Predigt im Abendgottesdienst über Johannes 21,15-19


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,
wie gehen wir mit denen um, die versagt haben? Die vielleicht gar an ihrer Selbstüberschätzung gescheitert sind? In einer hochtechnisierten Gesellschaft stehen wir in der Gefahr, auch den Menschen mit technischen Maßstäben zu messen und ihn zu beurteilen wie eine Maschine. In dem Augenblick, wo er nicht mehr funktioniert oder das leisten kann was zu tun ist und was er vielleicht auch von sich selbst verlangt - da da ist so mancher schon von seinem Arbeitgeber aussortiert worden oder er steht unter Beobachtung. Und was ist, wenn man zu dieser Situation durch offensichtliches Fehlverhalten beigetragen hat? Oder selbst an den Maßstäben scheitert, die man bei anderen gerne anlegt? Dann ist es besonders schlimm. Nicht nur, weil einen seine Fehler und sein Versagen doppelt belasten. Sondern weil immer auch sofort Menschen da sind, die meinen: „Geschieht Dir recht. Hättest Du mal nicht so hoch gepokert. Hör bitte auf, dich zu beschweren." So wiegt die Scham doppelt und die Last des eigenen Versagens auch.


Um den Umgang mit Fehlern, Versagen und Scheitern ist es in unserer Gesellschaft nicht zum Besten bestellt. Das lässt sich auch einer der letzten erschienenen Unicef-Studie entnehmen. Demnach sind Kinder in Deutschland zunehmend unzufrieden. Im Vergleich der ausgewerteten Länder liegt Deutschland auf Platz 22 von 29. Warum sind die Kinder unzufrieden? Viele fühlen sich schon in jungen Jahren tief verunsichert und haben das Gefühl, irgendwie immer hinterherzuhinken. Mancher Tagesplan eines Kindes mit Schule, Hausaufgaben und Nachhilfe gleicht mit 12 bis14 Stunden Aktivität am Tag eher dem Kalender eines Managers. Machen wir uns nichts vor: Immer noch werden bei uns in der Grundschule die Weichen gestellt für den beruflichen und sozialen Werdegang- wenn nicht schon vorher. Dass das bei vielen Kindern nicht zur Entwicklung eines positiven Lebensgefühls führt, verwundert nicht. Denn da werden die Versagensängste ja früh geweckt und auch Kinder bekommen von der verbreiteten Haltung schon einiges mit, die einen bei einem Fehler behaftet.
Dass dieses System seelische Verkrampfungen und neue Fehler produziert, kann nicht überraschen. Und die Erfahrung, dabei als ausgemachter Schuldiger dran glauben zu müssen, verschärft menschliche Beziehungen. Die Suche nach dem schwarzen Schaf, auf das sich alles projizieren lässt, ist ja nur allzu oft der billigste Ausweg aus einem mühsamen Klärungsprozess. Einer wird entlassen, einem wird der Fehler angelastet, einer wird verantwortlich gemacht - und dann soll auf einmal wieder alles in Ordnung sein.


In eine solche ernste Krise war der Jünger Simon Petrus geraten. Er hatte erfahren, wohin ihn sein vollmundiges Bekenntnis, Jesus in Leiden und Tod zu folgen, geführt hatte: in einsames Dunkel und bitteres Weinen. Schon der kleinste Fingerzeig hatte ihn am Grundsatz: „Sei getreu bis in den Tod" scheitern lassen. Und das, bis der Hahn krähte, gleich dreimal. Wohl kein Jünger kommt uns so nah wie dieser, wenn uns wieder mal der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit plagt - und die Scham darüber, die Rolle des schwarzen Schafes vielleicht zurecht zugewiesen zu bekommen. Welchen Ausweg gibt es daraus? Diese Frage nimmt ein Text aus dem Johannesevangelium auf - ein anderer Predigttext als der abgedruckte. Eine Geschichte, in der sich der kleinlaute Petrus und der Auferstandene nach Ostern wiederbegegnen, ich lese ihn vor:
Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!


„Hast Du mich lieber als mich die anderen Jünger haben?" Simon Petrus mag dieser Komparativ in den Ohren klingeln. Das hatte er ja immer behauptet und war jämmerlich daran gescheitert, dieser Liebe Taten folgen zu lassen. Aber Jesus mutet ihm noch mehr zu. Dreimal insgesamt fragt er ihn, so wie Petrus ihn dreimal verleugnet hat. Dreimal die Gelegenheit, sich dazu zu verhalten. Dreimal die Gelegenheit, etwas anders zu machen. Dreimal, bis er am traurigsten Moment seines Lebens wieder angekommen ist. Nichts wird verdeckt. Nichts wird verschwiegen. Nichts wird beschönigt. Das Versagen, der Hochmut, die beschädigte Liebe, sie werden benannt. Petrus kann dem nicht entrinnen. Es funktioniert eben nicht, eine für uns peinliche Geschichte zu verdrängen und so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Nichts wird durch Vergessen bereinigt, durch krampfhaftes Verschweigen. Hier hilft nur der Blick auf uns selbst. Neues Leben mitten im Leben fängt, anders als bei der Geburt, nicht mit lauten Tönen an, sondern meistens ganz leise und mitunter auch unter Tränen der Scham. Sie weichen so manche Fassade auf. Deshalb nenn Jesus Petrus, den Fels, nun auch wieder bei seinem eigentlichen Namen: „Simon". Der Name bedeutet: „Gott hat gehört." Gott hat's gehört, sein Weinen. Er hat den weich gewordenen Fels in seiner Traurigkeit wahrgenommen. Und hier, wo er am Ende ist, bekommt er, der an seinem ersten Auftrag und den damit verbundenen Ansprüchen gescheitert ist, einen neuen Auftrag. Auch der wird dreimal benannt: „Weide meine Lämmer." Dem wankelmütigen Versager, dem zerschlagenen Fels wird die Herde des Hirten anvertraut. Es wird von ihm genommen, womit er sich selbst beschädigt hat. Und er bekommt eine neue Chance, seine verlorene Liebe wiederzufinden und zu leben.
So wendet Jesus die Blickrichtung seines Lebens: nicht zurück ins Versagen, sondern nach vorne zu einer neuen Aufgabe. Genau dort, wo der Liebe die Kräfte schwinden, ist sie beim Urgrund der Liebe Gottes angelangt, die sich im Auferstandenen zeigt. Er erneuert sie, er macht sie stark, er erweckt sie aus dem Tod zu neuem Leben. Das ist das Österliche an dieser Geschichte und das Ziel dieser nachösterlichen Konfrontation.


Dabei geht es Jesus um mehr als Petrus zu seiner inneren Seelenruhe zu verhelfen. Sein letztes Wort an ihn entspricht genau dem ersten: „Folge mir nach". Er soll auf die Menschen zugehen und das tun, was Jesus mit ihm tut - sie so zu behandeln, wie es ein guter Hirte tut: Ihnen Nahrung zu geben an Leib und Seele, ihnen den richtigen Weg nicht nur zu zeigen, sondern ihn mit ihnen auch gegen Widersprüche und in Ängsten zu bestehen - angesichts der Feinde, die sich auch im Gewande von Selbstzweifel und innerer Widersprüchlichkeit zeigen mögen.


So jedenfalls beschreibt der 23. Psalm den guten Hirten. Unsere Konfirmanden lernen diesen Psalm bis heute unter anderem aus dem Grund auswendig, um sich dieses Verhalten anzueignen. Denn es spricht alles dafür, dass wir uns in umserem Umgang miteinander dieser Methoden des guten Hirten bedienen. Einander Weide zu geben, statt übereinander zu herrschen - und das in wechselseitiger Verantwortung und mit einem gut entwickelten Gespür dafür, wann man Hirte ist und wann das Schaf, das geweidet werden muss. Auch letzteres muss man sein können, um sich nicht zu überfordern. Nur so ist zu verhindern, dass uns das Hirtendasein langfristig überfordert. Zudem lassen sich „Weiden" und „Herrschen" natürlich auch leicht verwechseln. Allein schon das Bild von Lämmern und Schafen verführt ja dazu, aus falsch verstandenem Verantwortungsbewusstsein für die „armen Kleinen" zu sorgen, statt mit ihnen den Weg zu beraten. Wechselseitige Verantwortung ist gefragt, die es einem ohne Angst zuzulassen ermöglicht, dass sich sogar innerhalb einer Begegnung und eines Gespräches dieses Gefüge ohne weiteres umdrehen kann. So hütet man gemeinsam wichtige Grundwerte der Menschlichkeit. Was für Kräfte können dadurch erwachsen und welche Motivation entstehen!


Ich bin mir ganz sicher, dass gerade Kinder in unserer Gesellschaft dieses Miteinander von Verantwortlichkeit und Zuwendung, von Achtung und Motivation dringend brauchen, um sich ihrer Versagensängste und dem Gefühl, irgendwie immer hinterherzuhinken, zu erwehren. Sie brauchen es, dass die Erwachsenen ihnen das geben, anstatt sie mit I-Pots - und -Pads und all den anderen Ersatzbefriedigungen auszustatten. Dass sie ihnen Grundwerte der Menschlichkeit glaubwürdig vorleben und ihnen beibringen, wie wichtig es ist, sie zu hüten, zu hegen und zu pflegen.


Das aber lernt man doch nur durch vertrauensvolle Zuwendung. Zuwendung, die einen ernst nimmt ohne einen zu erdrücken und überzubehüten. Zuwendung der Art, wie sie in einer der Erzählungen der Chassidim von Martin Buber charakterisiert wird. Da heißt es: Zum Rabbi Ahron kommt ein Vater mit seinem Sohn und klagt, dass dieser im Lernen keine Ausdauer habe. „Lasst ihn mir eine Weile hier", sagte Rabbi Ahron. Als er mit dem Jungen allein war, legte er sich hin und bettete das Kind an sein Herz. Schweigend hielt er es am Herzen, bis der Vater kam. „Ich habe ihm ins Gewissen geredet", sagte er, „hinfort wird es ihm an Ausdauer nicht fehlen." Wenn der Vater diese Begebenheit erzählte, fügte er stets hinzu: „Damals habe ich gelernt, wie man Menschen bekehrt."


Die enge Verbindung zwischen Herzensbildung und Schärfung der Gewissen brauchen Kinder für ihre Zufriedenheit - und Erwachsene auch. Und was Jesus mit Simon macht, ist letztlich genau das: Er legt ihm ans Herz, dass er ihm am Herzen liegt. Und das macht ihn wieder stark für eine neue Aufgabe. Und sie muss auch her, diese Stärke. Simon muss zumindest wieder den Beinamen Petrus tragen, der Fels. Der Auftrag „Weide meine Lämmer" mag süßlich-romantisch klingen, er ist es aber nicht. Denn wenn man ihn zu erfüllen versucht, kommt man auch manchmal dahin, wo man nicht hin will. In Situationen, die man sich nicht wünscht, wo man sich hin-und hergetrieben fühlt und man sich von anderen nur noch führen lassen kann. Es ist kein leichtes Leben, wenn man die Frage des Auferstandenen: „Hast Du mich lieb?" mit „Ja" beantwortet. Diese Antwort kann einen dahin führen, wohin niemand will: ins Leid, zu den Totgesagten und auch zur eigenen dunklen Mitte.


Diese Geschichte aber macht deutlich: in nichts davon müssen und werden wir dauerhaft bleiben. Alles wird überwunden in der Aufforderung des Auferstandenen: „Folge mir". Wie schon gesagt: Das war das erste und das letzte Wort Jesu an den, in dem auch wir uns wiedererkennen können: Simon Petrus. Er ist dazu berufen, der Liebe Jesu zu entsprechen. Ihn und auch uns, die wir ihm so ähnlich sind, ruft diese Liebe immer wieder von Neuem zu Neuem. Und wo das geschieht, da ist Ostern mitten in unserem Leben. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org