Predigt über Jesaja 52,13-53,12

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus, Amen.

„Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte, Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg, darum haben wir ihn für nichts geachtet... wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre."

Liebe Gemeinde,

diese Verse aus dem Predigttext im Jesajabuch rücken eines der großen Themen des Karfreitags in den Focus: unseren Umgang mit dem Leid. Mit dem eigenen - und vor allem auch mit dem der anderen. Wie weit ist es her mit unserer Fähigkeit zu echtem solidarischen Mitleiden, das über bloße Betroffenheit hinausgeht und das uns nicht in Ruhe lässt? Das und anstößt, etwas von den Verhältnissen in unserer Gesellschaft zu verändern? Hier wird reflektiert: Das entstellte Äußere eines Menschen bewirkt oft erst einmal das Gegengenteil. Es erweckt Ekel-und Hassgefühle statt Hilfsbereitschaft. Auch gegenüber einem Menschen, den man liebt. In meinem Freundeskreis musste ich vor einem Jahr erleben, wie sich deswegen jemand in den Tod gestürzt hat. Er konnte das schlechte Gewissen und die Hilflosigkeit angesichts solcher aggressiven Gefühle seinem schwer erkrankten Partner gegenüber nicht mehr aushalten und er fand keinen anderen Weg, als diese Aggression gegen sich selbst zu richten. So extrem kann es kommen. Bei anderen, an denen man nicht so dicht dran ist, kann es eher zu dem allbekannten Muster führen: sich zu distanzieren, den Betreffenden selbst zum Schuldigen zu erklären und ihn erst recht plagen zu dürfen. Da wird einer, der schon am Boden ist, noch mal getreten. Wird körperlich oder auch seelisch drangsaliert, so subtil wie unmissverständlich, wie ja vor einigen Monaten etwa geschehen mitten unter uns, wo NPD-Anhänger vor dem Flüchtlingsheim in Schönefeld mit Fackeln aufgezogen sind, kurz nach der Ankunft syrischer Flüchtlinge: Wir wollen Euch nicht, wir wollen Eure Kultur und Euren Glauben nicht, und wir wollen vor allem auch Euer Elend nicht bei uns, all die Armut, Krieg und Dreck. Als wäre es ansteckend - wie eine sog. Elterninitiative ja seinerzeit öffentlich aber natürlich anonym agitierte gegen den Besuch der Klassen ihrer Kinder vor Ort: ihre Kinder könnten sich bei den Flüchtlingskindern ja schließlich schlimme Krankheiten holen. Der fremdenfeindliche Extremfall - aber auch das passt ins Bild: das Bemühen vieler Eltern, von ihren umhegten Kindern alles wegzuhalten, was irgendwie mit Leid und Tod zu tun hat. Vor Jahren hat sich einen Konfirmandenmutter bei meinem damaligen Superintendenten darüber beschwert, dass wir mit der Gruppe ihrer Tochter während des Unterrichts die Friedhofskapelle und die Leichenhalle besucht haben. Das müsse man Kindern doch nun wirklich nicht zeigen. Nein? Sollen wir ihnen lieber etwas vormachen, und ihnen zeigen, wie wahnsinnig glücklich wir doch sind, wenn wir uns hemmungslos unseren Allmachts-und Unsterblichkeitsphantasien hingeben, in die der Tod als böser Betriebsunfall hineinplatzt? Nun, und da wundern wir uns dann allen Ernstes, wenn sich die Fähigkeit zum Umgang mit Leid, Mitgefühl und Gewalt bei Jugendlichen vielfach nicht über das wahre Leben, sondern über Spiele am Computer entwickelt. Da haben sich die Grenzen vielleicht schon lange schleichend verschoben. Dass man dort, wo einer am Boden liegt und immer noch getreten wird, einzuschreiten hat, ist oft schon Grundschulkindern nicht mehr klar. Da ist angegriffen, was den Kern des Menschlichen ausmacht: Mitgefühl entwickeln zu können.

Das Problem ist natürlich: Das Leiden der anderen bedrängt mich auch, es rückt mir auf Leib. Wer krank ist, führt mir meine Verwundbarkeit vor Augen, wer verlassen ist, meine Angst, verlassen zu werden von Frau, Mann, Familie, von Freunden, und von denen, durch die ich mich täglich bestätigt weiß. Das Leid des anderen konfrontiert mich mit den dunklen Seiten meines Lebens und mit meinen Ängsten. Und wo sich Aggression und Distanzierung unentwirrbar in uns verschränken, verursacht beides wiederum in uns selbst Schmerz und Leid. So kommt sie zustande etwa bei Menschen, die andere pflegen: die totale emotionale Überforderung von Angehörigen unheilbar Kranker, diese innerliche Achterbahnfahrt von Traurigkeit, Aggression, Zuneigung, Hass und Selbstmitleid. Leid provoziert immer die Frage nach der Schuld - und gerade wo wir merken, auch mit all unseren Kräften das Leid des anderen nicht überwinden zu können, wird einem bewusst, was man ihm tatsächlich schuldig bleibt - und wie verquickt man selbst mit dessem Leiden ist. Der Impuls: „Bleib mir weg damit", zeigt sich in der Abwehr derer, die uns aus den kriegs-und leidgeplagten Teilen dieser Welt nahekommen- und was in der Ostukraine geschieht und droht an eskalierender Gewalt, rückt uns ja ganz schön nahe und verunsichert uns nicht nur auf politischer Ebene: Wie sich dazu verhalten, wie sich verhalten zu diesem hochkochenden Hass, was ist jetzt richtig und falsch, wie sich positionieren, wie reagieren?

Nicht zuletzt die Jünger Jesu führen uns heute am Karfreitag das „Verhaltensmuster Flucht und Distanz" deutlich vor Augen: Sie konnten das Leid Jesu nicht ertragen, sie fliehen vor diesem abstoßend-brutalen Sterben am Kreuz, nur wenige halten aus. Das Leiden der einen schafft die Untreue der anderen. Schon im Garten Getsemane ist das so, wo es sich erst in Grundzügen abzeichnet, was kommt. Statt zu wachen und zu beten flüchten die Jünger in den Schlaf, dreimal, sie halten die Zerrissenheit Jesu nicht mit aus, sein auf ihn zukommendes Leid anzunehmen. Tief zerrissen zwischen Ohnmachtsgefühlen und Aggression, die einen wie Petrus das Schwert zücken lässt, verlassen sie ihn nochmals, als er gefangen genommen wird. Alles, was am Kreuz kommt, ertragen sie nur auf Abstand.

So sind wir mitten im Geschehen des Karfreitags, zu dem eben auch gehört: die Frage nach dem Umgang mit dem Leid und den Leidenden. Und so ist es kein Zufall, dass eine unbekannte namenlose Figur im Propheten Jesaja von Anfang an von den christlichen Gemeinden auf Jesus und sein Sterben und Auferstehen gedeutet und bezogen worden ist. Der Knecht Gottes, von dem es bei Jesaja heißt:

Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, 15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken. Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Wie der unbekannte Knecht gerät Jesus in diesen Zwiespalt der Gefühle der anderen - und fällt ihnen am Ende zum Opfer. Aber genau wie dieser namenlose Knecht verspricht seine Haltung auch die Heilung dieses Zwiespalts. Indem er es bewusst annimmt, indem er es auf sich zieht, dieses unsägliche unsolidarische selbstbezogene Verhalten der anderen, auf dass sie davon befreit werden und aufatmen können. Er ist der von Gott Beauftragte, all das zu ertragen und auf sich zu nehmen, woran alle beteiligt sind, worin sie aber unfähig sind, sich aus eigener Kraft zu befreien. So wird hier erkannt: Um unseretwegen ist das geschehen. Um unseretwegen wird er zum Ausgestoßenen, zum Verachteten, zum Verworfenen. Unseretwegen ist er weggerissen aus dem Land der Lebendigen. Dieser Knecht, und dieser Jesus am Kreuz von Golgatha wird zum Spiegelbild der Folgen menschlich-unmenschlicher Aggression, in ihm spiegelt sich unser Verlangen, Sündenböcke suchen zu müssen, unser Verlangen, Schuld auf andere abzuwälzen und sich für unbeteiligt zu erklären, selbst wenn vor unseren Augen Unschuldige zwischen die Mühlen eines gnadenlosen Machtkonflikts geraten. Und nicht zuletzt ist es unsere mangelnde Fähigkeit zu einem Mitleiden, das wirklich etwas bewegt und das gesellschaftsverändernde Kraft hat. Unter dem Kreuz wird sichtbar, wie wenige bleiben. Das trägt und erträgt Jesus. Nimmt diesen ganzen Zwiespalt auf sich, lässt ihn offenbar werden mit all seinen Folgen. Nimmt auf sich, was wir aus eigener Kraft nicht überwinden können, nimmt auch den Unfrieden auf sich, den unser Verhalten immer wieder auslöst. Er gibt sich, damit wir Menschen Frieden haben. Das ist das Opfer, von dem auch der Prophet Jesaja spricht. Von einer Hingabe, die den Weg ins Leben eröffnet. In Licht und Fülle, Zukunft und Leben. Für ihn und für uns. Weil der Gottesknecht Jesus seinen Weg für uns geht und nicht in Schmerz und Tod vernichtet wird, sondern das Licht schauen und die Fülle haben wird, genau deshalb werden auch wir nicht von Schmerz und Tod vernichtet. Und so müssen wir uns nicht gefangen nehmen lassen von dem, was uns aussichtslos an unserem eigenen Bemühen erscheint, dem Leid dieser Welt zu begegnen. Wir sind nicht dazu verurteilt, in unserer Zwiespältigkeit gefangen zu bleiben. Durch seine Wunden, durch sein Kreuz sind wir geheilt sind, auf dass wir Frieden hätten. Frieden, der beginnen will mitten in der Dunkelheit des Karfreitags. Dieser Friede entsteht hier und er will gelebt werden. So, dass wir eben keine Kreuze mehr aufrichten müssen, vor denen wir fliehen und an die wir doch zugleich so gerne unsere Feinde nageln. Nie mehr müssen und dürfen im Namen dieses Kreuzes zu Felde ziehen - und mit Blick auf die Geschehnisse in der Ukraine mag man den orthodoxen Geistlichen zurufen wollen: Das Kreuz, das ihr vor euch her tragt und die Ikonen der Heiligen - sie gehören vor die Mündungen der Gewehre, die Christen dort aufeinander richten und nicht dahinter, das Kreuz gehört dazwischen, um Einhalt zu geben und an die Kraft der Versöhnung des Kreuzes Christi zwischen allen Menschen und aller Welt zu erinnern. Es ist aufgerichtet, dass wir unseren Hass und unserer Aggressionen darunter bringen können, dass wir sie da lassen können und uns von dort aus gar von Neuem aneinander weisen lassen können wie Maria und der Lieblingsjünger Johannes, für die der Leidende und Sterbende eine neue Lebensperspektive entwickelt: Das ist dein Sohn, das ist deine Mutter, seid füreinander da, lebt in Frieden und aufeinander bezogen. Für uns, um unserer Missetat, wie es hier bei Jesaja heißt, muss niemand mehr sterben - und wir auch nicht für andere. Wir sollen leben. Das ist die Botschaft vom Kreuz: Lasst euch von Gott versöhnen mit ihm, mit Euch selbst und den andern. Und lebt diese Versöhnung - und nehmt es auf mit dem Leiden der anderen, um Christi Willen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org