Dialogpredigt zum Stadtfest 2014 "Gott gab uns Atem, damit wir leben."

Die Predigt wurde von Pfarrerin Britta Taddiken und Propst Lothar Vierhock (Röm.-Kath. Propsteigemeinde Leipzig) gehalten

Lothar, wie oft hast Du eigentlich heute schon tief durchgeatmet?

Weiß ich nicht, ich habe nicht mitgezählt.

Habe ich mir gedacht.

Wieso?

Weil das keiner zählt - aber jeder macht. Spätestens, wenn's einem wieder mal reicht. Instinktiv. Und das hat sein Gutes: Weil man so nicht außer sich gerät. Sondern zu sich kommt. Zu viel Schnappatmung ist ungesund. Gilt übrigens auch für alle. Oder?

Ja, Atem ist Lebenskraft. Das nehmen wir mit aller Selbstverständlichkeit so hin. Dass wir atmen und leben wollen, wird uns erst bewusst, wenn die Luft knapp wird: wenn wir uns überanstrengen, zu schnell laufen, wenn uns Kurzatmigkeit plagt und uns das Gefühl beschleicht: Hier drückt mir etwas die Luft ab. Ja - und ist uns eigentlich die Bedeutung des simplen Satzes klar: Wer atmet, lebt. Und beziehen wir es jetzt einmal nur auf die Menschen. Da stellen wir etwas Gemeinsames fest. Bei aller Einmaligkeit und damit Unterschiedlichkeit: Jeder Mensch braucht Atem. Gott gibt uns Atem, nicht nur mit, sondern allen. Ist also schon in der Schöpfung Gottes Verbindendes und „das Multikulti" angelegt?

Das kann man schon so sagen! Ich finde ja das „damit" ganz wichtig: Gott gab uns Atem, „damit" wir leben. Darin steckt doch der Auftrag, etwas mit diesem Atem und dieser Lebenskraft anzufangen und sie nicht für uns zu behalten. Wir werden fähig gemacht, miteinander zu reden, zu kommunizieren, zu singen, Instrumente zu spielen und was man noch so machen kann mit seiner Lebenskraft. Und das in all unserer Vielfalt. Das heißt dann aber immer zugleich auch: Mit allen auskommen, die ja genau wie ich das Leben geschenkt bekommen haben. Auf sie zugehen. Immer nach Verständigung suchen: Gerade auch mit denen, die ganz anders leben und ganz anders ticken. Vor allem, wenn sie auf einmal in unserer Nachbarschaft auftauchen. Wenn sie anders aussehen, eine andere Sprache sprechen. Oder gar noch einen Glauben haben, den wir nicht so richtig verstehen - und den dann auch noch leben wollen. Da weht dann ja oft der Geist der Furcht, der Abgrenzung oder auch der Gleichgültigkeit. Manchmal rauscht das alles so laut, dass einem der Atem stockt. Da frage ich mich: Welcher Geist oder besser Ungeist ist da eigentlich in uns und unter uns unterwegs - und woher kommt der? Ins Leben führt der uns jedenfalls nicht.

Ja, mich beängstigen solche Beobachtungen. Jedoch ist diese Angst kein guter Begleiter des Lebens. So braucht der Mensch immer wieder eine Auffrischung seines Atems, eine neue Beatmung durch Gott. Davon erzählt Pfingstgeschichte ja gerade, die wir eben gehört haben: Verängstige Jünger, die sich hinter verschlossene Räume einbunkern. Sturm und Feuer, Schwung und Begeisterung fahren in die Jüngerschaft Jesu. Und raus auf die Plätze und Straßen und das bezeugen, was ihr Herz erfüllt: Freude am Leben im Gott des Lebens. Ohne Pfingsten wären bestenfalls die Jünger noch unter sich geblieben; das Christentum wäre eine Sekte geworden und sicher bald ausgestorben. Doch Gottes Beatmung ermöglicht einen neuen Aufbruch in Welt: Ermutigung, Fähigkeit, neu zu hören, neu zu verstehen bzw. auf andere zuzugehen. Und: Wissen, worauf man sein Leben gründet und diese Erkenntnis des Herzens - den Glauben an den lebendigen Gott - nicht für sich zu behalten. Auch wenn das für einige so aussieht, als wäre man trunken...

Dann ist es ja gut, dass Pfingsten und Stadtfest zusammenfallen. Dass wir eben nicht nur feiern, sondern etwas feiern und dieses Fest nutzen, um miteinander zu reden: Welche Auffrischung unseres Atems brauchen wir denn gerade jetzt? Wo lassen wir Luft rein? Und wo weht der frische Wind, der uns gut tut? Weißt Du, was mir an der Pfingstgeschichte besonders gefällt? Dass da gesagt wird: Dass Menschen wieder Visionen haben und aufwachen aus ihrer gedanklichen und seelischen Lethargie. Dass sie etwas zu hoffen wagen. Dass sie zu ihren Träumen stehen von Gerechtigkeit und einem Leben einer Gesellschaft, in der alle ihren Platz finden können. Wo man sich engagiert für den Menschen neben einem - unabhängig davon, ob er einem sympathisch ist oder nicht. Der Geist, um den es zu Pfingsten geht, ermutigt uns dazu, Position zu beziehen und daran zu glauben, dass man eben nicht nur ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe der Welt ist, sondern einen bedeutenden Auftrag mit diesem Leben hat! Dass wir im guten Sinne Getriebene dieses Geistes sind, der Verständigung schafft über Grenzen hinweg, der Menschen aufrichtet und zusammenführt. Der Geist von Glaube, Hoffnung, Liebe, wie wir das ja in unseren Kirchen nennen: Ich denke, Du stimmst mir zu, wenn ich mir lieber nicht vorstellen möchte, in einer Gesellschaft zu leben die diese drei Grundlagen als inneren geistlichen Antrieb unseres Lebens total vergessen hat und versucht, die innere Leere mit allem möglichen zu füllen - aber den Geist, der in uns ist und in uns atmet, nicht mehr spürt. Da gäbe es keine Erneuerung mehr, wir würden uns nur noch um uns selbst drehen. Gott gibt uns Atem, um zu leben: Damit ist auch Bewegung verbunden und eine klare Richtung für unser Leben. Und das ist nicht nur zu unserem besten, sondern auch zu dem des anderen - und damit letztlich einer Stadt wie die unsrige mit ihrem vielfältigen Reichtum! Unsere Stadt braucht diesen pfingstlichen heiligen Geist, um nicht zu verkümmern oder gar zu ersticken an zu viel stehender Luft!

Ja, Du hast völlig recht. Alle brauchen Gottes Geist. Denn er weht, wo und wie er will. In aller Bescheidenheit: Manches Mal könnte ich dem Heiligen Geist einen Tipp geben, wo es notwendig wäre zu wehen. Doch das berührt dann eine Tugend des Menschen, die nicht stark ausgeprägt ist: Nämlich den langen Atem zu bewahren; trotzdem nicht zu resignieren und das zu tun, was gut und wichtig ist. Denn nur abzuwarten und die Hände in den Schoß zu legen, hieße Gottes Geist in Versuchung zu führen, alles auf die lange Bank zu schieben. Und die lange Bank ist bekanntlich das Möbelstück des Teufels. Nein, mit „Teufel" können wir doch wirklich nicht unsere Predigt zum Pfingstfest abschließen. Doch es funktioniert mit einem Kinderreim, dem ich, dem wir widersprechen:
„Pfingsten sind die Geschenke am geringsten, während Ostern, Geburtstag und Weihnachten `was einbrachten."Von Bert Brecht, Ein Kinderbuch