Predigt über Hebräer 11,8-10

Der Friede Gottes sei mit euch allen. Amen.

"Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind." Dieser Vers aus Ps 25 gibt dem heutigen Sonntag seinen Namen: Reminiszere, Gott, erinnere dich!
Gott soll sich an seine versprochene Barmherzigkeit erinnern, die in der Bibel immer wieder zugesagt wird. Aber auch wir können uns erinnern an Personen und Erzählungen, die vom Vertrauen in diese Verheißungen berichten; vom Glauben. Eines der prominentesten Paare der Bibel sind Abraham und Sara. Sie hielten an Gottes Verheißung fest, obwohl vieles dagegen sprach. An sie erinnert uns der heutige Predigttext aus dem Hebräerbrief. Dort heißt es:
"Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte, und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Land wie in einem fremden wohnte er in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte."
Der Autor des Hebräerbriefs greift hier zurück auf die Geschichte um Abraham und Sara wie sie in der Hebräischen Bibel erzählt ist. Abraham wird von Gott gerufen in ein fremdes Land aufzubrechen. Gott verspricht Abraham eine große Nachkommenschaft und seinen Segen. Abraham soll selbst zum Segen werden. Und Abraham macht sich auf den Weg mit seiner Frau Sara, er vertraut Gott, auch wenn er nicht weiß wohin er kommen wird. Aber als sie dann im verheißenen Land, dem Land Kanaan, angekommen sind, wird sein Glaube erneut geprüft: Stammvater eines großes Volkes sollte er werden - aber bis ins hohe Alter haben er und Sara kein Kind. Im letzten Augenblick wird ihnen ein Kind geschenkt: Isaak. Gott hält sein Wort. Jedoch in der Erzählung um die Bindung Isaaks wird der Glaube Abrahams abermals bis zum Äußersten strapaziert. Gott verlangt das Unglaublige: Abraham soll seinen einzigen Sohn opfern, auf den er so lange gewartet hatte. Aber auch hier gehorcht Abraham. Und wiederum erhält er im letzten Augenblick die Rettung, indem Gott ein Opfertier als Ersatz für Isaak schickt. Abraham glaubt - trotz aller Ungereimtheiten und Widersprüche.

Versetzen wir uns in das 4. / 3. Jh. vor Christus. In dieser Zeit wurden die Erzählungen um Abraham und Sara von israelitischen Schriftgelehrten festgehalten. Damals stand Palästina unter Fremdherrschaft. Es waren erst die Perser und dann die Griechen, die diese schon seit Urzeiten geo-politisch wichtige Landbrücke zwischen Europa, Asien und Afrika kontrollierten. Durch die immer wieder wechselnden Herrschaften und kriegerischen Auseinander-setzungen kam es oft zu Vertreibungen der Einwohner und Neuansiedlungen von Fremden. Die Israeliten kamen in die Fremde, die Diaspora und Fremde wohnten im Land Kanaan. Eine Folge war die Durchmischung der verschiedenen Ethnien. Gerade in einer solchen Situation war es offensichtlich für die Schriftgelehrten wichtig darauf zu pochen, dass der Glaube des schon damals zerstreuten Volkes Israel geographische und politische Grenzen überwinden kann. Dass Gott mitzieht, dass Gott seinen Plan, den er mit seinem auserwählten Volk hat auch dann umsetzt, wenn es nach menschlichen Ermessen gar nicht mehr danach aussieht. Die Erfahrungen von Rückschlägen und Enttäuschungen werden dabei nicht verschwiegen. Im idealisierten Vorbild des Glaubens von Abrahams wird ein Urahn hervorgehoben, welcher somit allen Israeliten, die in der Fremde oder die zwischen Fremden leben, ein Beispiel geben kann. Er glaubt Gott, ohne zu wissen wohin es geht. Er bleibt auch unabhängig vom Besitz des Landes der Garant, dass Gottes Segen mit dem Volk Israel mitgeht. Zeichen für seine Verbindung mit Gott ist die Beschneidung die fortan zum Zeichen des Bundes zwischen Israel und Gott werden wird. Und daran erinnert sich das Volk Israel bis heute, wenn jede jüdische Familie, ihren Sohn am achten Tag nach der Geburt beschneiden lässt. Über die Jahrhunderte ist für das Judentum somit die Erzählung um Abraham und Sara in allen Höhen und Tiefen, in der Verstreuung, in der Fremde unter Fremden ein Anker des Festhalten an Gott und seiner Verheißung oftmals wieder aller Vernunft geblieben.

