Predigt über Hebräer 2,10-18

Predigt (Abendmahlsbetrachtung) Gründonnerstag 2014

Liebe Abendgemeinde, wir sind hier, ein Gedächtnis zu halten an das letzte Mal Jesu mit seinen Jüngern. Jesus nimmt Abschied mit einer Mahlzeit. Jesus wendet sich seinen Jüngern zu.  In der Gemeinschaft mit Jesus vergegenwärtigen wir sein Handeln an uns. In den Worten zum Mahl, mit den Einsetzungsworten, "das tut zu meinem Gedächtnis", sind wir angesprochen durch Jesus Christus selbst.

Das Gedächtnis des Menschen behält ein Ereignis. Selbst wenn ein Ereignis uns nicht bewusst bleibt, was wir in unserem Gedächtnis behalten, ist doch abrufbar. Das Tun, nämlich das Essen und Trinken im Namen Gottes und in der Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus, prägt sich ein. Das Wort der Einsetzung der Mahlgemeinschaft verbindet sich mit dem leiblichen Verzehr von Brot und Wein.

Ich kam mit 16 Jahren zu einem eigenständigen Glaubensleben. Dabei rückte mir ganz nah diese tatsächliche Symbolik. Jesus bricht das Brot, teilt es in zwei Hälften und sagt im Kreis der Jünger, das ist mein Leib. Weiter habe ich damals betrachtet. Wenn Jesus so handelt - also das Brot teilt  - so kann doch unmöglich im Kreis der Jünger der Eindruck entstanden sein, dass er selbst dieses Brot wirklich ist. Erst indem Jesus beim Brechen des Brotes ausspricht, "das ist mein Leib" wird seine Hingabe an uns wirksam. Im Abschied spendet er Trost, seine Hingabe hilft uns auf einen Weg mit ihm zu gelangen. Das tut zu meinem Gedächtnis.

Jesus nimmt das Brot, teilt es und spricht. Hier deutet das Wort nicht nur, sondern das Wort gibt dem Geschehen die Bedeutung. "Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird." Martin Luther erklärt dieses Geschehen so: "Essen und Trinken tut's freilich nicht, sondern die Worte die das stehen: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen das Hauptstück im Sakrament." Die Worte Jesu, hier von Martin Luther bezogen auf Brot und Wein, also der Leib gegeben und das Blut vergossen für uns, diese Worte Jesu realisieren, das Brot und Wein für den Glaubenden zur Vergebung gereicht werden.

Dieses Geschehen drückt sich am Ende des Abschnittes aus dem Hebräerbriefes aus. Jesus, der sich ganz dem Menschen gleich macht, der die Niederungen irdischer Existenz durchleidet, er ist Bruder. Der sich dem Menschen gibt, hingibt, der verewigt sich zugleich für uns.  Das ist mein Leib. Es heißt: "Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an." Er nimmt sich der Menschen an, die glauben. Und weiter heißt es: "Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich werden".

Jesus begegnet als Bruder. Menschen, die seine Worte annehmen, werden zu Geschwistern. Jesus teilt alles, was seine Schwestern und Brüder durchmachen. Er teilt Hunger, er kennt kalte Nächte, er weiß um die Hitze des Tages. Er teilt Freude und Not, er teilt Hoffnung und Sorge. Er ist Mensch. Er ist Mensch um einer großen Zukunft willen. Das Leid, das er auf sich nimmt hat dieses Ziel, wie es heißt: "damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes". Liebe Gemeinde, es ist dies der tiefste Punkt des Erlebens, das Elend eines Menschen zu teilen.

Die Bibel des Alten und Neuen Testaments spricht von der Barmherzigkeit. Gott nimmt uns durch Jesus Christus in der Gemeinschaft des Mahles in sein erbarmendes Handeln auf. Es sind dies die Momente, in denen wir bereit sind zu leben, ohne etwas selbst dazu zu tun. Die Vergebung im Blick auf alles Misslungene und alle Gefühlen der Vergeblichkeit kann angenommen werden. Die immerwährende Möglichkeit zur Sünde wird dem Menschen genommen. Wir bleiben Sünder. Der Zwang aber zur Sünde, der Zwang fortwährend immer in Fehler verstrickt zu bleiben, besteht nicht mehr.

Mit diesem Brot, das er bricht, und diesem Kelch, den reicht, begibt sich Jesus Christus hinein in die Gemeinschaften, die überall bestehen, wo Menschen in seiner Kirche unter diesen Worten das Mahl feiern. Vor einiger Zeit hielt ich bei einem sterbenden Menschen in einem kleinen Kreis eine Mahlfeier. Ich konnte nur noch die Lippen benetzen mit dem Wein und bei allen war gegenwärtig, dass aus dem Mund Jesu diese wahren Worte wirken und das Leben befreit werde von aller Last, dem Schweren, der Sünde und dem Tod. Ich habe oftmals das Empfinden, Gottes Barmherzigkeit zeigt sich an entlegenen Orten dieser Welt. Vorgestern erzählte mir eine Leipzigerin, sie schenke rumänischen Bettlern Decken, weil diese schon jetzt in kalten Frühjahrsnächten in den Parks kampieren. Jung ist sie und dieser Kirchraum hier, wie sie sagte, biete ihr Tost.

Der Hebräerbrief spricht davon, Gott habe den Anfänger des menschlichen Heils durch Leiden vollendet. Es heißt: "Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete." Der Hebräerbrief hat hier Gemeindeglieder im Blick, Söhne und Kinder Gottes, die durch das Leiden Jesu geheiligt werden, die teilhaftig werden der Gnade, der Vollendung, dem Mit-Gott-Sein Jesu Christi. Brüder werden sie genannt, wie schon im Alten Testament das Volk Israel Brüder und Kinder genannt wurde.

Wieder, liebe Gemeinde, sind wir an diesem Punkt, an dem wir nichts hinzutun können. Wer wollte ernsthaft behaupten, der Mensch könne sich vom Tod selbst befreien, der Mensch könne Leiden selbst vollenden durch die Auferstehung. Christen nehmen im Mahl teil an der Erlösung von bösen und todbringenden Mächten. Die christliche Gemeinschaft durchlebt  immer wieder die starke Erfahrung der Befreiung von Sünde und der Zuwendung Gottes in Barmherzigkeit. Wir sind verwoben in das Gedächtnis dieser Feier - hinein verflochten wie ein Faden in ein weitspannendes Tuch.

Christen zerreißen sich nicht zwischen privatem Glauben und öffentlichem Dienst, Christen verbinden ihr Dasein hinein in die unterschiedlichen Lebensbezüge. Da ist es gut, die Erfahrung, getragen zu sein von Brot und Wein unter dem Wort der Vergebung, hineinzubringen in mein Engagement, etwa bei der Gewerkschaft, etwa in einer Partei, etwa im  bürgerschaftlichen Verein. Ich träume manchmal davon, ja wirklich - in einem Tagtraum, träume ich manchmal: Christen laden diejenigen in die Kirchen ein, mit denen sie in der Gesellschaft arbeiten, Konflikte bewältigen, Ziele erreichen. Es ist doch eine Freude Mitmenschen zu zeigen, was mein Herz bewegt, was ich sehe von Jesus Christus, der spricht: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Zu unserem Gedächtnis, liebe Gemeinde, gehören dann auch diejenigen, die wir angesprochen haben und diejenigen rechts und links, die heute neben mir sitzen, mit denen die Feier zur Vergebung der Sünden erlebt werden darf. Bedenken wir das Sterben unseres Bruders Jesus Christus, so sehen wir schon das Leben, das dem Tod entrissen ist. Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt