Predigt über Römer 9,14-24

Liebe Gemeinde,

Sie kennen die Szene: zwei Geschwister streiten sich darüber, wer der Liebling der Eltern ist. Natürlich sind beide der Meinung, dass das jeweils der andere sei und man auch ganz klar erkennen könne, wer mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit erfährt, wem mehr durchgelassen wird und wer die größeren Geschenke bekommt. Ich erinnere mich an einen Streit meiner Nichte und meines Neffen, die damals sechs und sieben Jahre alt waren und es heute, da die sie Teenager sind, wahrscheinlich einfach nur peinlich fänden, dass ihr Onkel sie in einer Predigt erwähnt. Damals aber hatten die beiden einen erbitterten Streit, in dem einer dem anderen vorwarf, Mamas und Papas Liebling zu sein. Emotional geladener hätte die Szene kaum sein können, und man konnte spüren, dass es hier ans Eingemachte ging. Als sich die Wogen dann doch wieder etwas geglättet hatten, setzte sich mein Neffe etwas abseits auf die Treppenstufen und sagte mit verquollenen Augen: „Es muss doch jemand geben, der mich am meisten lieb hat."

Wie Sie sehen, hat sich dieser Satz tief in meine Erinnerung eingegraben. Sprach dieser kleine Mensch da ganz unbewusst eine Wahrheit über ein innerstes Sehnen und Verlangen aus, das wir alle in uns tragen, auch wenn wir älter und abgeklärter werden. Ist es einfach so, dass wir die Liebe und Zuneigung, die wir erfahren, doch immer irgendwie in Konkurrenz zu anderen setzen, so dass wir sie ganz bewusst und durchaus egoistisch für uns behalten wollen, eben weil es doch jemanden geben muss, der uns „am meisten lieb hat"? Und kann es vielleicht sein, dass wir dieses Verlangen nach exklusiver Anerkennung auch in unser Gottesverständnis eintragen? Entwicklungspsychologen sagen uns, dass der Konkurrenzdruck um Liebe und Zuneigung tatsächlich etwas sehr Menschliches ist, das wir im Lauf unseres Leben nur dann in den Griff bekommen, wenn wir genügend Selbstvertrauen für uns und genügend Achtung für andere entwickeln können. Es handelt sich dabei offenbar um eine Fähigkeit, die wir nicht schon in die Wiege gelegt bekommen, sondern die wir erwerben und pflegen müssen.

Das führt uns zu unserem Predigttext aus dem neunten Kapitel des Römerbriefes. Hier schreibt der Apostel in durchaus heikler Mission. Dieser Brief ist an die Gemeinde in Rom gerichtet, die Paulus selbst bis dahin noch nicht besucht, von deren inneren Spannungen er aber gehört hatte. Die Gemeindeglieder waren zum wesentlichen Teil Juden gewesen, die sich dann allerdings dem Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes angeschlossen hatten. Dafür hatten sie gewiss zahlreiche Anfeindungen erfahren und vieles auf sich nehmen müssen. Familienbande und Freundschaften waren darüber zerbrochen, dass sie sich abgesondert hatten und einem neuen Glauben gefolgt waren. Aber sie taten dies wohl in dem Bewusstsein und in der Erwartung, dass sich all die Mühen und Beschwernisse doch am Ende lohnen würden, dass sie das neue Israel, das von Gott geliebte und erwählte Volk sein würden. Da war die Hoffnung, dass sie, die so viel auf sich genommen hatten, nun am Ende auch die sein würden, die mehr als alle anderen Gottes Gnade und Liebe erfahren würden.

Doch dann folgte die Ernüchterung, denn auf einmal beanspruchten auch noch ganz andere Menschen, die nie Juden gewesen waren, einen Platz in dieser neuen christlichen Gemeinde. Das waren Griechen und Römer, die vormals heidnischen Götzen gedient hatten und die nun auf einmal, einfach so, auch zu den Erwählten gehören sollten. War das wirklich möglich? Würde Gott denn wirklich einfach so die Türen öffnen und eben gar keine privilegierten Plätze mehr in seinem Reich vergeben? Oder etwas robuster ausgedrückt: Konnte denn nun wirklich jeder dahergelaufene kleine Heide Platz nehmen in den Reihen des Gottesvolkes? Genau in diese Situation hinein schreibt nun Paulus folgenden Text:

Wie man leicht erkennen kann, zieht Paulus hier alle Register, argumentiert mit Bibelversen und versucht zu zeigen, dass es allein Gottes freie und souveräne Entscheidung ist, wen er zu welchem Zweck erwählt. Der entscheidende Gedanke kommt dabei im Bild von Gott als Töpfer zum Ausdruck, der mit seinen Händen etwas formt. Lassen wir dieses Bild ein wenig auf uns wirken. Stellen wir uns vor wie sich da erst ein satter Klumpen Lehm auf der Töpferscheibe dreht, wie dieser angefeuchtet wird, wie sich Hände darum legen und dann nach und nach Formen entstehen, die Wände eines Gefäßes wie von allein in die Höhe steigen, wie Rundungen und Wölbungen dazukommen bis da schließlich ein fertiges Werk steht. Aber wir wissen auch, dass nur eine schnelle oder ruckartige Bewegung ausreicht, um alles wieder zum Zusammenfallen zu bringen. Auch dem besten Töpfer passiert das gelegentlich und so muss er dann noch einmal von vorn beginnen.

Mit diesem eindrücklichen Bild erklärt Paulus das Schöpferhandeln Gottes und, genauer, wie Gott nicht nur Menschen, sondern ganze Völker und Kulturen erschafft. Dieses Schaffen hat also etwas mit Kreativität, mit Sorgfalt und der Liebe zum Detail zu tun. In diesem Bild kommt aber auch zum Ausdruck, dass selbst mit Gott als Töpfer nicht alles immer auf Anhieb und automatisch gelingt, dass es vielmehr Zeit und Geduld braucht bis das Werk dann wirklich so dasteht, wie Gott es wollte.

Mit diesem Bild will Paulus nun zeigen, dass alle, Juden und Heiden, je auf ihre Weise und je zu ihrem Zweck Gefäße aus Gottes Hand sind - gleich geschaffen, gleich erwählt, und, auf je ihre besondere Weise, geliebt. Und es steht eben keinem dieser Gefäße zu, von sich zu sagen, dass es schöner, besser oder zu einem edleren Zweck geschaffen wurde als ein anderes. Wir sind, was wir sind, weil uns Gott so gemacht hat, und das gibt uns wie auch allen andern Menschen und Völkern eine je eigene Würde.

Was Paulus damit sagen will, ist, dass es uns weder zusteht noch überhaupt möglich ist, etwas von Gottes Meinung über andere zu wissen. Wir neigen ja gerne dazu, so etwas wie Gottes Anwälte auf Erden zu sein. Wir trauen uns zu, Gottes Gedanken nicht nur über uns, sondern auch über andere zu kennen und machen uns nicht klar, wie schnell wir dabei göttliche Autorität lediglich für unsere eigenen Meinungen und Vorurteile in Anspruch nehmen. Nein, sagt Paulus, wir dürfen glauben und uns gewiss sein, dass wir Gefäße der Liebe Gottes sind, aber diese Liebe ergießt und verströmt sich weit über das hinaus, was wir sind und was wir uns vorstellen können. Das ist die zunächst bittere, aber am Ende doch heilsame Lektion, die die Gemeinde in Rom noch zu lernen hat. Wir sind aus Gnade hineingenommen in die Liebe Gottes, aber diese Liebe endet nicht an unserer Haustür.

Was Paulus hier im Römerbrief sagt, erinnert mich an eine Geschichte aus dem Alten Testament, nämlich die vom Propheten Jona. Dieser Prophet wird nach Ninive geschickt, um der Stadt wegen ihrer Verfehlungen den Untergang anzusagen. Ninive war die Hauptstadt des Assyrerreiches, in der Gegend des heutigen Irak gelegen. Diese Assyrer galten als besonders brutale Eroberer, worunter kleine Völker wie eben auch Israel immer wieder zu leiden hatten. Für den Propheten Jona waren diese Assyrer also nicht nur ohnehin suspekte Ausländer, sondern ganz einfach schlechte Menschen. Erst nach einigem Zögern und Zaudern findet Jona, im Bauch des Fisches, den Weg nach Ninive und richtet der Stadt die Botschaft von ihrem Untergang aus. Dann verlässt er die Stadt, setzt sich in einiger Distanz nieder um zu sehen, was denn nun geschehen würde. Fast hat es den Eindruck als freute sich Jona schon darauf, dass die bösen Menschen von Ninive nun endlich ihre verdiente Strafe erhalten würden, und das will er nun hautnah, sozusagen „live und in Farbe", miterleben.

Allerdings erteilt Gott seinem Propheten nun eine kleine Lektion. Er lässt über Nacht eine große Pflanze wachsen, die Jona in der Hitze des Tages kühlenden Schatten spendet. Wie sich jeder vorstellen kann, der schon einmal einen Sommertag in der Wüste des Nahen Ostens erlebt hat, ist Jona erfreut über den unerwarteten Sonnenschutz. Dann allerdings schickt Gott einen Wurm, der die Wurzel der Pflanze anfrisst, so dass diese gleich wieder verdorrt, was Jona mit Zorn und Enttäuschung quittiert. Die Lektion ist die: wenn Jona schon um so ein einfaches Geschöpf wie eine Pflanze trauert, die an einem Tag kommt und am nächsten wieder geht, um wie viel mehr muss dann erst Gott trauern, wenn Menschen und ganze Völker umkommen, die er geschaffen hat und die, um es noch einmal mit Paulus zu sagen, Gefäße seiner Liebe sind.

Was uns Paulus im Römerbrief und eben auch die Jonageschichte zu denken zumuten, ist etwas sehr Elementares und vielleicht deswegen etwas so Schwieriges: Gott liebt nicht nur uns, sondern auch die Menschen, die wir vielleicht gar nicht als liebenswert empfinden. Gott erbarmt sich auch derer, die das unserem Urteil nach gar nicht verdienen. Gottes Kraft und Segen wirken auch dort, wo wir befremdet und verständnislos zurückweichen. In Gottes Reich werden nicht nur wir und unseresgleichen versammelt, sondern eben auch diejenige, denen wir nicht die Tür öffnen würden. Genau das war für die christliche Gemeinde in Rom eine letztlich enttäuschende Botschaft, die sie nicht hören wollten und die sie, das wissen wir allerdings nicht so genau, letztlich auch nicht annahmen.

Aber wie verhalten wir uns dazu, dass Gottes Liebe größer und weiter ist es als es unser oft fragiles Selbstbewusstsein erfassen kann? Wie gehen wir damit um, dass wir als Christinnen und Christen nicht weniger aber auch nicht mehr von Gott geliebt werden als andere Menschen, egal welcher Rasse, Kultur oder Glaubensrichtung? Ich denke dies kann eine sehr befreiende Botschaft für uns sein, weil es bedeutet, dass wir nicht immer nur um uns selbst kreisen und den eigenen Nabel bestaunen müssen, wenn wir etwas von der Lebendigkeit und der Kraft Gottes in der Welt erfahren wollen. Es ist die Einladung, die Sicherheits- und Wohlfühlzone unseres Selbstverständnisses zu verlassen, weil Gott auch jenseits davon schöpferisch gegenwärtig ist. Es ist die Einladung und Ermutigung dazu, im Glauben zu wachsen, größer zu werden als wir uns das vielleicht selbst erlauben. Wenn Paulus recht hat und Gott uns samt allen Menschen als Gefäße seiner Gnade und Liebe geschaffen hat, dann sollten wir uns doch eigentlich nichts sehnlicher wünschen als dass es möglichst viele solcher Gefäße geben möge, die diese Gnade und diese Liebe auffangen.

Diese Botschaft brauchen wir nicht nur in unseren Gemeinden, sondern mehr denn je auch im öffentlichen Raum. Wir denken ja oft von uns, dass wir als aufgeklärte Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts weltoffen und tolerant geworden sind und Menschen nicht nach Rasse, Religion oder Nationalität klassifizieren. Auf meinem Weg zur theologischen Fakultät fahre ich fast jeden Tag an dem Gedenkstein für die alte Synagoge gleich hier gegenüber in der Gottschedstraße vorbei. Bei allem bleibenden Entsetzen darüber, warum da ein Gedenkstein steht, bin ich aber doch auch froh darüber, dass wir nicht mehr in Zeiten leben, in denen Menschen sich hierzulande ein Erwählungsbewusstsein andichteten, das in Hass und Massenmord endet. Unser heutiger Predigttext, auch das muss gesagt sein, spielte in der Ideologie der Nazis und der Deutschen Christen eine verhängnisvolle Rolle, weil sie ihn so lasen, als ob wir Christen die Gefäße der Gnade und Liebe, die Juden dagegen die Gefäße des Zornes Gottes seien. Abgesehen davon, dass es sich Paulus so leicht gerade nicht macht, hätte man ja vielleicht auf den Gedanken kommen können, dass, wer ein Gefäß der Liebe und der Gnade ist, davon auch überströmen sollte, statt Gewalt und unsägliches Leid über andere zu bringen.

Glücklicherweise ist das heute nicht mehr unsere Realität, andererseits haben wir auch nicht unbedingt Anlass, uns selber auf die Schulter zu klopfen. Wenn statistische Erhebungen recht haben, stimmen zwischen zwanzig und vierzig Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung mindestens einer der folgenden Aussagen zu:
 das Judentum kontrolliert die Finanzmärkte der Welt und ist somit auch für die ökonomischen Krisen unserer Zeit verantwortlich;
 Muslims sind potenziell gewaltbereiter als Christen;
 ein signifikanter Teil der Ausländer in Deutschland sind hier als Sozialtouristen;
 die meisten Hartz IV Empfänger könnten mehr dafür tun, wieder auf die Beine zu kommen.
Das klingt schon danach, dass auch bei uns heute die Meinung lebendig ist, unser Wohlstand und die hohe Lebensqualität, die viele von uns genießen, seien Dinge, die wir verdienen und die uns zustehen. Und von da ist es dann nicht mehr weit, sich als etwas Besonderes, etwas irgendwie Erwähltes zu betrachten und sich von anderen abzugrenzen oder andere zu verdächtigen, wenn die weiße Weste dann doch einmal Flecken bekommen hat.

Ich fürchte wir leben heute oft in der Wahrnehmung, mehr verlieren als gewinnen zu können und das birgt die Gefahr in sich, gegenüber anderen gleichgültig oder sogar ungerecht zu werden. In dieser Situation haben wir als Christinnen und Christen eine wichtige Aufgabe. Wer sich als Gefäß der Gnade und der Liebe Gottes versteht, weiß sich von etwas erfüllt, auf das man keinen Deckel pressen, das man nicht besitzen und für sich ganz allein haben kann; etwas, von dem es kein mehr oder weniger, keine erst oder zweite Klasse gibt, und auch etwas, das man nicht verliert, wenn man es mit anderen teilt. Wer sich als Gefäß der Gnade und der Liebe Gottes versteht, weiß auch, dass diese Gnade und diese Liebe überfließen wollen und Gott für sie immer wieder neue Gefäße schafft.

Das sollte uns neugierig und aufgeschlossen machen für die Welt gerade auch jenseits unseres Tellerrandes, weil eben auch dort Gottes Liebe am Werk ist.
Das sollte uns ermutigen, in Menschen anderer Rasse, anderer Kultur und anderen Glaubens eben solche Gefäße der schöpferischen Liebe und des väterlichen und mütterlichen Erbarmens Gottes zu sehen.

Ich habe Ihnen eingangs von meinen Neffen erzählt, wie er da auf der Treppe saß und mit der Frage haderte, ob es denn jemanden gäbe, der ihn „am meisten lieb hat." Ich hoffe für ihn und für uns alle, dass wir in unserem Glauben dahin kommen, in Gott denjenigen zu finden, der uns am meisten liebt und jeden anderen Menschen mindestens genauso.

Und der Friede Gottes, welche höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen