Predigt über Jesaja 40,26-31

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Jesaja 40,26-31
26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht!
Wer hat dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen;
seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst:
»Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Vor gut einer Woche noch - Karfreitag - Finsternis bedeckt die Welt.
Jesus ist gekreuzigt.
Ein schwerer Stein versiegelt das Grab. Das Ende.
Kranke mögen wieder gesund werden.
Gefallene stehen wieder auf. Aber Tote?
Die Hoffnung ist zerstoben.
Traurigkeit - der erhoffte Erlöser tot.

Jedes Trostwort wirkt wie Hohn. Nur Trostpflästerchen auf zerbrochene Seelen.
Vor gut einer Woche noch.

Dann die Nacht auf Sonntag. Die Osternacht.
Gefeiert wird sie in vielen Kirchen - erst ein schwaches Licht, eine verletzliche Kerzenflamme, dann zwei, dann Dutzende, vielleicht Hunderte, - dann heller Schein.

Der starke, der unwiderstehliche Tod - mit einem Mal hinfällig.
Gefällt von einem Wörtlein: „Auferstanden".

Die zuvor Verzagten - wie neugeboren - quasimodogeniti.
Sollte man sich da nicht auf die gute Nachricht konzentrieren?
Nicht mehr vom Tod - allein noch von Ostern und Leben reden?
Wer Ostern erlebt, erfährt das Wunder gerade aus der Überwindung der Finsternis.
Welchen der Karfreitag wie ein schwerer Stein auf den Herzen lastet, - die erfahren, welche Erleichterung und Freude es bedeutet,
wenn dieser Stein an Ostern weggerollt wird, - von den Herzen fällt;
wenn der Weg frei wird für die Freude des Osterfestes.

Ein Sprung zum Schreiber der Trostworte unseres Predigtextes
Von tiefer Trauer zur Freude auch vor mehr als 2500 Jahren.
Israel ist deportiert nach Babylon. Zwangsumgesiedelt, eingepresst im Herzen einer fremden Weltmacht.
Nun schon Jahrzehnte in einer neuen Umwelt.
Die alte Heimat, die eigenen Häuser zerstört, das Land längst an andere verteilt. Eine neue Generation wächst heran. Sie kennt Israel nur noch aus den Erzählungen der Alten.
„Warum sich nicht in Babylon anpassen und mit den Babyloniern arrangieren? - Wie alle andern?"
Deren Namen, Bräuche und Götter übernehmen und selbst ganz Babylonier werden. Endlich einmal auf der Seite der Sieger stehen...
„Die Mauern Babylons stehen auch noch in hundert Jahren." Das babylonische Reich wird noch in 1000 Jahren Bestand haben...

Wer da ausharrt und auf Veränderung wartet, der macht sich doch etwas vor...
„Es besteht keine Aussicht auf Veränderung, - keine Hoffnung. Die Unterdrücker sind viel zu stark.
Der Gott Israels ist weit weg - hört er uns hier überhaupt?"
»Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Wer will da trösten? - Kein Ausweg.

Ein einstimmiger Chor der Deprimierten.

Da singt doch einer falsch.

Singt, was nicht passt. Da, wo keine Hoffnung ist, singt eine Stimme - von Hoffnung...
Noch mehr: Singt von einer neuen Realität. Singt als wär's schon Sache.

Der alte Chor will die Stimme übertönen.
Doch die Stimme lässt sich nicht niederstimmen, harrt aus, gewinnt immer neue Kraft. Woher?
Andere Stimmen haben Aussetzer, werden brüchig.
Die eine Stimme hält den Ton. Andere schließen sich an - erst einzelne, dann immer mehr; schließlich ein Chor der Hoffnung.

Auf Ewigkeit angelegte staatliche Strukturen fallen in sich zusammen. Zerbrechen nicht zuletzt an denen, die ausharren in ihrer Hoffnung - wider alle Hoffnungslosigkeit.
Die nach Babylon Verbannten kehren heim.
Fangen in Israel neu an; so wie neugeborene Kinder - Quasimodogeniti.

Die Verse des 40. Kapitels sind nicht umsonst Predigttext am Sonntag nach Oster; dem Sonntag, der den lateinischen Namen „Quasimodogeniti" trägt. Zu deutsch: Wie die Neugeborenen.
Schon früh wurde die Verbindung zwischen der Heimkehr des Volkes Israel aus der Verbannung und der Auferstehung Christi empfunden.
Die Erinnerung an beides gehörte zusammen; an die beiden Hochfeste des Trostes.

Von „Sternstunden der Menschheit", sprach Stefan Zweig, als er beides - Jesajas Trost und Jesu Auferstehung - literarisch mit dem Schicksal Georg Friedrich Händels verknüpfte.
Auch Händel steht am Ende aller Hoffnung. Nach einem Schlaganfall gelähmt, verkannt, zutiefst deprimiert und wirtschaftlich gescheitert... - als er eines abends bei der Heimkehr ein Libretto für ein Oratorium vorfindet.
Die ersten Worte und Sätze dieses Librettos sind der Anfang des Kapitels aus dem Propheten Jesaja, aus dem auch unser Predigttext stammt: „Tröstet, tröstet mein Volk".
Der Komponist ist elektrisiert: „Das ist mir gesagt! Jetzt in diesen schweren Stunden."
Wie im Rausch macht er sich an die Arbeit.

Händel komponiert diesmal kein Oratorium, das im Zeitrahmen der erzählten Geschichte bleibt. Kein Stück, das angesiedelt wird in Babylon vor 2600 Jahren.
So hatte Händel es drei Jahre zuvor noch bei seinen Oratorien „Saul" oder „Israel in Ägypten" getan.
Nein, die Hoffnung, die Befreiung, die Händel selbst erfährt, sprengt jeden zeitlichen Rahmen.
Diese Hoffnung verbindet Israel in der babylonischen Verbannung mit der Auferstehung Christi. Und nun, in der Erzählung bei Stefan Zweig, gibt sie Händel neuen Lebensmut und neue Schaffenskraft.
In wenigen Wochen fast ohne Essen und Schlaf - so schildert es Zweig - entsteht eines der großen Hoffnungs- und Trostwerke der europäischen Musik.

„Tröstet, tröstet" - so beginnt das Jesaja-Kapitel, aus dem unser Predigttext entnommen ist. „Tröstet, tröstet - damit eröffnet Händel sein Oratorium: „The Messiah"; „Der Messias".
Das Komponieren des Messias wird zu Georg Friedrich Händels persönlicher Lebensmedizin.
Seine Musik lässt neben dem Trost auch erahnen, welche Seelennot der Komponist durchlebt hat. Umso größer der Durchbruch zur Befreiung, Erlösung. Zurück ins Leben. Händel wie neugeboren - Quasimodogeniti. Stefan Zweig nannte seine Novelle: „Georg Friedrich Händels Auferstehung."

Unser Predigttext entstammt dem Propheten Jesaja. Bei Jesaja finden wir über weite Strecken Gerichtsworte und Leid.
Und mitten drin, fast wie ein Fremdkörper, diese ganz andere Stimme der Hoffnung. Scheinbar so fremd, dass man von einem zweiten Jesaja spricht, einem Deuterojesaja, neben dem ersten Jesaja der vorangehenden Kapitel.

Als man die Schriften der Bibel zusammenstellte, hat man diese ganz andere Stimme nicht rausgenommen aus dem Jesajabuch.
Man hätte damit durchaus ein eigenes Buch bestreiten können.

Nein diese Hoffnungsstimme war beharrlich. Sie ist geblieben und stimmt das ganze Buch um.
Die Prophetenschrift als Ganze ist wie das Leben. Sie kennt Leid und Trauer und verschweigt es nicht. Aber bei all dem geschilderten Leid hat das Buch eine starke Hoffnungsperspektive - spricht eben auch von Befreiung und Erlösung.

Die Trostkapitel in Jesaja stehen fest.
Sie sind ein Stolperstein für alle, die meinen, Unterdrückung, Fremdherrschaft und Leid seien unabänderlich, seien hinzunehmen.
Karfreitag und Ostern - Trauer und Hoffnung bei Jesaja. Beides ist unverzichtbar. Erst wenn beides zur Sprache kommt, ist ausgeschlossen, dass das vergangene und auch das zukünftige Leid klein geredet werden. Das wäre billiger Trost.

Trost, der auffordert, das Leid zu vergessen, ist kein Trost.
Wahrer Trost kennt das Leid und baut auf auf der Erinnerung.
Nur wenig nach den Trostworten Jesajas, die dieser Predigt zugrunde liegen, finden sich zwei hebräische Worte, den meisten von Ihnen vertraut.

Zwei hebräische Worte Jesajas, aufgeladen mit Geschichte.
Zwei Worte eines Propheten der hebräischen Bibel, aufgeladen auch mit deutscher Geschichte:
Bei Jesaja im 56. Kapitel (Vers 5) heißt es: „Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern geben ein Denkmal und einen Namen." „Denkmal und Name" - auf hebräisch aber Jad waShem.

Jad waShem, der Name der Gedenkstätte, gelegen am Rande Jerusalems. Dieser Ort bewahrt die Namen der Ermordeten und ruft sie in Erinnerung. Der unsäglichen Verbrechen wird gedacht. - Zugleich ist die Existenz dieser Erinnerung an das Leid, ein Hoffnungszeichen.
Verbrechen, Tod und Leid haben nicht das letzte Wort. Nach Jahrtausenden des Ausharrens in der Zerstreuung, nach dem Versuch der Vernichtung: Ein Neuanfang - wider alle Wahrscheinlichkeiten.

Jeder von uns vermag weitere Hoffnungs- und Trostgeschichten anzufügen:
Vielen werden die Wochen vor dem 9. Oktober vor fast 25 Jahren hier in Leipzig in den Sinn kommen. Wie die Menge der Lichter von mal zu mal wuchs und schließlich zum Zusammenbruch scheinbar festgefügter Strukturen führte.

Wie groß war die Sorge nach den Ereignissen in Peking (auf dem „Platz des himmlischen Friedens") nur wenige Monate zuvor. Sorge um mögliche Opfer...
Wie groß unsere Sorge in diesem Augenblick angesichts der Vorgänge in der Ukraine...
Nach dem 9. Oktober 1989 hatte der erste Vers aus unserem Predigttext einen ganz anderen Klang:
„Hebet eure Augen in die Höhe und seht!
Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen;
seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt" (Jes 40,26).

Mächtige sind gestrauchelt und zu Fall gekommen.
Und viele von denen, die auf den Herrn harrten, schöpften neue Kraft.

Und plötzlich ist uns der Trost bei Jesaja ganz nah.
Jesajas Trost ist auch unser Trost.

Die Hoffnungsgeschichte, die über Jesaja, Jesu Auferstehung und Händel bis in unsere Zeit führt, ist nicht zu Ende.
- Es ist eine Geschichte, die weiter geht. Wir selbst fügen ihr mit unserer Hoffnung neue Kapitel hinzu.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen.