Predigt über Römer 8,26-30

In diesem Gottesdienst haben 39 Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden ihrer Konfirmation vor 25,50, 60 und mehr Jahren gedacht.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
es ist ein Phänomen: Bei Katastrophen, wenn das Unfassbare geschieht, füllen sich die Kirchen. So war es weltweit 2001 nach den Anschlägen vom 11. September in New York und Washington, so war es beim Ausbruch des Golfkriegs. So war und ist es, wo Zugunglücke passieren, Amokläufer Schulen heimsuchen: Viele Menschen füllen die Kirchen. Auch die sind dabei, die sonst nie kommen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil man nirgends so wie bei solchen Ereignissen konfrontiert ist mit seiner eigenen Hilf- und Sprachlosigkeit. Und weil man einen Ort braucht, wo dieses Schweigen möglich ist, wo andere das mit aushalten und teilen. Wo Kerzen und Tränen das Wort haben. In ihrer Ohnmacht und Trauer finden sie sich alle zusammen: Christen, Nichtchristen, andere. Nicht unbedingt, um Antworten zu finden. Aber um sich für den Moment trösten, aufrichten, stärken zu lassen. Die Kirchen als Orte des gestammelten Gebets bzw. als auch Räume, in denen meine innere Leere und Sprachlosigkeit und damit auch meine Schwachheit geborgen und geschützt sind und man dabei schon spürt: Was mich emotional überfällt und mir die Beine wegzureißen droht - ich bin ihm nicht komplett ausgeliefert. Da ist dieser Ort und da sind die anderen. Schon deshalb brauchen wir offene Kirchen und andere Gotteshäuser. Schon deshalb müsste unsere Gesellschaft daran Interesse haben: dass Räume wie die Thomaskirche da sind und dass es Menschen gibt, die sich um ihre Erhaltung mühen. Ich habe noch nie davon gehört, dass Menschen in solchen Fällen ein Rathaus aufsuchen, geschweige denn einen Konsumtempel. Und so schützenswert das Gebäude äußerlich ist, ist es auch im Innern. Um den Übergriff am 1. Mai in Plauen, wo die Kirche polizeilich geräumt wurde, ist es mir jedenfalls viel zu schnell still geworden. In einen solcher Schutzraum gewaltsam einzugreifen - es müsste schon einiges los sein, um das zu rechtfertigen.

Um das, was uns aus dieser Schwachheit aufhilft, wo wir nicht wissen, was wir tun und sagen können oder wenn uns schon der ganz normale Alltag mit seinen Anforderungen verunsichert, geht es im heutigen Predigttext aus dem Römerbrief im 8. Kapitel. Diese Worte dürften vielen sehr vertraut sein, weil Bach sie zur Grundlage seiner wunderbaren Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf" gemacht hat:

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Paulus spricht etwas an, wohin wir in unserem Leben immer wieder kommen. Christen wie Nichtchristen, alle miteinander kommen wir immer wieder an Punkte, an denen uns weder unser Wissen etwas nützen noch all die gelernten Erklärungen. Und schon gar nicht die Vertröstungsversuche, die uns unseren Zustand der Hilf- und Sprachlosigkeit nicht zugestehen wollen und die es einfach nicht mit uns aushalten. „Kopf hoch", hören wir da. Oder: „Das Leben geht weiter". Und das, wo man doch einfach nur heulen möchte oder den Wunsch hat, das Leben möge doch bitte wenigstens einen Moment anhalten, damit man nachkommen kann, dass der Mensch, der einem lieb und wert war, plötzlich nicht mehr da ist. Wo unvorstellbare Gewalt das Gefüge des Normalen durchbricht oder aus heiterem Himmel eine Krankheit in mein Leben kommt. All die Dinge, die mich konfrontieren mit meiner Verletzlichkeit und damit, wie dünn das Eis meiner vermeintlichen Lebenssicherheiten ist. Und wo mir nicht zuletzt die Grenzen meines Wissens und Begreifens aufzeigt werden und sich mir die Frage stellt: Habe ich mich eigentlich genug mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben beschäftigt? Mir ist die bestürzende Bilanz eines meiner theologischen Lehrer im Ohr, der kurz vor seinem sehr schmerzhaften und qualvollen Tod gesagt hat: „Meine ganze Theologie kann ich mir in dieser Situation ans Knie nageln" - ein ernüchterndes Fazit, wenn man sich ein Leben lang mit den Themen Glaube, Hoffnung und Liebe auf hohem Niveau beschäftigt hat. Aber so ist es. Wir kommen an Punkte, da trägt uns kein Wissen, keine theoretischen Richtigkeiten und noch nicht mal unsere Erfahrung. Sie helfen uns nicht, wo uns die Not stumm macht. Und auch im ganz normalen Alltag ist das ja schon so, wo uns die Worte fehlen und wir nicht wissen, was wir tun, sagen oder eben beten sollen.

An letzterem macht Paulus unsere Schwachheit fest. Und führt uns vor Augen, wie man damit sinnvoll umgehen sollte. Sie wahrnehmen. Nichts hohl tönend wegreden, sich aus Angst vor der eigenen Blöße aktionistisch in anderes stürzen oder seine Unsicherheit mit aggressiv-selbstbewusstem Auftreten verdecken. Sondern: darauf vertrauen, dass Gottes Geist selbst uns in unserer Schwachheit beisteht und agiert wo uns Worte fehlen. Der dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat das mal so beschrieben: „Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört." Es ist natürlich eine Gratwanderung, einen solchen Satz so aus seinem Zusammenhang heraus zu zitieren. Denn keineswegs geht es darum, einen Fatalismus propagieren, der alles als unumstößlich gegeben hinzunehmen bereit ist. Und es geht auch nicht darum, wie im sog. „positiven Denken" die schweren und belastenden Dinge kleinzureden. Gerade das liegt Paulus fern. Vielmehr geht es ihm um die Frage, wie man sich aus der Unfähigkeit zu reden oder zu handeln von neuem zu einer hoffnungsvollen Lebenshaltung bewegen lässt. Also sich zu fragen: Woher wachsen uns in unserer Erfahrung des Unglücks und der Schwäche neue Kräfte, um das Leben zu bewältigen und zu gestalten? Es wäre eine Überforderung, wenn wir all das aus uns selbst heraus wollten. Das Feld unserer Glaubenshoffnung selbst neu zu bestellen, überfordert uns nur allzu oft. Paulus ermutigt dazu, es an sich geschehen zu lassen: Gottes Geist will und wird diesen Zustand in uns verwandeln, er selbst vertritt uns in unserer Sprach-und Hilflosigkeit. Der Glaube gibt sich nicht mit dem Diktum Ludwig Wittgensteins zufrieden, dass man über das, worüber man nicht reden könne, schweigen möge. Für Christen gibt es etwas über das Schweigen hinaus. Es gibt ein Seufzen, das über den Ausdruck von Verzweiflung hinauskommt zu einem Ausdruck der Hoffnung auf Gottes Verlässlichkeit. Das erläutert Paulus mit einem sehr zugespitzten Satz: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen die nach seinem Ratschluss berufen sind. Das ist ein Satz, dem man nur folgen kann, wenn man ihn absolut aus der Perspektive der Hoffnung liest. Sonst gerät er einem schnell zu einem Zynismus: Alle Dinge - wirklich? Auch die, die mich einfach nur fertig machen? Wo ich nur verstehe, ich muss da jetzt irgendwie durch?

Nicht nur Sie als vor 25/50/60 oder mehr Jahren Konfirmierte werden ja erfahren haben: Mein Bekenntnis zu meiner Taufe hat mich in vielen Momenten meines Lebens getragen. Aber ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass mein Glaube nachhängt, dass Zweifel sich stark machen, und in mir eine Zerrissenheit entsteht, die ich kaum aushalten kann. Darauf kann man doch wohl getrost verzichten und wer wollte ernsthaft jemandem wiedersprechen, der das so sagt? Paulus hält daran fest, dass wir dennoch keinen Bereich unseres Lebens aus unserer Glaubensgewissheit ausklammern. Auch wenn sie uns im Moment alles zu rauben scheinen an Lebensmut wie es Krankheit, Trennung oder Tod vermögen oder auch der Verlust des eigenen Lebensentwurfs oder die tiefe Verletzung und Enttäuschung durch andere Menschen.

Dass auch das, was einen am Sinn des Lebens zweifeln lassen kann, sich in der eigenen Wahrnehmung zu wandeln vermag, das drückt ein Glaubensbekenntnis des Pfarrers und Theologen Dietrich Bonhoeffers aus. Es ist in der Urkunde abgedruckt, die Sie als Konfirmationsjubilare gleich erhalten. Ein Bekenntnis, das in der Gestapo- Haft in Tegel entstanden ist, also an einem Ort, wo man Menschen ihre Schwäche hat spüren lassen, an einem Ort, an dem man Menschen brechen wollte. An diesem Ort schreibt Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen."
Wie bei Paulus sind diese Worte aus der Erkenntnis der eigenen Schwachheit heraus formuliert - aber zugleich aus der glaubenden Gewissheit, dass in allem auch schon der Keim ihrer Überwindung steckt. Deshalb führt Paulus uns an dieser Stelle vor Augen, was uns verheißen ist: „...dass wir gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern." Wir sind nicht nur berufen, aufgerichtet und befreit in diesem Leben, sondern wie der auferstandene Christus darüber hinaus. Damit wird nichts kleingeredet, was uns schmerzt oder Böses gerechtfertigt. Aber es hat eben nicht das letzte Wort über uns. Wir können es überwinden in dem Glauben, der auf mehr setzt als das, was wir jetzt sehen und nachvollziehen können. Unser Leben ist kein zeitloses Fatum, kein Schicksal, kein Spielball des Zufalls. Über ihm steht ein erstes und letztes Wort: Jesus Christus - sein Weg zeigt uns unseren Weg. Dies nimmt die gestern vor 80 Jahren auf der Bekenntnissynode von Barmen verabschiedete Barmer Theologische Erklärung auf. Sie ist eines der wichtigsten theologischen Zeugnisse des Kirchenkampfes gegen eine Ideologie, die jegliche Schwachheit des Menschen verachtet hat und denen, die aus der Kraft des Gebets leben mit größtem Misstrauen begegnete. In der zweiten These der Erklärung heißt es : „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereich unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften." Ja, der Geist Jesu Christi, der heilige Geist hilft unserer Schwachheit auf. Er ist kritisches Korrektiv dessen, was ich hier und jetzt verstehe und begreife. Und er bewahrt uns sowohl vor der oberflächlichen Lebenssucht nach allem, was stark ist als auch vor der Selbstüberschätzung unseres eigenen Elends. In dieser Schwachheit hilft uns der Geist auf, immer wieder. Bitten wir ihn, dass er sich in uns hören lasse und Pfingsten werden möge: in uns und um uns herum.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org