Predigt über Jesaja 58,1-9a

Liebe Gemeinde,

es gibt Momente in unserem Dasein, die wir nicht vergessen oder an die wir uns zumindest bei passender Gelegenheit erinnern. Oftmals sind dies Einprägungen in unserem Bewusstsein, die  ein Tragendes vergegenwärtigen, eine Tiefenschicht ist erreicht, ein Unverwechselbares berührt. Vor einigen Jahren erzählte mir eine Mitarbeiterin des Evangelischen Schulzentrums Leipzig von einem Gedicht, das ihren Hauskreis seit Jahren trägt. Ich spürte sogleich, dass ich in ein Besonderes eingeweiht werde. Ein Gedicht, das eine christliche Gruppe begründet, gleich einem Leitwort oder Motto. Ich selbst habe mir diese Begebenheit gemerkt, weil hier etwas aus meinem Leben durch diese Frau angesprochen wurde.

Das Gedicht heißt: "EINLADUNG ZU EINER TASSE JASMINTEE" und beginnt mit den Worten: "Treten Sie ein, legen Sie Ihre/ traurigkeit ab". Da wird jemand empfangen an der Haustür: treten sie ein, bitte. Und legen Sie ab, den Mantel z. B. oder die Jacke, dort bitte ist die Garderobe. Nein, so heißt es eben nicht. Es heißt: legen Sie die Traurigkeit ab, ihre Traurigkeit. Ein Mensch wird  hereingebeten, der umfangen ist von Trauer, Schwermut. Und es wird ihm verheißen, dass dieses Gefühl einen Platz im Haus finden wird, ja dass es - obzwar es nicht ganz entweichen kann, dieses Gefühl - sogar einen Platz zugewiesen bekommt. Hier hat ein Gefühl, deine Schwermut, einen Platz.

Und so heißt nach dieser ersten Zeile "Treten Sie ein, legen Sie Ihre" die zweite Zeile darauf "Traurigkeit ab hier". Endlich ist ein Ort gefunden, eine Wohnung, ein Haus, in dem sich ein Gefühl ganz zeigen kann. Wir leiden darunter, dass wir uns einander oftmals nicht zeigen können. Jene Mitarbeiterin des Evangelischen Schulzentrums kannte natürlich das ganze Gedicht auswendig, wie auch die Freunde ihres Hauskreises: "Treten Sie ein, legen Sie Ihre/ Traurigkeit ab hier/ dürfen Sie schweigen". Das Gedicht schrieb Reiner Kunze und es wurde 1968 in der Reihe "Poesiealbum" erstveröffentlicht.

Ein christlicher Hauskreis, ein Gesprächskreis nimmt dieses Gedicht auf. Es muss eine Freiheit darin gelegen sein, dass das Schweigen etwas ermöglicht - bei einer Tasse Jasmintee. Ich darf etwas, das ich an anderer Stelle nicht darf, ich muss hier nicht reden, muss meinem Chef nicht sofort antworten, muss mich nicht genötigt sehen ideologische Phrasen nachzusprechen. Das Nichtwort als ein Ausgangspunkt für ein mögliches, endlich ganz eigenes Wort. Und dabei in einer Gemeinschaft derer sein, die in gemeinsamer Überzeugung die Worte dieses 3-zeiligen Gedichtes verinnerlicht haben bis heute.

Jasmintee regt an, doch wohl eher zum Reden, wenn die Teetrinker zusammen kommen. Diese Einladung ermöglicht mehr, sie ermöglicht zu schweigen. In seelsorgerlichen Gesprächen spüre ich, dass sich etwas klärt, nicht durch mein Reden und keineswegs immer, wenn ich den Worten der oder des anderen zuhöre. Es klärt sich manches, wenn es auch zu Momenten oder Phasen des Schweigens kommt. Ich und der andere werden gewahr. Das Volk hatte sich darauf verlegt, lauthals dem Ärger freie Bahn zu lassen: "Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du siehst es nicht an?" Fehlte hier das Gewahr werden, das Schweigen, das Innehalten? Kommt Gott noch zwischen die Menschen und in die Seelen? Ist das Fasten allein äußerliche Übung und Gott

 

soll dies und das tun, damit das Leben besser werde? Aber immerhin fasten wir doch, wir, die Israeliten, die aus dem schrecklichen Exil in Babylon zurückkehren konnten in die Heimat.

Wir, die Israeliten, halten uns doch an die 4 vorgeschriebenen Fastentage, die an die Belagerung und die Einnahme der Stadt Jerusalem damals erinnern und an jene Tage des Feuers, die den Tempel und die Stadt zerstörten und an die Morde. Muss das noch sein, dass wir all das erinnern und uns auf Tücher mit Asche bedeckt legen und dazu in Klagelieder singen? Ja, vielleicht war es wirklich so, dass eine andere Zeit angebrochen war. Aber in all diesem Unmut war kein  Verlangen nach Änderung, nach Nähe zu Gott im Einhalten des Sabbat, des wöchentlichen Ruhetages, und nach solidarischer Gemeinschaft mit anderen. Kein Verlangen, kein Innehalten, kein Unterbrechen, kein Schweigen, keine Chance auf einen Neuanfang

Jesaja kritisiert das äußerliche Begehen des Fastens. Euer Fasten führt euch nicht zusammen und nicht zu Gott, denn ihr macht ja doch eure Tagesgeschäfte weiter. Und beutet dabei die Arbeiter aus, die schuften müssen. Eine Klasse für sich. Außerdem ergeht ihr euch in Vorwürfen und Streit. Und mancher schlägt mit bloßer Faust auf den anderen ein. Gottlos ist das.  Das Schlimmste aber ist,  - und hier wird ein scharfes Bild gezeichnet - während ihr fastet, lassen Menschen in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit den Kopf hängen, anzusehen wie das Schilf, das im scharfen Wind sich biegt. Mancher ist in seiner ganzen Person vielleicht schon geknickt, wie abgebrochenes Schilf auf winterlichem Eis am See. Wo ist das Getränk, dass du reichst, wo ist das Brot, das du gibst. Wem gibst du Wohnung, wen kleidest du von diesen armen Menschen, die du täglich siehst?

Der Prophet kann gar nicht an sich halten, denn Gott selbst hat ihm zugerufen: "Erhebe deine Stimme wie eine Posaune." Stellen wir uns vor, ein Mensch würde uns in der Lautstärke einer Posaune ansprechen. Das muss eine Erschütterung bewirken und genau so ist es beabsichtigt. Viele halten ihre Taten für gerecht und im Einklang befindlich mit den Rechtssetzungen Gottes. Und sie  verlangen, dass Gott sich naht. Der Tempel war noch nicht wieder aufgebaut. Es fehlten sichtbar altgeprägte Regeln des Kultes, des Gottesdienstes. Aber das lässt der Prophet nicht gelten.

Er spricht von dem Fasten, das Gott gefällt. Gott gefällt das Fasten, wenn zugleich die zu Unrecht Unterdrückten und Gefangenen befreit bzw. freigelassen werden. Die Fesseln lösen, das aufgezwungene Joch wegnehmen. Jeder verstand, was damit gemeint war. Das Joch, das auf Nacken und Hals der Zugtiere gelegt und mit dem Wagen verbunden wurde, zwang die Tiere zur Arbeit. Ihr habt doch die Gefangenschaft in Babylon so erlebt, ihr habt euch gefühlt wie unter einem Joch. Wer von euch wollte mit dieser Erfahrung andere bedrücken? Zuerst sollen die zu Unrecht Gefangenen befreit werden. Denken wir hier einmal kurz an die insgesamt 250000 politischen Gefangenen in der DDR, ihre Leidensweg, die vielen Zellenspitzel, weil der Druck so groß war und die seelischen Wunden bis heute.

Der Prophet fährt fort und stellt Daueraufgaben. Dem Hungrigen Brot geben, Obdach geben denen, die keines haben, Unbekleideten helfen. Überhaupt, sich dem Nächsten nicht entziehen, das steht im Einklang mit dem Fasten. Wir werden förmlich unmittelbar berührt mit der Aussage: "Brich dem Hungrigen dein Brot". Dein Brot sollst Du teilen, was für eine Ermahnung. Was du verzehrst, gehört zugleich denen, die keine Nahrung haben. Weltweit ist in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der Hungernden gesunken, weil in den reichen Ländern die Ausrede schlechter Haushaltlage keinen mehr überzeugt und Hilfsgelder fließen. Wir sind angesprochen auf das, was wir haben. Hier wird doch der Aufruf zum Fasten sinnfällig: mein Brot brechen, mich zurücknehmen, teilen soll kein Brauch der Selbstkasteiung oder die ultimative Schlankheitskur sein.

Nein, mein Brot brechen, teilen, das ist rechtes Fasten. Denn meine Zurückhaltung kann mich zu denen führen, die bedürftig sind. Ich lasse los und darin gebe ich einem Menschen von mir - ein Brot, eine tiefen Teller voll mit Fastensuppe, eine Tasse Tee aus meiner Kanne, eine Stunde Zeit zum Reden und zum Schweigen, mein Gebet einem Menschen in seiner Lage. In diesem "Dein", in diesem "Brich dem Hungrigen dein Brot" scheint auf ein Morgenlicht vom neuen Anfang. Es scheint etwas auf von dem ganzen Leben, das zu Gegenseitigkeit und Hingabe fähig wird, zu Nachfolge und Ergebung in die Wahrheit der frohen Botschaft.

In dem Lied "Brich dem Hungrigen dein Brot" sagt die 3. Strophe in bekenntnishaften Worten von Jesus Christus: "Der da ist des Lebens Brot,/ will sich täglich geben,/ tritt hinein in unsere Not, wird des Lebens Leben." Jesus Christus hat das Fasten zu den Regeln, die des Lebens Leben ausmachen hinzugezählt. In seiner Rede über die Frömmigkeit (Matthäus 6) spricht Jesus Christus zuerst den Satz: "Habt acht auf eure Frömmigkeit". Und in tröstlicher Weise entfaltet er den Dreiklang des frommen Lebens, indem er über das Fasten, Beten und Almosengeben spricht.

Recht verstanden gehört zu einem Gott gefälligen Fasten das Gebet und die Gabe von Almosen für Bedürftige. Es geht mit dem Fasten, das wir uns ab dem kommenden Mittwoch vornehmen können, nicht um einen äußeren Dienst. Es geht um eine Bereitschaft sich für Gott neu zu öffnen. Vom Propheten hörten wir schon den Aufruf, Fasten kann nur solidarisch mit den Bedürftigen und Entrechteten geschehen. Das ist ein Weg die Nähe Gottes zu erfahren. Es sind also die Almosen, die Spenden am Kirchausgang oder die Hilfen mit rechter und linker Hand, wo andere in Not sind, es ist dies alles im Einklang mit Fastenübungen, die wir absolvieren. Kein Fasten soll sein ohne Hilfestellung für anderen Menschen!

Wie aber ist es mit dem Gebet, dem persönlichen zumal? Ist das Innehalten zu Gott hin eine Bestärkung auf dem Weg des solidarischen Fastens? Das Gebet verlangt mehr nach Stille als es in unseren Kirchen gebräuchlich ist. Der Fluss des Betens wird unterbrochen von Schweigen und der Erfahrung der Stille und der Antwort Gottes. Wenn  der Einzelne oder besser eine Gruppe eine Entscheidung für ein solches Fasten trifft, so wird das Gebet helfen, Gottes Nähe in den Veränderungen bei mir selbst und anderen zu spüren. Ich bin davon überzeugt, dass Anfangen hilft. Öffne die Türen und neue Erlebnisse stellen sich ein. Anfangen mit dem Gebet, Anfangen mit der sozialen Aktion, Anfangen mit dem Fasten.

Es geht nicht von allein, dass wir zur sozialen Aktion und zum rechten Fasten gelangen. Und gerade darum brauchen wir einander so dringend, denn der andere nimmt je einen anderen Anfang und es gibt doch nicht Schöneres als frei zu sein und voneinander zu lernen. Es gibt unzählig viele kleine Verabredungsgemeinschaften unter Christen in Leipzig; da passiert, worauf es ankommt. Reiner Kunze schrieb in seinem 2007 verlegten Gedichtband "lindennacht" ein Gedicht unter dem Titel "DAS WORT MENSCH". Er stellt dem Gedicht das provozierende Motto des verehrten Lyrikers Johannes Bobrowski voran, das da lautet: "Wo Liebe nicht ist,/spricht das Wort nicht aus." Reiner Kunze nun setzt in 5 Zeilen das Gedicht "DAS WORT MENSCH": "Wo immer der Mensch/ dem menschen/ der mensch ist - // sprich es aus,// das wort// Um der Scham willen".

Die Scham nicht zu genügen, die Scham entdeckt zu werden,  sitz fest in uns. Sie sitzt fest in uns, darum tritt die Scham in unzählig kleinen, beiläufigen Situationen auf. Hat die Rede bei den Zuhörern des Jesaja die Scham in ihnen aufkommen lassen? Und heute: Sprich aus deinen  Wunsch nach Gottes Nähe, sprich - und die überaus deutlichen Mahnworte werden jeden von uns erreichen, da wo sie uns treffen können.

Reiner Kunze geht vom Guten aus: "Wo immer der mensch/ dem menschen,/ der mensch ist -", notiert er. Es gilt gegen die Neigung alles madig zu machen, Mensch zu sein, Mensch dem Nächsten zu sein. Es sind immer wieder Menschen - Christen und Andersgläubige - anzutreffen, die Nächste sein wollen. Darum können Christenmenschen sich einreihen in den Kreis deren, die solidarisch zu leben versuchen. Können wir nicht durch solche Nächstenschaft unseren Glauben mehren und das Fasten entdecken? "Mensch bleiben", sagte mir einmal ein Polizeibeamter im Blick auf eine brenzligen Situation, übrigens im Anschluss an die Feier eines Gottesdienst hier in der Thomaskirche.

Ja, aussprechen das Wort Mensch und das Wort Gott - um der Scham willen, nicht weil wir uns verbieten sollten uns keinesfalls zu verstecken. In allen Dingen, liebe Gemeinde, die meinen Nächsten betreffen, bereit zu sein für eine Berührung, das ist das Wort Gott - Liebe. Seine Liebe geht vor uns her, heilt, spricht, lässt mitfühlen mit Lebenswegen. Seine Liebe zieht herauf wie die Morgenröte, darum lasst uns aufstehen und am Abend verstehen, reden, trösten und schweigen. Amen.