Predigt im Abendgottesdienst über 2. Kor. 13,11-13 und EG 139

Gnade sein mit Euch und Friede von Gott, unserm Vatr, und unserm Herrn Jesus Christus.

 „Wie hätten Sies denn gern? - Ein wenig hiervon und ein wenig davon? Ja? Ists so recht? Hier die fünf Strohsterne und die schöne CD mit Weihnachtsliedern mit den Thomanern? Ja, die Weihnachtsstimmung ist doch das beste; die nehmen Sie auf jeden Fall, niwahr? Und dann noch ein paar Ostereier, ein wenig Auferstehungssonne, ja? Und das Kreuz natürlich - nein? Das ganze Kreuz ist Ihnen zuviel? Darfs dann wenigstens ein kleiner Splitter sein? Es komm' ja auch mal traurige Zeiten, gell? Aber wie machen wir es mit den Feuerflammen von Pfingsten? Das krieg ich gar nicht in die Tüte rein. Ach das lassen wir dann einfach mal weg, es kann sich sowieso kaum jemand was vorstellen unter „Heiliger Geist". - So, das wäre dann alles in allem ein prima Angebot. Mein Kompliment: Sie haben da eine gute Entscheidung getroffen, eine wirklich coole Auswahl."

Wie? Liebe Gemeinde, ich hör wohl nicht richtig! Bei diesem Glaubensekklektizismus wird mir einfach speiübel. So nicht!

„So nicht", liebe Gemeinde. Wie aber dann? Was können wir glauben, was dürfen wir hoffen?

Der heutige Sonntag gibt uns Gelegenheit, uns den Grund unseres Glaubens zu vergegenwärtigen. Wir feiern Trinitatis, das Fest der Dreifaltigkeit. In ihm bekennen wir uns zum dreieinigen Gott. Der dreieinige Gott: Unser Gott ist drei in Eins. Ist Vater, ist Sohn, ist Hl. Geistkraft. Gott hat dreifache Gestalt und ist doch gleichzeitig eins.

Um Gott als dreieinigen Gott zu begreifen, braucht es Hilfsmittel, braucht es Bilder, Texte, Lieder. Ich werde deswegen in dieser Trinitatispredigt dem Predigttext aus dem 2. Korintherbrief ein Lied an die Seite stellen, das Wochenlied, dessen erste drei Strophen wir eingangs gesungen haben.

Doch hören Sie zunächst den Predigttext aus 2. Kor. 13:

11Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
12Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.
13Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!


Zurecht stutzen Sie. Diesen Gruß des Paulus kennen Sie in- und auswendig. Hier an St. Thomas ist er fester Bestandteil der gesungenen Eingangsliturgie. Im Predigttext nimmt er genau im Gegenteil keine Eingangs-, sondern eine Schlussposition ein. Der Gruß bildet den Abschluss des zweiten Korintherbriefs. Wie heute noch Briefschlüsse hat auch er formelhaften Charakter: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!" Das ist Formel und Wunsch zugleich. Begleitet werden die Wünsche von Ermahnungen an die Gemeinde. Es wimmelt da förmlich von Imperativen:
- freut euch,
- lasst euch zurechtbringen,
- lasst euch mahnen,
- habt einerlei Sinn,
- haltet Frieden!

Ich will versuchen, die Ermahnungen, die Paulus der Gemeinde in Korinth schreibt und die ich nach der Lutherbibel gelesen habe, in heutige Formulierungen zu übertragen:
- freut euch ... merkt ihr nicht, dass 'fun haben' und die Freude darüber, dass ihr Gemeinde Jesu Christi seid, zwei vollkommen verschiedene Dinge sind?
- lasst euch zurechtbringen ... macht euch den Trost, der euch von Gott angeboten wird, bewusst, nehmt diesen Trost an und hört auf zu jammern und zu mosern,
- lasst euch mahnen ... nehmt Kritik an oder denkt wenigstens darüber nach,
- habt einerlei Sinn ... seid Euch einig, wenns drauf ankommt,
- haltet Frieden ... hört auf, Euch untereinander zu zerfetzen!

Paulus ist sich sicher, dass nur so, dass nur unter diesen Voraussetzungen Gemeindearbeit gelingen kann. - Im Herbst diesen Jahres stehen hier an unserer Gemeinde wie in der ganzen Landeskirche Sachsen wieder Wahlen für den Kirchenvorstand an. (Sie wissen vielleicht, dass ich selbst auch zum Kirchenvorstand von St. Thomas gehöre.) Würden wir Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher von St. Thomas, würde die Gemeindeleitung die Ermahnungen von Paulus annehmen? Wären wir oder besser: sind wir bereit, darüber nachzudenken und zu diskutieren, was die Arbeit der Gemeinde segensreich macht?

