Predigt über Apostelgeschichte 10,21-35

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

zerstrittene Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen, ist eine diplomatische Meisterleistung. Wo es gelingt, sich erst einmal überhaupt wieder gegenüberzusitzen. Wie immer die Syrienkonferenz in Montreux, ausgehen wird, auch wenn man sich keine Illusionen macht und Wunder nicht zu erwarten sind: Sich überhaupt an einen Tisch rufen zu lassen, ist ein erster Schritt zur Überwindung des scheinbar Unüberwindlichen. Trotz der menschlichen Fähigkeit zu unfassbarer Gewalt scheint irgendwo in uns Gottseidank doch das Wissen darum zu bestehen, dass alles im Chaos versinken würde, wenn Menschen sich nicht mehr auf den Weg zueinander machen. Wo endgültig kein Miteinander an einem Tisch mehr möglich ist, verlieren alle. Denn da verliert die Menschheit.

An einem Tisch zusammenzukommen, ist daher auch immer wieder der Weg Gottes, die Menschen zu den Menschen zu bringen und die Grenzen zu überwinden. Jesus sitzt zusammen mit den Sündern und Zöllnern genauso wie mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er ermöglicht ihnen, in die Gemeinschaft zurückzukehren, die sie ausgrenzt und er holt die zurück, die sich selbst ausgegrenzt haben. Und nicht zuletzt stiftet er bleibende Gemeinschaft all derer im Abendmahl, die sich auf ihn berufen. Wir sehen uns unsere Verschiedenheit an, wenn wir es feiern. Aber sie spielt hier keine Rolle. Wir teilen Brot und Kelch: Christus schenkt sich uns, das ist das Wichtigste und Elementarste. Wo wir einfach werden, werden wir Mensch: der andere und ich. Anderes ist jetzt nicht wichtig - es holt einen früh genug wieder ein, denn ist ja da.

Schon auf dem Weg zum Tisch des Herrn sind wir also gefordert, Widerstände zu überwinden. Denn der andere ist uns auch fremd. Und Fremdes weckt Ängste. Um unser Genug und um unsere Identität. Das ist normal, denn vor allem sind wir ja in unserem beruflichen und familiären Alltag in der Regel sehr in den Milieus verhaftet, die wir kennen und in denen wir uns normalerweise bewegen. So wenig, wie wir da raus möchten, mögen wir, dass andere in unsere Kreise eindringen. Das stört uns. Vielleicht lautet Gottes Strategie mit uns Menschen deshalb: „Alle an einen Tisch". So funktioniert der Aufbau der christlichen Gemeinde. Mit diesem Ruf in eine Gemeinschaft, die die Enge des eigenen Milieus überwindet. Christ sein kann man nicht für sich allein und auch nicht nur mit den Menschen, die man mag.

Eine der bemerkenswertesten „Alle-an-einen-Tisch - Geschichten" steht in der Apostelgeschichte, in der es um die Entstehung der frühen Kirche geht. Da geht es um Grenz- und Milieuüberschreitung. Zwei Menschen, die kaum gegensätzlicher sein und denken könnten, haben einen Traum, oder eine göttliche Eingebung, jedenfalls erleben sie etwas, was sie in innere und äußere Bewegung versetzt. Petrus, der amtierender erste Mann der judenchristlichen Jerusalemer Gemeinde und Kornelius, ein römischer, ausländischer, heidnischer Hauptmann, einer von den vielen mit Gottvertrauen gesegneten Hauptmännern der Bibel. Wir hörten ja gerade vom Syrer Naaman und dem Hauptmann von Kapernaum. Beide können erst mal nicht deuten, was ihnen da widerfährt: Petrus sieht ein Tuch vom Himmel herabkommen mit allerhand Getier, das für sein Empfinden und religiöses Verständnis unrein ist. Er soll das essen, aber er ekelt sich davor: Ich esse doch nichts, was Gott verboten hat. Die göttliche Antwort fällt schroff aus: Maße Dir nichts an. Wie kannst Du unrein nennen, was Gott gemacht hat? Göttliche Pädagogik, in diesem Fall alles andere als sanft, sondern klar, scharf und direktiv, offenbar gemacht und gedacht für einen Felsenmann wie Petrus. Ihn lässt das ratlos. Das ist ein Tonfall, den eher sein Gegenpart gewohnt ist, der Hauptmann Kornelius, er kennt Befehl und Gehorsam und auch er erhält Befehl: Seine Gebete und seine Wohltaten sind von Gott erhört, wahrgenommen worden. Und nun soll er sich jemand kommen lassen, der ihm sagt, worauf es wirklich ankommt im Glauben. Er tut es und schickt drei zuverlässige Männer los. Da setzt unser Predigttext für heute ein:

Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin's, den ihr sucht; warum seid ihr hier? Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist. Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

Dies ist eine der längsten Geschichten in der Bibel. Sicher, weil sie Wichtiges erzählt: Das Evangelium kommt zu den Völkern, zu den Heiden. Aber geht es um eine Bekehrung des Kornelius? Ein Bekenntnis zum Christentum findet man nicht. Wenn hier einer bekehrt wird, dann ist es Petrus. Er wird herausgerufen aus der Enge seiner Gedanken. Und der sich hinbewegen muss auf etwas, was er nun „in Wahrheit" erfährt. Dass Gott die Person eines Menschen interessiert: was er denkt, was er glaubt, wie er handelt. Und nicht, was sie definiert als zu einem Volk, zu einem Glauben oder zu was auch immer gehörig. Darüber kommt Petrus zur Erkenntnis seiner selbst: Ich bin auch eine Person. Beziehungsweise: Ich bin auch nur ein Mensch. Dieser Satz steht genau in der Mitte der Erzählung. Petrus ist der Mensch, der erkennt, wie ihn seine tief verinnerlichten nicht mehr zu hinterfragenden Werte und Vorstellungen auf Abstand halten - zu sich selbst und zu den anderen. Er erlebt: Hier will einer seine Nähe, seine persönliche Erfahrung, auch, was seinen Glauben betrifft. Auch Kornelius tut das als Mensch, legt alle äußeren Zeichen der Macht und seines römischen Amtes ab. Der, der die politische Macht vertritt, begegnet ihm als Mensch, neigt sich vor seinem Wissen, vor seinen Erfahrungen und vor seiner Unmittelbarkeit zu Gott. So kommt es zu einer Begegnung auf gleicher Augenhöhe, Petrus hebt Kornelius auf. Sie erkennen einander als Mensch, als Brüder. Ihre Wahrnehmung verändert sich. Sie brauchen einander nicht auf Distanz zu halten. Die Distanz, die uns Menschen zur Anmaßung verführt zu denken, dass das, was wir für richtig halten, auch das Richtige in Gottes Augen ist. Die Distanz, die uns dazu verführt, einander einzuteilen in Schubladen wie Eindringling, Schmarotzer, „Sozialtouristen" oder was uns sonst noch einfällt, um die Kategorie von „Unrein" zu bedienen. Die Distanz, mit der wir uns die Not der anderen vom Leib halten und zugleich tief sitzende Ängste großzügig füttern lassen mit Parolen wie: „Wer betrügt, der fliegt". Oder die eben auch in den tief in unseren inneren Schmuddelecken sitzenden Vorbehalten, wer dunkel aussieht, könne auch nur dunkle Gedanken haben. Ich werde mich immer an meine göttliche Lektion erinnern - ich glaube schon, dass es eine solche war - wie ich mit dem Auto mitten im Niemandsland zwischen der rumänisch-ungarischen Grenze verreckte und total hilflos war. Und wie da auf einmal wie aus dem Erdboden ein furchterregender Typ auf mich zukam und ich dachte: Na klasse, jetzt auch noch ein Überfall - aber es war meine Rettung. Er fragte einfach, was los sei und reparierte den Defekt mit einer Büroklammer, das einzige, was da eben zur Hand war. Und dann war er wieder weg, so wie er gekommen war. Ich konnte weiterfahren und das Ergebnis rief dann in einer hochqualifizierten deutschen Autowerkstatt Erstaunen und Bewunderung hervor.

Nochmal zurück: Alles in dieser Geschichte von Petrus und Kornelius ist auf die Überwindung von Trennungen aus. Beide Visionen bleiben für sich ungewiss und dunkel, erst ihre Begegnung bringt die Auflösung. Alles zielt auf den Augenblick des Zusammenkommens. Schritt für Schritt überwindet Petrus die nicht nur räumliche Distanz zu Kornelius. Er wird geholt und lässt sich holen, andere gehen mit. Und diese Gemeinschaft kommt mitten hinein in die Gemeinschaft, die sich bei Kornelius befindet. Eine Begegnung zwischen Völkern, beide voller Erwartung. In diesem Haus begegnet man sich als Mensch und man begegnet sich am Tisch. Eine plötzliche Nähe, die eine übereinander Herrschen nicht mehr zulässt. Eine Nähe, in der es möglich wird, auch die Schwierigkeiten der Annäherung anzusprechen, wie Petrus es ehrlich tut mit seinem Verweis auf Speise-und Reinheitsgebot - und seine menschlichen Schwierigkeiten, es als nachgeordnet zu betrachten.

Wir hören diese Geschichte jetzt in der Epiphaniaszeit, im hinteren Teil der Weihnachtszeit. Gott ist in die Mitte der Menschheit gekommen als Mensch. Jetzt, in der Epiphaniaszeit geht es darum, dass nun der Mensch auch nachkommt, Mensch zu werden. Das geht, wo man wie Petrus herunterzukommt vom hohen Ross des „Ich und etwas Unreines". Die göttliche Strategie des „An einen Tisch kommen" kann dabei unsere Erkenntnis wahrhaft leiten, für ein einigermaßen anständiges Zusammenleben ohne Berührungsängste zu sorgen. Dieser Aspekt unseres christlichen Glaubens ermöglicht uns Grenzüberschreitungen: reinzugehen, hinzugehen zu anderen, ohne ängstliche Abgrenzung. Wo Menschen miteinander erkennen, Menschen zu sein, die an etwas glauben, was über sie selbst und ihre Verschiedenheiten hinausgeht, da werden sie im von Gott gemeinten Sinne menschlich. Wer sich mal einladen lässt in eine wirklich gläubige muslimische Familie, wird hinterher anders denken als wenn er nur bei seinem in der Regel ja doch nur alle Distanz vergrößernden Halbwissen über das komplexe Feld Islam bleibt. Wer in Rumänien mal bei einer Romafamilie zu Gast war und die fast beschämende überbordende Gastfreundschaft genießen durfte, nicht nur in bezug auf das, was sich da auf den Tischen türmt, sondern was das aufrichtige Interesse am Gast betrifft - der wird sich hüten vor dem Gedanken an erschlichene Gastfreundschaft. Alle an einen Tisch, einfach werden, den Menschen erkennen im Menschen, der einem da gegenübersitzt. Wie soll ein Weg zum Frieden und zum Miteinander anders aussehen als dieser, auch wenn er lang ist, so lang wie diese Geschichte aus der Apostelgeschichte, die ihre Vorgeschichte hat und ihr Nachleben, das nicht nur von eitel Harmonie gezeichnet ist? Es bleibt nur zu hoffen, dass wir auf diese Strategie zu setzen wagen, uns der Mühe nicht entziehen, nicht in unseren persönlichen Belangen und nicht in den, die uns als Menschen alle angehen, auch wo es um Konflikte geht, die weit weg zu sein scheinen wie Syrien - aber spätestens an denen, die zu uns kommen um Schutz zu suchen, merken wir es ja, sie sind es nicht. So möge uns diese Geschichte ermutigen zur Begegnung miteinander, in der die Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Mittelpunkt steht, die Petrus in dieser Geschichte erfährt: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist im angenehm."

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org