Predigt im Abendgottesdienst über Apostelgeschichte 10,34-43

Gnade sei mit Euch und Friede von unserem Vater und von unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Gott schickt seinen Engel.

Gott schickt seinen Engel zu Cornelius, einem römischen Hauptmann nach Cäsarea, der bedeutendsten Hafenstadt in Palästina. Cornelius ist ein „frommer und gottesfürchtiger Mann"; so beschreibt ihn die Bibel. Er betet regelmäßig uznd gibt Almosen.
Und nicht nur er, sein ganzes Haus lebt so. Nach antikem Verständnis also seine Familie, die Verwandten unter seinem Dach, daneben aber auch alle Bediensteten, alle Sklaven in seinem Haushalt.
Cornelius ist Römer, und damit sind die Verhältnisse klar: Er ist ein Heide, ein Nicht-Jude; Gottesfurcht hin oder her. Aus jüdischer Sicht ist die Sachlage vollkommen klar: Cornelius ist ein Unreiner, ein Gottesfürchtiger zweiter Klasse also.
Und so, als setze Cornelius diese zweitklassige Behandlung von sich auch bei Gott voraus, reagiert er, als der Engel des Herrn bei ihm eintritt: Mit einem Ausruf des Erschreckens („Herr, was ist das?", Apg. 10, 4) wehrt er ihn einerseits ab, heißt er ihn aber gleichzeitig ganz klar als von Gott gesandt willkommen.

Er, Cornelius, ranghoher römischer Militär, Heide und damit nicht zum Gottesvolk gehörig - ganz eindeutig er erhält einen Boten Gottes zu Besuch.

Das, was der Engel des Herrn dem Cornelius ausrichtet, führt nun direkt zu unserm Predigttext. Cornelius erhält den Auftrag, nach Petrus (dem bekanntesten aus dem Kreis der Apostel) zu schicken und ihn holen zu lassen. Zu dieser Zeit hält sich Petrus gerade eine Tagreise entfernt - in Jaffa - auf. Von Cornelius geschickte Knechte kommen zu Petrus und bitten ihn, ins Haus des Cornelius zu kommen.
Ziel dieses Besuches: Sie wollten hören, was Petrus zu sagen hat.

Das, was Petrus zu sagen hat (seine Rede im Haus des Cornelius) steht in der Apostelgeschichte im 10. Kapitel [34-43]
„Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach:
34 [Nun erfahre ich in Wahrheit, **dass Gott die Person nicht ansieht;**
35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.]
36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.
37 Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte,
38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm.
39 Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet.
40 Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen,
41 nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten.
42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten.
43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen."

Der Herr segne an uns sein Wort.
I
Die Rede des Petrus im Haus des römischen Hauptmanns Cornelius. - Im Anschluss an diese Rede lassen sich Cornelius und seine Angehörigen taufen. Man könnte also meinen, Petrus‘ Rede verfehle ihre Wirkung nicht. Doch zwischen der Rede und der Taufe gibt es ein Ereignis, das Petrus selbst von Grund auf erschüttert ..., das ihn so stark beeindruckt, dass es ihn erst dazu bringt, Cornelius zu taufen: Auf alle Anwesenden, auf alle Zuhörer der Rede fällt der Hl. Geist. (Sie reden nämlich plötzlich in Zungen.) Auf alle: auf die Juden wie auch auf Cornelius‘ Familie, also auf Heiden. Hier erst ist sich Petrus ganz sicher, dass Gott keinen Unterschied macht zwischen einem Juden und einem Nichtjuden. Zwischen einem gottesfürchtigen und gesetzestreuen Beschnittenen, der die Speisevorschriften hält, einerseits. Und einem gottesfürchtigen Heiden, einem sog. Unreinen, einem frisch bekehrten andererseits.
Gott macht keinen Unterschied dort, wo wir Menschen so gern auf alteingesessenen Verhältnissen und angestammten Rechten beharren. Gott beschenkt mit seinem Geist alle. Gottes Geist weht, wo er will.
Das musste auch ein Petrus erst begreifen, dass das Evangelium nicht fragt nach Besser oder Schlechter, nach religiösem intensivem Vorleben oder unbeschriebenem Blatt, nach über Generationen hin gelebte Tradition oder jungem, ganz neu erworbenem Glauben.
Ein schmerzhafter Prozess war es für ihn, wie es scheint, an dessen Ende er einsehen muss, dass er die Taufe nicht dort verweigern kann, wo der Hl. Geist schon seine Entscheidung getroffen hat.
Und so gewinnen wir den Eindruck, dass seine Rede viel weniger bzw. nicht nur seine Zuhörer beeindruckt hat, sondern vielmehr ihn selbst zur Einsicht religiöser Toleranz und vor allem zur Demut vor Gottes Entscheidung führt. [vgl. V. 34 „Gott sieht die Person nicht an."]

Allein in diesen Ostertagen sind mir verschiedene Beispiele dafür begegnet:
- Taufe einer Erwachsenen in der Osternacht
- Taufe eines Kleinkinds am Ostermontag (in einer anderen Gemeinde).
- besser? schlechter?
- Jemand, der gar nicht getauft ist und sich zu keiner Gemeinde zugehörig fühlt, aber in einem Hauskreis erste zaghafte Schritte im Glauben tut und nach Gott fragt.
- Motettenbesucher oder Touristen, die ansonsten nie einen Schritt in einen Gottesdienst wagen würden.
- besser? schlechter?
An uns ist es hier nicht zu bewerten. An uns ist es, auf Gottes Wege zu vertrauen und seine Lebenswege, die er uns auf ganz verschiedene Weise führt, zu bewundern.

II
Diese Rede, die Rede des Petrus in Cäsarea, sie liest sich daneben ganz unaufgeregt wie ein Glaubensbekenntnis. Wie in einem Credo fasst Petrus hier vor sineen Zuhörern zusammen, was er über das Handeln Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus weiß und was er davon weitererzählen kann. Er setzt das, was er sagt, bei seinen Umstehenden voraus; es sind ja gottesfürchtige Menschen. „Ihr wisst, was alles geschehen ist." So leitet er die Rede ein.

- Ja, wir wissen es, dass Jesus von Nazareth von Johannes getauft wurde, dass Gott seinen Hl. Geist über ihn ausgeschüttet hat.
- Ja, wir wissen es, dass Jesus dann in Galiläa und in Jerusalem predigte, dass er Kranke heilte, ja sogar Teufel austrieb, dass er überhaupt ‚Gutes getan hat‘.
(vgl. Mt.-Passion:
Pilatus: „Was hat er denn Übles getan?"
Arioso: „Er hat uns allen wohl getan.
Den Blinden gab er das Gesicht, die Lahmen macht er gehend.
Er sagt uns seines Vaters Wort.
Er trieb die Teufel aus.
Betrübte hat er aufgericht‘.
Er nahm die Sünder auf und an. -
Sonst hat mein Jesus nichts getan.)
- (weiter in der Rede) Ja, wir wissen es, dass Jesus hingerichtet wurde, dass er am Kreuz gestorben ist. Am Karfreitag haben wir daran erinnert.
- Und Ja, wir wissen es, dass Gott Jesus, seinen Sohn, am dritten Tag auferweckt hat von den Toten. Gestern, am Ostersonntag feierten wir diese Auferstehung. ... und dass er nach der Auferstehung seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen ist.
- Ja, wir wissen es, und wir bekennen es in jedem Gottesdienst: Jesus wird wiederkommen, ‚zu richten die Lebenden und die Toten‘.
- Und Ja, genau, wir wissen es. Durch diesen Glauben wmpfangen wir die Vergebung der Sünden.

Tatsächlich, die Rede des Petrus ist ein Credo. Sie präsentiert sich als eine Christologie in nuce, als das, was wir über Jesus Christus glauben und predigen können, in ganz komprimierter Form.

Hier tritt uns ein Petrus gegenüber, der klar seinem Glauben Ausdruck verleiht. Am Gründonnerstag noch hatte derselbe Petrus noch Jesus verleugnet, hatte er bestritten, ihn auch nur zu kennen: „Ich kenne diesen Menschen nicht."
Heute, im Predigttext am Ostermontag, nun diese Klarheit.

Einen solchen Weg kann ein Mensch unter dem Einfluss des Karfreitags- und Ostergeschehens gehen: Vom zitternden Wankelmut hin zum klaren Bekenntnis zu Gott.

Liebe Gemeinde, schade eigentlich, dass unser Predigttext heute so nüchtern daherkommt. Die Rede des Petrus, sie hat so wenig vom Strahlen des Ostermorgens. (So gern hätte ich heute noch einmal quasi mit Pauken und Trompetenschall gepredigt: „Der Himmel lacht, die Erde jubiliert: Der Schöpfer lebt!")
Stattdessen diese etwas anstrengende, ja gestrenge Rede.

Aber ist es nicht gerade das, was wir brauchen, wenn wir jetzt wieder in unsern Alltag gehen? Diese Zusammenfassung der Eckpfeiler unseres Glaubens - sie tut richtig gut. Das Credo des Petrus, es kann uns stärken, fasst es doch all das zusammen, was unsern Glauben an Jesus Christus, Gottes gekreuzigten und vom Tod erweckten Sohn, ausmacht.

Jetzt erst, mit dieser Vergewisserung im Gepäck, kann der Alltag wieder beginnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und unser Beginnen in Christus Jesus. Amen.

Dr. Almuth Märker, Prädikantin