Predigt über Hebräer 13,20-21

„Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

Was für ein Wort! Man möchte tief durchatmen, von Herzen in das „Amen" einstimmen, am liebsten gleich das nächste Lied singen und Abendmahl feiern.
Diese Worte aus dem Hebräerbrief kommen daher wie ein Gebet. Genauer: wie ein Fürbittengebet. Und dieses Fürbittengebet hat bei genauerem Hinsehen drei Abschnitte:
Zunächst setzt es ein mit dem Grund der Hoffnung, mit Jesus Christus. In ihm hat der „Gott des Friedens" gehandelt. Gott hat Jesus Christus „von den Toten heraufgeführt". Durch Kreuz und Auferstehung ist er der „große Hirte der Schafe" geworden.
Und weil das so geschehen ist, deshalb mögen die Empfänger des Hebräerbriefes - zweitens - darauf hoffen, dass auch sie von diesem „Gott des Friedens" auf die richtige Bahn, auf den rechten Weg geführt werden: sie mögen fähig werden, „das Gute" und „den Willen eben dieses Friedensgottes" zu tun.
Schließlich bezieht sich der Verfasser selbst mit ein in diesen Wunsch, in dieses Fürbittengebet. Er spricht nicht nur seinen Adressaten, sondern auch sich selbst Mut zu. Er hat für die anderen, aber auch für sich selbst einen Wunsch: „Der Gott des Friedens" schaffe in uns allen das, was ihm gefällt.
Was für ein Wort! Ja, man möchte tief durchatmen! Es sind Worte, die so wirken als wenn sie schon viele tausend Mal in einer Kirche gebetet worden sind.
Der Hebräerbrief ist ein besonderer Text. Er wendet sich an Christen, die kurz davor sind, aufzugeben, weil die Kirche so klein und bedroht ist; die mutlos geworden sind, weil sie dauernd benachteiligt werden und Repressalien und zum Teil regelrechter Verfolgung ausgesetzt sind; die müde sind, weil Christsein so anstrengend und so schwierig ist, weil es dauernd Probleme und Konflikte gibt.
Seit Jesu Leben und Sterben waren noch keine hundert Jahre vergangen, da wurden anscheinend schon viele matt in ihrem Glauben. Der äußere Druck kam dazu: als Christ wurde man von den anderen verlacht und teilweise sogar verfolgt. Beängstigend auch, dass das Feuer des Glaubens zu verlöschen drohte. Der Segen Gottes, das Heil in Jesus Christus - das wurde manchen gleichgültig. Viele wandten sich ab von der Gemeinde. - Ausgebrannt und müde im Glauben.
Solchen müden Christen neuen Mut zuzusprechen, dazu ist der Hebräerbrief geschrieben. Ermutigung und Ermahnung, nicht müde zu werden - darum geht es damals wie heute.
Auch heute kann man diese Worte wieder hören: „Die Kirche verliert immer mehr an Bedeutung." „Für viele ist der Glaube keine relevante Größe mehr." „Die Zahl derer, für die Kirche und Glaube gleichgültig sind, wächst und wächst." Vor wenigen Wochen erst hat die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft herausgefunden: Es gebe den Trend zunehmender Indifferenz der Kirche und dem Glauben gegenüber. Kirche und Glaube seien zunehmend „egal".
Wenn das stimmen sollte, dann stehen dem Christentum damit erstmals keine profilierten Gegner mehr gegenüber, mit denen sich trefflich streiten ließe. Wenn das wirklich stimmen sollte, dann stünden da nur noch Menschen, die achselzuckend und völlig unverständig an einer so herrlichen Kirche wie St. Thomas vorbeigingen; nicht wissend und schon gar nicht verstehend, was hier und andernorts geschieht. Nicht wissend, wie die Kirche und der Glaube Menschen berühren können und die Gemeinschaft im Glauben einander zu stärken vermag.
Ich kann mir gut vorstellen: Viele von Ihnen haben damit eigene Erfahrungen gemacht, einige wohl auch noch aus dem ganz persönlichen Erleben: Das Leben in einem System, in dem das Bekenntnis zur Kirche und zum Glauben erhebliche Nachteile bedeutete. Einschränkungen in der Berufswahl. Einschränkungen der Karriere. Man wurde verdächtigt und zum Außenseiter erklärt. Da ist Christsein anstrengend.
Den Glauben, das, was das eigene Leben trägt, nach außen zu verteidigen, die Wahrheit, die wir erkannt haben, glauben und leben zu wollen, kostet Kraft. Wie ein permanenter Gegenwind beim Fahrradfahren: Kein kurzer Gewittersturm, dem ich dadurch entgehen kann, dass ich die Pause jetzt schon mache und mich unterstelle, und auch keine vorübergehenden Sturmböen - da kann ich absteigen und schieben -, sondern ein permanenter Gegenwind, bei dem alles mehr Kraft kostet als es eigentlich kosten müsste. Das nervt!
Der Verfasser des Hebräerbriefes will einen Aufbruch initiieren und die ermutigen, die im Gegenwind ermüden. Ein Ruck soll durch die Gemeinde gehen: dass sie wieder in den Gottesdienst kommen und verstehen, was sie da eigentlich glauben. Dass alle, die so bequem und gedankenlos geworden sind, aufhorchen und frisches Interesse bekommen. Deshalb gibt er sich große Mühe, alles ganz genau zu durchdenken und neu zu buchstabieren: Jesus Christus und Gott, der Vater, der Alte und der Neue Bund, Glaube, Gnade und Verheißung.
Die Verse des Predigttextes finden sich am Schluss des Hebräerbriefes. Man spürt den Zeilen den Wunsch des Verfassers ab, seine Message, seine Botschaft noch einmal auf den Punkt zu bringen, das Wichtigste in Kurzform, mit schönen Worten, die dem, der sie liest, gut tun.
Ein Segenswunsch, eine Fürbitte: „[...] Gott [hat] den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt [...] durch das Blut des ewigen Bundes".
Ostern: Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod (EG 100,3). Gott hat die Todestür aufgebrochen. Der Menschensohn hat den Tod besiegt, damit keiner von uns mehr im Tod, fern von Gott, bleiben muss. Das Kreuz ist nicht der verlassenste Ort geblieben, sondern genau hier ist es zu einer neuen Verbindung mit Gott gekommen. Der neue Bund durch Karfreitag und Ostern. In diesen ewigen Bund sind wir mit hineingenommen. Und diesen Bund können wir „schmecken und sehen". In der Taufe, wenn Gott selbst die Hand auf einen jeden von uns legt und sagt: „Du bist mein, weil ich für dich gestorben bin; du gehörst zu mir, ich lasse dich nicht los!". Und immer wieder im Abendmahl, wenn er spricht: „Nimm hin und iss, Dir sind deine Sünden vergeben!" Der Bund ist immer schon geschlossen, das, worauf alles beruht, ist schon da und „niemand wird sie aus meiner Hand reißen".
„Der Gott des Friedens aber [...] mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt".
Gott ist es, der Frieden schenkt. Frieden, Schalom, Inbegriff des heilvollen, geheilten Lebens. Im Miteinander und mit Gott. Dieser Friede ist uns verheißen, und diesen Frieden gibt es. Wir haben Frieden mit Gott. Er macht uns fähig zu allem Guten. Das befreit und macht Mut; befreit auch von dem Gefühl, immer alles alleine machen und leisten zu müssen und aus eigener Kraft.
Ein Beispiel für einen solchen Frieden, den nur Gott schenken kann, habe ich in einem Gebet, in der Besinnung eines alten Mannes gefunden. Er hat diesen Frieden gefunden, allerdings erst nach einem langen und ereignisreichen Leben. Erst gegen Ende seiner Tage ist er Stille gewesen und besinnt sich zurück. Erst gegen Ende seiner Lebenszeit spricht er seine Hoffnung aus. Das macht ihn stark:
„Rückbesinnung
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen, mich weniger über meine Fehler zu ärgern. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen. Ich war einer dieser „klugen" Menschen, die jeden Augenblick ihres Lebens funktionieren wollten. Freilich hatte ich auch Momente der Freude. Aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, mehr gute Augenblicke zu haben. [...] aus diesen besteht [...] das Leben. [...]" (Autor unbekannt).
Freiheit und Mut wünscht der Verfasser des Hebräerbriefes seinen Lesern und auch sich selbst. Er wünscht es allen Christen durch die Zeiten hindurch. Auch uns heute und hier.
Und der Friede Gotte, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.