heutigen Kantate in der Tenorarie so heißt: „Des Höchsten Gegenwart allein kann unserer Freuden Ursprung sein. Vergehe, Welt, mit deiner Pracht, in Gott ist, was uns glücklich macht."

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org