Predigt über Römer 16,25-27

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

„nein, da vor dem Tannenbaum, da kann man jetzt kein Foto mehr machen", so entfuhr es spontan dem Fotografen der LVZ, als wir am vergangenen Donnerstag hier in der Thomaskirche ein Bild machen wollten mit den Ehrenamtlichen, die unsere neue Reihe Veranstaltungsreihe „Thomasforum, begegnen, bilden glauben" organisieren und koordinieren. Weihnachten ist also kein Motiv mehr Anfang Januar, schon vorbei, kein Thema mehr im öffentlichen Leben und in der öffentlichen Berichterstattung. Das ist in der Kirche noch anders: Jetzt, in diesen Tagen zwischen Neujahr, was auch das Fest der Beschneidung Jesu ist, und dem morgigen 6. Januar, dem Dreikönigstag geht die Weihnachtliche Botschaft in die Öffentlichkeit bzw. erweckt massiv ihr Interesse. So werden die Fremden, die Weisen aus dem Morgenland vom Stern von Bethlehem angezogen und sie machen sich auf den Weg, um den neuen König der Welt kennenzulernen. Ihn wollen sie anbeten, von ihm sind sie begeistert. Begeisterung, die Angst und Schrecken bei denen auslöst, die um ihre Macht fürchten: Herodes und das ganze Jerusalem fahren zusammen angesichts der anziehenden Faszination eines neuen Königs, der ihren Machtanspruch infrage stellt. Davon hören wir morgen mehr am Epiphaniastag.

Aber auch heute schon drängt die weihnachtliche Botschaft in die Öffentlichkeit und das weihnachtliche Geheimnis der Gottessohnschaft Jesu verbreitet sich. So erfahren Maria und Josef das, was viele Eltern pubertierender Kinder ja tun: Dass sie erst mit der Ablösung des Kindes vom Elternhaus zu verstehen beginnen, manchmal kopfschüttelnd-irritiert, manchmal aber auch kopfschüttelnd-bewundernd, mit was für einer Persönlichkeit sie es bei ihrem 12-jährigen Sohn eigentlich zu tun haben: dass er in dem sein muss, was seines Vaters ist, sprich: in dessen Haus, so wie in der Auseinandersetzung mit seinem Wort und Willen - und damit mit dem, was uns Halt und Richtung gibt. Hier wundern sie sich alle, die Erwachsenen, über den Verstand und die Weisheit dieses Kindes und haben in ihren Herzen viel zu bewegen, was ihnen da eigentlich begegnet und sich nunmehr bereits so öffentlich präsentiert wie es öffentlicher nicht geht: im Tempel.

Alle Welt bekommt es jetzt mit Weihnachten zu tun und alle Welt wird davon beeindruckt und erneuert. Die Macht und Kraft dieses neugeborenen Kindes, die sich von aller dagewesenen und ansonsten üblichen Art unterscheidet, wird offenbar und bekannt. In diesem neuen Weg Gottes, selbst Mensch zu werden, entfaltet sich öffentlich und für alle sichtbar all das, was Gott von Anbeginn mit der Menschheit im Sinn hat: in sie selbst einzugehen und sie von aller sie bindenden und knechtenden Bedrückung und Sorge zu befreien. Hier wird sein Wille offenbar, und die Menschheit nach und nach wie in ein großes und lange verborgenes Geheimnis eingeweiht. So wie Matthäus und Lukas das in ihren anrührenden Geschichten erzählen, verkündet es auch der Apostel Paulus am Ende des Römerbriefs in einem überschwänglichen Lobgesang:

Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.

Nun also will dieses Geheimnis in die Welt und Paulus zeichnet diese Linie im Römerbrief nach, welchen Weg Gott gegangen ist mit dem Volk Israel und dann, nicht zuletzt durch Paulus selbst, zu den Völkern, zu den Heiden. Und das trotz aller Widersprüche und Ablehnung unaufhaltsam und beharrlich, in aller Klarheit und vor allem mit liebevollem Erbarmen. Nun, so ruft er den Gemeinden und damit auch uns zu, seid Ihr dran, Weihnachten in dieser Welt eben nicht für beendet zu erklären, sondern auszubreiten, was es denn heißt, wenn Gott Mensch wird! Nämlich, dass auch der Mensch menschlich wird und sich dabei auf das beruft, was ihn der Glaube lehrt und in seinem Handeln dem auch zu entsprechen versucht. Paulus benutzt dabei eine Redewendung, die auf manchen von uns eher erst einmal abstoßend wirken mag: dass nach Gottes Befehl mit dem Evangelium der Gehorsam des Glaubens aufzurichten wäre unter allen Heiden. Diese Haltung von Befehl und Gehorsam, der Christenmensch als „miles christianus", als Soldat Christi: Hat das nicht unendliches Leid über die Menschheit gebracht? Menschen, beziehungsweise ganzen Völkern, einen Glauben aufzuzwingen und zu gehorchen, ob man es nun versteht oder nicht? Ist das nicht Inbegriff für christliche Intoleranz, sind nicht schrecklichste Verbrechen der Geschichte der Mission etwa in Afrika oder Südamerika auf solche Worte zurückzuführen, kann man vielleicht eine versteckte Rechtfertigung später auch von Christen verübten Genoziden hier bereits erkennen? Und ist es nicht das, was die Christenheit unter Ausbreitung des Glaubens lange verstanden hat: Menschen zu unterdrücken und zu knechten mit einem aufgezwungenen Glauben, der eigentlich nichts anderes sein sollte als ein Bekenntnis zur herrschenden politischen Macht? Und man muss sich nichts dabei vormachen, dass das mit dazu geführt hat, dass sich in vielen Köpfen diese Sicht auf die Repräsentanz christlicher Religion in der Öffentlichkeit verfestigt hat und die Zahl derer nicht gering ist, die versuchen, alles Christliche aus eben dieser Öffentlichkeit zu verbannen. Da werden christlich orientierte bzw. sich in christlicher Trägerschaft befindliche Kindergärten und Schulen im Grunde als Anstalten begriffen, in denen Kinder, überspitzt gesagt, gehirngewaschen werden. Da werden von verschiedenen Einrichtungen Preise verliehen an unbestritten verdiente ehrenamtliche Projekte, bei denen kirchliche aber ausdrücklich von vornherein ausgeschlossen werden. Oder da wird, wie vor einigen Monaten in Berlin-Kreuzberg und auch schon an anderen Orten beantragt, alle Veranstaltungen, die von den christlichen Kirchen oder anderen religiösen Gruppen organisiert werden, auf öffentlichen Plätzen generell zu untersagen. Da firmiert dann das muslimische Fastenbrechen unter „Sommerfest" oder es werden „Winter-" statt „Weihnachtsmärkte" veranstaltet. Da feiert das bei weiten nicht nur in der DDR gepflegte Feindbild fröhliche Urständ: Religion, gerade auch die christliche, betreibe unter dem Mäntelchen des Friedens doch nichts anderes als Indoktrination und die heimliche Rückkehr zu voraufklärerischen Zuständen und damit auch zu ihrer seinerzeit unangefochtenen Machtposition in der Gesellschaft. Erziehung zu Hörigkeit und Gehorsam statt zu freiem, selbstbewusstem und aufgeklärtem Denken.

Natürlich haben wir als Kirche die gewaltsamen und autoritären Versuche, den Gehorsam des Glaubens unter den Heiden aufzurichten, durchaus kritisch zu betrachten und unsere Anteile daran zu erkennen, dass sich diese Außensicht von Kirche bei vielen noch bewahrt hat - abgesehen davon, dass es natürlich auch genügend Menschen gibt, die sich diese Sicht ja erklärtermaßen und auch wider besseren Wissens bewahren wollen. Wieviel Vulgäratheismus gibt es, der nur von seinem Feindbild lebt und gar nicht weiß, was er eigentlich ablehnt. Schon von daher sollten wir uns genauso auch selbstbewusst feststellen und daran erinnern: War es nicht gerade Paulus selbst, der an dieser Stelle einen entscheidenden Wandel seiner Einstellung erlebt hat? Einer, der aus Opportunität zu den Mächtigen bereit war, die Mitglieder der christlichen Gemeinden von Damaskus gewaltsam zu entführen und nach Jerusalem zu bringen, begegnet eben vor Damaskus demselben Licht am Himmel, das auch die Hirten und die Weisen zur Krippe geführt hat. Einer, der in den folgenden Tagen sich dem Befehl eines anderen unterstellt und ihm zu gehorchen lernt: Jesus Christus und dem Auftrag, wie es in der Bekehrungsgeschichte des Saulus heißt, „seinen Namen zu tragen vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel". Seinen Namen: Jeschua, was soviel heißt wie „Gott rettet". Saulus, nunmehr Paulus, tut dies - nunmehr mit friedlichen Mitteln und auch so, dass er statt Wohlgefallen Hohn und Spott auf sich zieht, ganz im Sinne der Nachfolge dessen, den er nun vertritt. Er nennt das „Gehorsam" - und da mag in Paulus Sprache durchaus etwas vom alten Saulus übrig geblieben sein. Aber das, was er nunmehr damit meint, ist etwas ganz anderes als ein autoritäres Befehlsverhältnis von oben nach unten: Sich eben mit dem, was man vom Christentum als richtig erkannt hat und für sein eigenes Leben tragend und richtungsweisend, nicht vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Auch dann nicht, wenn einem das Ärger einbringt, oder man mit dem in Konflikt gerät, was in unserer Gesellschaft weitgehend als mainstream gilt: seinen Glauben zwar irgendwie haben zu dürfen aber doch bitte nicht darüber zu reden oder öffentlich kundzutun, dass es die daraus gewonnenen Maßstäbe und die daraus gewonnene Orientierung sind, die einen eintreten und sich einsetzen lassen für die eigene Überzeugung und für andere Menschen. Wie sonst ist die regelrechte Diskriminierung des kirchlichen oder anderweitig religiös motivierten Ehrenamts in unserer Gesellschaft zu erklären, das in Sonntagsreden zwar sehr gerühmt wird aber von öffentlicher Förderung weitgehend ausgeschlossen ist? Ich denke, wir müssten dafür als Kirche und als einzelne Christenmenschen noch sehr viel mehr Gespür entwickeln, wo das geschieht und uns aus Angst vor zu erwartendem Ärger nicht darauf zurückziehen, das sei jetzt aber gewaltig übertrieben und man solle doch bitte nicht den Teufel an die Wand malen. Das sind Tendenzen, die wir offen benennen müssen und selbstbewusst genug vertreten müssen, wie eine Gesellschaft ohne Kirchen und ohne christliche Botschaft wohl aussehen oder funktionieren würde. Letztlich ist auch das etwas, was Paulus unter seinen Gemeinden offensiv befördern will: dafür einzustehen, dass gelebter christlicher Glaube in der Öffentlichkeit seine Stimme zu erheben hat. Und dass man der ins Licht, der in die Öffentlichkeit dringenden Menschwerdung Gottes untreu wird, wenn man sich dem entzieht und sich gewissermaßen selbst für überflüssig erklärt. So war es für mich schon mehr als fraglich, als kurz vor Weihnachten öffentlich wurde, das kirchlich-diakonische Übernachtungsangebot in der Oase in der Nürnberger Straße in diesem Winter nicht zu öffnen mit dem Verweis, es gäbe schon genug Plätze bei anderen Anbietern - und damit den Eindruck zu vermitteln, es ginge es auch bei der Kirche nur um irgendeine Form von Unterbringung und dass man mehr inhaltlich nicht anzubieten habe und es auch nicht wolle. Ich denke, haben wir uns Kirche keinen Gefallen damit getan, dieses Angebot zu schnell dranzugeben und so den Eindruck vieler bestätigt zu haben - die Kirche sei in dieser Gesellschaft eben genau eines und nur dies: ersetzbar.

Aber, und da sind wir wieder bei dem Auftrag, der sich mit den Geschichten der drei Weisen, des 12jährigen Jesus im Tempel und dem Aufruf des Paulus verbindet: Weihnachten will und muss an die Öffentlichkeit, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus will immer wieder unter uns Raum greifen und eben auch immer wieder genau dort beginnen, wo sie einmal begonnen hat vor über 2000 Jahren: bei denen draußen vor der Stadt auf dem Felde, dort wo es kalt ist und armselig und hoffnungslos. Das zu betonen, es öffentlich zu machen, gehört, um mit Paulus Worten zu sprechen, zum Gehorsam des Glaubens. Dafür einzutreten, das weihnachtliche Geheimnis der Menschwerdung Gottes, das ein-für alle mal offenbart worden ist, nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen und nicht den zahlreichen Versuchen auch unserer Tage, es zu verschweigen oder schnell abzutun wie einen mittlerweile - ja, zugegeben, lieber Fotograf der LVZ - doch am 5. Januar 2014 schon ziemlich nadelnden und sichtbar der Vergänglichkeit unterworfenen Tannenbaum der Thomaskirche. Also: Einzutreten für das, was in diesem klangvollen hymnischen Schluss des Römerbriefs betont wird wie im Lied der Engel über den Feldern von Bethlehem: Dass dem, der uns stärken kann, allein die Ehre gebührt, dass er allein weise ist und keine menschliche Ideologie der eigenen Größe und Stärke. Den Herodessen dieser Welt, die mit nichts anderem regieren als der Verbreitung von Angst und Schrecken und die nichts anderes im Sinn haben als die Verteidigung der eigenen Machtansprüche durch Gewährung oder Versagung autoritärer Gnade - ihnen ist das Ende schon angesagt, wo Menschen beharrlich dabei bleiben, das zu tun, was Paulus sagt: den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden. So wie es die Weisen aus dem Morgenland getan haben, die sich von einem Herodes nicht haben beeindrucken lassen, sondern sie nach Hause getragen haben: ihre Liebe zu dem Kind, ihre Entlastung von schwerwiegenden Äußerlichkeiten wie Gold, Weihrauch und Myrrhe sowie ihre neugewonnene Weisheit, dass Gott mitten in ihrem Leben ist, in ihrem Glück, in ihrem Leid, in ihrem Tod. So, wie es der junge Jesus getan hat, der sich mit den Grundsätzen der eigenen kulturellen und religiösen Herkunft vertraut macht und sich mit den bestimmenden Autoritäten selbstbewusst auseinandersetzt, die hier bereits ahnen: Er hat recht. So, wie es ein Saulus-Paulus getan hat, der die Lebenswende vom Opportunisten geschafft hat zu einem, der die Angst vor Anfeindungen, Spott und Häme überwinden konnte und das klare Wort nicht gescheut hat. Drei Beispiele also mindestens dafür, das zu tun, was uns in unserem persönlichen Umfeld, in unserer Stadt, in unserer Gesellschaft auch im Jahr 2014 nur gut tun kann. Weihnachten geht weiter, auch wenn und weil die Bäume längst nadeln. Denn der Friede Gottes ist höher als all unsere Vernunft, und er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org