Doch zurück zu Paulus, zurück zur Gemeinde in Korinth. Unser Predigttext, der Schluss des zweiten Briefs steckt einerseits voller Ermahnungen, andererseits schlägt er sehr versöhnliche Töne an. Diese Versöhnlichkeit vermögen wir womöglich gar nicht mehr so herauszuhören. Aber es ging hoch her in Korinth, Paulus hatte scharfer Gegenwind ins Gesicht geweht. Einige Strömungen in der Gemeinde hatten seine Autorität als Apostel total in Frage gestellt. Vielleicht sollten wir das wissen und im Hinterkopf haben, wenn wir die geradezu väterlichen Ermahnungen Paulus' an seine Gemeinde heute lesen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Aufforderung zu verstehen, sich „untereinander mit dem heiligen Kuss" zu grüßen. Es geht hier nicht um kultisches Abknutschen oder schwülstig aufgeladene Handlungen vor dem Altar. Nein, sich „mit dem heiligen Kuss" zu grüßen, wie es Paulus formuliert, bedeutet einfach, einander mit einer besonderen Geste zu begegnen. Mit einer Geste, die besagt:
- Du bist mir nicht egal.
- Der Glaube schafft eine besondere Verbindung zwischen uns.
- Gemeinsam Abendmahl zu feiern, ist etwas Besonderes und dem verleihe ich Ausdruck mit einem besonderen Gruß.
[Ohne irgendjemandem von Ihnen zu nahe treten zu wollen, lade ich dazu ein, nachher am Ende des Abendmahls eine solche Geste füreinander zu finden ... natürlich absolut auf freiwilliger Basis.]

Den letzten Satz des Briefschlusses bildet also eine Formel. Von der „Gnade Jesu Christi", auch von der „Liebe Gottes" handelt Paulus an vielen anderen Briefstellen, so zB im Brief an die Römer. Aber die Nennung der drei göttlichen Personen so ausdrücklich nebeneinander - das hat es so vorher noch nicht gegeben. Das ist neu. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist: das geht uns heute so einfach von den Lippen. Paulus verwendet eine derartige triadische Formel hier zum ersten Mal. Die Formulierung ist noch unbeholfen, so scheint es. Vielleicht auch als Trinitätsbekenntnis gar nicht auf den ersten Blick zu erkennen:
„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!"

Diesem sehr frühen, in eine Formel gegossenen Bekenntnis zur Dreieinigkeit bei Paulus möchte ich ein trinitarisches Zeugnis aus einer ganz anderen Zeit an die Seite stellen. (Wie eingangs angekündigt, wird uns jetzt das Wochenlied „Gelobet sei der Herr", dessen erste drei Strophen wir vor der Predigt gesungen haben, noch näher beschäftigen.)
Den Text dichtete 1665 Johann Olearius, von dem heute noch verschiedene Lieder im Evangelischen Gesangbuch stehen. Olearius hatte in Wittenberg Theologie studiert. Seine theologische Prägung war durch und durch lutherisch. Anders als in Paulus' zaghaftem triadischen Formelversuch haben wir es beim Liedtext von Olearius mit einem ausgereiften Bekenntnis zur Dreieinigkeit zu tun.

Den ersten drei Strophen will ich im folgenden einige Aufmerksamkeit widmen. Wenn Sie wollen, können Sie den Text der drei Strophen auf Ihrem Gottesdienstblatt mitverfolgen.

Zunächst fällt auf, dass die ersten Zeilen der Strophen 1 - 3, die den Vater, den Sohn bzw. den Heiligen Geist thematisieren, nahezu identisch sind und nur in einem Wort variieren. In diesen Zeilen werden jeweils ihre markantesten und dabei differenzierenden Merkmale benannt. Gleichzeitig wird deutlich, dass die drei in einer bestimmten Eigenschaft gleich, ununterscheidbar und vereint sind: Sie - alle drei - sind „Herr", sind „Gott", sind „Leben". Zusätzlich ist dann in diese wiederkehrende erste Zeile jeweils ein unterscheidender, kennzeichnender Begriff eingefügt: Licht, Heil und Trost. Diese drei Begriffe - man könnte sie als Signalwörter bezeichnen - sind den drei Personen der Trinität zugeordnet (appropriiert). Uns, der Gemeinde, werden beim dreimaligen Singen der ersten Zeile ein Signalwort und die jeweilige „Zuständigkeit" bereits in den Mund gelegt: Gott Vater ist Licht, Gott Sohn ist Heil, Gott Heiliger Geist ist Trost.
- Mit „Licht" wird die Schöpfung assoziiert und an den Schöpfungsakt Gottes erinnert, der mit den Worten beginnt: „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht (Gen. 1, 3)."
- Von „Heil" ist es ein kurzer Weg zu „Heiland", Name für Jesus Christus.
- Mit „Trost" verbindet sich als Personifikation der „Tröster", den Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mit der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten angekündigt hatte.

Auffällig ist, dass allen drei von mir so genannten Signalwörtern das Possessivpronomen „mein" beigegeben ist. Gott der Schöpfergott: er ist mein Licht. Gott als Erlösersohn: er ist mein Heil. Gott als Tröstergeist: er ist mein Trost. Innerhalb der trinitarischen Gotteserfahrung scheint Gott eine persönliche Beziehung zu jedem einzelnen Gläubigen zuzulassen, ja zu wünschen. Und in umgekehrter Richtung gedacht und geglaubt, trifft das mehrfach genannte „mein" eine Aussage über mich in Bezug auf die Trinität. Als Gläubige rede ich mit „mein" keine Sachen oder Dinge an, sondern eine Person. Drei Personen in der Einheit. Eine Person in der Dreiheit. Sie ist Gott. So ist Gott.

1) Gelobet sei der Herr, / mein Gott, mein Licht, mein Leben,
mein Schöpfer, der / mir hat mein Leib und Seel gegeben,
mein Vater, der mich schützt / von Mutterleibe an,
der alle Augenblick / viel Guts an mir getan.

Auch ein Blick auf die erste der drei Strophen im einzelnen lässt die persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott erkennen. Er ist nicht nur der Schöpfer der Welt, der das Licht von der Dunkelheit schied, sondern Gott hat auch mich geschaffen, hat mir mein Leben gegeben: „Leib und Seele", also das Leben in all seiner Vielfalt an Körperlichkeit und Transzendenzfähigkeit. Doch Gott bleibt als Schöpfer nicht beim Erschaffen stehen; er überlässt sie (die Welt) nicht sich selbst, er überlässt mich nicht mir selbst. Vielmehr schützt und erhält er auch die, die er geschaffen hat. Beides, Schaffen und Erhalten, sind die Eigenschaften, die Gott Vater ins sich vereint.

2) Gelobet sei der Herr, / mein Gott, mein Heil, mein Leben,
des Vaters liebster Sohn, / der sich für mich gegeben,
der mich erlöset hat / mit seinem teuren Blut,
der mir im Glauben schenkt / das allerhöchste Gut.

Ein Blick in die zweite Strophe, auf Gott den Sohn, zeigt, dass hier Stationen aus Jesu Biografie keine Rolle spielen. Weihnachten, seine Geburt, etwa bleibt unerwähnt. Einzig Jesu Sieg über den Tod durch sein Sterben am Kreuz ist hier wichtig. Auch diese Strophe fährt fort, die Beziehung zu Gott, hier dem Sohn, als sehr persönliche zu gestalten: er hat sich für mich gegeben, er hat mich erlöst, er schenkt mir den Glauben.
Mit der Formulierung „des Vaters liebster Sohn" scheint ein Aspekt der Trinität auf, der manchmal schwer zu fassen ist: Auch die drei Personen der Trinität treten untereinander in Beziehung, hier wird das ganz deutlich: Gott Vater liebt Gott den Sohn. Aus dieser innertrinitarischen Beziehung heraus wendet sich Gott uns Menschen zu.

3) Gelobet sei der Herr, / mein Gott, mein Trost, mein Leben,
des Vaters werter Geist, / den mir der Sohn gegeben,
der mir mein Herz erquickt, / der mir gibt neue Kraft,
der mir in aller Not Rat, / Trost und Hilfe schafft.

Und schließlich sei mir ein Blick auf die dritte Strophe vergönnt: auf Gott den Heiligen Geist.
Auch hier wirken die drei Personen der Trinität zusammen: der Vater wird erwähnt, der Sohn als Geistgeber charakterisiert; im Mittelpunkt steht jedoch der Hl. Geist. Alles das, was der Geist bewirkt, zählt diese dritte Strophe so auf, dass es gar keiner Interpretation bedarf:
- Der Geist erquickt das Herz, macht lebendig, schafft neues Leben. [vgl. 'quick' - lebendig]
- Er gibt neue Kraft.
- Er steht bei in Notsituationen und bedrängenden Lebenslagen: Er gibt Rat, spendet Trost, hilft.

Am Ende blicke ich zurück:
- Ein Briefschluss mit ersten zaghaften Ansätzen einer Trinitätsformel bei Paulus.
- Ein ausgereiftes dogmatisches Credo in Gestalt eines Kirchenlieds in unserm Gesangbuch.
Was können wir aus diesen Formulierungen, aus dem Formelhaften herausziehen, was lernen? Was begleitet uns nach Hause?

Die Erkenntnis, wie reich an Gestalt und an Wirken der Gott ist, den wir bekennen, an den wir glauben. Manchesmal scheint er uns verborgen, ist er nicht zu begreifen. Im Fest der Trinität aber wird das Lob dieses Gottes gesungen - „ dem wir das Heilig jetzt / mit Freuden lassen klingen" -; im Fest der Trinität wird das Glaubensangebot der drei in einen Personen Gottes für uns, für mich erneuert.

Machen Sie sich, liebe Gemeinde, die Freude und nehmen sich heute Abend zu Hause im unscharfen, manchmal beklommenen Dämmer zwischen Sonntag und Alltag die Zeit für eine halbe Stunde Musik: Johann Sebastian Bach hat in seiner Choralkantate „Gelobet sei der Herr" all dem, dem ich ganz unzulänglich versucht habe mit Worten gerecht zu werden, seinen unvergleichlichen musikalischen Ausdruck gegeben.
Damit Sie die Kantate im Internet besser finden: Sie hat die BWV-Nr. 129.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und unser Beginnen in Christo Jesu. Amen.


Prädikantin Dr. Almuth Märker
almuth.maerker@web.de