Predigt über Hebräer 2,14-18

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen und Wochen werden wir durch die tagesaktuelle Berichterstattung über die Ukraine informiert, manche vielleicht  in Atem gehalten. Die Zeitungen und elektronischen Medien berichten ausführlich und je mehr Informationen aufgenommen werden, umso deutlicher wird, welcher grundlegende Wandel von großen Teilen der Bevölkerung gewünscht wird. Es sind natürlich zunächst die Bilder, die sich im Bewusstsein festsetzen, es sind wohl immer die Bilder, die zum Synonym einer öffentlichen Auseinandersetzung werden. Ich sehe Männer mit Helmen, Bau- oder Motoradhelmen, die sich in die politische Auseinandersetzung rund um den Maidan in Kiew oder vor weitere Verwaltungsgebäude in verschiedenen Städten des Landes begeben. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch schrieb neulich in einer deutschen Tageszeitung, auch er würde auf Demonstrationen einen Helm tragen, denn er wolle von den Gummigeschossen der derzeitigen Staatsmacht möglichst verschont bleiben. 2006 erhielt er den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung.

Die Ukraine ist ein Land mit einer langen Leidensgeschichte, tiefen Rissen zwischen östlichen und westlichen Landesteilen, den Schmerzen der herbeigeführten Hungersnöte durch Stalin in den Jahren  1932/1933, der Okkupation und verheerenden Vernichtung durch die Nationalsozialisten in den 40er Jahren, den Arbeitslagern und Verbannungsorten in der ganzen Sowjetunion, in die Menschen verbracht worden sind in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder spricht von den Bloodlands, den Blutländern, die unvergleichlich viel Leid im 20. Jahrhundert bestehen mussten, ja ihm erliegen mussten, dazu gehören der westliche Teil der Ukraine und der westliche Teil der Russlands. Der ukrainische Lyriker Wassyl Stus, er lebte von 1938-1985 führt in einem Gedicht vom 12. Mai 1971 dieses Leid herauf in ein Bild, das in seiner Unerträglichkeit nahe geht: "…und in der Brust erbebt das kranke Herz,/ als wäre es der Klöppel einer Glocke,/ die gleichfalls krank ist. Ja, noch blüht der Garten,/ noch zwitschert dünn die trunkne Vogelschar,/ doch Unabwendbares ist schon geschehen,/ es nähert sich schon eilig meinem Hof/ wie eine Wolke…" Wir sind eingeladen zum Gottesdienst unter dem Klang der Glocke, uns im Namen Gottes stärken zu lassen. Aber wie muss das Leben sein, wenn jede Schwingung, alles Sphärische bedrohlich wirkt. Die Unerbittlichkeit der Auseinandersetzungen, die Risse in den Wertvorstellungen, insbesondere die Freiheit betreffend, treten zu Tage und heute insbesondere die allgegenwärtige Korruption.

Der Lyriker Wassyl Stus hielt an seiner systemkritischen Position fest, kam immer wieder in Lagerhaft und verstarb am 4. September 1985 im Arbeitslager Perm. Stus, der Rainer Maria Rilke ins Ukrainische übersetzt hatte, war zuvor von Heinrich Böll für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden. Wer wird den Menschen in ihrem Leiden gleich, wer ist unter ihnen in jeder Schwingung des Lebens, wer hilft atmen? Wir hier bekennen, Gott ist den Menschen nah in Jesus Christus, der den Menschen Mensch geworden ist  und Unerträgliches mit ihnen teilt. Ich weiß nicht, ob Wassyl Stus Christ war. Er hat dem Leiden, das er selbst zu bestehen hatte, eine Wortkraft gegeben, damit Barmherzigkeit und Wahrheit in dieser Welt ein Ruf und eine Bitte und eine Erfahrung bleiben. Der Hebräerbrief sagt von Jesus Christus, "er musste in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden seines Volkes." Hier tritt der Mensch Jesus als Erhöhter und Hoherpriester, also erster Priester des Tempels, vor uns. In allem gleich werden, menschliche Züge annehmen bis hin zu den Versuchungen des Lebens - in dieser Weise lebt Jesus Christus unter uns. Es werden auch auf dem Maidan und in der an diesem Hauptplatz Kiews gelegenen evangelischen Kirche Gottesdienste, Gebete, Gesänge gehalten.

