Predigt über Jesaja 42,1-9

Die Predigt in diesem Gottesdienst wurde von Pfarrer Stephan Bickhardt gehalten. Er übernimmt am 1. Februar die Vakanzvertretung auf der 2. Pfarrstelle.

 

Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen: Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker. Ich, der HERR, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich's euch hören. 

Liebe Gemeinde,

"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen", heißt es im Jesajabuch. Jeder und jede haben vor Augen: Der geknickte Halm einer Kornpflanze wächst nicht weiter, der vom Sturm gebrochene Baum treibt nur noch aus, wächst aber nicht mehr in die Höhe. Jeder und jede hat vor Augen: Ein Docht, der noch glimmt, hat kein Öl oder Wachs mehr, um aufzuleuchten. Das Feuer, darum Menschen im Kreis sitzen, flackert nur noch wenig im Blick auf die abgebrannten Holzscheite. Gott tritt das Feuer nicht aus, Gott löscht den Docht nicht, Gott reißt keinen Baum weg, Gott schneidet nicht ab, was gebrochen ist. Gott will Leben, Schwache und Bedürftige sind ihm recht.

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1944 endete die Leningrader Blockade. Hoch im Norden der damaligen Sowjetunion lag die Stadt nahe des Ladogasees in Not. Seit dem 8. September 1941 war die Stadt belagert, umschlossen von Truppen, gezielt wurde der Hunger herbeigeführt. 1, 1 Millionen Menschen kamen durch Hunger und Krankheit ums Leben. Ein unvorstellbares Leid, wenn kein Holz in den eiskalten Wintertagen in den Ofen gelegt werden kann, wenn eine brennende Kerze nur noch in der Vorstellung eine Erinnerung an bessere Tage bedeutet, wenn keine Pflanze noch nirgends Nahrung aufzutreiben ist. Meine Tochter Philine lebt für ein Jahr dort und versorgt Menschen, die überlebt haben und heute hochbetagt sind. In einem zugänglichen Bericht schreibt sie: "Die Frau über welche ich jetzt berichten werde, ist eine an Politik interessierte Dame. Sie überlebte die Leningrader Blockade als kleines Mädchen und ihr Vater kam durch den Terror Stalins 1937 um. Ihre Mutter starb während der Leningrader Blockade. Nicht ohne Grund nenne ich sie eine alte Dame, denn Irina legt großen Wert auf Sauberkeit, worauf mein zweistündiger Putzeinsatz pro Besuch zurückzuführen ist...Ihre Finger schmerzen und sie hat einen schiefen Rücken, da sie seit Jahren mit Krücken wegen ihrem kaputten Bein läuft. Zu Ende meines anfänglichen Dienstes fing ich an, sie jedes Mal nach Putzen und Essen zu massieren, da ihr ganzer Rücken wegen den Krücken verschoben ist. Das ist ein schönes Zeichen von Vertrauen."

Philine singt viel bei ihren täglichen Einsätzen, sie hat das in Leipzig gelernt, das Singen. Das macht die Überlebenden glücklich. Allerdings muss sie sich durch die alte Dame belehren lassen, beim Essen nicht zu reden oder zu singen. Auch berichtet sie über Pawel, diese Worte betreffen mich in der Aufgabe der Seelsorge, zeigen sie doch, wie unheilbar Kriegserfahrungen in Menschen wirken können. "Auch bei ihm", schreibt sie, helfe ich im Haushalt, doch vor allem freut er sich, dass ich einfach da bin. Er kämpfte mit 17 Jahren an der Front und seine Eltern kamen im Stalinismus um. 'Du kannst es nicht verstehen' sagt er, wenn wir über den Krieg reden, bevor er hinzufügt 'und wirst es auch nie'. Wenn ich probiere zu erklären, dass ich gedenke es zu wollen, redet er einfach weiter: 'und das ist auch gut so' - und ohne auf meine Willensbekundung eingegangen zu sein, hat er sie für nichtig erklärt". Kann Gott und der Glaube an ihn ein Trauma heilen? Sicher scheint Licht in das Leben dieser Menschen, gibt es Momente, wo sie Treue und Wahrhaftigkeit spüren.

Viele unter ihnen sind doppelt geschlagen durch die Zeit des zweiten Weltkrieges und die Zeit ihrer Gefangenschaft als politische Häftlinge in den Arbeitslagern der Sowjetunion, den Gulags. Sie organisieren sich in der Menschenrechtvereinigung MEMORIAL und engagieren sich heute für die Rechte von Minderheiten, für Pressefreiheit und gegen Korruption gemeinsam mit viel jüngeren Leuten. Bundespräsident Gauck empfing vor einigen Monaten den Vorstand dieser Organisation anlässlich eines Ausstellungsbesuches in Berlin - informell und doch sichtbar für die offizielle russische Seite. Es geht immer darum durch gezielte Schritte, eben Besuche z. B., Menschen aus dem Schatten in das Licht zu rücken bis auf Erden das Recht aufgerichtet ist. "Und die Inseln warten auf seine Weisung." Die Inseln warten. Jenseits des Meeres gibt es auch Land, so überliefert Jesaja, die Inseln. Auch sie warten auf Erlösung und Befreiung, auf Weisung. Hier kommt zum Ausdruck, dass der Gott, an dem Israel auch in der Zeit der kollektiven Gefangenschaft in Babylon festgehalten hat, eine Rechtssetzung für alle vollziehen wird. Der Prophet Jesaja, hier spricht die Bibelwissenschaft vom 2. Buch Jesaja, dieser Prophet lebte zwischen 550 und 539 vor Christi Geburt. Der Prophet teilte mit seinem Volk die Zeit der Gefangenschaft und spricht in neuer Weise von einem Beauftragten Gottes, dem Gottesknecht.

Gott hebt an seinen Beauftragten einzusetzen in eine Aufgabe für alle Menschen. Einer Zeremonie gleich heißt es: "Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat." Wie ein König - ein unvergleichlicher - wird er sein für alle. Wie wird er wirken und sein Recht bekannt machen? Er wird es nicht mit Propagandarufen versuchen "und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen". Wie wird er wirken und das Recht bekannt machen? Jedenfalls wird er die Geschlagenen und Opfer der Verfolgung nicht brechen und das Licht der Hoffnung niemals auslöschen. Wie wird er wirken und das Recht bekannt machen? "Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte." Mit diesen Worten hören wir, dass der Beauftragte Gottes unter denen ist, die zu zerbrechen drohen, die kein Licht mehr sehen, womöglich, weil sie vom Licht der Wahrheit künden. Meine Ethikschüler in der Leipziger Polizeifachschule erzählten mir kürzlich von verfolgten Christen, 100 Millionen sollen es weltweit sein. Das hat mich überrascht, sind doch die wenigsten unter ihnen religiös orientiert, konfessionell gebunden, gläubig. Zur Wirksamkeit für die Beauftragung Gottes, unter Juden und anderen Völkern zu wirken, wird zugesagt: "Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht für die Völker."

Wie dankbar sind wir, liebe Gemeinde, wenn wir von Menschen wissen, die öffentlich Verantwortung tragen und zuvor in ihrer Biographie das Leid der Erniedrigten und Beleidigten geteilt und für Benachteiligte unter Ertragen von Gefahr gekämpft haben. Wir sehnen uns nach Menschen, die in der Wahrheit ihrer Biographie stehen, die ein Suchen und Sehnen nach Versöhnung und Rettung in Gott repräsentieren. Keine Todesurteile über Menschen sind zu vollstrecken, Lebensgaben und Vertrauen sind zu wecken. Der Beauftragte, wo auch immer er sichtbar wird, mittelt, vermittelt durch Anteilnahme, gibt Gottes Wort und sein Urteil weiter. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagen alte Menschen. Wo sind die Menschen, die bereit sind Leid teilen? In der Stadt, die heute und über Jahrhunderte Petersburg hieß, gibt es vielfach diese Solidarität der von Freude und Licht und Hilfe und Massage Überraschten.

"Ich habe ihm meinen Geist gegeben." Mit diesem Worten gibt sich Gott in den Auftrag mit hinein. Wir bekennen die einmalige Konkretion dieser Hingabe Gottes, in dem wir an Geburt und Taufe des Juden Jesus Christus glauben. "Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." (Matthäus 3,17). Unser Lichtfest ist noch nicht zu Ende. Jesu Erscheinen vermag uns die Gestalt der Beauftragten Gottes unter uns Menschen zu sehen. Das Lied der Woche "O lieber Herre Jesu Christ" spricht aus, was uns Gutes getan ist. Strophe 2 sagt: "Du hast gesehen unsre Not,/ da wir in Sünden waren tot." (EG 68)

Jede Strophe beginnt mit einem einfachen Reim. Ein Rückschluss der zweiten Zeile im Strophengedicht auf die erste Zeile ist so möglich. Darauf folgt ein dritte Zeile, sie schwebt. Sie hat keine Entsprechung in einem Reim, sie ist Verheißung über mir, Glaubensquell. Und sie heißt in Strophe 2: "und bist vom Himmel gestiegen". Näher kann Gott den Menschen nicht kommen. Und Strophe 4 singt uns ein: "Du lehrest uns die neu Geburt/ und zeigest an die enge Pfort/ und den schmalen Steig zum Leben." Der schmale Steig zum Leben - wo geht er lang? Es ist unsere Berufung den schmalen Steig zum Leben zu suchen und zu gehen. Wer sich aufmacht, kann Spuren von den Beauftragten Gottes finden.

Viele Menschen fragen heute, was ist meins, meins, meins. Auf schmalen Pfaden zu gehen, ist vielleicht doch mehr etwas für die freie Zeit und den Urlaub? Ansonsten sind wir schnell auf breiten Straßen unterwegs. Gefangenschaft, Leid ist doch kein Thema. Im Gegenteil. In Sachsen sind derzeit die Zellen mit unter 4000 Menschen in Haft gar nicht ganz ausgelastet. Leben nicht viele nach dem Motto: "Es ist wahres Talent, wenn man gut ist in allem"? Das Schmale am schmalen Weg, so denke ich, ist der Glaube selbst. Die maßgeblichen Shell-Jugendstudien der letzten Jahrzehnte haben kontinuierlich den Schwund des Interesses am christlichen Glauben unter den Jugendlichen in unserem Land belegt. Jesaja, seiner Heimat und des Tempels in Jerusalem beraubt, kannte diesen Schwund nicht oder anders gesagt: er füllte aus Gottes reichem Schatz der Verheißungen die Ohren mit Hoffnung. Gott wird seinen Knecht, seinen Beauftragten einsetzen und das wahre Recht verkünden. Menschen warten darauf.

Wir stehen heute nach meiner Überzeugung nicht vor der Frage, wie wir Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf dem Weg der Belehrung die schmale, die eigene Lebenslinie aufzeigen oder gar vorschreiben. Wir stehen im Blick auf den Dialog mit ihnen vor der Möglichkeit, ihre Fragen, ihre ersten Erfahrungen gemeinsam zu teilen. Dann wird ihr schmaler Weg durch Phasen der Erleichterung gehen - und zur anderen Hälfte werden wir beschenkt mit neuen Zugangsweisen, unsere vielschichtige Welt auf Zukunftsfragen hin wahrzunehmen. Und der Glaube, das uns Gott gegenwärtig ist mit seinen Beauftragten und ewiger Erlösung in Jesus Christus schenkt - wie ist er zu bezeugen? Indem wir uns in die Nähe derjenigen begeben, die es schwer haben sich auf den Glauben einzustellen - ohne dass wir den Glauben in der Begegnung mit ihnen vergessen. Wer sich so ohne Spektakel unter junge Leute mischt, kann erleben, wie ein Leben an der Seite der Leidenden, der Erniedrigten und der durch die Geschichte Gedemütigten, wie ein Leben an ihrer Seite in eins geht mit dem Leben aus dem Glauben, mit dem Leben aus dem Licht, das eine brennende Kerze spendet - im Namen Jesu Christi entzündet. Ich träume davon, dass der Tag kommt, an dem die Tat und der Glaube niemals mehr auseinanderfallen. Gottes Geist wird uns neu ergreifen - an Orten, die wir noch nicht kennen. Zu diesen Orten führt ein Weg, sein Weg, liebe Gemeinde. Amen.

Pfarrer Stephan Bickhardt