Predigt über 2. Petrus 1,16-21

In diesem Gottesdienst wurde Pfarrerin Britta Taddiken auf die 1. Pfarrstelle der Kirchgemeinde St. Thomas eingeführt.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

manche fragen mich in diesen Tagen: Nun sind Sie auf der 1. Pfarrstelle: Was wird denn jetzt anders? Die Antwort mag die einen enttäuschen und die anderen erleichtern. Sie lautet nämlich: Weitgehend nichts. Für mich und für die, die mir diese Frage nicht stellen, ist das ein organischer Übergang. Ich bleibe, die ich bin, die Gemeinde ist zum Glück die, die sie ist, die Thomaskirche wird die Alte bleiben. Neue Aufgaben, ja die gibt's. Dafür ist manche Kommunikationsstruktur zu intensivieren und aufzubauen. Ich gucke mit anderen aus nach Verstärkung auf der zweiten Pfarrstelle und vor uns liegt ein volles Jahr mit vielen Ereignissen: 475 Jahre Reformation in Sachsen, 125 Jahre neugotische Thomaskirche und Sauer-Orgel, Landeskirchentag, Bachfest. Es wird Wechsel und Abschiede geben, denn wir wählen einen neuen KV und werden uns vom Paulineraltar verabschieden müssen. Wir haben auch viel Neues: neue Angeboten in der Gemeindearbeit mit Thomasnetz, Thomasforum, demnächst einem Thomasblues. Und vor allem haben wir bewährte, gestandene zuverlässige ehren-und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, seit kurzem verstärkt mit zwei wunderbaren neuen Kräften, unserer Gemeindepädagogin Christina Lucas-Lehmann und der Leiterin unserer Kurrenden und der Nachwuchsgewinnung für Thomanerchor, Maria Leistner. Genug Potential für Veränderung, Entwicklung aber auch Garant für Kontinuität bei unserer wesentlichen Aufgabe, Menschen in Wort und Musik zu trösten, aufzurichten, zu ermutigen und auch zu bilden. Damit müssen wir uns von der sich völlig überflüssigerweise verlängernden Vakanzzeit nicht verdrießen lassen, sondern können neue Kräfte mobilisieren, können weiter wachsen, können wichtige Säulen unserer Gemeindearbeit weiter ausbauen, auch die finanziellen, und so die Thomaskirche als einen Ort des Glaubens, Geistes und der Musik weiterhin bewahren in dem Sinne, dass hier Tradition lebendig gelebt und nicht bloß nicht museal erhalten wird. Ein Ort des freien Wortes, an dem man sich ohne Berührungsängste begegnen kann und wo das geschieht, was natürlich Aufgabe jeder Kirche ist, vor allem aber derer, die sich in der Nachbarschaft eines Rathauses un deines Marktplatzes befinden: Dass die Dinge des täglichen Geschehens durch das Wort des Evangeliums reflektiert und man sich als eine Stimme, wohlgemerkt als eine Stimme, nicht als die Stimme einbringt in den öffentlichen Diskurs. Dafür werden wir uns auch weiterhin gern beschimpfen lassen von denen, für die das Christentum auf den Müllhaufen der Geschichte bzw. ins Abseits des Privaten gehört oder sich im Kreisen um sich selbst genügt. Denn es sind ja nicht nur die Verächter der Religion - die sich selbst schwächenden Kräfte in der Kirche erlebe ich mitunter als genauso stark. Jedenfalls solange es bei einem kirchenleitenden Prinzip bleibt, das ich in seiner momentanen Massivität mit Sorge sehe: Bloß keinen Präzendenzfall schaffen. Wir brauchen in unserer Kirche einfach einen pragmatischeren Umgang mit unseren Ordnungen und noch mehr Mut und Gestaltungswillen, insbesondere an der Spitze. Auch an die eigene Adresse gilt es hier, die Dinge offen anzusprechen.

Ich bin dankbar, seit drei Jahren an einem Ort zu sein, wo nicht nur in dieser Hinsicht das Feld gut bestellt ist. Das verdanken wir Christian Wolff aber ebenso vielen anderen, die sich mit ihren Gaben und Kräften hier einbringen, es geht hier wie überall nur gemeinsam. Damit sage ich nicht, dass alles in unserer Gemeinde wunderbar in Ordnung ist und schon gar nicht, dass alles unverrückt so stehen bleiben soll und wird. Wir haben reichlich Baustellen, an denen zu arbeiten ist, wir haben Hausaufgaben zu machen in allen Bereichen. Stillstand ist der Anfang vom Ende, eins der wesentlichen Erkenntnisse in einer Kirche, die das Prinzip der ecclesia semper reformanda (also der sich immer reformierenden, erneuernden Kirche) noch lebt. Was Kirche ist, bleibt sie über die gerade gültigen Strukturen hinaus und das müssen die agierenden Personen wissen, die ja ebenfalls nur eine vorübergehende Erscheinung sind: Alles Zeitliche kann und muss in der Kirche auf den Prüfstand und zwar aus einem Grund: Weil nur ihr Grund selbst unveränderbar und unverrückbar ist.

Und da sind wir fast schon beim heutigen Predigttext, der uns das nicht nur in Erinnerung ruft, sondern uns gleichzeitig fragt, wie wir uns darauf über Höhen und Tiefen hinweg berufen wollen und was und wie das denn weiterzusagen gilt. Der unverrückbare Grund, von dem alles ausgeht, ist ja der: In Jesus Christus hat sich Gott für uns endgültig zu erkennen gegeben. Und er hat unser Leben unwiderruflich verbunden mit seinem Weg durch diese Welt durch den Tod hindurch zum Leben. An ihm wird deutlich, was wir von unserem Wesen her sind, auch wenn wir es nicht glauben mögen: geliebte Kinder Gottes, denen er sich zuwendet und an denen er Wohlgefallen hat. Daran gab es allerdings bereits im 1. Jahrhundert Zweifel in den Gemeinden: Die erwartete Wiederkunft Christi war ausgeblieben und man hörte auch Predigten, die ganz anders klangen als Jesu Vision vom Reich Gottes: Das Himmelreich sei schon verwirklicht und darum könne ein jeder machen, was er will, nach menschlichem Gusto also: fressen, saufen, Geld und Spaß. Mit anderen Worten: das ganz große eigene „Ding" verwirklichen und nach außen hin vor allem eines darstellen: sich selbst. Diesen Menschen ging man damals schon auf den Leim. Zudem galten einige religiöse Kulte als attraktiv, die ein simples Verständnis von Gerechtigkeit und Erlösung vertraten. Zugespitzt formuliert: tust du dies, geschieht dir das. Du hast der Weg zur Erlösung und zum Glück selbst in der Hand, und wenn's nicht aufgeht, bist Du selbst Schuld. So wie heute das: Lebe gesund und du stirbst nicht früh, entsprich dem gängigen Schönheitsideal und du bist glücklich, und wer wirklich hart arbeitet, kann gar keine Misserfolge haben. Wenn sich Bücher dieser Kategorie heute nicht reißend absetzen ließen, es gäbe sie schlicht nicht. Die Investition von Geduld und Mühe muss dabei überschaubar bleiben, darauf stehen wir in der Regel ja, wenn wir ehrlich sind. Kein Wunder, dass wir es dann so einfach auch gerne hätten in religiösen Belangen. So berechenbar hätten wir dann gern auch unseren Gott - das war damals nicht anders. Man merkt dem Text aus dem 2. Petrusbrief sofort an, wie er sich davon abgrenzt:

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.

Hier spricht einer, als sei er Petrus selbst und auf dem Berg der Verklärung dabei gewesen. Einer, der den Anspruch vertritt, er habe dasselbe erlebt, wie die drei Jünger, die für einen Moment im wahrsten Sinne des Wortes den Durchblick hatten. In diesem Jesus ist der Gott des Himmels und der Erden anwesend, seine eigentliche Gestalt tritt ans Licht. Aber nicht nur deshalb wollten die Jünger auf dem Berg verweilen, nicht nur weil der Moment dieses Durchblicks so überwältigend war, sondern weil sie darin noch etwas begriffen: nämlich etwas von ihrer eigenen Bestimmung und ihrer eigenen Vollendung. Einmal eins zu sein mit Gott, aller Leiderfahrungen und Widersprüche ledig, durchschienen vom Licht der Ewigkeit. Noch nicht, sie müssen wieder runter vom Berg - aber einst. Für die Ostkirche ist diese Geschichte eine Ostergeschichte, die Verklärung Jesu weist auf unsere Vollendung durch Gott hin und es leuchtet mir ein, warum sie heute auch bei uns im liturgischen Kalender steht, genau in der Mitte zwischen Weihnachten und Ostern.

 

Auf diese Erfahrung beruft sich der Verfasser, auf diesen tieferen Blick der die Wirklichkeit Jesu mit neuen Augen sieht. Es geht also um die Weitergabe des Erkannten selbst - und damit wird eigentlich unerheblich, ob er selbst dabei gewesen ist. Es geht um das, was dadurch in die Welt gekommen ist. Davon möchte er seine Gemeinde im wahrsten Sinne des Wortes „überzeugen". In dem Sinne vielleicht, wie es der jüdischer Religionsphilosoph Elie Wiesel beschrieben hat: Derjenige, der einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen. Wiesel sieht es als Aufgabe seines Volks (und ich als die der christlichen Gemeinde), „eine Generation von Zeugen von Zeugen von Zeugen zu bilden", die Erfahrungen mitteilen, und Anteil geben an dem, was trägt, rettet und hält. Wo der kostbare Schatz des Glaubens das bewirkt, was hier mit einem wunderbaren Bild beschrieben wird: dass in unseren Herzen der Morgenstern aufgehe. Um die Kontinuität dieses Zeugnisses geht es hier: Dafür, dass sich die Geschichte Gottes mit uns Menschen in Zeit und Raum ereignet und es keinen Bereich gibt, der davon nicht betroffen wäre. Die Heilsgeschichte Gottes greift in die Geschichte ein bis hinein in unsere Herzen, in denen wir das zu hören in der Lage sind, was die Zeugen vom Berg der Verklärung hören: „Du bist mein geliebtes Kind". Und in dem Moment, wo ich das wirklich höre und begreife, verwandelt sich etwas in mir. Da erscheinen sozusagen auch bei uns Mose und Elia als Gesetzgeber, Befreier und Prophet. Da kommt unser Leben in Ordnung, wir werden frei von allen Abhängigkeiten und wir werden auch unsere prophetische Sendung entdecken. Da geht der Morgenstern auf, mitten in uns.

 

Das hat sich für den Verfasser des 2. Petrusbriefs als wahr erwiesen und davon möchte er seine Gemeinde und auch uns im wahrsten Sinne des Wortes „überzeugen". Dass er sagt, „nun haben wir das prophetische Wort um so fester, das da scheint an einem dunklen Ort." Die Dunkelheit wird angesichts der Verklärung also nicht verschwiegen, und auch nicht, wie sie uns zu verunsichern mag: Ist das mit dem Christentum nicht doch alles ein uraltes Märchen, das uns nicht ins, sondern hinters Licht führt? In meinen drei Jahren hier haben mir etliche Leute erzählt, wie sie zu DDR-Zeiten als Kinder christlicher Familie in der Schule von einigen Lehrern bloßgestellt wurden, die die Klasse aufforderten, diese Kinder mal tüchtig auszulachen, die solche Ammenmärchen noch glaubten. Staatlich geduldeter Kindesmissbrauch, der einerseits seine Spuren hinterlassen hat, aber die Betreffen auch dafür sensibilisiert hat, dass sich das festgehaltene prophetische Wort am Ende schon durchsetzen wird. Dass es zum Ziel führt, gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch einzustehen und sich die Mühe zu machen, es herauszuhören aus all den Stimmen, die uns zudröhnen oder uns auffordern, uns mit der Dunkelheit abzufinden, uns anzupassen und das Fähnchen opportunistisch nach dem Wind zu hängen.

 

Diese Stimmen fürchten natürlich um ihren Einfluss und um ihr Überleben und deshalb wird der Grund dessen, dass bei uns Angst verfliegen und Hoffnung gedeihen kann, so gerne von diesem Mächten angegriffen. So bedeutet Zeuge der Verklärung zu sein, klar zu reden, frei und auch nach außen zu zeigen, dass wir uns von diesen Mächten der Finsternis nicht ergreifen lassen werden. Dass wir als Christenmenschen ansprechen, wo sich dunkle Mächte unter uns auszubreiten beginnen, meistens in Gestalt diffuser Ängste innerer Finsternis, wie etwa dem immer wieder kehrenden Gespenst der Furcht vor zu viel Fremden, der Über-fremdung. Was den einen bei uns die Rumänen und Bulgaren sind, sind den anderen, also manchen Schweizern, ja nun die Deutschen: Armutsmigranten, die sich nichts anderes im Sinn haben, als sich auf Kosten anderer gesund zu stoßen. Diese Sicht bzw. Blindheit kann doch nur aus den dunklen Ecken unseres Gemüts entfleuchen. In dieses Dunkel gilt es Licht zu bringen.

 

Eines der Gebote, das Jesus in die Mitte seiner Verkündigung stellt, sorgt ja dafür, dass gerade diese dunklen Ecken in uns ausgeleuchtet werden: Das Gebot der Feindesliebe. Das Gebot, mich dem, mit dem ich nicht übereinstimme, der mir Angst macht, oder auf den ich losgehen könnte, immer wieder anzunähern und das Gespräch zu suchen. Nur diese Bereitschaft zur Überwindung meiner selbst garantiert ein halbwegs friedliches Mit-oder zumindest ein Nebeneinander, das nicht in Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten erstickt. Sich ihm zuzuwenden, unabhängig von seinem Glauben, seiner Herkunft, seiner Ansichten, das ist unsere Aufgabe als Christen. Manche Feindschaft kann dabei überwunden werden und manche auch nicht. Aber es macht uns sicherer, alle, auch in unserer Stadt.

 

Insofern sind die sichtbaren Abgrenzungstendenzen des Texts aus dem 2. Petrusbrief schon problematisch, die Abgrenzung gegen all das, was mit den ausgeklügelten Fabeln verstehen könnte, seien es dezidiert nichtchristliche Positionen oder auch die, die man innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft ablehnen mag. Allerdings gibt es auch noch ein selbstkritisches Element in diesem Text, eines, dass wir nach dem Willen des Verfassers „vor allem" wissen mögen: „Keine Weissagung in der Schrift ist eine Sache der eigenen Auslegung." Da steht wohlgemerkt nicht: Sie dürfe nicht ausgelegt werden. Nur ist die eigene Auslegung niemals die einzig mögliche - und wenn man das meint, verwechselt man göttliche Weissagung und ausgeklügelte Fabel. Eben, weil es nicht um menschliche Lehren geht, muss jede Auslegung sich der Kritik stellen und jeder, der sie betreibt, selbst schon in dem Moment beunruhigt sein, wo er es tut und wagt. Das nun gilt nicht nur für Pfarrerinnnen und Pfarrer, sondern für alle. Und wenn es uns miteinander hier an diesem Ort und in dieser Gemeinde gelingen würde, miteinander so als Zeuginnen und Zeugen weiterwirken zu können, dass Menschen ermutigt werden, die Worte „Du bist mein geliebtes Kind" als an sich gerichtet aus dem Lärm der Welt herauszuhören, dass wir miteinander auf das prophetische Wort achten und es der Finsternis in und um uns herum entgegenzuhalten bereitbleiben, und über unsere Auslegung dieses Wortes im Gespräch bleiben über alle Meinungsverschiedenheiten und vor allem Befindlichkeiten hinweg, dann wäre ich froh. Dann wäre etwas Wichtiges erreicht, was uneingeschränkt weitergehen könnte und auf dessen Basis wir all das angehen können, was bei uns auch anders werden kann und was vielleicht auch anders werden muss. Auf diesem Weg bewahre uns miteinander allezeit der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft. Er regiere unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org