Predigt über Hebräer 13,12-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

es gibt sie in unserer Welt zuhauf: Die Orte, von denen niemand etwas wissen will. Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft haben Soldaten und Polizisten kürzlich eine der größten Armensiedlungen im Norden Rio de Janeiros gestürmt. Eine Favela, ein Elendsviertel, in dem über 125.000 Menschen wohnen. Kriminelle Banden haben das Sagen, Drogen-und Waffen bekommt man an jeder Ecke. Fast 1000 solcher Armenviertel gibt es um Rio herum. Man möchte das Land sicherer machen für die erwarteten Gäste. Das schlechte Gewissen der Nation. Ausgerechnet „Reconquista" heißt der Versuch, diese Viertel wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen. Polizei und Militär gehen dabei sehr brutal vor. Kampfanzüge, Schutzbrillen, Helmkameras, all das erinnert an die US-Marines beim Sturm auf Bagdad.

Wo man die Lösung der eigentliche Probleme schon nicht anstrebt aber die eigentliche Schande vor der Welt nicht mehr verbergen kann, soll vor der Weltöffentlichkeit die Armut wenigstens ein friedliches Gesicht tragen gegeben werden. Dabei sitzt die Angst vor der Räumung tief, viele mussten schon neuen Sportstätten oder Immobiliengeschäften Platz machen. Die schon an den Rand Gedrängten werden vielfach ganz raus gedrängt, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit im Vorfeld eines medialen Großereignisses wie in Brasilien.

Aber es gibt sie natürlich überall - diese Orte, wo man nicht gerne hinsieht und wo die sind, mit denen man nichts zu tun haben will. Schlachthöfe, Slums oder Eisenbahnstraße. Da, wo so ganz anders gelebt wird, wo es anders zur Sache geht, wo Gewalt, Dreck und Blut an der Tagesordnung sind. Wo die sind, deren Begriffe von Ehre und Vergeltung, Rache und Sühne uns abstoßen. Wo Blut fließt. Wir drinnen, die draußen. Hier hui, dort pfui, hier bei uns im abgezirkelten Karree der rausgeputzten Innenstädte von Rio de Janeiro, Berlin, Leipzig, überall ist es so: draußen vor dem Tor stinkt's, da geht man lieber nicht hin, schon gar nicht im Dunkeln. Für den Hebräerbrief aus dem Neuen Testament ist aber genau das der Ort, an dem wir Jesus treffen. Draußen, vor dem Tor, vor den damaligen Jerusalems, auf Golgatha, ein abscheulicher Ort. Drinnen in der Stadt die goldenen Zinnen des Tempels, Ort der geglaubten göttlichen Gegenwart. Draußen der Abschaum, drinnen die Frommen. Und eine feste Mauer drum herum, die das eine vom anderen fein säuberlich trennt. Diese Welt stellte Jesus bekanntlich auf den Kopf. Sein Leben lang. Seine Geburt: draußen im Stall, bei denen, die an den Rand gedrängt waren. Seine Lehre: Nicht im Tempel, sondern draußen, bei den Fischern am See Genezareth, bei den Zöllnern, Sündern und Huren. Und am Ende: sein Sterben am Kreuz vor den Toren der Stadt. Im Hebräerbrief heißt es im 13. Kapitel:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hier wird auf eine uralte Tradition angespielt. Jesus wird mit den Opfertieren verglichen, die man zum Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag darbrachte. Nur das Blut der Opfer wurde ins Heiligtum gebracht, die Körper der Tiere aber draußen, außerhalb des Lagers verbrannt mitsamt Fell, Fleisch und Mist. Es hat furchtbar gestunken. Draußen vor dem Tor: das ist nun Golgatha, Schädelstätte, der Grauen des Ortes drückt sich in seinem Namen aus, Ort der Verbrecher, an dem es erbärmlich stank nach Angst, Blut und Verwesung. Draußen. Dahin sollen wir uns auf den Weg machen nach dem Hebräerbrief. Jesu Schmach tragen, sich verspotten lassen wie er. Für die Christen im zweiten Jahrhundert war das unter der Verfolgung durch die Römer der konsequente Weg der Nachfolge und eine Weise, ihm gleichgestaltet zu werden. Und noch wissen viele Christen in den Regionen, wo sie verfolgt werden, was Christsein kosten kann: die Schmach Jesu am eigenen Leibe mitzutragen. Heute in Europa droht der christliche Glaube ja eher in Beliebigkeit zu verdunsten, als dass man ihn im Leiden zu bewähren hätte. Was es heißt, ein Glied am Leibe Christi zu sein, muss sich für viele wie alles der Frage stellen: Was habe ich denn jetzt im Moment davon? Und was man bekommt, wird streng gegenrechnet gegen das, was man dafür aufzuwenden hat, was es einen denn kosten darf. Was dann zu so abstrusen Situationen führt, wie wir sie gerade im Pfarramt erlebt haben, wo ein älteres Ehepaar aus einer sich weit weg von hier befindlichen Kirchgemeinde austreten wollte - wegen der nunmehr automatisch erhobenen Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Nun war dieses Ehepaar auf Rückfrage hin aber weder einkommensteuerpflichtig, noch verfügte es überhaupt über zu versteuernde Kapitalerträge. Sondern es zahlte überhaupt keine Kirchensteuern, wie ja die meisten Kirchen-Mitglieder. Aber: Die Zornestränen der Frau über die vermeintlich ungerechte Behandlung waren nicht trocknen, und beide waren von diesem Entschluss nicht abzubringen... so kann man schon an der eigenen vermeintlichen Schmach so viel zu tragen zu haben, dass es für andere nicht mehr reicht...

So bleibt aber gerade die Frage, was kann es denn nun heißen: Hinausgehen aus dem Lager und seine, Jesu, Schmach tragen? Und warum überhaupt, ist sie nicht ein für alle male getragen, ist nicht ein für alle Male Schluss mit aller Selbstaufopferung? Ist die Stellschraube des Glaubens an dieser Stelle nicht endgültig überdreht? Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag am 9. April sich in dieser Woche zum 69 mal nähert, schrieb vor ziemlich genau 70 Jahren ein Gedicht mit dem Titel „Christen und Heiden", wo er dieses Thema literarisch aufnimmt. In der ersten Strophe heißt es: „Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod, so tun sie alle, Christen und Heiden." In zweiten Strophe heißt es dann: „Menschen gehen zu Gott in seiner Not, finden ihn arm geschmäht ohne Obdach und Brot, sehn in verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod."

Bonhoeffer unterscheidet hier also zwischen der allgemeinen Religiosität des Menschen und dem Christsein: unsere Religiosität weist uns in unserer Not an die Macht Gottes über diese Welt, sie erweckt in uns den Wunsch, er möge doch alles von oben her richten. Die Bibel dagegen weist uns Menschen aber auch an die Ohnmacht und das Leiden Gottes an und in dieser Welt. Nur der Gott, der all das, was Menschen in der Lage sind einander anzutun, wirklich bis ins letzte teilt und so erleidet wie wir es tun, kann auch helfen. Der, der sich aus der Welt herausdrängen lässt, der an die Orte und zu den Menschen geht, die wir meiden möchten. Aber nur dadurch ist er bei uns und hilft. Weil er eben nicht unberührt bleibt, sondern hingeht, sichtbar wird an den Orten draußen vor dem Tor, wo gelitten wird, wo es stinkt, wo einer den anderen an den Rand drängt. „Christen" stehen bei Gott in seinen Leiden, schreibt Bonhoeffer. Denn das findet sich ja tatsächlich so nur im Christentum: „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?", fragt der zitternd zagende Jesus seine Jünger im Garten Gethsemane. Wie könnt ihr über dem Leiden an der Welt einschlafen, gleichgültig sein? In einem der Briefe aus der Haft, in denen er dieses Gedicht erläutert, schreibt Bonhoeffer weiter: „Christ zu sein besteht in der Umkehrung von allem, was der so verstandene religiöse Mensch von Gott erwartet...Christsein heißt nicht in einer bestimmten Weise religiös sein, auf Grund irgendeiner Methodik etwas aus sich machen (einen Sünder, Büßer oder einen Heiligen), sondern es heißt Menschsein, nicht einen Menschentypus, sondern den Menschen schafft Christus in uns. Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben." Bonhoeffer schrieb diese Gedanken in einem nationalsozialistischen Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis nieder. Was dieser Ort weitab von allem, was ihm wichtig war, in ihm bewirkte, beschrieb er mit den Worten, „dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens Glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat , aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder, eine Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden ... einfach in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolg, Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben - dann wirft man sich Gott ganz in die Armen, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst."

Der Weg vor das Tor um dort daran mitzutragen beginnt für Bonhoeffer also damit, jegliche Lagermentalität in unserem Leben aufzugeben. Wenn wir endlich aufhören mit den aufgerichteten Abgrenzungen Ossi oder Wessi, Mann oder Frau, Erfolgreicher oder Gescheiterter, und vor allem auch: Homo oder Hetero, Einheimischer oder Fremder oder gar Legaler oder Illegaler. Wenn wir endlich aufhören, aus uns etwas zu machen im Positiven wie im Negativen, dann kommen wir dazu, an dem mitzutragen, was Jesus seine Schmach überhaupt erst einbrachte. Der von ihm mit aller Konsequenz gegangene Weg, alle trennenden Unterschiede zwischen Menschen zu überwinden und im besten Sinne für vorläufig zu erklären. Zu zeigen, dass allen Menschen, die ihm vertrauen, Gottes Erbarmen gilt, wozu auch immer andere sie sich selbst oder andere erklärt und festgelegt haben. Dem ist er bis zum Tod treu geblieben. Und wir bleiben es ihm, wenn wir diesen Weg der Überwindung aufnehmen mit allem, was uns das auch kostet, an Kraft, an Toleranz, an Selbstüberwindung. Der Weg zu dem, der uns den Weg zur Erlösung von allen aufgerichteten todbringenden Grenzen geebnet hat, führt hinaus aus jeglicher Lagermentalität. Dabei kann man den im Deutschen doppelten Wortsinn des Wortes „Lager" mithören: Worauf man sich einmal niedergelassen hat, davon erhebt man sich nur wiederwillig. „Lager" aber auch im militärischen Sinne, das, was abgrenzend gegen die da draußen der Verteidigung dient. Und wie oft meinen wir, etwas verteidigen zu müssen: den Glauben des christlichen Abendlandes gegen die, die einen anderen vertreten. Gegen die, die der Norm kirchlichen Mitgliedschaftsrecht nicht entsprechen. Oder gegen die, die anders leben oder lieben als in den hergebrachten Lebensformen Ehe und Familie. Und sie von kirchlichen Segenshandlungen ausschließt, so wie es die offizielle Richtlinie der sächsischen Kirche es immer noch tut. Man muss sich nicht wundern, dass man dabei vergessen wird von denen da draußen und dass sie sich abwenden, das Tor zu uns gar nicht mehr suchen, eigene Städte bauen. Durch die Mauern, mit denen man sich schützen will, kann man auch zum eigenen Verschwinden beitragen. Nach der neuesten EKD-Studie ist wächst die Zahl derer, denen Kirche völlig egal ist. Das kann uns nicht egal sein, so lange wir daran irgendeinen Anteil haben und den haben wir - leider.

So wird es auch in dieser Hinsicht allerhöchste Zeit, um aus so manchem Lager aufzubrechen. Und auch wieder oder endlich wahrzunehmen: Jesus war immer schon außerhalb des Lagers. Er ließ und lässt sich ja gerade nicht vereinnahmen. Zahlreiche Versuche, meist der frommen Pharisäer, ihn in die von ihnen entwickelten Kategorien Frommer oder Ketzer einzuordnen, scheiterten kläglich. Weil Jesus kein Lager hatte, an dem er sich länger aufhielt oder in dem er sich verschanzte, schlägt auch jeder unserer Versuch fehl, das Lager vergrößern zu wollen, das Draußen zum Drinnen machen zu wollen, indem die Mauern einfach weiter gezogen werden. Hier findet sie sich wieder, die von Bonhoeffer beschriebene buchstäbliche Ver-rücktheit des Evangeliums: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um Jesu Willen, der wird es finden." Christ zu sein besteht in der Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet.

In diesem Sinne ist auch das Bild zu betrachten von der Christenheit als wanderndem Gottesvolk, das eben noch keine bleibende Stadt hat, sondern die zukünftige sucht. „Der Friede Gottes ist nicht Ruhe, sondern treibende Kraft" - in dem Sinne, wie es Albert Schweitzer einmal formuliert hat, heißt es immer wieder aufzubrechen aus dem eigenen eng umgrenzten Lager und ohne ängstliche Vorbehalte hinauszugehen zu denen vor dem Tor. Und dort nach dem Ausschau halten, den wir suchen. Möge er uns dabei finden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org