Predigt über 1. Könige 19,1-13a

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Lesung des Predigttextes

Liebe Gemeinde,
das ist vielleicht eine der anrührendsten Geschichten der Bibel überhaupt. Er kommt einem schon nahe, der Elia, weil man in seiner Geschichte auch etwas von der eigenen entdecken kann. Wie kommt es zu dem, was hier erzählt wird? Es gibt natürlich eine Vorgeschichte. Der Name dieses Propheten ist Programm: Elia, d.h. mein Gott ist Jahwe - und niemand sonst. Er ist einer, der furchtlos im Namen Gottes für die Wahrheit streitet und keinem Konflikt aus dem Weg geht, wenn es darum geht, Unrecht beim Namen zu nennen. Und er ist zutiefst überzeugt: Ich denke und tue das Richtige und bin damit im Einklang mit mir selbst. So tritt er auf zur Zeit des Königs Ahab, der mit Isebel eine phönizische Prinzessin geheiratet hat. Sie hat den Fruchtbarkeitskult des Baal in Israel befördert. Das brachte den Glauben an den einen Gott Israels in Gefahr. Zudem blieb trotz einer politischen und wirtschaftlichen Blütezeit im Innern so manches auf der Strecke. Die Regierenden verlieren den Bezug zu den Menschen, die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf, es gilt das Recht des Stärkeren. Man huldigt allenfalls den eigenen Göttern - oder hält sich im Stillen selbst für göttlich. So kommt es, wen kann es wundern, im ganzen Land zu einer geistigen und geistlichen Dürre, die verbrannte Erde hinterlässt. Hier wächst am Ende nichts mehr, was Menschen nähren könnte an Leib, Seele und Geist. Hier kommt es nun zum Kampf, zwischen dem Gott, den Elia vertritt und den Göttern der Baalspriester. Wer bringt als erster Regen auf das Land? Wer gibt dem Land zurück, was es dringend braucht? Elia gewinnt den Kampf. Der Gott, der sich den Menschen zuwendet, erweist sich als stärker als die Götter, denen die Menschen sich zuwenden. Der Israel einst aus der Knechtschaft der Ägypter geführt hat und den Bund mit seinem Volk geschlossen hat, ist nicht zu beseitigen. Die Sache ist klar. Aber dennoch macht Elia einen schweren Fehler. Er übt Rache. So, wie vorher die Propheten Gottes ermordet wurden, tötet er nunmehr die Baalspriester, es ist ein regelrechtes Abschlachten. Im Rausch des Sieges überschreitet er alle Grenzen, die er bisher verteidigt hat. Rachegelüste steuern ihn, er wird blind für das, was ihn eigentlich antreibt, hat keinen inneren Zugang mehr zu dem, was er vertritt, die Lust an der lang ersehnten Stärke und Macht über das Geschehen verstellt ihm den Blick. So macht er sich zutiefst unglaubwürdig: vor Gott, vor den Menschen und auch vor sich selbst. Er wird vom überzeugenden Kämpfer für die Wahrheit zur tragischen Figur, die sich in sich selbst verstrickt hat. Wie wir wissen: Das kann schnell gehen. Dessen wird Elia sich bewusst. Und seine erste Reaktion darauf ist keine unbekannte: Er läuft davor weg. Hier setzt die Geschichte ein. Denn dass ihn dazu allein die Drohung einer Königin im Namen von Göttern treibt, die sich eben noch als komplett machtlos erwiesen haben, kann man wohl ausschließen. Es ist nicht diese Angst, die ihn treibt, sondern die Angst vor sich selbst. Dass er klar sieht: „Da sah er" - so kann man das an der Stelle auch übersetzen, wo es heißt: „Da fürchtete er sich". Elia sieht - und was er sieht, versetzt ihn in Furcht: in Furcht vor der eigenen Widersprüchlichkeit, vor der Unfähigkeit, den eigenen hohen Ansprüchen allenfalls ansatzweise gerecht zu werden. Elia steht für den Menschen, dem gerade sein Lebensentwurf zerbricht, sein Bild von sich selbst und von Gott - was ja letztlich alles zusammengehört. Das ist mehr als ein Erschöpfungssyndrom und mehr als das, was ein ja an schlechten Tagen auch mal aus heiterem Himmel befallen kann: dass man auf einmal todtraurig da sitzt und sich fragt, wieso. Über nichts kann man ja so erschrecken wie über den Blick in den Spiegel, der einem zeigt, den Eltern äußerlich immer ähnlicher zu werden und vor allem, dieselben Fehler zu machen und es eben nicht besser zu machen als die, die wir nie werden wollten. Sich nicht verzeihen können, nicht besser zu sein - das kann einen an den Rand des Abgrunds treiben. An solch einem Punkt seines Lebens ist Elia - nämlich nun gleich alles sinnlos zu halten und sich nur noch seinem Schmerz hinzugeben. Sich in den Schlaf flüchten- das aus totaler emotionaler Erschöpfung heraus zu tun, ist einerseits verständlich. Aber es hat auch etwas von abstoßendem Selbstmitleid. Abtauchen in die Rolle des Opfers: Alle verfolgen mich, alle sind gegen mich, ich bin allein übrig geblieben.Man kann froh sein, wenn es einen gibt, der einen aus dieser erbärmlichen Fixierung auf sich selbst bzw. aus diesem Schlaf wieder wachrüttelt und einem liebevoll aber bestimmt gesagt wird: Aufstehen. Beweg dich, komme heraus aus dieser Haltung: „Steh auf und iss, du hast einen weiten Weg vor Dir." Da ist kein: Alles ist wieder gut. Sondern: Der Weg ist weit. Hier wird einer von Gott wieder auf die Beine gestellt, aber richtig. Weg vom Wacholder, vom Ginster, dem alten Symbol für die eifernde Sünde des Menschen. Und nun wird er noch weiter in die Wüste getrieben. Aber nicht, um den Abstand zum Vergangenen zu vergrößern, sondern um noch mal von vorne anzufangen. Noch einmal ganz neu nachdenken über den eigenen Lebensentwurf, über das eigene erschütterte Gottesbild, zurück an den Ursprung des Bundes zwischen Gott und Mensch. Nochmals treibt ihn das zur Flucht in den Schlaf, menschlich, noch mal muss Elia herausgerissen werden, bis er endlich begreift, dass da vor ihm etwas Nahrhaftes liegt, Brot, gebacken in der Asche der verbrannten Hoffnungen, Wasser, das Element des Lebens, das alles wieder in Bewegung setzt. Beides Gottesgaben, für die er die Augen öffnen muss, um sie wahrzunehmen. Nahrung, die stärkt, wenn alle Illusionen auch über sich selbst verflogen sind. Es wird elementar, Mensch, werde wesentlich, bei Wasser und Brot saß man früher ja mal im Gefängnis, und das ist nicht von ungefähr, es hat nicht nur strafenden Charakter, sondern auch etwas von Heilung und neu werden. Für die Alte Kirche war das ein Bild für die Eucharistie, die Danksagung, das Abendmahl, dass mitten aus dem Kreuz, an dem die Hoffnungen der Jünger verbrannten, ihnen Heiliger Geist zuströmt, der sie aufstehen bzw. Auferstehung erfahren lässt. Auch Elia steht nun endgültig auf nach dieser heiligen Berührung durch den Engel und geht an den Ort, wo alles mit dem Gott Israels zwar nicht begann, aber doch fest und verlässlich gemacht wurde, auf Fortsetzung angelegt für ein Leben in Freiheit ohne Knechtschaft durch fremde Götter. Er kommt an den Horeb, den Sinai, den Ort, wo Mose die Tafeln des Bundes bekam und der Herrlichkeit Gottes zumindest hinterherschauen durfte.
Was für ein Anfang. Wenn Gott mit uns neu anfängt, dann ganz vorne, und nicht ohne Zumutung der Verwandlung. 40 Tage geht es durch die Wüste, die alte Zeitrechnung der Bibel für die Dauer der Erneuerung: 40 Tage Sintflut, 40 Jahre Wüstenwanderung, 40 Tage in der Wüste, bis der Gottessohn Jesus bereit ist, in die Öffentlichkeit zu treten. Das steht Elia nun noch bevor. Sein erster Impuls ist nach dieser Wanderung, in die Höhle zu wollen, in die Geborgenheit zu flüchten. Aber auch da muss er wieder heraus, muss sich stellen, muss sich vor Gott stellen, muss sich gerade machen - und zwar so lange, bis er versteht und erkennt, wer dieser Gott ist. Es ist überhaupt kein Spaß, der Wind weht ihm ins Gesicht, die Erde wackelt, der Boden, auf dem er fest zu stehen meint. Und dann erfährt er Gott neu, sein Bild vom polternden eifernden Gott, dem er nacheifert und in menschlichem rasenden Übereifer alles zu zerschlagen droht, wandelt sich, er bereitet sich für die neue Begegnung vor, verhüllt sein Angesicht, er tritt nun ganz anders auf, kein gezücktes Schwert mehr im Namen Gottes. Das ist die göttliche Korrektur seines Gottesbildes. Es wäre zu kurz gedacht, zu meinen, Gott sei nur in der Stille zu erfahren, dort, wo es sanft zugeht und leise. Nein, es kann auch anders sein und Vorsicht vor dem allzu lieben allzu leisen Gott, den wir uns in unserer kirchlichen Harmoniesucht zwischen Schwestern und Brüdern manchmal vorstellen. Für Elia ist dies eine neue Seite Gottes - aber einem anderen täte es vielleicht gut, den Gott zu erleben, von dem die Bibel ja genauso spricht: von dem, dessen Wort Felsen zerschlägt und das schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert. Unterlassener Eifer für die Gerechtigkeit kann einem ja schließlich genauso zur Sünde gereichen wie aus den Fugen geratener. Wer den Mund nicht aufkriegt für die, deren Recht gebeugt wird und die ins gesellschaftliche Abseits gedrängt werden, kann sich auf alles berufen, nur nicht auf den lebendigen Gott des Elia, den Gott des Himmels und der Erde und aller Menschen.
Es ist eine wunderbare Geschichte für uns an diesem Sonntag Oculi, der seinen Namen nach dem Psalmwort trägt: Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er befreit meine Füße aus dem Netz (Ps. 25,15). Oculi - meine Augen. Elia geht einen Weg, an dessen Ende er seine Augen wieder auf den richten kann, den er eigentlich vertreten will, er kann seinen Blick wieder erheben über die Enttäuschung über sich selbst. Er steht auf und kommt heraus aus den Verstrickungen des eigenen Eifers. Sein Blick für seinen Auftrag klärt sich, der am Ende schließlich derselbe bleibt: für den lebendigen Gott einzutreten. Dieser Weg ist schwer und anstrengend, aber tröstlich ist: Gott hat die ganze Zeit ja seine Augen auch auf Elia gerichtet, er lässt ihn nicht fallen, er will ihn offenbar mit seiner ganzen Klarheit und Wucht, mit seinem Fähigkeit zum Eifer und er nimmt die andere Seite dieser Stärken in Kauf. Er stärkt beide Seiten mit Wasser und Brot und einer himmlischen Berührung. Auch was das betrifft, eine anrührende Geschichte. Elias Geschichte, die wir vielleicht auch etwas als unsere hören können.


Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.