Predigt über Kolosser 3,12-17

In diesem Gottesdienst wurden 36 Konfirmandinnen und Konfirmanden konfirmiert.

 Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

ist denn nun wirklich alles Wurst in Europa seit dem letzten Wochenende? Conchita Wurst hat den Grand Prix gewonnen. Ihr - oder sein - Auftritt polarisiert und provoziert und darüber lässt sich streiten. Was will er oder sie eigentlich? Alles gleich machen und für beliebig erklären? In einem Interview bei Stern tv hat er gesagt: Darum geht's ihm gerade nicht. Sondern darum, die Vielfalt des Lebens zu würdigen. Die Vielfalt, die auch in der Gegensätzlichkeit besteht, die wir alle in uns vereinigen. Das wird am Namen dieser Kunstfigur fast noch deutlicher als an ihrem Äußeren: Conchita, das kommt vom spanischen Wort „Conception", also aus der katholischen Tradition der unbefleckten Empfängnis, dem Inbegriff der Reinheit und der Unschuld. Und da kommt dann dazu: „Wurst". Etwas Derbes, wo man eigentlich lieber nicht wissen will, woraus es gemacht ist. Also ist es dies: Sich und andere in ihrer Widersprüchlichkeit annehmen. Hindurchzusehen zum Menschen an sich. Ob einer einen Bart hat oder als Diva auftritt, das ist Wurst. Aber was er als Mensch ist - das eben gerade nicht. Dazu gehört auch, unsere Widersprüchlichkeit auszuhalten, die innere Spannung zwischen unserer Liebenswürdigkeit und unseren Wurst-Anteilen- bei mir selbst wie beim anderen. Das ist für mich an dieser Kunst-Figur überzeugend, aber das kann man natürlich verschieden sehen.

Vor einer Woche habt ihr in Eurem Vorstellungsgottesdienst dieses Thema ja mit beleuchtet: Was ist wirklich wichtig? Da ging es durchaus auch um diese Gegensätze in uns und unter uns. Was sind unsere Werte, wie wollen wir miteinander leben, wie begegne anderen ich als Christenmensch? Es ist wunderbar, dass in einem der Texte dieses Sonntags genau das auch vorkommt. Wie unser Miteinander denn aussehen soll damit es gelingt und damit das Wichtigste wichtig bleibt und nicht das, was Wurst ist. Es ist kleiner Abschnitt aus dem Kolosserbrief:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in „einem" Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. 16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Hier geht's um das, was man als Christenmensch nach außen ausstrahlt. Und was erst überzeugend ist, wenn es von innen kommt. Ihr kennt ja alle das alltägliche Theater um den schönen äußeren Schein. Welche zerstörende Kraft er haben kann, das habt ihr letzte Woche in eurem Anspiel vom reichen Kornbauern kritisch angemerkt. Dem bricht seine ja seine mühsam aufgebaute Fassade, mit der er allen um sich herum etwas vorgespielt hat, über Nacht weg. Am Ende fühlt er sich als ein „Nichts", denn er blickt verzweifelt in sein hohles Inneres. Aber wo nichts ist, wird einem nun mal alles Wurst. Deshalb geht der Blick in diesem Text auch nach innen: Richtung Herz. Darin soll der Friede Christi regieren.

Aber wie kann man beschreiben, was das ist? „Friede sei mit Euch": dieser Gruß des Auferstandenen hat die nach Ostern verängstigten und zurückgezogenen Jünger aufgerichtet aus ihrer hohlen Unruhe und Traurigkeit. Hat ihnen geholfen, ins Reine mit sich zu kommen, zur inneren Ruhe mit sich selbst und dazu, sich wieder hoffnungsvoll auf die Zukunft auszurichten. Dieser Friede bedeutet eine Lebenszuversicht, in der auch die Gegensätze unseres Lebens geborgen sind: Trauer und Freude, Angst und Hoffnung, Wichtiges und Unwichtiges, Gutes und Schlechtes. Diesem Frieden kann man sich immer wieder nur entgegenstrecken.

„Friede sei mit Dir." Von diesem österlichen Zuspruch leben wir - dass er sich in uns Raum verschafft. Deshalb werdet ihr heute damit gesegnet. Wie sich dieser Segen auswirkt, wird in unserem Text überraschend nüchtern beschrieben. Vor allem geht's erst mal darum, einander auszuhalten: Ertrage einer den anderen. Da ist keine falsche Euphorie, keine verordnete Dauerparty für Gleichgestimmte, bei der man ständig gut drauf sein muss. Nein, das ist alles sehr entlastend und maßvoll. Die Kirche ist eine Gemeinschaft sehr verschiedener und gegensätzlicher Menschen, in der man das auch anerkennt. Und wie gesagt, geht das ja bei einem selbst schon los. Nur wer sich erträgt, erträgt die anderen. Aber das eben nicht nur aus Etikette und Anstand, sondern aus innerem Frieden und Güte heraus.

Diesen manchmal schwierigen Weg, dem auch so ganz anderen Güte und Wertschätzung entgegenzubringen, seid ihr in den zwei Jahren Eurer Konfirmandenzeit mit Pfarrer Wolff und Frau Lucas-Lehmann gegangen. Und ihr habt erlebt, wie gut es ist, wenn sich Geduld und Freundlichkeit auswirken und Reibereien und Langeweile nicht das letzte Wort behalten. Und wenn ihr zwei Dinge dabei im Nachgang als wirklich wichtig verinnerlicht, dann war nichts von der investierten Zeit vergebens. Zum einen: Die goldene Regel Jesu, Den anderen so zu behandeln, wie man selbst von ihm behandelt werden möchte. Und zum anderen das, was für uns alle vielleicht am schwierigsten zu lernen ist: Das Gebot der Feindesliebe. Dem anderen mit Wertschätzung und Respekt auch dann zu begegnen, wenn ich seine Ansichten zutiefst ablehne und er oder sie mir schlicht unangenehm ist.

Der eigenen inneren Neigung zu widerstehen, den anderen, der anders ist, der anders denkt und anders fühlt zu verachten - das ist eine der wesentlichen Lebensaufgaben eines Christenmenschen. Sich beharrlich darin zu üben, der eigenen Fähigkeit zur Verachtung anderer zu widerstehen. Nur so ist letztlich zu vermeiden, dass aus Nachbarn Feinde werden, dass sie aufeinander losgehen, wie wir das in unterschiedlicher Weise in der Ukraine, im Sudan oder in Nigeria erleben. Oder wie es schon beginnt mit solchen Nachrichten bei Twitter über Conchita Wurst: „Das muss weg."

Darum ist der letzte Satz aus dem Predigttext ganz wichtig: Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Darum geht es in Konfirmation. Dass wir uns von Gottes Segen dazu stärken lassen, alles im Namen Jesu zu tun. Für den Frieden Christi ein- und gegen alles aufzustehen, was das Leben verachtet und den Frieden gefährdet. Dafür kann es uns wirklich Wurst sein, woher der oder die neben uns herkommt und wie er oder sie aussieht oder spricht. Aber was mit ihm ist und wie es ihm geht, - das kann es uns um Christi willen nicht. Und vielleicht hat nicht zuletzt deshalb Conchita Wurst mit Recht einen Preis verdient.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org