Predigt über 1. Korinther 15,19-28

Liebe Gemeinde,

das Osterlied ist verklungen. Wir haben gemeinsam gesungen "Mit Freunde zart" - "zart zu dieser Fahrt" (EG 108). Diese Fahrt führt heraus aus dem Tod zum Leben. "Mit Freuden zart zu dieser Fahrt/ lass uns zugleich fröhlich singen." Wir werden mitgenommen auf einer Reise. Nimm teil, singt die Seele, an der Auferstehung des Jesus Christus "mit hellem Ton frei". Wir singen mit dieser wunderbaren Aussicht "so wird er uns aus Lieb und Gunst nach unserm Tod, frei aller Not, zur ewgen Freude geleiten." Vom Kirchenvater Augustinus ist der Satz zum Ostergeschehen überliefert: "Begreifen können wir's nicht, schweigen dürfen wir nicht, also lasst uns singen."

Wir singen und zuvor proben einige, wir singen und geben dem Leben Freude, Freude zart. Jede Stimme, die erklingt - und Menschen so einander hören - weiht ein in ein Zartes, ein Unverwechselbares der Seele. Leben und Zärtlichkeit stehen quer gegen Gewalt und Tod. Der Apostel Paulus schreibt, "so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden", die Menschen, wir. Ausgefüllt, innen und lebendig herübergetragen in sein Reich. Wir nehmen teil an dieser Reise durch das irdische Sterben hindurch zu einem neuen Leben.

Leben und Zärtlichkeit erfahren - dagegen Gewalt und den Tod erleiden, diese Gegensätze ereilen uns regelrecht im 5. Satz der Kantate (BWV 4) "Christ ist erstanden". Zügig und von Zeile zu Zeile einstimmig beginnend, werden wir hineingeführt in die Aussagen. Man/ frau kann sich nicht dieser Intonation, diesem Klangbild entziehen und verinnerlicht so mit Johann Sebastian Bach die Wahrheit der Worte. Die eine Stimme verdeutlicht die Geradheit der Aussage, die Mehrstimmigkeit schenkt uns einen Klangteppich des Universalen. "Das Leben (das) behielt den Sieg." Das ist gültig. Und das Leben wird hier besungen, als wollte es nicht mehr aufhören. Und wie bedroht es war. "Da Tod und Leben rungen;/ das Leben (das) behielt den Sieg,/ Es hat den Tod verschlungen." Im Kreuzreim geht "rungen" auf "verschlungen". Leben ist stärker als der Tod und das ewige scheint auf in Jesus Christus. Sieg.

Vom Sieg zu reden führt etwas mit, das unbehaglich werden lässt. Denn wer von Sieg redet, denkt möglicherweise an Krieg. Und hier fühlen wir uns zurecht belastet. Aber der Dichter Martin Luther spricht vom "wunderlichen Krieg". Das Wunder der Auferstehung hat den Krieg erledigt. Wir sehen wie der Krieg, das Zunichtemachen des Zunichtemachenden, wir sehen wie der Krieg untergeht, wie er versinkt. Geradezu zackig und die Stimmen übereinandern, hörten wir die Zeile: "Wie ein Tod den andern fraß". Tod und Gewalt bleiben unter sich in diesem Krieg. Leben und Zärtlichkeit siegen. Die Zukunft des Lebens wird eine andere sein als bisher. Sie wird von der Zukunft des Auferstandenen umschlossen.

Der Tod darf jetzt Spott genannt werden. "Spott" - hier wird das einsilbige Wort in kurzen Wiederholungen  geradezu verhöhnt - "Ein Spott aus dem Tod ist worden". Spott. Spott. Und so ist notiert in der uns im Programm beigegeben Werkinterpretation: "Die Selbstvernichtung des Todes führt zum Sieg des Lebens." Der Tod, der alles tot macht, der Krieg, der nur noch Krieg kennt, ist vernichtet. Liebe Gemeinde, mit der Auferstehungsfeier lassen wir etwas zurück, lassen wir die alte Welt, ein nichtiges Weltverständnis hinter uns - wie sollte sonst auch ein neues Lebensverständnis beginnen können.

Der Apostel Paulus hatte bei der Niederschrift seines Briefes die Christen in der ersten Generation im Auge. Er sorgte sich darum, dass das Einzigartige der Auferstehung Jesu Christi und das neue Lebensverständnis vertan werden könnte. Er fürchtete die Enthusiasten, so wie viele heute die Fundamentalisten fürchten. In der verständlichen Hoffnung, Jesus Christus komme gleich zurück auf die Erde meinten manche damals, sie gehörten schon in diesen Erdentagen in den Kreis der Auferstandenen. Darum spricht der Apostel von Jesus als dem Ersten unter den Entschlafenen, unter den Toten, der von Gott auferweckt worden ist.

Das neue Lebensverständnis - darum sorgt sich der Apostel Paulus - soll nicht daran zerbrechen, dass wir alle sterben müssen, wie schon der Mensch, der erste, Adam gestorben ist. Das neue Leben, ein Leben in Lebendigkeit und Hoffnung, umschließt in Jesus Christus mein Leben. Mein persönliches Leben ist umschlossen von der Zukunft der Welt in Jesus Christus. Da fällt nichts mehr auseinander. Das Leben aller und mein Leben fällt nicht mehr auseinander. Mein gesellschaftliches Dasein und mein Leben zu Hause sind aufeinander bezogen, mein Leben in der Gemeinde und mein persönliches Gebet kennen sich. Das Handeln des Menschen  lässt sich lenken von der Zukunft des ganzen Lebens wie es Gott will, der Gott, der künftig sein wird  - eine wunderbare Formulierung -"alles in allem"!

Ich arbeite als Seelsorger für die Polizei und für Menschen in Notlagen. Einmal sagte ein Beamter am Ende eines Gespräches mit mir: "ich habe ihn herübergetragen, ich habe den Fahrradfahrer herübergetragen". Er hatte den Radfahrer 20 min lang im Arm gehalten, sitzend - auf der Fahrbahn. Er lebte, er sprach mit ihm, er berührte ihn, zärtlich. "Sie sind der Engel des Übergangs", sagte ich zu dem Beamten. Sein Gesicht strahlte. Er hatte den Radfahrer, sitzend auf der Robert-Schuhmann-Straße, fest umschlossen. Der Radfahrer starb in seinen Armen und der Beamte führte einen Menschen auf den Weg in ein anderes Leben. Hier ist kein falscher Enthusiasmus und ich sage ganz klar: Ich verweigere mich der Vorstellung mancher, Gott könne nicht jeden Menschen in die Ewigkeit aufnehmen.

Ein anderes Geschehen verbinde ich mit der Auferstehung und dem Osterglauben. Ein Vertrauter und Pfarrkollege erzählte mir dieser Tage aus seinem Leben. Er sagte, "die Tür ging auf, ich war erleichtert, frei, ich war zu allererst erleichtet, der Stein war weg", damals. Das war im Jahr 1981. Er konnte das Gefängnis verlassen nach 18 Monaten Haft. In den Jahren dünner Luft zum Atmen in der DDR, in den 70ern hatte der junge Mann hier in Leipzig Schriften und Bücher aus dem Westen verteilt, gründete philosophische Zirkel und gehörte zu einem Kreis von schon alt gewordenen Sozialdemokraten, die sich im Untergrund trafen. Im August 1980 kam er in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in der Beethovenstraße Leipzig, nicht weit von hier.  "Wie hast Du Ostern erlebt in der Zelle", fragte ich ihn.

Der Gefangene war nach tagelangen Verhören für 7 Wochen weggesperrt worden - Isolation - ohne Kontakt zur Außenwelt, so sollte der stabile und empfindsame Mensch gebrochen werden. "Es waren diese Glocken der Peterskirche" -, sagte er, "früh - mittags - abends. Ich habe sie lieben gelernt in diesen Wochen, diesen Klang. Ich habe es herbei gesehnt, dieses Geläut der Glocken am Morgen. Das - Du - das ist mein Ostern", so erzählte er. Und dann sagte er noch: "Während eines Geläuts, eines Geläuts am Morgen in diesen 7 Wochen habe ich die Entscheidung getroffen Theologie zu studieren". Der Stein vom Herzen war weg. Heute lehrt der Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. Harald Wagner.

Und von einem dritten, wirkungsreichen Geschehen möchte ich berichten, einem Geschehen, dass sich mit dem österlichen Glauben verbindet. Es führt uns über die persönliche und die gesellschaftliche Dimension des Lebens hinaus. Es führt uns in unser Nachbarland, nach Polen, insbesondere nach Krakau und ist verbunden mit dem Namen Anna Morawska. Frau Morawska war Schriftstellerin und Publizistin, sie schrieb für gesellschaftskritische katholische Zeitungen. Schon in den 60er Jahren, als allein ein deutscher Satz auf den Lippen eines Menschen Hass und Angst in die polnischen Seelen bringen konnte - aufgrund der Verbrechen des 2. Weltkrieges, schon in den 60er Jahren schrieb sie Gutes über Deutschland. Sie begann Artikel über Dietrich Bonhoeffer zu veröffentlichen. Und 1970 erschien in Polen ihr Buch "Dietrich Bonhoeffer. Ein Christ im Widerstand". Ihre Arbeiten über Pfarrer Bonhoeffer erzeugten ein Riesenecho in Polen. Es gibt ein anderes Deutschland, ein Deutschland, das sich wehrt gegen Unmenschlichkeit. Historiker billigen dieser energischen und doch zerbrechlichen Frau eine Schlüsselrolle für die polnisch-deutsche Versöhnung zu. Wie berührend: ein Deutscher im Widerstand gegen Hitler wird durch die Übersetzungen und Schriften von Anna Morawska zum Versöhnungsboten zweier Völker!!

Frau Morawska nimmt einen zentralen Satz Bonhoeffers aus dem Jahr 1944 auf. Er lautet: "Später erfuhr ich und erfahre bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt." Ein gelebter Glaube in den Konflikten der Zeit und mit frommer Substanz, insbesondere des Auferstehungszeugnisses wird hier nahe gebracht. Wie auch immer das Jenseits aussehen mag - wir wissen es nicht -, wer Barmherzigkeit, Freiheit des Glaubens und Versöhnung von Christus her in sein Leben einlässt, der wirft sich Gott in die Arme hier und jetzt. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Wir schauen voller Sorge auf die Ukraine, auf Russland, auf die besetzte Krim, schauen auf Separatisten und auf eine Ost-West-Propagandaschlacht. Christen können vom Osterfest her sagen, alle Veränderungen sollen in der Bereitschaft zur Versöhnung geschehen. Deshalb sind Forderungen nach mehr Demokratie, Transparenz im Wirtschaftsleben und Menschenrechten immer vorzuziehen irgendwelchen Gebietsansprüchen gegenüber - wo auch immer in der Welt. Allein solche Forderungen wie insbesondere die nach den Menschenrechten sind mit dem Glauben an Jesus Christus vereinbar, denn sie fördern keinen Hass und nicht die Unversöhnlichkeit. Der "wunderliche Krieg" zwischen Leben und Tod, von dem die Kantate singt, hat ein für allemal klargestellt: Gültiges aus Menschenkriegen und Schlachten kann es nicht geben. Krieg macht keinen Sinn. Sinn hat ein Leben in Versöhnung und in der Hoffnung, dem Auferstandenen zu begegnen.

Die Auferstehung ist uns so nah, schreibt Paulus sinngemäß. Sie zieht uns an. In Christus werden alle lebendig. Aber so wie Paulus manche in Korinth enthusiastisch oder einfach nur überdreht vorfindet, so trifft doch heute manche eher das Gefühl, deprimiert oder einfach nur entmutigt zu sein. Damals bremste Paulus mit seinen Worten - ja, das mag erstaunen - , er bremste die Enthusiasten. Uns richten seine Worte auf, schenken Hoffnung, bekräftigen eine heilsame Ordnung in und für die

Risikowelt, in der wir leben. Diese Ordnung lautet: Christus wird wiederkommen, sein Reich wird dann errichtet und der Tod, auch unser irdischer, vernichtet sein. Christus wird alles Gott übergeben, dem Gott, der alles in allem sein wird. Wir glauben diesem Heil in Christus. Heil kommt uns entgegen. Wir sind geladen uns nach dem Heil zu strecken, indem wir uns der Barmherzigkeit überlassen. Sie hat ein Spontanes aus uns heraus. Wir sind geladen uns nach dem Heil zu strecken, indem wir die Freiheit des Glaubens leben. Der Glaube bricht aus jeder Zelle und der Selbstverachtung aus. Wir sind geladen uns nach dem Heil zu strecken, indem wir Versöhnung feiern wie ein Fest, wo wir nur können. Versöhnung spricht den Feinden zu.

Das Lied der Auferstehung, liebe Gemeinde, kann noch lang gesungen werden, "mit Freuden zart zu dieser Fahrt". Und die Kantate kann noch oft gehört werden, "das Leben (das) behielt den Sieg". Die Glocken der Peterskirche werden weiter klingen. Und das Wort von der Versöhnung wird in den nächsten Generationen von jungen Leuten neu buchstabiert. Und immer wieder wird es Menschen geben, die die Stille in zarter Berührung gestalten, vielleicht den Nächsten auch herübertragen, damit Jesus Christus ihn sehe. Aber ein wenig mehr noch: lasst uns reden von dem allen, lasst uns Hoffnungsworte weiter geben! Und heute bestimmt das wichtigste: lasst uns singen. "Der schöne Ostertag!/ Ihr Menschen kommt ins Helle!/ Christ, der begraben lag,/ brach heut aus seiner Zelle." Wo ist meine Zelle? Brich aus, auch du.

Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt