Predigt über Jakobus 1,12-18

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

zu Beginn der Passionszeit werden wir heute daran erinnert: Unser Leben ist umgriffen von Mächten und Gewalten, die jenseits der Grenze stehen, wo wir etwas sinnhaft erleben oder berechnen können. Die Geschichte der Versuchung Jesu in der Wüste macht deutlich: Wo Gott nahe ist, öffnet sich auch der Raum für widergöttliche Mächte. Kaum getauft, findet er sich als Gottessohn in der Wüste wieder. Dort, wo die Gegensätze eng beieinander liegen: Unendliche Weite und bedrängende Einsamkeit, vielfältiges, faszinierendes Leben und lebensfeindliche Trockenheit, sengende Hitze und beißende Kälte. Viele Menschen, die in der Einsamkeit der Wüste Gott begegnen wollten, sind auch den Dämonen begegnet, den widergöttlichen Mächten. Es ist wichtig für uns wahrzunehmen: Jesus hat diesen Bereich vor seinem Auftreten in der Öffentlichkeit betreten. Und er hat sie ausgehalten, hat sie überwunden, all die Angriffe auf die Schwachstellen des Menschen. Hunger kann uns zu einigem treiben genau wie Selbstüberschätzung und das Drängen nach Ruhm und Ehre um jeden Preis. Das Ende dieser Geschichte, wo der Diabolos von Jesus ablässt, lässt uns dabei jedes Jahr schon zu Beginn der Passionszeit das feiern, was sich im Wochenspruch ausdrückt: Dazu ist erschienen der SG, dass er die Werke des Teufels zerstören. Im Vertrauen auf den schon errungenen Sieg können wir uns auf den Weg Richtung Karfreitag begeben, weil schon jetzt klar ist: Es ist ein Weg, der uns durch Mitleiden mit ihm zum Mitleben mit ihm führt. Das Pendant zum Sonntag Invokavit ist Ostern.

Wo wir leiden, sind wir in besonderer Weise den Mächten ausgesetzt, die uns von Gott abziehen wollen. Die Texte dieses Sonntags stellen uns das vor Augen, nicht nur Jesus begegnet dem Diabolos, dem Durcheinanderwerfer von Wahrheit und Lüge, von Gut und Böse, von Form und Inhalt. Auch der Jakobusbrief thematisiert das. Er zeigt uns die Situation von Gemeinden des zweiten Jahrhunderts, ihre Bedrängnis durch die Außenwelt aber auch ihre inneren Probleme. Wir hören da von Anfechtungen und Versuchungen, die offenbar schwerwiegende Folgen hatten:

12 Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.13Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14 Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. 15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. 16 Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. 17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. 18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

Eine Warnung vor der Versuchung. Wir wissen alle um das Zuviel an Alkohol, Zigaretten oder Süßem. Und wir wissen auch, nicht diese Dinge an sich sind das Problem, sondern die Gier, die wir damit zu befriedigen suchen. Dir Gier nach mehr, die Gier nach noch mehr - ja was eigentlich? Noch mehr Leben? Spaß, Geld? Oder vielmehr doch: sein zu wollen wie Gott - und außer zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können auch noch die Unsterblichkeit begehren wie unsere Prototypen Adam und Eva. Der süßeste Apfel ist für uns eben auch der verbotenste und begehrenswerteste.

Diese Sicht auf den Menschen teilt der Jakobusbrief offenbar. Aber er erteilt allen Spekulationen über das Woher des Bösen bzw. der Versuchung dadurch, von vornherein eine Absage: Kein Gott, kein Teufel ist dafür verantwortlich. Sondern der Mensch selbst. Hier wird nicht darüber sinniert, dass das in der Bibel auch anders erzählt wird. Gott versucht Abraham, indem er ihm befiehlt, seinen Sohn zu töten, Gott lässt die Versuchung Hiobs zu. Und nicht zuletzt ist da ja die Bitte im Vaterunser: „Und führe uns nicht in Versuchung". Das ist eine folgerichtige Konsequenz des Glaubens an den einen Gott. Wenn es nur ihn gibt und man an einen wie auch immer gearteten Gegenspieler nicht glaubt, ist Gott entweder selbst Urheber des Bösen oder es handelt sich um einen göttlichen Betriebsunfall. Die Schlange als Tier des Feldes, als Geschöpf, das andere Geschöpfe in Versuchung bringen kann. Ist der Mensch in solch einer Schöpfung dann wirklich noch frei oder nicht von vornherein dazu geschaffen, versuchbar zu sein?

Nun, hier im Jakobusbrief wird darüber keine generelle Debatte zugelassen. Es geht offensichtlich um eine Situation, in der zur Wahrnehmung der eigenen Verantwortlichkeit aufgerufen werden soll. Das Böse kommt aus den Begierden der Menschen, sagt dieser biblische Text und weiß damit schon, was im Grunde auch moderne Psychologie sagt: Das Böse ist - warum auch immer -Teil von uns Menschen. Es ist nun mal da. Und Niemand, auch Gott nicht, muss dazu jemanden verführen. Wir können böse sein - oder gut oder auch beides zugleich. Irrt Euch nicht, sagt Jakobus, lasst euch nichts vormachen und macht vor allem Euch selbst nichts vor. Da gibt es Seiten in uns, die Schreckliches anrichten können, wenn sie entsprechend von außen stimuliert werden. Die Begierde empfängt, sagt Jakobus, sie wird schwanger. Der Anlass kommt von außen, aber in uns geschieht das Entscheidende: das Heranwachsen und schließlich die Geburt dessen, was den Tod bedeutet.

Das ist schon etwas anderes als ein bisschen zu viel Schokolade. Wer dieser Versuchung nicht widersteht, riskiert den Tod. Und zwar den Tod der Beziehungen untereinander - darauf lässt der Zusammenhang schließen, wo offenbar die Reicheren in der Gemeinde sich aufspielen und den christlichen Grundsatz der Gleichheit aller bestreiten bzw. ihn offenbar als eine Art Tugendterror empfinden. Es scheint hier ein antiker sarrazinscher Geist zu wehen, in dem alles andere als die eigene Art zu leben abgewertet wird, und man aus einem Gefühl der Überlegenheit das Recht abzuleiten meint, sich selbst über das stellen zu können, was man für abnorm hält. Eine Versuchung, bis hin zu Gedanken: Die Reicheren (Besseren) können mit guten Gründen, nämlich zum Vorteil aller, die Ärmeren (Schlechteren) beherrschen. Gefährlich ist, wer mit solchem Gedankengut spielt und andere in ihren finsteren persönlichen Ecken dazu stimuliert, solche Schlüsse letztlich selbst zu ziehen. Und mehr als dreist ist der, der Kritik daran als ein von anderen verordnetes Denkverbot auslegt.

Wie fatal sich die Selbstverständlichkeit auswirkt, zu denken, man selbst gehöre zu den Guten und Richtigen und aus dieser vermeintlichen Deckung den Stab über die zu brechen, die man abnormal findet, hat in den letzten Wochen der Fall, im doppelten Sinne der Fall, des Politikers Sebastian Edathy ja einmal mehr gezeigt. Wer ist hier eigentlich der, der in Versuchung gekommen ist? Man kann die ganze Sache ja auch mal anders herum betrachten als mehrheitlich geschehen. Ich meine, dies war ein klassisches Beispiel dafür, wie schnell eine Mehrheit einer eigenen Versuchung auf den Leim geht. Da wird einer, der sich sicher unappetitliches Material besorgt und wohl auch angeguckt hat, sofort kriminalisiert. Nach dem Motto: So einer ist auch in der Lage, sich an Kindern zu vergehen. Abgesehen von einem solchen gedanklichen Schnellschuss, dürfte eigentlich jedem bekannt sein, der sich über das Thema etwas informiert hat: Die weitaus meisten Sexualverbrechen an Kindern werden gerade nicht von Pädophilen verübt. Sie wissen in der Regel genau, dass sie ihre Neigung niemals in der Realität ausleben dürfen. Manche leben heimlich in Angst vor der Entdeckung, andere holen sich Hilfe, leben reflektiert mit ihrer Veranlagung. Denn so etwas sucht man sich ja nicht aus. Es sind meistens die anderen, die nichtpädophilen Ersatzhandlungstäter, die in ihrer Persönlichkeit so wenig selbstbewusst sind, dass sie noch Schwächere brauchen, um sich stark zu fühlen. Sie aber gelten bis das passiert als genauso unbescholtene Bürger wie die, die sich ohne Hemmungen und mit teils großem Vergnügen frauenverachtende Abbildungen in auch für Minderjährige zu erwerbenden Zeitschriften ansehen, wo sehr junge Mädchen aufgemacht sind um anzumachen. Stigmatisiert aber werden andere. Und das letztlich doch nur aus einem Grund: Nirgends sieht man selbst moralisch so rein und gut aus wie neben einem Kinderschänder - und sei es nur ein nach eigenem Dafürhalten potentieller. Was für eine Versuchung! Eine Versuchung, die nicht nur Beziehungen tötet und dem anderen notwendige Hilfe vorenthält. Sie bedeutet für manche das Ende der beruflichen Karriere und macht es für unmöglich, ein noch halbwegs normales Leben im bisherigen Umfeld zu führen. Gnadenlos.

Nun fasst Jakobus ja schon zu Beginn des Predigttexts in Vers 12 auf, wie denn einem zumute ist, der sich in diesen Wüsten des Lebens befindet und der derartige Anfechtungen aushalten muss. Wenn da nichts mehr um einen herum ist als Wüste. Zeiten, in denen man nur noch den hallenden Ruf ins Leere hört, und die quälende Stille der Wüste. Wo man sich seinen umhergeisternden Gedanken ausgesetzt fühlt, wenn man nichts mehr versteht und der Schmerz so groß ist, dass sich der Gedanke einstellt, nicht mehr zu wollen und das Leben an sich infrage zu stellen. Manche Trauernden entwickeln Gedanken des Nachsterbens, die einst gute Gabe Leben wegzuwerfen.

Jakobus hat diese Seite der Versuchung genau so im Blick, die Attacke auf die Grundfesten unserer Existenz, auf das Leben selbst. Luther hat den Jakobusbrief ja bekanntlich überhaupt nicht geliebt, hat ihn etwa in der Anordnung seiner Bibelübersetzung fast nach ganz hinten gesetzt, weil diese „stroherne Epistel" für ihn nicht vereinbar war mit dem paulinischen Gedanken der Rechtfertigung des Menschen allein aus Glauben. Dennoch spricht er hier in Vers 12 mit guten Gründen und mit mehr als nur einem guten Sprachgefühl von „Anfechtung", obwohl hier das gleiche Wort steht wie dann in Vers 13 bei der Versuchung. Aus guten Gründen deshalb, weil es bei dieser Art von Versuchung mehr darum geht, sie auszuhalten als ihr zu widerstehen. Dem, der aushält, ist die Krone des Lebens verheißen. Dass er wieder klar sehen können wird, dass er Antwort finden wir auf sein Rufen und wiedergewinnen wird, was er schmerzlich vermisst. Die Wüstenzeiten des Lebens können unsere Wahrnehmung schärfen, so wie man alles Gute und Lebensförderliche in der Wüste am Ende immer nur als Geschenk und fast wie ein Wunder entdecken kann. Die Entdeckung, nicht nur loslassen zu müssen, sondern auch zu können. Auf Zeit bestimmte Gemeinschaft mit einem Menschen als auf Zeit bestimmt verstehen und annehmen zu können. Die „Krone des Lebens" zu empfangen, das ist nicht nur als Verheißung zu verstehen, was nach diesem Leben folgt, sondern es geschieht schon hier und jetzt und wiederholt: Die Erkenntnis dessen geschenkt zu bekommen, was mitten in diesem vergänglichen Leben unvergänglich ist und wovon wir gottseidank leben dürfen - von Dank, Gnade und Barmherzigkeit - damit wird nach Psalm 103 unser Leben gekrönt. Zu begreifen, davon lebe ich eigentlich, aus diesen guten und vollkommenen Gaben des Himmels, die mir so oft durch die anderen vermittelt werden.

Und das ist letztlich der bestimmende Gedanke dieses Ganzen. Erst in diesem Rahmen zwischen der „Krone des Lebens" und der „guten Gabe von oben" ist das, was hier von Anfechtung und Versuchung gesagt ist, eigentlich erst richtig einzuordnen: Alle gute Gabe kommt von oben herab und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab. Vollkommenes kann man sich nicht selbst erschaffen, man kann es nicht verdienen - bestenfalls kann man ihm nachjagen. Jakobus geht da ganz mit Paulus und ist kein bisschen stroherne Epistel. Die Versuchung besteht also am Ende darin , die Vollkommenheit selbst schaffen zu wollen. Sich selbst schaffen wollen, was man sich nur schenken lassen kann. Das wird aufhören, wo man endgültig verzichtet, sich selbst zu Gott machen. Wo man die Rolle des Geschöpfs anzunehmen bereit ist, das an der Pflege der Schöpfung beteiligt ist wie Adam und Eva und nicht an deren Erschaffung. So läuft der Text des Jakobus auch genau darauf hin zu: Diese Rolle der Erstlinge der Schöpfung anzunehmen. Im auf den Predigttext folgenden Vers 18 heißt es: Er hat uns geboren durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Schöpfung seien. So seien wir es also auch. Den Erstlingen der Schöpfung steht es an, Verantwortung zu übernehmen: Das Böse zu erkennen und zu benennen, auch in uns selbst. Es ist Stärke, nicht Schwäche, ein Sündenbekenntnis sprechen zu können. Mit Kleinmachen hat das nichts zu tun. Eher mit dem Satz aus Vers 16 unseres Predigttexts: Irrt Euch nicht, meine lieben Brüder und Schwestern.

In diesem Sinne bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org