Einige Generationen nachdem die israelitischen Schriftgelehrten die Abrahamsgeschichte festgehalten haben, hat der Autor des Hebräerbriefes (ungefähr um 100 nach Christus) die Erzählung verarbeitet. Abraham und Sara führt der Autor uns in seinem Brief vor Augen, die in vorbildhafter Weise bereit waren Gottes Auftrag zu folgen und auf seine Verheißungen zu vertrauen. Er betont aber auch die Vorläufigkeit aller irdischen Existenz: Abraham und Sara wohnen - wie es für Nomaden üblich ist - in Zelten, sie suchen nach der zukünftigen festen Stadt. Das heißt, es geht letztlich sogar um einen Aufbruch aus allen irdischen Grenzen und menschlichen Zwängen. Es geht um die Suche nach einer Existenz mit und bei Gott.
Wer diese Hebräer waren, an die sich der Verfasser wendet ist nicht sicher. Vermutlich war es eine judenchristliche Gemeinschaft. Juden also, die an Christus glaubten. Im Gegenüber dazu gab es die sog. "heidenchristlichen" Gemeinden, an welche Paulus besonders seine Briefe gerichtet hat und die Vorschriften des Judentums teilweise wie z.B. die Beschneidung lockerte, um auch den Völkern den Christus-Glauben zugänglich zu machen. Im Hebräerbrief werden also Judenchristen angesprochen. Dies wird z.B. auch dadurch deutlich, dass in Kap. 11 aus dem auch der Predigttext stammt, einige Glaubenszeugen der Geschichte Israels aufgelistet und als Beispiele dieser offensichtlich im Glauben ermüdeten, zweifelnden Gemeinde vorgehalten werden. Sie sollen sich ihrer Vorväter und -mütter erinnern. Reminiszere! Diese Liste der Glaubenszeugen beginnt programmatisch mit einer bis heute hilfreichen Definition, was Glaube ist: "Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." Dann werden Personen aus den heiligen Schriften Israels genannt, von Abel bis Rahab darunter eben auch Abraham und Sara. Sie sind für den Verfasser Beispiele, wie in Verfolgung und Nöten am Glauben festgehalten werden kann. Er sieht sie als Vorgänger im Glauben, welche bereits auf Christus hindeuten. Und Jesus Christus ist für ihn schließlich Vollender dieses Glaubens, er ist der Glaubenszeugen par excelence, welcher Gott, seinem Vater glaubte bis ins äußerste, bis in den Tod. Auch sein Glaube wurde, gegen alle menschlichen Gewissheiten bestätigt, indem er den Tod überwunden hat.
Die judenchristliche Gemeinde, an die sich der Hebräerbrief wendet, befand sich auf dem Weg der Suche nach ihrer Identität. Sie verstanden sich als Juden, sie waren höchstwahrscheinlich alle von Geburt an Juden und durch die Beschneidung bewusst in den Bund Abrahams gestellt. Sie glaubten jedoch an Jesus, als den in der Schrift verheißenen Messias. Sie standen einerseits somit zwischen dem traditionellen Glauben Israels, der Verheißung ihrer Väter und Mütter, und ihrem bisherigen sozialen Umfeld. Aber anderseits auch im Gegenüber zu den heidenchristlichen Gemeinden. Diese Judenchristen befanden sich somit vielleicht in einer ähnlichen Zwischenposition wie heute messianische Juden, welche sich selbst als Juden verstehen, aber an Jesus Christus glauben, jedoch vom etablierten Judentum wie auch Christentum oft ausgrenzt werden, mit der Behauptung sie wären weder das eine noch das andere.

Zwei Aspekte sind es, die aus dieser Abrahamstradition heute genau so aktuell sind, wie damals: die Kraft aus dem Glauben an Gott und das Vertrauen auf seine Verheißungen zum einen und die horizont-erweiternden Erfahrung des Fremdseins und im Kennenlernen von Fremdem zum anderen.

Viele Menschen können heutzutage mit einem bedingungslosen Glauben, wie ihn Abraham und Sara vorgelebt haben, nichts anfangen. Und ich gebe zu, dass es auch mir schwer fällt so unhinterfragt zu glauben wie Abraham es tat. Zu glauben, was ich nicht sehe, zu vertrauen, dass Gott mich behütet und trägt, in mein heutiges Leben direkt eingreift - wie auch immer das konkret geschehen mag - ist nicht selbstverständlich. Der Zwillingsbruder des Glaubens ist schon seit jeher der Zweifel. Auch Abraham wird gezweifelt haben, auch wenn in der idealisierten Erzählung nichts davon überliefert ist. Saras Zweifel an Gottes Verheißung werden durch ihr Lachen deutlich. Das ist ehrlich, ja menschlich. Auch die Hebräer werden in der Identitätskrise, in der sich befanden, gezweifelt haben .

Als Christen in einem säkularisierten Umfeld in der Minderheit wie hier in Leipzig und im Osten Deutschlands, und angefragt von angeblich weltanschaulicher Neutralität oder wissenschaftlicher Objektivität einer aufgeklärten Vernunft wird auch unserer Glaube oft in Frage gestellt und Zweifel gesät. Dass die Areligiösität in unserem Umfeld jedoch ein Sonderfall der Geschichte und auch global gesehen eher die Ausnahme darstellt, zeigt ein Blick über den Tellerrand. Nirgendwo sonst (bis auf Tschechien vielleicht) leben so viele Menschen, die sich selbst als "Atheisten" bezeichnen. Nirgendwo sonst wird so wenig geglaubt wie bei uns. Ich möchte damit nicht sagen, dass diese an Nichts glaubenden Menschen schlechter wären, als Glaubende. Es ist jedoch auffällig, dass gerade im Osten Deutschlands oftmals aus der religiösen Unmusikalität - der schlichten Unkenntnis über religiöse Praxis - eine Skepsis gegenüber der Ausübung besonders von fremden Glaubensrichtungen hervorgeht,wie es z.B. der Streit um den Bau der Moschee in Leipzig gezeigt hat. Dass es da noch welche gibt, die an Gott Glauben und in eine Kirche gehen ist meist noch in Ordnung, sobald sie jedoch auffallen - wie auch immer mit Kippa oder Kopftuch, Synagoge oder Moschee - ist die Toleranz schnell am Ende. Es ist erschreckend zu sehen, wie selbst in sich als "aufgeklärt" verstehenden Menschen eine diffuse Angst vor dem Fremden vorherrscht. Die zwei deutschen Diktaturen haben da ganze Arbeit geleistet und durch den Versuch, jeweils einen Ersatzkult einzuführen, vielen Menschen jeglichen Glauben ausgetrieben, aber auch Unbehagen vor unbekannter Religiosität gesät. So ist es geradezu an der Zeit, dass die Glaubenden verschiedener Religionen aufeinander zugehen und ins Gespräch kommen um das Gemeinsame vertreten: nämlich, dass sie glauben.
Darüber hinaus gibt ja aber noch viel mehr, dass uns mit Anders-Gläubigen verbindet. So sollten wir - wenn wir als Angehörige der jüdisch-christlichen Tradition von Abraham sprechen, nicht vergessen, dass Abraham auch im Islam eine wichtige Rolle spielt. Im Koran ist z.B. auch die Erzählung von der Bindung Isaaks überliefert und Abraham gilt als der Begründer der Mekka-Tradition. Entsprechend wird an Abraham bei jeder Wallfahrt ebenso gesondert erinnert. Die Abraham-Tradition, besonders Abrahams unumstößlicher Glaube, kann so ein gemeinsamer Ausgangspunkt sein, um interreligiös in Dialog zu treten, die andere Tradition kennenzulernen, sich in gegenseitiger Achtung und Respekt zu üben. Abraham als Stammvater aller Völker kann somit nicht nur Vorbild eines bedingungslosen Glaubens sondern auch Symbol eines interreligiösen, eines abrahamitischen Dialogs.
Als Glaubende verschiedener Religionen können wir gemeinsam gegenüber den Nichtglaubenden auftreten, und dafür einstehen, dass der Glaube Kraft zum Leben verleiht. Wir können vorleben, dass wir keine Exoten sind, sondern ganz normale Menschen, die aber aus ihrer Sicht auf die Welt diese engagiert mitgestalten.
Und da kommt das zweite Thema ins Spiel: Das Aufeinander zugehen nimmt die Angst vor dem Fremden. Wir würden gastfreundlicher werden, für Fremde die ausziehen mussten aus ihrer Heimat, oft unfreiwillig, weil sie wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, ähnlich wie Abraham und Sara ohne zu wissen wohin es geht. Denn unserer Stadt und Gesellschaft täten sicher noch ein paar mehr Fremde gut, die Angst um Überfremdung und zu wenig Arbeitsplätze ist unbegründet, vielmehr brauchen wir angesichts des sich abzeichnenden demographischen Wandels Zuwanderung und das nicht nur von Fachkräften. Gerade wir in unserem reichen Land sollten offen sein und Heimat von Flüchtlingen und Fremden werden. Dies würde natürlich auch von jedem einzelnen von uns noch mehr Integrationsarbeit abverlangen, es würde aber auch uns gut tun und oftmals unseren Horizont erweitern und durch die Begegnung mit Fremdem, die Angst davor verringern.

Bei allen Unterschieden der verschiedenen Glaubenstraditionen, die bestehen bleiben - und das ist ja auch richtig so -, tun wir gut daran, uns zu erinnern, was wir jeweils in unserer Tradition - aber auch gerade persönlich - davon haben, wenn wir glauben: Mein Glaube an Gott und die Zuversicht, dass der Tod überwunden werden kann, heben mich aus meiner eigenen Verstrickung in diese allzu irdischen und beschränkten Denkmöglichkeiten heraus. Denn Gott überschreitet das menschlich Denkbare: Er fordert in letzter Konsequenz eben nicht das Opfer des Isaak und auch der Tod Jesu ist nicht ein Schlusspunkt sondern markiert einen neuen Anfang. Die Perspektive der zukünftigen Stadt - wie sie im Predigttext angedeutet wird - lässt mich befreit mit meiner Vergänglichkeit umgehen, ja sie rückt mein eigenes Fremdsein hier auf Erden in den Blick. Auch ich führe letztlich das Leben eines Nomaden - lebe wie in Zelten - und kann auf die kommende Stadt hoffen. So relativieren sich für mich viele menschliche Probleme und Sorgen, wie die Suche nach irdischen Gütern, das Haschen nach Erfolg und Reichtum, aber eben auch die Angst vor dem Tod. Meinem eigenen Zweifel an Gott und der Sinnhaftigkeit zu Glauben - die oft gespeist werden durch die Tatsache von Leid und Krieg - kann ich somit gestärkt durch die zusage der biblischen Verheißung gegenübertreten. Befreit darf ich wagen zu glauben - und aus diese Kraft heraus Leben gestalten. Befreit kann ich mich für die Integration Fremder einzusetzen, oder selbst in die Fremde aufbrechen - ob nun räumlich in andere Regionen oder Länder oder sachlich in mir neue Aufgabenbereiche. Wie Abraham und Sara kann ich gewiss sein, dass Gott mich begleiten wird und zu seiner Zusage steh. Aber daran darf ich Gott auch selbst erinnern: Reminiszere! Gedenke auch du, Gott, Herr der Welt, an deine uns zugesagte Barmherzigkeit und deinen versprochene Segen. Erinnern darf ich aber auch uns alle: Reminiszere: Seid also erinnert an Abraham und Sara und ihre Glaubensgewissheit und macht euch auf in die Fremde und zu Fremden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen