Predigt über Apostelgeschichte 10,34-43

Gnade sei mit Euch und Fried von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Ostern ist das älteste Fest der Christenheit. Es ist aber bei weitem nicht so populär wie Weihnachten. Was eine Geburt ist, weiß jeder, aber was hat man sich unter einer Auferstehung vorzustellen? Ein Toter, der ins Leben zurückkommt - was kann das anderes sein als eine intellektuelle Anfechtung und eine Geschichte aus dem Reich der Phantasie? Die vier Evangelien der Bibel schweigen sich über das „Wie" aus: hier wird nichts beschrieben, sondern die Auferstehung Jesu wird entweder angekündigt oder als vollzogen berichtet - faktisch aber bleibt sie unsichtbar. Nur an ihren Auswirkungen ist sie von Anfang an zu erkennen: an Menschen, die neuen Mut schöpfen, die aufstehen aus ihrer Trauer und Resignation und anfangen, eine Botschaft in die Welt zu tragen, die verändernde Kraft hat: die Botschaft Jesu, des Auferstandenen. So gibt es viele Ereignisse, die Ostern ganz weltlich buchstabieren und dabei gerade zeigen, was Auferstehung bedeutet: aus einem Grab zu steigen, das man sich nicht im wörtlichen Sinne als Grab vorstellen muss. Wo Menschen ihre Angst, ihre Zwänge und das scheinbar Unveränderliche zu überwinden beginnen, da wirkt schon etwas von dem, was Ostern bedeutet.

Solch eine Geschichte liegt auch dem heutigen Predigttext zugrunde. Eine Geschichte, wo sich einer erst mal selbst überwinden muss: der Jünger Petrus. Wir kennen ihn als den Typ Mensch mit hohen Ansprüchen an sich selbst, einer, der es gerne alles immer richtig machen möchte: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht verleugnen", das hatte er Jesus versprochen - und scheiterte daran in einer Nacht bis zum Schrei des Hahnes gleich dreimal. Nun, nach Ostern, ist die nächste dran. Mittags, hungrig wie er ist, hat er am hellichten Tage eine Erscheinung: eine gedeckte Tafel mit köstlichem Essen - aber eben nach den hergebrachten Speisegesetzen unrein. Und er hört, wie er aufgefordert wird: iss davon. In Petrus erzeugt das Widerwillen. Nicht, weil er sich ekelt, sondern vor allem aus Prinzip: Ich habe noch nie etwas Unreines gegessen. Ich habe immer alles richtig gemacht. Auch das geschieht dreimal, dreimal widerspricht Petrus und dreimal wird ihm widersprochen: Was Gott rein gemacht hat, das nenne Du nicht unrein. Da bricht etwas in seine Welt ein, was ihm neu ist, göttlich legitimiert. Das macht ihn ratlos. Während er darüber sinniert, wird er von einigen Gesandten des römischen Hauptmanns Cornelius gebeten, in dessen Haus zu kommen. Cornelius eilt ihm schon entgegen, denn auch er hatte einen Traum: ihn, Petrus, zu sich zu bitten und zu hören, was er ihm von Gott zu sagen hätte. Und so begegnen sich zwei einander fremde, ungleiche Männer. Beide finden sich in einer für sie völlig verkehrten Welt wieder, denn alles in dieser Begegnung steht auf dem Kopf: Cornelius, Hauptmann der Besatzungstruppen fällt ehrfürchtig vor einem nieder, den man in seiner Position einfach kommen lassen kann. Und Petrus richtet ihn auf, fasst ihn an, diesen Fremden, kommt herunter von seinem hohen Ross der Rechtgläubigkeit, dessen, der immer alles richtig macht und sich natürlich auch nur mit den Richtigen abgibt - oder, wenn man es mit einem österlichen Bild sagen will - er steigt aus dem Grab seiner Selbstbezogenheit und Selbstbegrenzung. So werden in dieser Begegnung die Grenzen gleich zweier Lebenswelten überschritten. Etwas Neues bahnt sich an, nicht für möglich Gehaltenes wird möglich. Im Grunde legt dieses Aufeinandertreffen, dieses Zusammenkommen schon aus, was jetzt folgt. Es macht nämlich die Predigt ziemlich anschaulich, die Petrus jetzt hält, eine Osterpredigt göttlicher Überschreitung der Grenzen - der zwischen Menschen wie der zwischen Tod und Leben:

Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. 36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle. 37 Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, 38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. 39 Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. 40 Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, 41 nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. 42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. 43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Wie gesagt: Der Rahmen, in dem diese Predigt gehalten wird, legt sie schon aus: Gott hat in Christus Frieden verkündigt, welcher Herr ist über alle. Ja, über alle. Hier überwinden zwei von österlicher Kraft bewegte Männer die Feindschaft zwischen dem Besatzer und dem Besetzten, dem Gläubigen und dem Ungläubigen, dem Guten und dem Bösem, die Grenze auch zwischen zwei sich scheinbar unüberbrückbarer Weise gegenüberstehender Kulturen und Denkweisen. Die Grenzen sind noch da, aber sie engen nicht mehr ein. Ihre die Begegnung ermöglicht neues Leben, neue Lebensmöglichkeiten für viele, ja für alle Welt. So breitet sich aus, was die ersten Zeugen als österliche Realität erlebt haben, ganz vital im Essen, Trinken und im Gespräch mit dem Auferstandenen, so wie es die Emmausjünger und Petrus selbst erlebt haben. Das vermittelt sich jetzt in der Begegnung dieser beiden Männer weiter. Die österliche Kraft der Überwindung von Tod und Grab sucht sich offenbar immer wieder neue Wege und Formen der Vermittlung. Und sie will sich zwischen Menschen ereignen, in der Begegnung über Grenzen hinweg. Dafür ist die Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern gewissermaßen das Urbild, die Begegnung der noch Lebenden mit dem, der dieses Leben und den Tod überwunden hat. In diesem Zusammenhang ist es sehr aufschlussreich, wie ernst Petrus seine Zeugenaufgabe nimmt - und mit ihr zugleich auch seinen Gesprächspartner. Denn: Er biedert sich nicht an. Er macht aus Jesus keinen Heldengott für den Römer Cornelius. Er konfrontiert ihn mit der in der griechisch-römischen Welt unglaublichen Tatsache, dass Jesus wie ein römischer Verbrecher gestorben ist, ans Holz gehängt und getötet. Petrus bleibt ganz in der Sprache und Vorstellungswelt seines Volkes. Er mutet Cornelius etwas zu. Aber: Indem er ihn mit dem ihm Vertrauten bekannt macht, zieht er ihn zugleich ins Vertrauen. Kann es sein, dass das etwas ganz Entscheidendes ist dafür, selbst Zeuge des Evangeliums zu werden: Den anderen ganz und gar ernstnehmen, ihm zutrauen, dass er auch nachdenken will? Dass er bereit ist, die altvertrauten Grenzen des eigenen Denkens zu überschreiten? Petrus mutet Cornelius die ganze Geschichte zu und spricht mit ihm eine Sprache, die ihm nichts vorenthält aus Angst, er könne es nicht verstehen, oder würde es nicht recht würdigen.

Für mich ist diese Vorgeschichte der Osterpredigt des Petrus ein wunderbares Beispiel dafür, wie das Evangelium hinein wachsen will in neue Räume und sich immer wieder auch neue Formen dafür sucht in der Begegnung zwischen Menschen. Aus dieser Geschichte heraus könnten uns drei Aufgaben erwachsen:

Zum einen, sich wie Petrus und Cornelius füreinander zu öffnen. Wege zu suchen, wie sich Blockaden zwischen Menschen und Menschengruppen lösen lassen können. Die grummelnden Feindseligkeiten in den Familien, die Animositäten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die Aversionen gegen andere Religionen und Kulturen - und wo die Mächte des Todes noch allenthalben am Werke sind. Wer von der österlichen Botschaft überzeugt ist, dass wirklich alle Grenzen, die Menschen in diesem Leben aufgerichtet haben, überwunden werden können, mag den ersten Schritt wagen. Er mag es wagen, das erste verbindende und überwindende Wort auszusprechen, auch dann, wenn noch Verletzungen da sind, die tief im Inneren schmerzen und noch sichtbar sind.

Und damit, und das ist die zweite, damit zusammenhängende Aufgabe, Zeugin oder Zeuge der Liebe Christi zu werden, die die Todesmächte überwindet. Zu jemandem, der dem Wort des Auferstandenen vertraut, wenn er sagt: Ich werde euch vorangehen in Galiläa - sprich, an dem Ort, wo wir leben, dass wir es dort tun, wo wir leben, dass wir es dort zeigen: den Todesmächten in unserer Welt ist das Ende angesagt. Ein Ort, wo eine christliche Gemeinde das seit Monaten mutig tut, befindet sich in der Ukraine, in unserer Partnerstadt Kiew. Dort, wo Tod und Leben monatelang miteinander gerungen haben und nicht mehr ganz so bemerkt von der Öffentlichkeit immer noch ringen, befindet sich in unmittelbarer Nähe des Maidan, die Kirche St. Katharina der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde. Sie ist ständig offen, ein Helfer- Zentrum ist dort eingerichtet, seit dem Winter sind die Türen offen für alle, die sich dort aufwärmen, etwas essen, Ruhe finden wollen. Auch Verletzte wurden und werden versorgt. Ein Raum ist geschaffen, geöffnet worden, um Begegnungen und Gespräche zu ermöglichen in einem Umfeld, in dem das im Moment aussichtslos, unmöglich erscheint. Für diese Gemeinde bedeutet es viel, dass wir das hier als Partnerstadt auch wahrnehmen. Der Pfarrer der Gemeinde, Ralf Haska, schrieb vor einiger Zeit in einem Brief an das Archiv Bürgerbewegung in Leipzig: „Den Menschen hier ist es unbeschreiblich wichtig, zu wissen, dass es Menschen gibt, denen die Situation hier nicht egal ist, die sich vernünftig informieren und nicht den Verschwörungstheorien und den Bestrebungen erliegen, den Maidan und die Menschen hier verächtlich zu machen." Helfen, wo wir können, heißt hier der Grundsatz, und Ralf Haska fügt hinzu: „Mehr können wir ja auch nicht tun". Aber das ist ja viel. Denn das ist ja gerade der Tod der Todesmächte: Wo Menschen einander in Frieden und Wertschätzung begegnen, aufeinander hören, sich aufeinander zubewegen.

Das ist die dritte Aufgabe aus dieser Geschichte, wo man sich im Haus des Cornelius trifft: Zu überlegen, wo könnten wir diese Räume schaffen für unsere Familien, Freunde, für unsere Gemeinden, wie können wir lernen, noch viel einladender zu leben, uns auch auf Menschen zu beziehen, die so ganz und total anders sind als man selbst? Christlicher Osterglaube geht immer davon aus, dass grundsätzlich alle bisherigen Denkschemata und allgemein gültigen Gesetzlichkeiten zu überwinden sind und alle Bereiche des Lebens von österlicher Kraft durchdrungen werden können. Manchmal müssen wir dazu, wie Petrus, von Gott gegen unsere Widerstände und Bedenkenträgerei bewegt werden. Es ist nicht leicht, österlich zu leben, der Grundsatz, dass das Leben sich den Tod einverleibt hat mit all seinen unter uns wirkenden Mächten, will ergriffen werden, will umgesetzt werden mit Leib, Seele und Geist und nicht zuletzt mithilfe der uns geschenkten Phantasie, Ideen und Liebe. Aber gehen wir ruhig davon aus, dass an dieser Geschichte eines wirklich wahr ist: Jeder Schritt auf einen Cornelius zu bewirkt auch, dass er uns entgegenkommt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org