Predigt im Abendgottesdienst über Jesaja 42,1-9

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

was verändert unser Leben? Oft ein besonderes Ereignis. Manchmal die Erfolge - aber erstaunlich oft sind es die persönlichen Niederlagen, an denen wir reifen. Und wo wir die Welt nachher mit anderen Augen ansehen. Früher Wichtiges wird unwichtig. Belanglosigkeiten nerven uns. Oberflächlichkeit, alles, womit Menschen ihre Zeit so totschlagen. Jeder hat wahrscheinlich auf seine Weise das im Innern schon gespürt: die Zeiten, wo man dünnhäutig ist, aber wo auch die Antennen für das Wesentliche im Leben besonders empfindlich sind. Von solchen Menschen berichtet immer wieder die Bibel - und von ihrem Verhältnis zu Gott. Das betrifft besonders die Propheten des Alten Testaments. Von ihnen wird gesagt, dass sie von Gott veränderte, gepackte Menschen sind. Er hat seinen Geist in sie gelegt. Er hat sie berufen, ihn in besonderer Weise zu vernehmen. Es ist, als hätte er etwas von sein Innersten in sie gelegt und etwas von seinem Wesen. Etwas, was diese Menschen verwandelt, so dass sie nunmehr anders empfinden, denken und handeln. Von solch einem Menschen oder einer Menschengruppe, man weiß es nicht so recht, ist im Buch Jesaja die Rede. Vom sog. Gottesknecht - eine Figur, die nur bei ihm auftaucht. Von ihr heißt es im heutigen Predigttext:

 

Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen: Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

 

Wer ist dieser Knecht? Wie gesagt, einer oder mehrere, eine Gemeinschaft, die Gelehrten streiten sich endlos. Wichtiger als das ist, was diese Gestalt tut: Sie trägt das Recht unter die, die von Gott nichts wissen. Oder nichts wissen wollen. Das Recht, nicht im Sinne eines Strafgesetzbuches oder einer Paragrafensammlung. Sondern: Das Recht - verstanden als Wissen, was richtig ist. Und was im wahrsten Sinne des Wortes not-wenig, weil es die Not zu wenden weiß und das verletzte Leben schont, so dass es heilen kann. Dieser Gottesknecht soll es tun, er soll es den in der Verbannung des Babylonischen Exils lebenden Israeliten zurufen. Er, der selbst das Exil erlebt hat, er soll Heil und Heilung des Gewesenen ansagen für geknickte Menschen, deren Hoffnungen schon verloschen scheinen. Er soll das tun als einer, der vielleicht von den Demütigungen selbst innerlich verletzt ist, einer, der so dünnhäutig ist wie die anderen - aber dadurch vielleicht auch besonders empfangsbereit für Wesentliches. Jedenfalls ist er einer, der gehört hat, womit Gott ihn ausrüstet: „Ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte Dich bei der Hand", er wird zu einem, Menschen helfen soll, das Licht im Dunkel wieder wahrzunehmen und sich nicht mit den momentanen Gegebenheiten als schicksalhaft abzugeben. Einer, der altes Vertrauen zurückbringen soll: dass sich auch jetzt durchsetzen wird, was sich schon immer am Ende durchgesetzt hat: Gottes Erbarmen mit seinem manchmal sehr verstockten und selbstbezogenen Volk.

 

Viele sog. Realisten werden dabei schon damals gesagt haben: Solche Menschen sind doch Träumer und Gutmenschen, die weit weg sind von der Realität. Was richten die an mit ihren Vorstellungen von dem, was Recht ist? Wo kämen wir etwa hin, wenn wir uns um jeden geknickten und gescheiterten Menschen kümmern würden, der es aus eigener Kraft nicht geschafft hat und hier bei uns die Hand aufhalten will? So mag auch mancher angesichts der sog. „Zuwanderungsdebatte" der vergangenen Wochen fragen. Die Probleme liegen auf der Hand und die Frage ist verständlich und nachvollziehbar. Die Taktik aber, offenbar Wähler vom rechten Rand vor der nächsten Europawahl bei der Stange zu halten, ist es nicht. „Wer betrügt, der fliegt!" Was da in den letzten Wochen aus bayerischen Landen zu hören war, war ja nicht als Aufforderung zur kritischen Selbstreflexion gewisser Vorgänge in der bayrischen Landespolitik gedacht: Dieser markige Spruch zielt bewusst auf die - in erster Linie ja noch im Reich der Fantasie und der Befürchtung bereitstehenden - Scharen von Armen aus Osteuropa, die infolge des seit Beginn des Jahres geltenden EU-Rechts möglicherweise nach Deutschland kommen. Sie werden damit bereits bewusst kriminalisiert, denn schließlich geht es bei der Frage nach dem zu gewährenden Anspruch auf soziale Leistungen ja nicht um deren Miss-, sondern um deren legalen Gebrauch, der vielleicht als unangemessen empfunden wird. Aber Betrug ist das nicht. Das ist ein feiner Unterschied. So aber wird gleich das Bild befördert, hier würden die „Sozialkassen geplündert" von Ausländern, die hier gar nicht arbeiten wollten - ein weiteres verräterisches sprachliches Detail, EU-Bürger als „Ausländer" zu bezeichnen, siehe ja schon die Debatte um die Autobahnmaut für nicht in Deutschland zugelassene Fahrzeuge - da war auch von „Ausländern" die Rede, wo Autos gemeint waren. Sprachliche Details, mit denen bewusst die Angst vor dem Fremden geschürt - statt diese Ängste ernst zu nehmen. Denn natürlich sind Verlust-und Abstiegsangst menschlich. Natürlich ist es menschlich, sich zu ärgern, wenn ein soziales System auch ausgenutzt wird - Beispiele dafür wird's immer geben. Menschlich ist es auch, erst mal auf das anzuspringen, was einen empört. Aber sollten nicht gerade Politiker angesichts ihrer Verantwortung auf das verweisen, was nachweislich sehr aussichtsreich ist in dieser Situation, sollte man nicht die positiven Möglichkeiten hochhalten, statt Abstiegsängste und Stammtischwut anzuheizen?

 

Der, von dem Jesaja spricht, ist kein Politiker - und an gerade an dieser Stelle doch von hoher Bedeutung für die öffentliche Debatte auf allen Ebenen. Wie viele könnte man von diesem Gottesknecht lernen: Nicht mit markigen Parolen öffentlich herumzutönen, sondern hinschauen auf das, was Menschen in Bewegung setzt, weil sie herauswollen aus ihrem Elend. Aber vielleicht ist es auch gerade das, was viele nicht wollen: Durch das Elend eines Menschen berührt und vielleicht verunsichert zu werden. Wenn man sich mal anschaut, was auch woanders geschieht, z.B. in Australien: Dort schafft die Regierung jetzt Boote an, um die über das Meer kommenden Flüchtlinge aus Indonesien postwendend wieder auf hohe See zurückschicken zu können. Wie weit ist das weg von der eigentlichen Situation, will, wer das beschließt, wirklich einen ausgezehrten und halbtoten Menschen persönlich in solch ein Boot setzen und ihm alles Gute wünschen? Man frage mal die Fischer der Insel Lampedusa, die trotz aller Wut über die Umstände und die immer neu ankommenden menschenüberfüllten Boote, alles tun, um sie bei Sturm und Wind zu retten. Denn Gott hat dann ja doch tief in unser Herz gelegt, dass wir das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmende Docht nicht auslöschen dürfen.

Auf diese beiden Bilder vom geknickten Rohr und vom glimmenden Docht möchte ich dabei noch einmal besonders eingehen. Sie bringen in besonderer Weise etwas von uns auf den Punkt. Wenn es uns gut geht und wir mit uns im Reinen sind, dann sind wir wie ein Rohr aus Schilf leicht, biegsam, kunstvoll aufgebaut, und schön. Und dann leuchten wir und wiegen uns im Wind wie eine Flamme. Aber das Ganze ist eben anfällig und empfindlich und auch das gehört zu uns. Und da muss es nicht erst zum sozialen Absturz kommen, zum Verlust des Arbeitsplatzes, zu einer Trennung oder zum Tod eines nahen, geliebten Menschen. Das alles kann, muss aber nicht Ursache sein, dass unser Licht zu erlöschen beginnt. Überforderung, Druck, eine Depression, die jeden treffen kann, auch den, dem es gerade gut geht. Wir alle sind ungesichert in der Welt trotz noch so ausgeklügelter Versicherungen, die wir abschließen können. Wir sind trotz aller Schutzmaßnahmen ungeschützt und es ist zuweilen sehr dünnes Eis, auf dem wir gehen. Und manchmal wird es einem schlagartig bewusst, warum sind sonst solche Schicksale wie etwa eines Michael Schumachers für die Öffentlichkeit so berührend: Da hat sich einer sein Leben lang größter Gefahr ausgesetzt - aber ein Sturz beim Skifahren wird sein Leben vielleicht verändern, wenn er es denn behält.

 

Darum ist das, was wir heute aus dem Munde Jesajas hören, so wichtig im öffentlichen wie auch im persönlichen Leben: Dass Gott in unserer Zerbrechlichkeit und in unseren zum Teil so wunden Seelen das Schützens- und Pflegenswerte sieht, das heilen kann. Dass wir gerade mit dem, was wir am liebsten voreinander und vor Gott verstecken wollen, weil es so beschädigt ist, wieder vor die Menschen treten können, denen wir dann nichts mehr vormachen müssen. „Das Recht zu den Heiden tragen" - wie anders könnte das geschehen als durch unsere kleine Kraft, in der Gottes Geist Gestalt gewinnt? Und was könnte das heißen?

 

Wenn die anderen schreien, werde ich ruhig bleiben.

Ich werde meine Angst von niemandem anheizen lassen. Ich will nüchtern unterscheiden, wo ich Informationen sammeln sollte und wo Emotionen. Ich mache mir deutlich, wo ich wohl wäre ohne das Erbarmen der anderen. Wie gut, dass so etwas wie bei Jesaja aufgeschrieben steht durch alle Zeiten hindurch: Das geknickte Rohr soll nicht zerbrochen und der glimmende Docht soll nicht ausgelöscht werden. Dass mir das gilt: Daraus wachsen mir Mut und Trost und Hoffnung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche,

taddiken@thomaskirche.org