Predigt über BWV 59 "Wer mich liebet, wird mein Wort halten" und Römer 8,1-2.10-11

In diesem Gottesdienst wurde des 125jährigen Jubiläums der Wiedereinweihung der Neugotischen Thomaskirche und der Sauer-Orgel gedacht

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Sohn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
vor 125 Jahren, am 9. Juni 1889, wurde nach gut fünfjähriger Bauzeit die neugotisch renovierte Thomaskirche wieder eingeweiht. Eingebettet in die zweitägigen Feierlichkeiten zum 350jährigen Reformationsjubiläum begann man damals morgens um 5 Uhr mit dem vollen Geläut der Kirchen, es folgte um 7 Uhr eine Gedenkfeier am Reformationsdenkmal vor der Johanniskirche. Von 8 bis 9 Uhr gab es während des Festumzugs vom Rathaus zur Thomaskirche nochmals volles Geläut. In den damaligen Presseberichten wird wie von einem Triumphzug berichtet. Da ist vom „Streitlied der Protestanten" die Rede, das man dabei sang: „Ein feste Burg ist unser Gott". Das war auch schon morgens um 6 Uhr vom Turm der Thomaskirche erklungen - intoniert von der Kapelle des Infanterie-Regiments Nr. 107. Wilhelminisch-militärisch straff war dann auch die Reihenfolge im Festzug zur Kirche. Und diese Inszenierung passte zu dem, was man als große Errungenschaft für die Neugestaltung der Thomaskirche pries: die „erstrebte Stileinheit". In der Sonntagsbeilage der Leipziger Nachrichten heißt es dazu: „Aus dem unscheinbaren Gebäude ist ein Monumentalbau geworden, der seinen Herstellern wie der Stadt, die ihn ermöglicht hat, in gleicher Weise zur Ehre gereicht. In neuer Pracht und ungeahnt schöner Art ist die Kirche erstanden...so hat das vielfach verunstaltete Gotteshaus sich... umgewandelt zur Zierde der Stadt und zu Ehren der Männer, die mit Rath und Tath das Werk förderten und ausführten." Es nicht zu überhören, wie überlegen man den eigenen großen Entwurf damals empfand gegenüber dem defizitären „Mißklang" vergangener Zeiten, an dessen Stelle man ein festes einheitliches Prinzip setzte. Spuren der Geschichte zu sehen, auch schmerzhafte Verletzungen, das war offenbar nicht erwünscht. Ausführlich beschrieb die Presse alles Neue: Gestühl, Fenster, Kanzel, Altar, Aufgebotstafeln, Teppiche - bis hin zur vermeintlich größten technischen Errungenschaft: einer Uhr in der Sakristei. Die Sauer-Orgel aber wird nur ganz am Rande. Und in der detaillierten Berichterstattung fällt kein Wort über das Werk, das der damalige Thomasorganist Carl Piutti für die Einweihung komponierte und das wir auch heute von seinem Nachfolger im Amt Ullrich Böhme hören werden: ein gewaltiger Festhymnus der eine Fuge über den Namen BACH mit dem Choral „Nun danket alle Gott" kombiniert.

Vielleicht mag das deshalb so gewesen sein, weil man diesen Tag damals im Bewusstsein erlebte, eben nicht nur Gott zu danken, sondern sich selbst ein Denkmal zu setzen. Wohlgemerkt: Das Wort „Monumentalbau" hatte eine positive Konnotation. Nun soll damit heute nicht alles in Bausch und Bogen verdammt sein, im Gegenteil: die Sauerorgel gilt als weltberühmtes wunderbares Instrument, und den damaligen Altar werden wir ab Herbst wieder gewissermaßen als ihr Pendant aufstellen, wenn wir uns vom Paulineraltar leider verabschieden müssen. Und auch auf dem Gestühl von damals sitzt sich es sich noch immer verhältnismäßig gut. Man mag es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass das, was 1889 mit rauschhafter Begeisterung und durchaus auch nationalen Untertönen gefeiert wurde, von einem ebenfalls am Genius des eigenen Entwurfs berauschten Zeitgeist in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu großen Teilen beseitigt wurde: mit einer tabula rasa, der die Sauerorgel beinahe zum Opfer gefallen wäre.

Nun, was wird man über uns in 125 Jahren sagen? Welchen Geist wird man unserer Zeit konstatieren? Von welchem Geist sind wir bewegt oder unsererseits berauscht? Eine Frage, die sich heute stellt zu Pfingsten, dem „Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes". Sowohl in der gerade gehörten Kantate von J.S. Bach als im auch für heute vorgesehenen Predigttext findet sich dabei ein dieser Umschreibung des Pfingstgeschehens entsprechendes Bild vom Menschen als Gefäß oder Wohnung: dass wir jedenfalls einen Raum in uns tragen, der gefüllt werden will bzw. der sich füllt, ob wir wollen oder nicht. Und damit ist es nicht egal, wie und wodurch diese unsere innere Mitte besetzt ist. So heißt es im einleitenden Duett der Kantate mit einem Jesuswort aus dem Johannesevangelium: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen." Ein faszinierender Gedanke: Gott zieht ganz und gar, als Vater, Sohn und Heiliger Geist in das Menschenherz ein. Diese unglaubliche Verbindung Gottes mit unserem Innersten wird im Rezitativ des Soprans sprichwörtlich in den höchsten Tönen gepriesen - und es wird aufgerufen, dem zu unserseits zu entsprechen: „Ach, dass doch, wie er wollte, ihn auch ein jeder lieben sollte" Bewohnt zu werden vom Geist Christi, dass er in unsern Herzen thronet und wie in einem Himmel wohnet, heißt es dann auch in der Bassarie - nichts in der Welt könnte einem höher und kostbarer sein. Genau das betont auch Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, wenn er schreibt:

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben
um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Dass da etwas in uns ist, das gefüllt werden will, das spricht uns in diesem Text unmittelbar an. Denn wie es sich anfühlt, innerlich leer zu sein oder ausgebrannt, kennen wir ebenso wie überzufließen oder platzen zu können vor Freude und Begeisterung. Von daher wird jeder die Frage beantworten können und auch müssen, was da in ihm wohnen um Raum greifen soll. Wovon lasse ich mich bestimmen, was lasse ich in mich hinein - und vor allem auch: Was lasse ich wieder hinaus?

Paulus spricht da zunächst einmal von der Freiheit, sich nicht mehr von Kräften vereinnahmen lassen zu müssen, die uns auf uns selbst und unsere Schwächen festnageln wollen. Ihr seid frei, sagt Paulus, ihr seid nicht mehr abhängig von Gesetz der Sünde und des Todes. Und meint damit all das, was uns mit dem konfrontiert, was in der Kantate „Staub", „Eitelkeit", „Trauerspiel" oder „Elend" genannt wird. All das, worin sie eben immer wieder enden können, unsere Versuche, diese Welt und das Leben auf ihr zu gestalten. All die eigenen großartigen Entwürfe vom Leben, die eigenen Pläne, die äußeren Erfolge, die man erreicht hat. All das ist gut und schön - aber es kann uns auch zu dem geraten, was Paulus das Gesetz der Sünde und des Todes nennt: Es kann uns auch in uns selbst festhalten, lähmen und an der Veränderung hindern. Nicht zuletzt betrifft das auch unsere Bereitschaft und Fähigkeit zur Versöhnung und zum Neubeginn. Gerade unsere Schwäche, auch an dem festzuhalten, was sich längst als veränderungsbedürftig erwiesen hat, ist einer der großen Auslöser für Krieg und Gewalt. Die Angst, was uns füllt und erfüllt vielleicht zu verlieren, verursacht Neid, Konkurrenz und Schlimmeres. Jedenfalls trägt es die Gesetzmäßigkeit des Todes in sich: Das beginnt beim Tod der Beziehung, der Kommunikation und des Willens, den anderen in seiner Andersartigkeit zu respektieren und den gemeinsamen Weg mit ihm zu suchen. All das, was wir erleben, in der Ukraine, in Syrien, in Mali, Nigeria und anderswo: Es ist der Tatsache geschuldet, dass viele nicht mehr bereit sind, in dem Geist miteinander zu leben, der geschehenes Unrecht nicht mehr aufrechnet und der sogar davon ausgeht, dass neue Anfänge und Veränderungen möglich sind.

Paulus geht es darum zu ermutigen, sich diesem Geist zu öffnen, der auch die Macht des Todes zu überwinden vermag. Und zu überlegen: Wes Geistes Kind bin ich und wovon lebe ich wirklich? Von dem Bild, das ich anderen und auch mir selbst gegenüber aufrecht zu erhalten versuche? Vom Verliebtsein in die eigenen Ideen oder die eigenen großen Entwürfe, die man mehr oder weniger krampfhaft der Kritik zu entziehen versucht? Macht euch nicht mehr zu Knechten, sagt Paulus. Auch nicht zu euren eigenen. Ihr braucht es nicht mehr. Er sagt's gar jedem einzelnen: Du bist frei vom Gesetz der Sünde und des Todes. Denn der Geist, der alles überwinden kann, selbst den Tod, will ja in dir wohnen. So wie du bist, so fragmentarisch wie widersprüchlich. Der große Wurf unserer Geschöpflichkeit besteht eben nicht in unserer Einheitlichkeit und Widerspruchslosigkeit - sondern darin, dass gerade das in uns durch den Geist zusammenfindet und wir von ihm zusammengehalten werden. Erst wenn man sich darin selbst annehmen kann, kann man es auch mit den anderen.

Mir sind die Kirchenräume die liebsten, in denen sich gerade davon etwas wiederspiegelt, etwas von all den Versuchen unserem Glauben auch künstlerischen Ausdruck zu verleihen mitsamt allen Irrwegen und Höhepunkten. So wie es hier jetzt ist in der Thomaskirche, wo all das zu sehen ist, was Menschen verschiedener Jahrhunderte wichtig und heilig war, was sie getröstet und angeregt hat, auch wenn man über einiges irritiert den Kopf schütteln mag. In dieser jetzigen Form ist sie ja zu Pfingsten vor 14 Jahren auch einmal neu geweiht worden, rundum renoviert, aber doch ohne die Vielfalt und Brüchigkeit unseres menschlichen Geschlechts und Glaubenslebens zu übertünchen. Sie ist heute ein lebendiges Zeugnis dafür, dass diese Geschichte in all ihren Facetten vom Geist Gottes zusammengehalten worden. So wie auch meine eigene Lebens-und Glaubensgeschichte. Um das aber im wahrsten Sinne des Wortes zu verinnerlichen, benötigen wir die Erinnerung des Heiligen Geistes daran, dass er unser Leben heiligt und nicht wir selbst. Und dass wir die Bitte nötig haben, die am Ende der heutigen Kantatenaufführung gestanden hat: „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, erfüll mit deiner Gnaden gut, deiner Gläubigen Herz Mut und Sinn, dein brünstig Lieb entzünd‘ in ihn." Wir brauchen diese Bitte um den Heiligen Geist, um nicht in der Enge unseres Lebens stecken zu bleiben, die in uns Angst auslöst vor den Veränderungen des Lebens. Wir brauchen den Geist, der uns fähig macht, auf den anderen zuzugehen und ihn verstehen zu lernen. Wir brauchen den Geist, der uns auch von uns selbst entknechtet und uns mit der Liebe füllt, mit der er sich uns anvertraut und in uns eingeht. So können wir Ja sagen zu unserem Leben als Fragment - und auch zu aller Schwachheit, aus der uns der Geist aufhilft.

Weil von diesem Geist erfüllte Menschen in der Lage sind, ihre Angst zu überwinden und furchtlos aufzutreten, wurden Christen bereits im Römischen Reich als Staatsfeinde verfolgt und verurteilt. Vor diesem Geist haben auch die Respekt, die nicht an ihn glauben. Nicht zuletzt deshalb wurden Kirchen wie die Universitätskirche St. Pauli hier in Leipzig gesprengt oder beseitigt als äußere, steingewordene Zeugen dieses in Menschen wohnenden Geistes: um ihn zu dämpfen, diesen Geist. Aber er ist weder zu dämpfen noch zu verzögern und er weht auch durch Stein und Glas hindurch. Das wird sich, und da bin ich mit Blick auf die Berichterstattung der letzten Woche überzeugt, dann auch in der neuen Universitätskirche so gestalten. Es wird sich einfach zeigen, sobald geistliche Musik und das freie Wort dort wieder zu hören sind, wenn Werke wie die in der Universitätskirche uraufgeführte Bach-Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf" oder auch die heutige für diesen Raum gedachte Kantate wieder erklingen werden und Orgel, Kanzel und Altar diesem Geist zu Diensten sein werden. Gerade ja von letzterem, der hier in der Thomaskirche zu Pfingsten vor 21 Jahren neu geweiht wurde und bald an seinen alten Ort zurückkehren wird. Allerdings nicht ohne uns an diesem letzten Pfingstfest mit ihm noch einmal nachhaltig zu vergewissern durch Paulus, der in seiner Mitte das Wort erhebt: Ihr seid frei vom Gesetz der Sünde und des Todes. Möge das heute in uns einziehen, sich in uns ausbreiten und bestimmen, was wir denken, sagen und tun.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org