Ansprache zur Sterbestunde Jesu

Johannes 19,31-42
23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.
24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.«Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdalena.
26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten den an seinen Mund.
30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.
31 Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über - denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden.
32 Da kamen die Soldaten und brachen dem ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war.
33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht;
34 sondern einer der Soldaten stieß mit einer Lanze in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
35 Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt.
36 Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde: »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.«
37 Und ein anderes Schriftwort sagt: »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.«
38 Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab.
39 Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.
40 Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Spezereien, wie die Juden zu begraben pflegen.
41 Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war.
42 Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.

Liebe Gemeinde! Schwestern und Brüder!
Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Vor allem junge Männer zogen in diesen Kampf und glaubten zunächst an eine baldige und siegreiche Heimkehr. Sie alle täuschten sich - schrecklich. Söhne und Väter, Ehemänner, Brüder und Nachbarn starben, viele von ihnen, bevor sie ihr eigenes Leben gestalten konnten, bevor sie mit anderen und für andere leben konnten, Frauen, Kinder, hilfsbedürftige Eltern.
Deren Namen jedoch fehlen auf den Denkmälern, sie wurden und werden nicht in Opferlisten erfasst. Kein Mensch hätte am Anfang des Krieges geglaubt, wie viele Opfer damals auf allen Seiten gefordert und - gebracht wurden. Opfer? Für wen? Und: Wozu?
Die Frage stellte sich - immer dringlicher. Künstler suchten nach Antworten. Sie, die oftmals noch anfangs begeistert waren, verzweifelten dann an dem Elend und der Brutalität dieses Sterbens. So die einen. Andere, wie die damals viel gelesene Schriftstellerin Ina Seidel, eine Pfarrfrau, suchten eine andere Sicht, einen Sinn, eine Deutung ins Heldenhafte, Ewige. Die fand und findet sich ähnlich bis heute auf vielen Gedenksteinen. Ina Seidel schrieb:
„Wir Toten fragen nicht nach dem Gewinn,
Wir sind der Strom, der sich ins Meer ergoss;
Und ist kein Tropfen der vergebens floss, -
Das Opfer ist des Opferns letzter Sinn!"
Man wagt es kaum, diese Zeilen zu zitieren. Denn die pure Banalität, dass Tote nach nichts mehr fragen, nichts mehr begehren, nichts mehr empfangen können; wird zu einer Haltung verfälscht: Sie seien nicht auf Gewinn aus. Es ist eine Anmaßung im Namen der Toten zu sprechen. Ihr Tod ist stumm und macht stumm.
So klingt auch der nächste Satz hohl:
Wir sind der Strom, der sich ins Meer ergoss.
Die Toten bilden keine Gemeinschaft und schon gar keine Bewegung.
Jeder stirbt für sich - allein.
Auch, wenn dann der Name mit vielen anderen in eine lange Liste eingemeißelt wird.
Es klingt nach Überhebung, zu dichten:
Und ist kein Tropfen der vergebens floss!
Kein Tropfen vergebens? Wirklich?
Warum und wofür sind diese jungen Männer gestorben? Noch die Antwort: Umsonst, für nichts und wieder nichts; ist eigentlich zu harmlos. Es gibt gute Gründe, in diesem Krieg und seinen Opfern den Anfang der Katastrophen und der Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu sehen. Diese Generation hat gefehlt, als es galt, Vernunft und Menschlichkeit in Deutschland zu bewahren.
Und schließlich: Das Opfer ist des Opfers letzter Sinn?
Das sollte bedeutsam klingen und war doch nur Un-Sinn, ein Unsinn, der das zerstörte Leben der Toten wie das ihrer Familien nicht wahrnahm; ein Un-Sinn, der die Folgen nicht bedachte.
Aber mit dem Wort „Opfer" bediente sich Ina Seidel bewusst bei der Sprache des christlichen Glaubens, der Sprache des Karfreitags, bei den Bildern aus der Leidensgeschichte Jesu. Sie sollten die schmerzliche Leere füllen und die Trauer trösten,
wozu doch kein Mensch in der Lage ist. Aber durfte sie das? Durfte man auf die Denkmäler schreiben:
„Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde"?
Darf man die Kriegsopfer mit dem Gekreuzigten vergleichen? Die Passionsgeschichte führt ein Bild Jesu Christi vor Augen.
Dieses Bild zeigt viele Züge eines Opfers, eines Opferlamms. Manche müssen wir uns erst mühsam erklären lassen: Dass ihm kein Bein, kein Knochen zerbrochen wird, dass er in der Stunde stirbt, in der die Passalämmer geschlachtet werden, das und vieles mehr beschreibt Jesus als Opferlamm, als Passalamm, als Osterlamm. Es ist in der Passionsgeschichte gut erkennbar.
Jesus wird Opfer eines Machtkampfes, Spielball einer rohen Soldateska. Sein Tod ist der Preis für die Machterhaltung in unsicheren Zeiten in einem zerstrittenen und zerteilten Land. Wir erkennen in seinem Leiden und Sterben die Welt wieder, in der wir leben; eine Menschheit, die sich gegenseitig zu Opfern macht. Manchmal möchte man die Nachrichten gar nicht mehr hören,
weil die Lage in Syrien oder zwischen Israel und Palästina oder in anderen gespaltenen Ländern so aussichtslos erscheint und die Opfer so zahlreich. Jesu Passion rückt die in den Blick, die unfreiwillig zu Opfern werden, die zu Opfern gemacht werden - aber sie überhöht sie nicht zu unbeugsamen Helden.
Doch - auch darin borgte sich Ina Seidel die alte Hoffnung - die Klage hat nicht das letzte Wort in dieser Geschichte, in unserem Glauben. Diese Anklage des unmenschlichen Todes hat ein Ziel: Gott gibt dem Opfer, diesem Opfer, Recht. Denn er lässt dem Tod nicht das letzte Wort. Wir glauben und hoffen, dass dem Karfreitag dieser Welt Gottes neues Leben folgt, Ostern.
Nicht Gott brauchte dieses Opfer, wie unsere Welt immer wieder Opfer fordert. Gott setzt sich, als Opfer, in seinem Sohn Jesus Christus dieser todbringenden Welt aus. Der Sinn dieses Opfers erschließt sich im Sieg über den Tod. Aber dies bleibt ein Sieg über - den Tod, den Tod, den Menschen einander bereiten, sei es im Krieg, sei es im unfriedlichen Frieden.
Darum bitten wir Gott um den Frieden, der höher ist als alle streitende Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus.