Predigt über Jesaja 54,7-10

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
das Leben eines Menschen steckt voller Erinnerungen, die bei tausend Gelegenheiten aufgerufen werden. Manchmal können Erinnerungen quälen. Oftmals aber bergen Erinnerungen die Seele, sie können sogar heilsam wirken. Und überdies - denken wir an eine Kaffeerunde mit Freunden etwa - können Erinnerungen lustig sein und Freude ausstrahlen. Heute geht es um die Erinnerung, die heilsam wirkt. Der Schriftsteller und Pfarrer Albrecht Goes schrieb einen kleinen Text über eine Erinnerung an Werke Johann Sebastian Bachs, erschienen 1959.
Eingangs erzählt Albrecht Goes von einem Gästehaus im Schwarzwald. Er selbst tritt am Morgen allein auf die Terrasse. Er freut sich am Morgenlicht. Er sieht den Nebel und spürt dennoch Wärme. Und er fragt sich auf dieser Terrasse im Freien stehend: "Ist es die Übereinstimmung mit der eigenen Lebensstunde, die mich so wohltätig umfängt?" Die Gedanken kreisen, durchstreifen das Jahr bis endlich ein Wunsch hervorbricht: "Musik wünsche ich mir in diese Morgenstunde herein, eine Musik: Johann Sebastian Bachs Musik." Takte und Notenbilder sieht er vor Augen. Diese Musik ist "lauter Morgen" schreibt er. Am Ende seines Textes berichtet er: "Man ruft mich ins Haus zurück. Kein Ton wurde laut in dieser Stunde. Aber wenn ich ihr einen Namen geben soll, der Stunde auf der Terrasse unter den Tannen, so nenne ich sie doch am besten: Morgenstunde mit Bach."
Was war geschehen? Albrecht Goes erinnerte sich der Musik, die er verinnerlicht hatte. Er hörte sie in der Stille des Morgens als der immerwährende Anfang eines Getragen seins. Und er findet ein Bild, das die Wirklichkeit der geistlichen Musik Johann Sebastian Bachs zu erfassen sucht. Er vergleicht das Werk des Thomaskantors mit einem "großen, hellen Raum", in dem es drei Türen gibt. Die Tür zum Wort, die Tür zur Tat und die Tür zum Schweigen. Albrecht Goes wird nach einer Stunde aus seiner Morgenbesinnung über Johann Sebastian Bach herausgerufen, aus Stille und Schweigen. Er geht ins Gästehaus zurück. Zuvor verbindet er mit der Besinnung auf Johann Sebastian Bach eine Aufforderung immer wieder durch die Tür des Schweigens zu gehen, aus jenem großen, hellen Raum heraustretend. Wer hören will, genau hören will, muss schweigen können. Das Schweigen also begleitet das Wort und damit auch die Worte, die in Kantaten, Motetten, Oratorien erklingen.
Albrecht Goes beschreibt das Schweigen als den Ort, an dem die Erinnerung an die Musik bleibend beheimatet ist. Goes: "Sie selbst, die Musik, ist nicht Schweigen, wie sie nicht Wort und nicht Tat ist; aber sie spricht mit den Urbezirken unseres Wesens, die schweigend im Geheimnis ruhen. Ich wage nicht zu sagen, dass sie uns verwandelt, wie man es sich wohl wünscht." Der Prophet Jesaja schickt dem Volk Israel eine Erinnerungsbotschaft, wie sie deutlicher nicht sein kann. Er erinnert an Noah. Denkt doch daran, wie ihr über Generationen hin erzählt habt von Noah und der Rettung der Welt. Solches erfahrt ihr auch heute. Die Erinnerung, das Erzählen, Zuhören, Vergegenwärtigen, dass Gott doch Mensch und Tier und Pflanzen, ja die Erde letztlich bewahrt hat, trägt.
Es heißt in Jesaja 54, aus dem Rhythmus der prophetischen Rede herausbrechend: "Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten." Hier wird in Erinnerung gerufen das ganze Ausmaß von Trost, Barmherzigkeit, Gnade und Frieden, das Gott dem Menschen zeigt, der mit ihm rechnet, nicht als eine zu berechnende, abrufbare Größe, sondern als eine mögliche Erfahrung, die der Glaube schenkt, als Morgenstunde des Neuanfangs in meinem Leben, aber auch im Leben der Gemeinschaften.
Das Volk Israel hatte die Exilkatastrophe, die mit dem Jahr 587 vor Christi Geburt begann, überstanden. Viele konnten zurückkehren aus dem babylonischen Exil, in das ihre Väter und Mütter geführt worden waren. Das Leben nach den Geboten Gottes konnte wieder eingerichtet werden in Jerusalem und Umgebung. Aufbruchsstimmung herrschte schon bei manchen, aber eben längst nicht bei allen. Die Leute brauchten den Zuspruch Gottes und der Prophet macht in seinem Namen den Mund auf. Es geht weiter und vieles geht von Neuem los. Vergegenwärtigt euch, Gott hat einstmals nach der Katastrophe zur Zeit Noahs einen heilsamen Bund geschlossen, wie es im 1. Mosebuch, Kapitel 9,11 heißt: "Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe."
Ist eine persönliche Erinnerung an die Noahgeschichte geweckt? Bergen sich hier Erinnerungen, behütet zu sein, beschützt? Sehen wir dieses Rettungsboot vor uns, dieses kastenähnliche Großschiff, dass Menschen und Tiere aufnimmt? In der Christenlehre oder im Kindergottesdienst wurde die Arche gebaut, Urbild der Rettung gegen unvorhergesehene Gewaltströme. Ich erinnere mich gut daran, wie mein Bruder und ich Tiere paarweise, also männlichen und weiblichen Geschlechts, in eine große Arche aus Sperrholz über eine angelegte Rampe führten. Und es war nicht genug, wir führten auch die Zinnsoldaten und die Indianer hinauf in die Arche. Alles sollte beschützt sein in unserer Kinderwelt. Wir nahmen teil an der Erinnerung an Gottes rettendem Handeln. Irgendwann bauten wir die Arche ab, aber dann fanden wir eine andere Ecke im Kinderzimmer und so wiederholten wir ein Geschehen, von dem wir vorher aus der Kinderbibel gehört hatten. Das Volk Israel hatte sich im babylonischen Exil erinnert an dieses Urgeschehen und den Bund Gottes mit Noah.
Nun knüpft der Prophet an und ruft: erinnert euch und bewahrheitet diese großartige Erinnerung, denn Gott bekräftigt seinen Bund. Er bekräftigt seinen Bund dermaßen klar für euch, die ihr aus dem Exil zurückgekehrt seid, dermaßen klar, dass der Vergleich mit der Menschheitskatastrophe der Sintflut, der Überflutung der Erde mit Wasser, und deren Abwendung angemessen erscheint. Dieser Bund heißt jetzt Bund des Friedens, Schalom Gottes - Frieden, der überall wirken soll. "Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer."
Die Gemeinschaft, in der du lebst soll heil sein. In einer Sprache des Segens wird innerer und äußerer Frieden dem Menschen in seinen Bindungen zugesprochen. Wie sehr wir uns das manchmal wünschen, niemals um den Preis der Wahrheit, aber in allem mit dem Richtungssinn auf einen bergenden Frieden. Ein solcher Bund hat ewige Dauer. Dieses Prophetenwort klang aufregend, klang neu in den Ohren derer, die sich noch an die zurückliegenden Jahre der Verfolgung erinnerten. Es klang nach einem beistehenden Gott, der sein Volk nicht mehr verlassen wird. Diese Bundeszusage eines ewigen Friedens hat dazu beigetragen, dass das Volk sich als ein mittuendes begriff. Das Leben in der alten Heimat konnte sich wieder finden, der Tempel in Jerusalem wurde später wieder aufgebaut. Israel begann ein Leben aus der Erinnerung heraus, tätig in die Zukunft mit Gott zu gehen.
Überschwänglich ruft der Prophet Gottes Bund zu vertrauen: Berge und Hügel können weichen und stürzen, Gottes Gnade aber nicht. Gott hat euch nur für einen Augenblick verlassen, traut nun seinem Erbarmen, seiner ewigen Gnade. Dieser Augenblick war schrecklich, denn ein Leben im Exil und ein Leben als Flüchtling ist oftmals von Hunger, Not und Unverständnis begleitet.
Liebe Gemeinde, heilsame Erinnerung und Aufbruch zu Neuem gehen Hand in Hand. Nach dem Durchschreiten tiefer Täler kann die Anhöhe des Berges die Stimmung des Menschen sehr heben. Woher kommt die Kraft, diesen Weg zu gehen? Albrecht Goes spricht vom großen, hellen Raum der Musik Johann Sebastian Bachs, für ihn eine, wenn nicht die Kraftquelle. Er spricht von den Türen, die aus diesem Raum hinausführen. Er spricht von der Tür zur Tat. "Die zweite Tür ist die Tür in den Bereich der Tat. Vor uns ist der Tag und er will Wirksamkeit; mutige Entschlüsse - den Eifer des Mannes, die Sorgfalt der Frau." Es gibt Musik, die "rät zur Flucht, zu Schlummer, Traum, Vergessen und Tod" oder lässt nur an ein Gestern und "das Langvorbei" denken. Selbst wenn viele unter uns über Schlummer und Traum und die heilsame Wirkung derselben anders denken mögen, so können wir uns doch fragen lassen, was uns selbst zur Tat führt.
Führt uns zur Tat das Schweigen, das Hören auf Musik, Töne, Kinderstimmen? Führt uns zur Tat das Wort aus der Bibel, ein klares Ja oder ein geduldiges Nein, das wir aus diesen Worten hören? Führt uns zur Tat die mannigfaltige Erinnerung an herrliche, ermutigende und befreiende Ereignisse. Es wird sehr Verschiedenes sein, das uns zu einer sinnvollen, gemeinschaftsstiftenden Tat führen kann. Nicht etwa von jedem etwas, das ist zu billig. Eher schon eine bestimmende Erfahrung führt uns zur Tat. Es sind möglicherweise nur wenige Ereignisse in unserem Leben, die uns sinnlich und von der Seite des Verstandes auf den Geschmack des Friedens, der Gnade, der Ewigkeit bringen. Für mich selbst war es einmal ein Fußweg zu einem Berg hin über dessen letzten felsigen Anstieg ich nicht kam und umkehren musste. Du kannst umkehren, zurückgehen, dein Leben bejahen in seinen Grenzen, du kannst eine Übereinstimmung in Gottes Willen hinein finden. Diese Nachmittagsstunde wurde zu einem Gebet, meinem Gebet zu Gott.
Der Ruf zum Mittun in Gottes Bund verbindet zwei Bewegungen miteinander: das Hineingehen in die Erinnerung und den Aufbruch zu Neuem, innehalten und losgehen, anknüpfen und proklamieren, Schmerzen erdulden und frei werden davon, Güter abgeben und neue erwerben. Es sind zwei Bewegungen, die sich zu der einen Bewegung, die ganz frei aus mir tritt, verbinden, verbinden zu dem Moment, etwas zu tun. Unsere Kirche der Gottesdienste und Liturgien unterzieht sich seit fast 30 Jahren einem Konsultationsprozess zu Frieden, Gerechtigkeit und Umweltbewahrung, wie das immer im Dreiklang heißt. Hier treffen Erinnerung und Aufbruch zusammen, wir tragen Erinnerungsbilder zu gesellschaftspolitischen Fragen mit uns, problembeladen angesichts von Unfrieden, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung. Und es gibt immer wieder tätigen Aufbruch, um die Lage zu bessern.
Es ist die Umweltbewahrung, die uns die Perspektiven von Erinnerung und Aufbruch geradezu in eins sehen lässt. Wir sehen, wer die Umwelt zerstört, zerstört zugleich den Menschen. Wer fair gehandelte ökologische Produkte kauft, schont die Umwelt und hilft Menschen einen gerechten Lohn zu erhalten. Gott will seine Schöpfung erhalten, Noah zeugt davon. Und wir sind gebeten mitzumachen. Wir sind gebeten einzuschwingen in den Wechsel von Erhaltung und Neugestaltung.

"Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,/ Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt", sangen wir heute mit dem Wochenlied. Gott erinnert das Leiden für uns, den angewiesenen Menschen. Gott dringt zum immer neuen Morgen der Freude, die den Menschen zum Tun leitet. In diesem großen, hellen Raum, der Thomaskirche Leipzig feiern wir mit Jesus, der Leid auf sich nahm und wir feiern mit Christus, der Frieden schloss von Gott her für den Menschen. So bleiben wir auf den Spuren der alten Verheißung, dass "der Bund meines Friedens nicht hinfallen soll, spricht der Herr, dein Erbarmer." Finden wir nun Übereinstimmung mit uns selbst und mit Gott. Amen.