Predigt über Hebräer 12,1-3

Liebe Gemeinde,

die Worte aus dem Hebräerbrief führen in eine Wirklichkeit hinein, der sich zu entziehen wohl keiner vermag. Zugleich ist diese Wirklichkeit sowohl heute als auch im 1. Jahrhundert zu einem Bild geworden, das für die Bewältigung des Lebens steht. Am Ende von Vers 1 heißt es: "lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist." Mit der Bibel möchte ich verstehen und deuten, was damit gemeint ist, gleich der Bibellektüre, die mancher betreiben und dabei Bibelstellen miteinander vergleichen. Menschen stehen in einem Kampf. Einen Kampf kann man/ frau nur annehmen, wenn ein Ziel vor Augen steht, wenn festgelegt ist, wo der Zieleinlauf zu finden ist. Nicht immer wissen wir aber, wie weit der Weg sich zieht, der vor uns liegt.

Nirgends wird der Kampf, der Wettlauf geregelter ausgetragen als im Sport, insbesondere natürlich in der herausgehobenen Sportart des Marathonlaufes. Das ist uns bekannt. In den ersten Generationen der Christenheit im Römischen Reich wusste viele, was auf der Kampfbahn so los war und wer den Siegeskranz erhalten hatte. Es wurde darüber gesprochen.  Die enorme Kraftanstrengung, das Ziel zu erreichen, drückt sich aus in dem Wort von der Geduld, von der Ausdauer, die der Läufer auf dem Weg zum Ziel aufbringen muss. Für den Schlussteil von Vers 1 gibt es daher markante Übertragungen von Bibelauslegern: "Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist" (Stephan Wisse). Oder: "Lasst uns standhaft den vor und liegenden Kampf aufnehmen" (Bibel in gerechter Sprache). Und: "Lasst uns das vor uns liegende Stück der Rennbahn mit zäher Ausdauer zu Ende laufen" (Ulrich Wilckens). Der vor den Christen liegende, der für sie bestimmte Kampf, der aufregende Wettlauf, die anstrengende Wegstrecke wird hier zum Thema gemacht. Noch vor der Christenverfolgung durch Kaiser Domitian, der ab dem Jahr 93 regierte, gab es Verunsicherungen, Rückzug Einzelner aus der Gemeinde, Kraftlosigkeit, Ziellosigkeit. Mit Ausdauer und Mut den Kampf zu bestehen, das wird in einer Art Lesepredigt den Anhängern des christlichen Glaubens in diesem Brief nahegebracht.

Schon Jahre zuvor hatte der Apostel Paulus einen Brief in die Hafenstadt Korinth am Mittelmeer geschrieben. Auch er macht sich den allseits bekannten Wettkampf der Läufer im Sinne eines Bildes zu eigen. Und hier zunächst im Sinne einer Frage, was dem Leser eine Antwort abverlangen soll. "Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis?" (1. Kor. 9, 24). Das klingt sehr ambitioniert. Ja, wird jeder sagen. Und Paulus führt uns damit die Selbstverständlichkeit eines Wettkampfes vor Augen. Einer oder eine gewinnt, darum geht es. Dabeisein ist nicht alles! Dabeisein aber sichert die Möglichkeit nah an das Ziel zu kommen. Deshalb setzt Paulus fort : "Lauft so, dass ihr ihn erlangt" (1. Kor. 9, 24). Hier ist nun ausdrücklich vom Stadion die Rede und von dem Siegeskranz, den es zu erkämpfen gilt. Merkwürdig, die Christen sollen sich nicht in die Position der Zuschauer versetzen, sondern in die Position der Läufer und Läuferinnen. Besser Letzter sein im Feld der Läufer als Platz nehmen auf der Tribüne.

Diese Grundhaltung im Christsein wird auch in weiteren Briefen zum Ausdruck gebracht, im 1. und 2. Thimotheusbrief. Mit deutlichen Worten werden die Christen in den Gemeinden ermahnt: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen" (1. Tim. 6,12). "Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt haben, welcher ist der Heiland aller Menschen, besonders der Gläubigen" (1. Tim 4, 10). Und wieder mit deutlicher Anspielung an den Siegespreis:

"Und wenn jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht" (2. Tim 2, 5).  Die Nachfolger des Apostel Paulus und der Verfasser dieser Briefe ruft schon überaus selbstbewusst ein lautes "Ich" in die Gemeinde hinein. Er hat die Zielgerade erreicht und ist der Gerechtigkeit Gottes teilhaftig: "Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten, hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben" (2. Tim 4, 7.8).

Solche Art Selbstgewissheit ist vermutlich vielen fremd heute. Wir würden Pfarrerinnen und Pfarrer beargwöhnen, wenn sie allzu deutlich meinen, schon über die Zielgerade gerannt zu sein. Dennoch macht dieses Wort deutlich, dass der Siegespreis im vollen Sinne in der Begegnung mit Gott am Lebensende erhalten wird. Unser Leben gleicht also eher dem Lauf auf einer Marathonstrecke oder mehreren solcher Stecken nacheinander als einem flinken 100-Meter-Lauf. Es kommt daher auf die Fortsetzung der Stadionrunden an. Wie die Sportler manchmal sagen: nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf. Oder wie Polizisten manchmal sagen: nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Oder wie Parteimitglieder sagen: nach der Wahl ist vor der Wahl. Wichtig ist, es geht weiter. Vielleicht ist es angemessen für Christen zu sagen - das frage ich Sie, liebe Gemeindemitglieder: nach der Bewährung ist vor der Bewährung. Ist ein Leben in diesem Bewusstsein das Leben, das mit christlicher Ausdauer und Geduld beschrieben wird?

"Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist." Wir ahnen, wie ernst die ersten christlichen Gemeinden den Glauben lebten, wie lebensnah die Verkündigung der Apostel anknüpft an die Gegebenheiten, an das allgemeine Bewusstsein im Römischen Reich, jedenfalls unter den freien Bürgern. Es war schon die Rede vom Ziel dieses Laufes. Vers 2 schließt sofort und ganz klar an dieses Wort an und setzt mit der Zielangabe fort: "und aufsehen zu Jesus". Lasst uns aufsehen zu Jesus. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus. Lasst uns laufen und aufsehen zu Jesus. Lasst uns laufen im Aufblick zu ihm, lasst uns dabei aufsehen zu ihm. Mit einem Mal wird das Stadion verlassen - mitten im irdischen Lauf. Es geht heraus in die kosmische Weite - zu Jesus, der hier ist und auferstanden und in allem mit Gott. Hier inmitten der Anfechtungen und bei dem Versuch, die Bewährungsproben zu bestehen, lasst uns laufen.

In nur einem Satz werden zwei Wirklichkeiten konfrontiert, scheinbar auseinandergerissen und doch aufeinander bezogen: die Kampfarenen dieser Welt und die Glaubenswahrheit von dem für uns unsichtbaren Jesus Christus. Es geht nicht darum, nach rechts und links zu schauen, sich etwa mit dem Blick auf die Tribüne abzulenken. Es geht nicht darum, bloß zu da sein im Zentralstadion oder in der Arena oder im Bruno-Plache-Stadion, es geht darum, weiter zu laufen zu dem Menschen hin, den wir als Bruder und Herrn in der christlichen Gemeinde sehen. Das Leben und alle Wege, die wir gehen, gleichen einem Stadion und seinen Bahnen, durchaus geordnet in Abmaßen. Es ist diese ganz und gar unumstößliche Wahrheit, dass unser Leben zu Jesus Christus hinläuft. Es ist diese Wahrheit: unser Lauf zum Ziel wird von diesem Ziel her uns leicht gemacht. Mutlosigkeit und Müdigkeit werden weggenommen.  Zu dieser Glaubenswahrheit gehört das Gefühl - dieses sichere Gefühl -, andere laufen mit in der Bahn, mal nehme ich sie mit, mal nehmen sie mich mit 

In diese Glaubenswahrheit ist eingeflochten das Bewusstsein, dass Schweres nicht einfach weggestrichen wird in der Freiheit der Kinder Gottes. Der Blick auf das Kreuz hat uns geschult, das Schwere, dasjenige, worunter wir leiden, anzunehmen. Meine engen Grenzen, mein Fehlverhalten, mein Nichtstun, wenn es um die Gerechtigkeit geht. Zugleich spüre ich hinein in diese Kraft der Überwindung mit Jesus Christus, der Überwindung der Grenzen, der Überwindung von Fehlverhalten, der Überwindung des Nichttuns. Ohne den Blick auf das Kreuz komme ich nicht ins Freie.

Ich lasse mir die Sünde abnehmen wie einen schweren Mantel an der Tür. Eine Glaubenswahrheit.

Jesus ist der Anfänger des Glaubens, er steht schon mit am Startblock im Stadion. "Ich möcht', dass einer mit mir geht,/ der's Leben kennt, der mich versteht" (Evangelisches Gesangbuch 209). Eine Glaubenswahrheit.

Ich nehme an in meinem Blick auf das Kreuz Jesu, er nimmt mir dieses Müde sein in den Lebenskämpfen, diese Schlaffheit, wenn ich nicht mehr zu einem klaren Ja oder Nein fähig bin. Eine Glaubenswahrheit.

Ich lasse zu, Jesus trägt geduldig mit an meinem Kreuz, wo auch immer ich unterwegs bin und manchmal abirre. Eine Glaubenswahrheit.

Es sind nicht wenige Menschen auf den Zuschauertribünen, die schauen, wie sich einige da unten in den Laufbahnen oder auf dem grünen Rasen abrackern. Und viele Zuschauer fühlen sich beteiligt, gehen mit, fiebern mit, das sollte respektiert werden. In die beiden Leipziger Innenstadtkirchen Thomas und Nikolai kommen immer wieder Menschen, die gern Anteil nehmen an der Glaubenswahrheit, die dieser Wahrheit einen Wert für sich selbst zumessen. Diese Mitbürger - und es mögen jetzt einige unter uns sein - kommen nur in den seltensten Fällen auf die Idee, die Glaubenswahrheit in der Gemeinschaft der Christen zu teilen und Mitglied der Kirche mit allen Rechten zu werden. Die amerikanische Philosophin Hannah Ahrendt unterscheidet und setzt grundlegend die beiden Begriffe Tatsachenwahrheit und Vernunftwahrheit. Beide Begriffe beschreiben Realitäten, in denen sich die aufgeklärten Menschen, also auch die Besucher und Besucherinnen unserer Kirchen, meistens bewegen.

Manche nehmen die Kirche als gegebene Tatsachenwahrheit auf und lassen sich emotional anrühren. Andere bringen sie in Verbindung mit der Vernunftwahrheit, mit dem, was für alle Menschen zustimmungsfähig erscheint, mit dem, was für alle Menschen gelten sollte. Und dabei denken sie insbesondere an das Gebot der Nächstenliebe. Ich kann von einem Verwandten erzählen, der von sich sagt, er glaube nicht an diese Glaubenswahrheit von Jesus Christus. Der Glaube, so sagt er, bringe so viel Nächstenliebe auf die Beine, dass er selbst nicht beiseite stehen will; er bläst mit im Posaunenchor und teilt Gemeindebriefe aus und ist Kirchenmitglied mit erheblichem Kirchensteuerbeitrag, alles aus der Vernunftwahrheit heraus. Er will nicht am Seitenrand stehen, er stellt sich mit auf die Kampfbahn. Er läuft nicht zum Ziel, er will einfach hinterherlaufen, mit rennen. Merkwürdig. Und da Jesus doch der Anfänger ist, der Begründer des Weges ist, hat er auch ihn ausgesandt.

Liebe Gemeinde, wir sind insbesondere von der Tatsachenwahrheit umgeben, nehmen eine riesige Menge an guten Vorgängen in uns auf und können diese aufgrund der medialen Vernetzung unmöglich alle gleichermaßen würdigen. Das schließt ein, wie Hannah Ahrendt es knapp nennt, dass der ganze Bereich des Möglichen, des "Es-hätte-auch anders-kommen-Können" in allem mit in Betracht zu ziehen ist. Auch die Tatsachenwahrheit steht der Lüge entgegen. Aber, liebe Brüder und Schwestern, durch das ganze Ausmaß an Vorgängen, durch unsere horizontale Vernetzung - was ist uns nicht alles immer gegenwärtig! - hat es die Glaubenswahrheit schwer durchzudringen zum Menschen.

Die Ausgänge des Stadions sind gesprengt, wir rasen durch die Arenen dieser Welt. Die Glaubenswahrheit erreicht uns heute anders. In der Vertikale des Lebens erreicht sie uns. Sie erreicht uns im Tiefgang. Die Glaubenswahrheit verortet in eine Gemeinde, die auf Jesus Christus schaut, weil sie zugleich von ihm herkommt. Darum führt der Blick auf den leidenden Christus zu einer heilsamen Verstörung, zu einem Widerspruch, zu einem Halt. "Komm mal runter", höre ich oft von vielaktiven und vernetzten Menschen. "Komm zu uns, komm zu mir", können wir zum Nächsten sagen. Der christliche Glaube lebt ganz in einer Zweiheit, darin bewährt er sich, da ist er lebendig: Christus und ich, die Gemeinde und Jesus, mein Glaube und mein Engagement. Heute ist uns gesagt: auf Jesus laufen wir zu und - Jesus ist schon zuvor losgelaufen. Lassen wir den Mut nicht sinken, wenn es uns schlecht geht, bleiben wir mutig, wenn es uns gut geht. Amen.  

Pfarrer Stephan Bickhardt