Dialogpredigt zum Bachfest 2014: J.S. Bach, Magnificat

Die Predigt wurde von Pfarrer Stephan Bickhardt und Pfarrerin Britta Taddiken gemeinsam gehalten, der Gottesdienst fand auf dem Marktplatz statt. Solisten, Thomanerchor und Gewandhausorchester führten in diesem Gottesdienst das Magnificat (D-Dur) von Johann Sebastian Bach auf.
Dialogpredigt am Sonntag Trinitatis, 15. Juni 2014 Bachfest: Gottesdienst auf dem Marktplatz

Stephan Bickhardt:
Liebe Gemeinde,
Magnificat anima mea Dominum, meine Seele erhebt den Herrn- das Magnificat von Johann Sebastian Bach - ein prophetischer Gesang, heute unter freiem Himmel. Es geht unter die Haut dieses Stück, es tröstet die, die niedergeschlagen sind. Marias Lied geht seit Jahrhunderten um die Welt und richtet Menschen auf. Und das wollte Bach - denn auch er kannte die Sorge um Angehörige, vor allem um die Kinder. Aber er teilte auch das Gottvertrauen der Maria.
Ein Zielwort in diesem Lied für die Hingabe Gottes an den Menschen, der noch etwas erwartet, lautet Barmherzigkeit. Im diesem Lied heißt es, "er gedenkt seiner Barmherzigkeit". Gott selbst erinnert sich seiner Barmherzigkeit, die er vielfach den Menschen gezeigt hat. Gott erinnert. Gott ist eingedenk seiner Geschichte mit uns. Seine Zuwendung, die wir morgen erfahren, war gestern schon kräftig bei uns und unter anderen. Und unsere Zukunft soll getragen sein von allem Guten der vergangen Tage.
Ist Gott das Gedächtnis für die guten Taten, solche Taten, die nicht machtbesoffen Leute erniedrigen? Johann Sebastian Bach hat dieses Wort vom Gedenken an die Barmherzigkeit vergangener Zeiten in ein Terzett, einen Gesang für drei Stimmen gefasst. Ruhig und getragen begegnen sich die Stimmen. Kein Wetteifern, sondern ein Durchdringen, ein Gegenwärtighalten des Vergangenen. Die Wahrheit über die Barmherzigkeit, die wir in unserem Leben erfahren haben, schwebt im Ton über den Platz und die Worte fließen ineinander. Mit einer Stimme wird gesagt: "Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf." "O welch eine Tiefe des Reichtums" wird dem Menschen hier erwiesen und bewusst, dem Menschen, der Hilfe erfährt, oftmals so unerwartet. Und in der Not kann die Hilfe intensiv, dankbar empfunden werden.
"O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!" Mit diesen Worten beginnt der Predigttext aus dem Römerbrief. Der Apostel Paulus denkt im Zusammenhang dieses Briefes nach Rom an Barmherzigkeit Gottes. Und er ist überzeugt: Sie greift in unser Leben ein. Für mich ist etwa eine Sache unvergesslich, die sich bei den letzten Kommunalwahlen der DDR vor 25 Jahren zugetragen hat: Hier auf dem Marktplatz versammelten sich junge Leute. Jeder hatte einen weißen Zettel dabei. Den wollten sie in die Wahlurne einwerfen. Und damit zum Ausdruck bringen: Wir machen nicht mehr mit, wir gehen nicht wählen, wo es nichts zu wählen gibt. Einige wurden verhaftet. Ironie der Geschichte: Polizei und Staatssicherheitsdienst machten die Aktion damit erst richtig bekannt.
Und was haben die jungen Leute untereinander erlebt: viel Hilfe. Ihre Namen wurden in Leipzig bekannt macht und viele hielten das aus und hielten zusammen. Sie spürten: Die Barmherzigkeit Gottes kann Wege mit uns gehen, die nicht immer gerade verlaufen! Einen Weg gehen wie ein Lied gesungen wird, in einem festen Kreis von Menschen, mit einer Melodie! Es ist zu erzählen von den Liedern, die einen Anfang und ein Ende kennen und uns nichts von einer unendlichen Geschichte weismachen wollen. Das kann ich sagen, weil ich der Zusage vertraue, das in ihm, in Gott alle Dinge sind und alles in diese Richtung drängt: Gott zeigt auch künftig sein Erbarmen!

Britta Taddiken:
Und dass das schon spürbar ist, jetzt und hier: dafür steht Maria! Eine Frau, die von Gott aus dem Abseits der Geschichte in den Mittelpunkt gerückt wird. Vor dem Gesetz ohne Rechte - aber von Gott dazu ausersehen, dass er durch sie zur Welt kommt! Hier singt eine Frau von der Umwertung all dessen, was auf der Welt als mächtig, wertvoll und erstrebenswert gilt. Aber nicht sie selbst ist eigentlich die Revolutionärin: sondern sie besingt Gottes Revolution. Denn stimmt es nicht von dem her, was Du eben erzählt hast von denen, die hier vor 25 Jahren aufgestanden sind? Dass nichts und niemand Mittel hatte gegen diesen Aufstand gegen die Lüge und das Verbrechen an der Freiheit der Menschen - in Gedanken, aber auch ganz real? Hat sich nicht in der Geschichte immer wieder erwiesen, dass genau diesen Dingen von vornherein ihre Zeit angesagt ist: Hoffart, dieses alte Wort für hochmütiges Leben, das nur auf den vermeintlich heilen äußeren Schein und Glanz fixiert ist bzw. an der Fassade, die stimmen muss, auch wenn es dahinter fault? All diese Lügen - sie sind immer wieder in sich zusammengebrochen. Kaum etwas davon hat länger Bestand als 40 Jahre. Das ist tatsächlich etwas Wichtiges für das Bachfest im Jahr 2014, wo wir dieses Lied der Maria ja in so vielfältigen und verschiedenen Kompositionen hören: Das Gedenken an die friedliche Revolution hier in dieser Stadt vor 25 Jahren. Dass Menschen aufgestanden sind und diesen Hoffnungen auf Veränderungen Stimme und Gestalt gegeben haben. Dass sie aus dem Schatten getreten sind, in den man sie drängen wollte - so wie bei Maria. Ihr Lied treibt uns an: zum Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit. Und zum Vertrauen darauf, dass in uns etwas wachsen kann, was diese Barmherzigkeit bezeugt: Leben, über das man in der Tat nur in den höchsten Tönen staunen kann.

Stephan Bickhardt:
Ich staune auch über Menschen, die aus dem Schatten treten, die einst aus dem Licht gestoßen wurden, die eine Existenz am Rande führen mussten, nicht allein in materieller Hinsicht, sondern gerade in geistiger Hinsicht abgedrängt wurden. Und noch mehr, gar nicht immer begreifbar, staune ich über Menschen vom Rand, die singen, die solche Lieder singen wie dieses Lied der Maria. Da singt die Mutter von Jesus ihr Lied davon, dass Kaiser und Könige und Präsidenten und Konzernchefs und Terroristen stürzen können. Und das geschieht, wenn ihnen Barmherzigkeit, menschlicher Sinn, Herzblut für andere, und die Linderung von Not abgeht. Wer solche Lieder über die Liebe Gottes nicht hören und ertragen will, verliert! Und es ist schmerzlich, dass in diese Niederlage viele Menschen hineingezogen werden. Das ist nicht Gottes Wille. Du fragst nach der Revolution und sprichst von Gottes Revolution. Damals 1989 waren es ganz viele Menschen ohne christlichen Glauben, die auf die Straße und Plätze gegangen sind und manche sind sehr bewusst als Christen auf gegangen. Marias Lied erfüllt sich immer einmal wieder. Wie sie sich geradezu auf Gott wirft, ihm vertraut! Soweit die Musik erklingt, so hoch und tief die Töne gehen, so wirkt Gott untern den Menschen und reißt Konfessionslose und Christen mit. Mich beschäftigt aktuell diese Frage: Kann Gott mit seinem Reichtum auch die Herzen derer wandeln, die in Hoffart, Hochmut und Gefühllosigkeit leben?

Britta Taddiken:
Wenn ich daran nicht glauben würde, müsste ich auch die Hoffnung aufgeben, selbst von Gott verändert werden zu können! Die Revolution, von der Maria singt, geht ja nicht auf in einer Umkehrung der Verhältnisse in dem Sinne, dass dann eben die Armen oben sind und die Reichen unten - oder die Guten oben und die Bösen unten. Darin erschöpfen sich ja die menschlichen Revolutionen oft: Es sind dann zwar andere oben und andere unten - aber am eigentlichen Gefüge von oben und unten ändert sich nichts. Das heißt nicht, dass wir sie nicht bräuchten. Aber hier, in Marias Lied geht es um sehr viel mehr und Größeres, denn man muss den ganzen Zusammenhang ja betrachten: Da geht Gott in einen Menschen ein, um unter uns zur Welt zu kommen. Da werden alle Grenzen und alle Festlegungen von oben und unten gesprengt. In Maria wächst der heran, der sich dann als erwachsener Mann eben gerade denen zuwendet, die als hoffärtig, hochmütig und gefühllos galten - und die man deshalb abgeschrieben hatte: Zöllner, Sünder, Huren, Aussätzige und vor allem auch die, die sich selbst für fromm und gerecht gehalten haben. Allen hat er letztlich die gleiche Frage gestellt: Willst du gesund werden? Willst Du selbst heraustreten aus der Abhängigkeit und aus den zwanghaften Bezügen, in denen Du lebst? Gerade darauf hat er sie angesprochen: Du kannst Dich verändern. Darauf vertrauen zu können - dazu hat er ihnen geholfen. Oder mit dem Wort aus Marias Lied gesagt: aufgeholfen. Die Revolution, von der Maria singt, beginnt Gott immer in und bei uns selbst. Seine Revolution folgt anderen Mustern als denen von oben und unten. Gerade das reißt Gott ein: unser festgefügtes Bild von dieser Welt, von den anderen, von uns selbst. Er befreit uns von unseren Vorurteilen, die aus Angst und Missgunst geboren sind, und kehrt die Verhältnisse um. Diese Hoffnung höre ich in Bachs Musik zu Marias Lied!

Stephan Bickhardt:
Ich höre aus Deinen Worten: Ich hoffe nicht nur auf Verwandlung und Veränderung bei anderen. Und wiederum: Ich arbeite nicht nur an Verwandlung und Veränderung bei mir selbst. Ich hoffe und arbeite an der Verwandlung bei mir und bei anderen. Gott verbindet sich einmalig mit Maria und Jesus für jeden einzelnen von uns. Mit seinem Gedenken in Barmherzigkeit lenkt er Jesus Christus und seinen Geist an unsere Seite. Und für die, die in Gottes Geist leben, kann darum das persönliche und gesellschaftliche Handeln nicht auseinanderfallen. Und manchmal - das sei hier auf diesem Platz gesagt - kann ein Zeugnis auch nur ein hochgehaltenes weißes Blatt Papier sein. Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt, stephan.bickhardt@online.de
Pfarrerin Britta Taddiken, taddiken@thomaskirche.org