Jesus Christus ist von Fleisch und Blut, hat sich uns gleich gemacht und ist doch hineingegangen und hindurchgegangen durch den Tod, um ihm die letzte Macht, die teuflische zu nehmen. Das hat für den Menschen Erlösung geschaffen. Jesus wurde mit den Menschenbrüdern solidarisch, er teilte die Todesangst, die jeder Mensch bestehen muss und die sich doch verwandeln kann in die Gewissheit, von ihm getragen zu werden in eine neue Welt. Opfer für die Sünden, die Fehlbarkeit des Menschen, müssen nicht mehr dargebracht werden. Der barmherzige Hohepriester ist für uns eingetreten und tritt weiter für uns ein vor Gott. In unserem Gottesbild sind also die Personen Gottes nicht einfach gleich zu setzen, sondern sie ordnen sich zu, so dass das ganze Leben auf dieser Welt gehalten ist. Im Verhältnis des Bittens steht Jesus Christus bei Gott für uns ein, alles zu sühnen, was fehl geht. Darum hoffen wir, unser Bitten und unser Bekennen möge von Gott und Menschen gehört werden, damit der ersehnte Wandel - der Wandel der kranken Herzen, der Wandel der öffentlichen Moral, der Wandel brutal Herrschender, der Wandel der zerriebenen Natur - geschieht.

Warum wirken die Christen so wenig erlöst, die getauften, fragten schon manche Theologen. Wie wird zum Herzensbewusstsein, dass Jesus Christus, die Schritte des Lebens mit uns geht? Der Hauptgedanke des Predigtabschnittes kann uns eine Anleitung geben. Christus wird uns brüderlich gleich, so können auch wir uns fragen, was uns Verwandtschaft, Schwesternschaft und Bruderschaft im Glauben bedeuten. Einen anderen Menschen als Bruder oder Schwester zu erkennen oder für ihn einzustehen, ist keine Frage der Anrede, sondern eine der Tat im Namen Jesu Christi. Es geht nicht voran mit uns Menschen, wenn wir uns zu vieles vornehmen, aber den einen oder anderen finden, mit dem ich im Wechsel von Geben und Nehmen stehe, mit der oder dem ich eine Verbindung nach  christlichen Lebensregeln praktiziere, eine Verbindung, die nicht mehr ganz zu unterscheiden vermag, was ich nun gerade aufgenommen und was ich gegeben habe, was ich übernommen habe aus dem Gedankenstrom des anderen und was ich beim anderen initiiert habe mit meiner Tat. Schon im Mittelalter war hier die Rede von der imitatio  christi, die das Eingehen in Gebet und Leben mit Jesus benannte. Solcher Weise der Verbundenheit ist nicht mit jedem Menschen möglich, schließlich klingt in der Rede von den Schwestern und Brüdern die Blutsverwandtschaft an.

Die Worte aus dem Hebräerbrief sind ein Geschenk für uns - den Menschen und eine Beziehung  zu ihm finden und zu stärken, den Menschen, mit dem oder mit der ich solche versöhnte Verbindung pflegen kann. Zu zweit, zu dritt, zu viert einen solchen Weg mit Jesus zu gehen macht die Gemeinschaften dieser Glaubenden nicht gleich öffentlich, und diese Gemeinschaften werden sich möglicherweise nicht gleich für die Rechte Dritter sich einsetzen. Diese Gemeinschaften verinnerlichen zunächst die gelebte Freiheit der Kinder Gottes im Namen Jesu. Ich denke jetzt an kranke Menschen, sie erfahren in solcher Gemeinschaft eine ungeahnte Stärkung. Und die gelebte Freiheit der Kinder Gottes kann durchaus dazu führen, sich für die Freiheit der Entscheidung  Einzelner und für die Freiheit in den Unterscheidungen möglichst vieler rechtsstaatlicher Funktionen einzusetzen. Kiew ist Partnerstadt Leipzigs und braucht unsere Solidarität.  Die Wahrnehmung freier Religionsausübung ist vielerorts schon der Anfang von Freiheitsbewegungen geworden.

Wir feiern mit diesem Gottesdienst den Tag der Darstellung des Herrn, früher Lichtmess genannt. Im Evangelium hörten wir von Simeon, er, ein frommer und sehr alter Mann, wird in den Tempel geführt und erkennt im dort hineingetragenen Jesuskind das Heil der Welt. Und er stimmt ein Gedicht an: "Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,/ wie du gesagt hast;/ denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen…" Die Kirche feiert unter den Worten dieses himmelweiten Evangeliums diesen Tag am 2. Februar, 40 Tage nach dem Weihnachtsfest. Schon für das 4. Jahrhundert ist dieses Fest in der Jerusalemer Gemeinde nachgewiesen. Und im 7. Jahrhundert feierten Christen in Rom an Stelle einer heidnischen Prozession einen Umzug mit Lichtern, um an diesem Tag die Weihnachtszeit abzuschließen. Daher hat sich mancherorts dieser Tag als "Mariä Lichtmess" erhalten. Maria und Josef bringen Jesus zum Heiligtum und Simeon erkennt, dass mit diesem Kind Erlösung für die unerlöste Welt gegeben ist.

Dieser Weg zum Tempel geschah nach alttestamentlichem Gebot 40 Tage nach der Geburt des Kindes. Die Mutter sollte ein Reinigungsopfer bringen und Jesus wird hier mit dem Wirken des Simeon als ein von Gott gesandter dargestellt. Die Bedeutung dieses Festes 40 Tage nach Weihnachten hatte über Jahrhunderte auch eine ganz praktische Seite. Auf den Höfen begannen die Bauern und ihre Familien wieder mit der Arbeit, das Frühjahr naht. So las ich von allen möglichen Bauernregeln, z. B. der: "Lichtmess trüb/ ist dem Bauern lieb;/ Lichtmess aber licht, weicht der Winter nicht." Wie dem auch sei in den kommenden Wochen, dieses Evangelium leitet uns erneut zu den Aussagen des Hebräerbriefes und führt uns zu lebenstauglichem Glauben.

Jesus Christus kann von allen Menschen für das eigene Leben, in der Gemeinschaft und vor der Welt erkannt werden. Er nimmt sich der "Kinder Abrahams", dem "Samen Abrahams" an, gemeint sind alle Menschen. Allen steht die frohe Botschaft offen, offen im Sinne einer offenen Tür, die Einlass gewährt, z. B. zu einer Kirche.  Auf diesem Weg unter den Menschen wird Jesus dem Menschen nicht irgendwie ähnlich, sondern in jeder Beziehung wird er uns Menschen gleich. Der Gottessohn ist im vollsten Sinne Mensch wie du und ich. Und doch gibt es diesen einen Unterschied, Jesus Christus vermag der Versuchung zu widerstehen. Auch wir hier vermögen den Versuchungen zu widerstehen, aber eben nicht immer. Manchmal haben wir die Kraft zu entscheiden und das macht auch noch keine Garantie und manchmal drohen wir einfach abzurutschen, verlügen uns in Erklärungssucht oder Selbstrechtfertigung. Und gleiches können wir bei Gruppen, Gemeinschaften, oder gesellschaftlichen Schichten wahrnehmen.

In einem Hausgottesdienst im Altenheim in Mölkau fragte mich ein Besucher, wieso wir denn bitten sollten, "und führe uns nicht in Versuchung". Hat Gott denn solches für uns vorgesehen, vorgesehen, uns zu versuchen? Die Freiheit zu entscheiden zwischen gut und böse, liebe Gemeinde, bleibt uns Menschen zumutbar.

Darum empfinde ich diese Worte aus dem Hebräerbrief als Aufruf, gegen die Gleichgültigkeit in unserem Leben etwas zu tun, die Gleichgültigkeit meinem Nächsten gegenüber und gegenüber dem Leid in dieser Welt. Der bittende, bei Gott für uns eintretende Jesus ist nicht fern von uns, wenn wir in Versuchung geraten. Die größte ist die Gleichgültigkeit, der Mangel an Mitgefühl gegenüber anderen. Einem Mitgefühl, das zur Tat drängt, einem Mitgefühl, das einen zweiten und einen dritten Menschen sucht, mit dem ich handle, einem Mitgefühl, das nach den Tränen, den Tränen, die Hand ausstreckt zum Nächsten hin. Ich habe in meiner seelsorgerlichen Tätigkeit oftmals den Eindruck, dass dieses Verzerrte und Verschüttete im Menschen, das wie eine Wolke zwischen uns stehen kann, sich lösen und aufsteigen muss. Emotionen können unbequem sein. Vorgestern erlebte ich auf dem Fachtag für Demokratie und gegen Rechtsextremismus in Torgau in einer Gruppe folgendes: da trafen ein Hundertschaftsführer der sächsischen Bereitschaftspolizei und ein Gegendemonstrant aufeinander, da erzählte der eine von der 25 kg schweren Schutzausrüstung und der andere von seiner schwarzen Kapuzenjacke und der Sonnenbrille, die er trägt, um nicht erkannt zu werden. Sie waren gleich auf. Emotionen wurden eher  kontrolliert gezeigt, aber eben artikuliert. Neue Erkenntnisse hatten beide, wie sie bekundeten.

Was Jesus Christus durch seine Hingabe uns genommen hat, diesen Zwang uns nicht ändern zu wollen oder zumindest Entscheidungen neu zu treffen, diesen Zwang fixiert zu sein auf Sünde, auf das Verhängnisvolle in schlechten Nachrichten, diesen Zwang den von Menschen verschuldeten Tod hinzunehmen immer wieder - diesen Zwang hat Christus uns genommen. Darum sind wir frei vor der Welt zu bekennen und Barmherzigkeit zu empfangen und weiter zu geben. Pfarrer Ralf Haska von der Ev.-Lutherischen St. Katharina und die Gemeindeglieder dort halten nahe des Maidan die Kirche Jesu Christi offen, täglich. Kerzen brennen, Tee wird gereicht an den kalten Tagen, auch Suppe und Brot wird gereicht, Handys können aufgeladen werden, Leichtverletzte werden versorgt, Begegnung ermöglicht zwischen Menschen. Auf der Homepage der Gemeinde findet man die Kontoverbindung bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft! Vor allem Demonstranten nutzen die Kirche, manchmal auch Sicherheitskräfte. Unter ihnen wird gewiss über den richtigen Weg gestritten. Darum erschallt vor der Kirche und an anderen Stellen immer mal wieder der Ruf "Milizja s Narodum" - "Die Polizei ist mit dem Volk." Das darf nicht zynisch klingen auf die Dauer der Revolution, obwohl doch schon Tote zu beklagen sind.

Pfarrer Haska, der sein Dorf im Oderbruch verließ und nun in der Nähe des Maidan lebt, stellte sich in einer brenzligen Situation und im Talar sichtbar mit Kreuz zwischen Polizisten mit ihren Schutzschildern und Demonstranten. Er wendet sich den Demonstranten zu und versteht sein Tun in segnendem Ausdruck. Rückblickend sagt er: "Da muss man einfach helfen, wenn man es kann und wenn man die Möglichkeit hat. Und ich hab eben gehofft, dass man einem Geistlichen gegenüber, ich bin ja in vollem Ornat dazwischen gegangen, dass man da einfach ein Stück Respekt hat. Gott sei Dank und mit Gottes Hilfe ist das auch gelungen."

Den Glauben vor der Welt bekennen, das geschieht nicht immer öffentlich, aber wenn die Welt sich oftmals so irre zeigt, dann geht es nicht anders. Montags wissen wir Leipziger um die Zeit des Friedensgebetes, morgen aber wird eines auf der Straße stattfinden. Pfarrerin Grit Markert und Pfarrer Konrad Taut rufen ab 18 Uhr vor die Notunterkunft für Flüchtlinge in Schönefeld Ecke Löbauer Straße/ Volksgartenstrasse zu kommen. Sie schreiben: "Eine Bürgerinitiative, gekoppelt mit der NPD, plant für Montag Abend in Schönefeld eine Kundgebung Gegen ihre verzerrenden Behauptungen vor allem über Asylbewerber und Menschen anderer Religionsgemeinschaften drängt es uns ein deutliches Zeichen für Verständigung zu setzen. Bitte kommen Sie zu dem Friedensgebet. Wir singen Taizelieder. Bringen Sie Kerzen mit. Es ist kalt, daher warm anziehen, Tee mitbringen und lassen Sie uns viele sein. Gottes Geist des Friedens sei mit uns und unserer Stadt."  Wir dürfen auch in Zukunft sehen nach Jesus Christus, der hilft kranke Herzen zu heilen und Hass zu  überwinden. Sich zu den Bedürftigen zu stellen kann ein Anfang sein Jesus Christus vor der Welt zu bekennen. In diesem Sinne ist Gott mit uns, Immanuel, liebe Gemeinde. Amen.