Predigt im Abendgottesdienst über Jesaja 40,26-31

Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: «Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber»? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

„Pessimisten sind lächerlich." Ein Satz wie Donnerschlag. Er stammt von George Steiner, der vor ein paar Tagen 85 Jahre alt wurde. Kennen Sie nicht? Ich gehörte bis vor ein paar Tagen zu denen, die bei seinem Namen nur die Schultern zuckten. Als ich ein Interview mit ihm las, wurde ich sofort hellwach. Vielleicht kennen Sie diesen Satz ja auch: „Leben ist die Suche nach Gleichgesinnten." Wobei es dabei völlig egal ist, ob dieser Mensch noch lebt und wo. Das macht die Welt ja grösser, bunter und interessanter. George Steiner, in Frankreich geborener Jude mit österreichischen Wurzeln, steht auf der roten Liste der Gattung der Universalgelehrten. Er hat sofort einen Platz in meiner Hitparade: „Wo lassen Sie denken?" bekommen. Für solche Sätze zum Beispiel: "Ich hasse jeden Nationalismus, für eine Fahne sterben, für einen Pass foltern, für ein Visum sich zu erhängen - das ist so ein grässlicher Blödsinn auf dieser ganz kleinen Erde. Menschen müssen lernen, unter Menschen zu leben und sich gegenseitig zu bewirten. Im Altgriechischen - die schönste aller Sprachen vielleicht - gibt es dasselbe Wort für einen Fremdling und für einen Gast. Und auf meinem Grab hätte ich das sehr gern: Er war ein Fremdling und er war ein Gast. Das müssen wir lernen." Die Frage ist natürlich, ob das überhaupt möglich ist.

Lernen Menschen aus der Geschichte? „Die Menschen lernen aus der Geschichte, das Menschen aus der Geschichte nichts lernen" hat ein Spötter festgestellt. Dafür gibt es jede Menge Anhaltspunkte - und doch ist das eine Auskunft, die mich beunruhigt.

„Wir sind Flöhe im Pelz des Löwen" So beschreibt Steiner die Situation des Menschen nach zwei Weltkriegen, dem Holocaust, dem Gulag, dem religiösen Fanatismus und den Religionskriegen in Afrika, Indien, Indonesien. Und doch können wir Flöhe Löwen ärgern, hofft er. Gibt es trotz allem berechtigten Kulturpessimusmus Licht im Tunnel? Dazu ein Satz von George Steiner: „Wer auf alles eine schlüssige Antwort hat, ist ein armer Mensch. Er verfällt dem bitteren Los, ein Langweiler zu sein. Zum Glück dreht ihm das Leben ohnehin eine Nase." Und jetzt kommt der Satz, der ihn geradezu in eine Predigt adoptiert: „Eine Gesellschaft, die Sätze für unsinnig hält, in denen das Wort Gott vorkommt, bäckt nur noch sehr kleine Brötchen."

Warum also die Bibel aufklappen - und bei Jesaja innehalten? Um nicht bei kleinen Brötchen hängenzubleiben. Ich will jetzt nicht die ganze des Propheten Geschichte referieren, was zu seiner Zeit da alles auf seinem Lehrplan stand. Ein Satz soll genügen: Die aus Jerusalem 587 nach Babylon verbannten sollten zurückkehren können - und manche blieben lieber dort, andere waren im Zweifel, ob es sich lohnen würde, das Risiko eines Neuanfangs auf sich zu nehmen, andere wollten den Aufbruch wagen. In dieses Herumirren in der Schlucht des Zweifels erhebt Jesaja seine Stimme. Seine Botschaft: Es gibt eine Auferstehung aus dem Grab der Vergangenheit. Sein Argument: Geschichte geht nicht in dem auf, was Menschen sich ausdenken, bedenken, bezweifeln, befürchten. Es gibt einen Regisseur hinter den Kulissen, der mehr kann, mehr weiß, mehr Kraft gibt als der eigene Blick es entdecken kann. Und wenn Glauben übersetzt heißt ‚über den Horizont sehen können' , dann eben im Vertrauen auf diesen Weitblick ins Ungewisse aufbrechen - wie Moses, wie Jakob, wie Maria, wie Petrus. Die Bibel strotzt von Berichten über solche Aufbrüche, die keiner Vernunft gerecht werden. Aber sie erzählt: Wer immer nach hinten sieht, erstarrt zur Salzsäule wie Lots Weib - und wer immer nur darauf achtet, was sich im Leben rechnet, fällt tot um wie der reiche Kornbauer. Und wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Sagt David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels. Der hat es ja leider nicht mehr erleben können, dass es 2014 mehr Juden auf der Welt gibt als vor dem Holocaust. Die ein eigenes Land behalten haben - trotz vier Kriegen, in denen sie nicht verlieren durften. Das ist jetzt kein Werbefeldzug für Positives Denken. Dieser Versuch der Selbsterlösung und Selbsttäuschung endet für viele Menschen in der Depression und kostet eine Menge Zeit, Geld und Kraft. Wahr ist aber: Wer nur auf rote Ampeln geeicht ist, der sieht auch nur noch rote Ampeln. Darum geht es bei Jesaja aber nicht. Er lenkt den Blick auf eine andere Wirklichkeit - die himmlische Wahrheit, die unsere Vernunft übersteigt.

Die Chiffre dafür heisst Gott. Und ohne Menschen, die ihm vertrauten, hätte es hier in Leipzig keinen Marsch der 70 000 um den Ring gegeben, ohne Menschen wie Pfarrer Führer keine Bonzen, die bekennen mussten, dass sie gegen Gebete und Kerzen keine Macht hatten. „Er stösst die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen" ist so ein Glaubenssatz, über den Honecker, Mielke und all die kleinen Honeckers und Mielkes verächtlich gelächelt haben. „Die auf den Herren harren, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden." Das ist ja mehr als ein schöner Konfirmandenspruch. Das ist eine Kampfansage an alle, die sich selbst für Gott halten. Und ein Satz, der kein Ablaufdatum kennt. Und der Menschen ermutigt, aus dem Heer der Mitläufer des Phrasensystems auszubrechen. Das ist ja auch eine Auferstehung ins Leben. Wie immer auf Risiko hin. Dafür werden Kirchen gebraucht - als Sauerteig für die Gesellschaft. Dafür werden gute Geschichten gebraucht, wie sie in der Bibel stehen - von Aufbrüchen ins Gelobte Land. Als Flöhe im Fell des Löwen, wie es mein neuer Freund George Steiner herausgefunden hat. Pessimisten sind lächerlich. Diese Botschaft schenke Gott uns allen. Amen.

Pastor Matthias Neumann, Hamburg

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