Predigt über Hebräer 12,12-25a

Im heutigen Gottesdienst wurde das Taufgedächtnis von 58 Kindern gefeiert, die im Laufe der letzten Jahre in den Monaten Dezember bis Februar in der Thomaskirche getauft worden sind.

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

in der Tat, wichtige Dinge vergisst man oft schnell, auch das Wichtigste im Leben eines Christenmenschen: die Taufe. So erinnern wir uns heute bei dem Taufgedächtnis Ihrer Kinder, Enkel, Patenkinder ja nicht nur an den schönen Tag vor ein, zwei, drei oder mehr Jahren. Wir erinnern uns nicht nur, aber natürlich auch, daran, wie diese kleinen Wesen uns verzaubert und entzückt haben damals. Wir erinnern uns vor allem, dass in einem zeitlich und räumlich festzumachenden Moment für das Leben des Kindes etwas Wesentliches passiert ist, was ihm Grund und Halt gibt: Der Zuspruch des Auferstandenen: Ich bin bei Dir alle Tage, dein Leben lang und darüber hinaus. Das gilt ein für alle male. Deshalb ist die Taufe einmalig - in jeder Hinsicht. Denn sie ermöglicht es uns, uns in dieser Welt sicher zu bewegen. Sie ermöglicht es uns, dass wir sicher auftreten können und dabei auch Schritte ins Unbekannte wagen können ohne befürchten zu müssen: Hier verliere ich mich. Die Taufe ist Berufung zum Leben und damit ist verbunden, sich auf einen Weg zu machen. Auf einen Weg, auf dem man sich am christlichen Glauben orientiert, den Worten Jesu zu vertrauen lernt und sich davon die Richtung weisen lässt. Und dabei ist es gut, sich von Zeit zu Zeit auf den Anfang dieses Weges zurück zu beziehen auf den Ausgangspunkt. Insbesondere dann, wenn es stockt, wenn ich nicht richtig erkenne, wohin geht es gerade mit mir. Denn das kann einem ja auf einem bestens ausgeschilderten Weg durchaus passieren, jeder Wanderer weiß das. Martin Luther hatte für die Fortsetzung des Wegs die Methode erfunden, sich mit Kreide auf den Tisch zu schreiben: „Ich bin getauft." Ein Satz, der für ihn Ordnung ins gedankliche Chaos brachte. „Ich bin getauft": Ein Satz, der auch dann gilt, wenn nicht mehr sicher ist. So bricht christliches Leben immer wieder von dieser inneren Mitte aus auf. Die Taufe ist Berufung ins Leben und gewissermaßen auch in das Leben dieses Wanderpredigers Jesus von Nazareth. Man wandert immer, es geht immer weiter - am Ende auch noch durch den Tod zum Leben. Und so ist dieser Ruf auch ein Stachel im Fleisch unserer Bequemlichkeit. Er treibt uns an in unserer Anfälligkeit der Versuchung nachzugeben, sich aufgrund momentaner Erschöpfung vielleicht auch mit zu wenig zufrieden zu geben. Oder: Vorfindliches in meinem Leben in den Rang des Unveränderlichen zu erheben. Die eigene Erkenntnisfähigkeit zum Maßstab für alles zu machen, was sein kann und was möglich ist. Damit aber bleibt man stehen, stagniert.

Leben aus der Taufe heraus bedeutet immer ein drängendes, in gewisser Weise unruhiges Leben nach vorne. So beschreibt es auch ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief, der heute Predigttext ist:

Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden; dass nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte. Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte. Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle. Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

Weiterzudrängen, nicht aufzugeben auf dem als richtig erkannten Weg, das hatten diejenigen nötig, an die sich Ende des ersten Jahrhunderts diese Worte richten. Ihr Weg als Getaufte hatte nicht die erhofften Erfolge gezeigt, im Gegenteil. Verfolgung durch die römische Obrigkeit statt verheißener himmlischer Freude zu Lebzeiten. Menschen, die nicht körperlich müde, aber am Ende mit ihrem Glauben waren. Wobei: Auch das kann ja miteinander zusammenhängen, wie wir wissen, heute und sicher auch schon damals. Das wird insbesondere in einer Figur aus dem 1. Mosebuch im Alten Testament deutlich, mit der die Situation der Ermatteten hier verglichen wird. Der Text spielt an auf die Geschichte von Jakob und Esau, insbesondere auf Esau, der müde und hungrig vom Feld kommt, beidem nachgibt und sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft. Das könnte man noch menschlich nennen, wenn die Geschichte nicht noch hinzufügen würde, was er sich dabei im Stillen gedacht hat: „Siehe ich muss doch sterben, was soll mir da die Erstgeburt?" Wir kennen das: Solche Müdigkeit macht sich schnell breit. Eine Müdigkeit, die einen gleichgültig werden lässt. Wenn man Tag für Tag nur noch müde und kaputt nach Hause kommt, nur noch essen und trinken will und sich ablenken. Da kann man auf die Dauer stumpf werden und gleichgültig gegenüber dem Mehrwert des Lebens. Esau wird da im Extrem dargestellt: Ob Gott ihn hält und trägt, ist ihm egal. Er ist bereit, auf das Fundament seines Lebens zu verzichten, und sich auf einen Weg zu begeben, der ihn zwar von Linsengericht zu Linsengericht führt - aber auf dem er mehr als das nicht mehr erwartet.

Der Hebräerbrief warnt: Seht zu, dass ihr nicht da landet: Jemand zu werden, der den ihm verheißenen Segen eintauscht gegen Linsen. Der nur noch herumirrt von einem Linsengericht zum anderen, das irgendwann nicht mehr sättigt, sondern einem zu den Ohren herauskommt. So ist es ja, wenn wir Hin-und Herirren zwischen all den angepriesenen Dingen, die unser Glück verheißen: Kaum haben wir sie, verspüren wir den Drang nach mehr. Und dann wieder die Leere. Auf die Dauer führt das ins Abseits. Und so heißt es auch: Esau fand keinen Raum zur Buße, zur Umkehr. Und noch mehr, denn die nicht nur die Geschichte von Jakob und Esau zeigt: Wo die das Interesse am Grund des eigenen Lebens schwindet, schwindet auch das Interesse an dem, was in der Welt geschieht - mitsamt dem Interesse an der Verantwortung, die uns da aufgetragen ist. In Gleichgültigkeit umkreisen wir nur noch unser Privates. Esau schafft nie den Sprung aus dem Dunstkreis des Bekannten heraus, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Jakob, der in der Fremde reift. Er kommt, wie es in der Bibel heißt, durch diesen unseligen Tausch von Segen gegen Linsen, nie in Genuss „der Fettigkeit der Erde" und muss leben „ohne den Tau des Himmels von oben her". Er lebt, sicher und durch Linsen satt - aber nicht mit der Freude und der Leidenschaft seines Bruders Jakob, der zwar betrügt, aber im Gegensatz zu ihm eines hat: Sehnsucht nach dem Segen. Sehnsucht nach dem Mehrwert des Lebens, den Gott uns schenkt. Jakob will ein Leben mit diesem Gott, der mit ihm ist, der ihn auf seinem Weg begleitet, der ihn lenkt, der mit ihm kämpft. Und am Fluss Jabbok bekommt er ihn tatsächlich, diesen Segen, von der fremden Gestalt, mit der er die Nacht hindurch ringt und sich über diesem Kampf verrenkt, verbindet, und als von ihm Gezeichneter aufbricht.

Ebenso tritt auch der Text aus dem Hebräerbrief quasi jakobsmäßig-bewegt auf. Drängend. Er ruft auf zum Vertrauen in das, was man schon gewonnen hat, nein besser: geschenkt bekommen hat. Er ermutigt zum Vertrauen in den Segen, oder auch: die Taufe als Lebenskapital zu betrachten. So heißt es im zweiten Teil des Texts: „Ihr gehört zur Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind." Als solchermaßen Berufene können und sollen wir nach dem Hebräerbrief drei Dinge tun. Zum ersten: Sichere Schritte machen, wo jemand anderes zu stolpern droht. Zweitens: Dem Frieden nachjagen - mit jedermann. Und drittens, wo sich eine bittere Wurzel breitzumachen droht, die Unfrieden anrichtet, zur Tat schreiten und sie ausreißen. Drei Dinge, zu denen uns unsere Taufe und unser Glaube drängen:

1. Selbst sichere Schritte tun, damit nicht jemand anderes strauchle. Mit festem Schritt dort eintreten, wo Grundsätze des Glaubens und die Persönlichkeitsrechte von Menschen verletzt werden. Wo man sie diffamiert als die Sozialsysteme ausnutzenden Eindringlinge von den Rändern der EU, als arbeitsscheue Schmarotzer, die nur gut leben wollen. Wo neben mir in der Schule oder bei der Arbeit jemand gemobbt wird, an den Rand gedrängt, weil er nicht den momentan gängigen Kriterien von Leistungsfähigkeit entspricht. Sich also keine „Geht mich nichts an Haltung" erlauben im persönlichen Umkreis. Und die Schmuddelecken von Missgunst und Neid in mir in ihre Schranken weisen, weil es natürlich nie gänzlich gelingt, sie auszukehren. Nicht herumeiern, wo Menschen meinen Schutz brauchen, verbal oder anderweitig und zwar unabhängig davon, ob mir dieser Mensch sympathisch ist oder nicht. Wo, wenn nicht hier, können wir unseren Kindern Vorbild sein?

2. Sodann: Dem Frieden nachjagen mit jedermann, wohlgemerkt, mit jedermann. Also auch mit denen außerhalb unseres Gesichtskreises, mit denen, die einen anderen Lebensentwurf haben, mit denen, deren Denken, Handeln und Fühlen uns fremd ist und mit denen, die glauben, was ich nicht glaube. Das ist gerade keine Aufforderung zu unbegrenzter Harmonie oder gar Gleichmacherei. Frieden ist etwas anderes, ein Miteinander der Unterschiede, das von Respekt getragen ist, von guter, vernünftiger Streitkultur, die zwischen Sache und Person zu unterscheiden weiß und vom Interesse an Lösungen zum Wohlergehen aller bestimmt ist, auch dessen, dessen Meinung ich nicht teile. Nachjagen, wohlgemerkt: Sich also auch überwinden müssen dazu, mit sich selbst ringen, den Kompromiss nicht gering achten, der die Verschiedenen miteinander auskommen lässt, weil er die Verschiedenheit nebeneinander stehen lässt. Jakob lernte das schmerzlich in der Fremde an den fremden Sitten der anderen, Esau lernte das nie.

3.Und das dritte, das mit diesem zweiten eng verbunden ist: bittere Wurzeln, die sich zwischen uns ausbreiten und alles im Unfrieden verderben, anpacken und unschädlich machen. Vor allem das, was immer wieder nachwächst, wenn man‘s nicht im Blick behält. So wie etwa die unkrautartig zurückkehrenden Phänomene wie Judenfeindschaft, Fremdenfeindschaft, Gewaltbereitschaft gegen Andersdenkende. Immer auf der Suche nach Gegenmitteln gegen dieses Gewächs bleiben. Und Interessantes entdecken, so wie es uns hier in der Thomaskirche ging angesichts unserer Überlegungen der Entwicklungen um den Moscheebau in Gohlis und das Wohnheim für Asylbewerber in Schönefeld. Da haben wir uns gefragt: Wie kann da ein Weg gefunden zueinander, wie auf gutem Wege ins Gespräch kommen mit allen Seiten. Und siehe da, es waren bei ihrer Suche nach Gegenmitteln gegen diese bitteren Wurzeln schon einige auf dem Weg zu uns. Gewissermaßen Weise aus dem Morgenlande. Denn es war genau zu Weihnachten, dass eine Gruppe junger muslimischer arabischer Ärzte, die sich im Moment auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereiten, von sich aus auf uns zugegangen ist. Sie wollten kennenlernen, was wir zu Weihnachten feiern und wie wir es tun. Diese Begegnung hat beide Seiten sehr berührt, zumal die Gruppe unserer Gemeinde im Gottesdienst mit einem kleinen Grußwort ein gesegnetes Weihnachtsfest gewünscht hat. Alle vorherigen Bedenken, ob das eine gute Idee sei, haben sich spätestens in dem Moment zerstreut, wo wir uns auf einer bestimmten Ebene wahrgenommen haben als Menschen, die an etwas glauben und denen etwas heilig ist - und die den anderen daran auch Anteil geben. Eines machen solche Begegnungen ganz klar: Sie bringen uns zur Auseinandersetzung mit uns selbst und den wichtigen Grundregeln unseres Glaubens und unserer Tradition. Hier haben sie uns an die Pflicht zur Gastfreundschaft erinnert. Sie ist in der Bibel die Antwort auf zu viel Fremdeln vor dem Fremden und darauf, dass Ängste und Misstrauen sich verselbständigen. Schon um unserer selbst willen und um unserer eigenen Wahrhaftigkeit brauchen wir Austausch mit den „Fremdlingen" und ihrer Religion. Sie werden nun im Gegenzug im Februar für einen Abend in der Reihe „Gott und die Welt" zu uns kommen und uns Anteil nehmen lassen an dem, was Antriebsfeder ihres Glaubens ist.

So kommen wir also gerade, wo wir dem Frieden nachjagen und bittere Wurzeln ziehen zu den Anfängen, zur Basis unseres Glaubens zurück. Der Annahme des Menschen durch Gott und infolge dessen der Annahme des Menschen durch den Menschen. Und damit kommen wir auch zu unserer Taufe zurück und zu dem, wozu sie uns bewegt: zum Aufbruch auf einen Weg in der Nachfolge Jesu. Und damit zu einem Mehrwert des Lebens.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org