Motette

Motette am 5. Dezember 2014

Max Reger (1873-1916)
Unser lieben Frauen Traum
aus „Acht geistliche Gesänge für gemischten Chor" op. 138
für vier- bis sechsstimmigen Chor

Und unser lieben Frauen, der traumet ihr ein Traum:
wie unter ihrem Herzen gewachsen wär' ein Baum.

Und wie der Baum ein Schatten gäb' wohl über alle Land:
Herr Jesus Christ der Heiland, also ist er genannt.

Herr Jesus Christ der Heiland ist unser Heil und Trost,
mit seiner bittern Marter hat er uns all erlost.

Liebe Gemeinde,
„Machet die Tore weit", „Nun komm, der Heiden Heiland", „Es kommt ein Schiff geladen", was für eine Fülle von Bildern findet sich in diesen alten Adventsliedern, die umschreiben, was Advent heißt: Gott kommt in diese Welt, er macht sich auf den Weg zu uns, zu jedem von uns. Wie kommt Gott in unsere Welt, mitten hinein in unser Leben? Das gerade gehörte Werk von Max Reger, das ein altes Volkslied aufnimmt, gibt darauf eine Antwort: Es beginnt mit einem Traum. Mit einem Traum, dass es möglich ist, dass in diese Welt etwas hinwächst trotz allen Unheils und der Tatsache, dass Menschen wie „unser lieben Frauen", also die junge Frau Maria, im Abseits und im Schatten von Macht und Reichtum leben. Advent beginnt mit dem Traum davon, dass Gottes Saat aufgeht, dort, wo wir leben, auch auf dem kargen Acker unseres Lebens und dass sie sich auch dort durchsetzt, wo ihr Widerstand entgegengesetzt wird. Dass also bei Gott möglich ist, was bei und für Menschen unmöglich ist - für nichts anderes steht das alte Bild von der jungfräulichen Geburt. Es beginnt mit der Sehnsucht, dass auch in mir etwas wächst, neues Leben, neue Möglichkeiten, neue Chancen.

Advent beginnt mit diesem Traum und mit der Sehnsucht danach, die sich in uns meldet und die mit mehr gefüllt werden will als mit Kaufrausch und glühweingetränkte Trinkseligkeit. Alles beginnt mit dem Traum unser lieben Frauen, dass „unter ihrem Herzen gewachsen wär ein Baum" - das uralte Symbol für die verbindende Achse zwischen Himmel und Erde, zwischen dieser und der himmlischen Welt und auch Symbol der Erneuerung des Lebens: aus dem toten Gehölz wächst das Leben neu - gegen allen oberflächlichen Anschein. Dieses Kind, wahr Mensch und wahrer Gott, das da unter dem Herzen dieser jungen Frau heranwächst, wächst weiter zum Baum, der Schatten gibt über alle Land. Der sich ausbreiten will als Schutzschirm vor allem, was uns ausbrennen lässt und was unbarmherzig wie die stechende Sonne auf uns herab kommt.
Darauf warten wir im Advent, wenn wir anfangen zu träumen. Von dem, der diese Welt in ihrer Zerrissenheit aufsucht und uns auffordert, sie mutig zu gestalten in dem Geist, mit dem er kommt Wurzeln schlägt in unserer Welt: Jesus Christus. Hosianna, dem Sohne Davids, von dem, der mit Sanftmut kommt, wie es im Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem heißt, das die heutige erste Motette von Andreas Hammerschmidt aufnimmt. Er kommt mit Sanftmut, aber mit dem Anspruch, der zu sein, der dieser Welt das Heil bringt - uns so hat Sanftmut nichts zu tun mit Weichheit, sondern damit, parteiisch zu sein. Einzutreten für die, die den Durchblick für ihr Leben verloren haben und eine neue Perspektive brauchen. Einzutreten für die, die aufgerichtet werden müssen, denen man unter die Arme greifen muss. Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem steht nicht von ungefähr genau zwischen der Heilung der beiden Blinden von Jericho und der Heilung der Lahmen im Tempel.

Wie ein Baum schirmt er die, denen er begegnet vor den todbringenden Mächten, bietet denen Schutz, die wie er selbst den Kreuzige-Rufen ausgesetzt sind, die man als Last empfindet, weil sie nicht reinpassen in unsere ach so schöne heile Welt. Denen genau das verweigert wird, worauf sie etwa nach monatelanger Flucht voller Angst und innerem und äußeren Elend hoffen: dass ihnen jemand unter die Arme greift und die stattdessen mit Fußtritten empfangen werden, mit Schildern wir vor zwei Wochen in Bad Schandau: „Bitte flüchten Sie weiter, es gibt hier nichts zu wohnen" Er tritt für die auf den Plan, die auf Wohnraum warten müssen, weil die Nachbarn Klage erhoben haben. Wegen dieser menschlichen Abgründe, die in uns allen angelegt sind, kommt er zu uns, um sie zu heilen, um diese ewige Lücke zwischen Mensch und Gott zu schließen.
Vielleicht kennen Sie mittelalterliche Darstellungen wie die von Giovanni da Modena, der Christus an demselben Baum gekreuzigt hängen lässt, von dem Adam und Eva die Frucht des Sündenfalls aßen. Die Wunde wird genau dort geheilt, wo sie entstanden ist. An der menschlichen Abgründigkeit, die dem Ungeist des Hasses, des Neides und der Abgrenzung immer wieder Raum gibt. „Mit seiner bittern Marter hat er uns all erlost.", so heißt es in der letzten Strophe von „Unser lieben Frauen Traum" Wo wir anfangen, davon zu träumen, dass unsere Heilung möglich ist, wo wir uns danach sehnen und beginnen, etwas von dem Geist dessen umzusetzen, der da kommt - da leben wir im Advent und dürfen Großes erwarten. Amen.

Gebet
Unser Gott, wir sind mitten im Advent und warten auf Dein Kommen. Wir bitten Dich für die, die nicht mehr träumen können, die das Hoffen verlernt haben und die sich zufrieden geben und sich abspeisen lassen mit dem Vorfindlichen, und für die, die das Gefühl ihrer inneren Leere betäuben müssen. Wir bitten Dich um offene Herzen und Sinne für die, die bei uns Schutz suchen, Unterkunft und Menschenfreundlichkeit. Hilf uns, sie nicht zu enttäuschen. Darum bitten wir Dich, wenn wir gemeinsam sprechen: Vaterunser...

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org