Predigt über Apostelgeschichte 17,22-34

Gottes unerschöpfliche Zuwendung sei mit Euch und Friede von ihm, unserem Herrn durch Jesus Christus. Amen.

Paulus ist wütend. Im Zorn rennt er durch die Stadt, vorbei an den vielen Tempeln und Altären, die den griechischen Göttern geweiht sind. Die Athener werfen auch ihm, wie einst dem großen Sohn der Stadt, Sokrates, Gottlosigkeit vor, weil Paulus die griechischen Staatsgötter ablehnt. Er verkündigt einen Gott, der ans Kreuz genagelt wurde und auferstanden ist. Für einen gebildeten Griechen ist das ein Skandal.
Der Apostel überlegt: Soll er den Athenern ihre, in seinen Augen, Gottlosigkeit um die Ohren hauen oder soll er versuchen, dort anzuknüpfen, wo die Athener sich befinden - auf der Suche nach Gott und auf der Suche nach Befriedigung religiöser Bedürfnisse.
Paulus entscheidet sich für den einladenden und anknüpfenden Weg ohne dabei die Botschaft weichzuspülen. Nun steht er also selbst auf dem Areopag, mit etwas zitternden Knien aber mit brennendem Herzen.
Wir hören aus der Apostelgeschichte im 17. Kapitel:

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.
23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,
27 damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.
29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.
33 So ging Paulus von ihnen.
34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Liebe Gemeinde, gerne lade ich sie ein, in fünf kleinen Schritten dem Apostel Paulus nachzugehen

1.) Ich bin umhergegangen

Als allererstes macht sich der Apostel vertraut mit seiner Umgebung. Er ist umhergegangen in der Stadt der Griechen und hat ihre Altäre kennen gelernt, hat sich auf die Suche gemacht nach den Athenern. Dabei merkte er, was die Menschen bewegt, lernte ihre Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte kennen.
Ein Ansatz, der uns inspirieren kann für die eigene Arbeit inmitten einer Stadt, die voll ist von Altären, Konsumtempeln und quasireligiösen Angeboten. Man mag dazu stehen, wie man will, man mag die dogmatische Keule schwingen oder aber die Grundbedürfnisse der Menschen nach Religiosität ernst nehmen. Das heißt aber in erster Linie: Neugierig sein auf die Menschen mit denen ich zusammenlebe. Ihre Hoffnungen wahr- und ihre Sehnsucht ernst nehmen. Das bedeutet dann: Schwellen abbauen, die Geschichte und Tradition errichtet haben und nicht zuletzt heißt das auch und vor allem: Einladen, immer wieder einladen.

2.) Öffentlichkeit

An Selbstbewusstsein scheint es dem Apostel nicht zu mangeln. Er stellt sich auf den Platz, wo die Philosophen miteinander streiten. Und auch wenn nur eine gebildete Elite ihm gefolgt sein mag: Es gehört eine große Portion Mut dazu, sich mit den hoch verehrten griechischen Philosophen gleichzusetzen. Paulus hat etwas zu bieten: Eine Botschaft für suchende Menschen. Eine frohe Botschaft - die Botschaft schlechthin.
Auf uns aufmerksam machen ist ein Gebot der Gegenwart. Zu schnell drohen unsere Angebote unterzugehen in der Vielzahl anderer Angebote. Ich bin an dieser Stelle hin und hergerissen. Einerseits denke ich: eine offene Kirche lädt von sich aus ein. Da wo Türen offen sind und Musik erklingt, trauen sich Menschen hineinzuschauen. Als Oasen der Ruhe und Orte der Musik werden unsere Kirchenräume gerne wahrgenommen.
Da brauche ich gar nicht viel hinzutun.
Das ist zudem eine große Chance für die Begegnung mit den Suchenden.
Andererseits gibt es immer auch noch die Ängstlichen, die sich von Traditionen abschrecken lassen. In einer Stadt, in der gut 400000 Menschen keinen Zugang finden zu Gott, wartet noch viel Arbeit auf die christliche Gemeinde. Gemeinsam dürfen wir nach Wegen und Möglichkeiten suchen, bei ihnen anzuknüpfen, um vielleicht das Herz zu öffnen, für den, der dort Wohnung nehmen will.

3.) Der unbekannte Gott

Schön ließe sich darüber philosophieren. Vielleicht ein anderes Mal. Lasst uns darauf schauen, wie Paulus von Gott erzählt. Da ist zunächst die Kritik. Gott lässt sich nicht finden in irgendwelchen Tempeln. Auch lässt er sich nicht finden in Gesten, Riten oder von Menschenhand gefertigten Bildern. Gott ist fern und fremd. Ferner und fremder als die Athener es sich zugestehen.
Mit seiner Rede kritisiert Paulus die bestehenden Gottesvorstellungen auf eine feine Art und Weise. Er greift den unbekannten Gott auf, den die Athener doch gefunden zu haben meinen und nimmt genau das ernst: Gott lässt sich nicht mit Macht und Ritus finden, sondern Gott sucht. Er sucht Dich. Er geht dem Verlorenen nach und lässt sich finden da wo es keiner erwartet. Im Stall, bei den Unterdrückten, bei den Ausgestoßenen, bei den Flüchtlingen.
Gott verdanke ich mein Leben. Er ist viel größer als dass er sich in Tempel, Synagoge, Kirche oder Moschee einsperren ließe. Er ist der Schöpfer und in seiner Schöpfung kann ich ihm nahe kommen, ohne ihn vereinnahmen und dingfest machen zu können. Ein ganz dezenter Jubel klingt hier bei Paulus an.
Ganz nahe ist er bei den Menschen. Er nimmt auf, was den Athenern durch den populären Pantheismus gut bekannt war. Gott ist überall.
Das begegnet mir heute wieder verstärkt, besonders im säkularisierten Umfeld. Warum sonntags in die Kirche gehen, Gott kann ich auch im Sonnenuntergang oder beim Waldspaziergang begegnen. Ich kann diese Menschen gut verstehen, weil Gottes Schöpfung Zeugnis gibt von seiner Kraft und von seiner Größe. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich Gott in der Natur ganz Nahe kommen kann. Was ich mir nicht vorstellen kann ist: dass diese Erlebnisse gegen die Gemeinschaft von Menschen gestellt werden, die in SEINEM Namen zusammenkommen, um ihn zu loben. Die Erfahrung, von ihm Trost und Stärkung für den Alltag zu empfangen in Gemeinschaft und Gebet sind so stark, dass es sich lohnt, davon zu berichten.
Die Suche nach dem unbekannten Gott dauert für manchen ein ganzes Leben. Schön, wenn wir vom bekannten Gott erzählen können, vom Gott, der so bekannt geworden ist, dass ich mich in ihm wieder finde - in seinem Sohn Jesus Christus.
Denn in ihm leben, weben und sind wir.

4.) Du wirst angeschaut

Das ist dem Apostel enorm wichtig. Weder auf Riten noch Tempel hebt er ab. Letztlich ist das alles nicht relevant. Und so zeigt Paulus uns worin das eigentliche Problem besteht: im Menschen, der in sich selbst verkrümmt ist, ständig auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Seine eigentliche Bestimmung erkennt er gar nicht mehr - Geschöpf Gottes zu sein. Somit wird der Mensch sich selbst unbekannt. Deshalb greift Gott ein, indem er den Menschen befreien möchte. Befreiung aber geschieht durch Zuwendung in Jesus Christus.
Für mich eine der stärksten Stellen in dieser Paulusrede. Gott wendet sich DIR zu. Gott kommt dir nahe und will sich DIR bekannt machen. Er solidarisiert sich mit DIR, der du auf der Suche nach Religiosität, nach Sinn und Freiheit bist. Er lässt sich im Suchen finden, aber eben genau umgekehrt, nämlich, indem er auf dich zugeht. Dabei ist es ganz egal, ob du klein bist, wie das getaufte Kind oder gerade heranwächst oder schon den Lebenszenit überschritten hast. Gott sucht dich täglich. Er klopft an deine Herzenstür, weil er in dir wohnen will als Erfüllung deiner Sehnsucht.
Die Frage „Wer bin ich eigentlich?" beantwortet dieser Gott mit drei Worten: „Mein geliebtes Kind!"

5.) Profil zeigen

Dem sich selbst unbekannten Menschen
setzt Paulus ganz profiliert zentrale Punkte seiner Religion gegenüber. Er biedert sich also nicht an. Er wird nicht unkenntlich, nur weil er sich auf die Fragen der Athener einlässt und an ihre Religiosität anknüpft. Vielmehr erzählt er von Umkehr, Endgericht und der großen Befreiung durch den Auferstandenen. Der Gefahr, dabei verlacht zu werden, setzt sich der Apostel aus, wohl wissend, dass nicht er es ist, der zum Glauben ruft, sondern Gott in der Kraft des Heiligen Geistes. Unglaublich entlastend wirkt das. Ermutigend noch dazu, denn die Episode der Areopagrede des Paulus zeigt: Wenn Du Profil zeigst als Christ und dich nicht weichspülen lässt von Diktaturen, Konsum, von Kompromissen und Zugeständnissen, dann jubeln dir zwar nicht alle zu. Aber die Gemeinde vergrößert sich. Dionysius und Damaris stehen dafür symbolisch.

Lassen wir uns ermutigen, profiliert von unserem Glauben zu erzählen. Mancher wird dabei belächelt, manchem wird Kopfschütteln begegnen. Das sind schwere, gewiss auch bittere Erfahrungen. Am Ende aber werden sich einige anschließen und mit uns ziehen.

Dunkel leuchtende Höhle
Wo wir
Wärme suchen und zuflucht
Bei feuer und freunden
Schöne Höhle Gott
In der wir
Immer schon gingen
Und wussten es nicht

Schreibt Kurt Marti in einem seiner Gedichte.

Bringen wir den ihnen unbekannten Gott zu den unbekannten Menschen, die sich für ihre Hoffnungen und Sehnsüchte immer wieder Altäre bauen.
Nehmen wir ihr Suchen ernst!
Denn wir leben, weben und sind in ihm.
Fasst und hält er nicht, Dich, mich, sich selbst?
Erfülle davon dein Herz, so groß es ist.
So erfüllt er uns mit Lebenskraft und Mut, der hoffen lässt, dass unser Leben nicht sinnlos ist.
Eigentlich ist das ein Grund zum Jubeln.
Amen.