Motette am 21. September 2013

In dieser Motette wurde neben der Kantate "Ach, lieben Christen, seid getrost" BWV 114 die Vertonung des "Poetischen Kommentars" von Coralo Moosbach zu dieser Kantate durch Thomaskantor Georg Christoph Biller uraufgeführt.

 

Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
Ach, lieben Christen, seid getrost
Kantate zum 17. Sonntag nach Trinitatis, BWV 114

Georg Christoph Biller (*1955, Thomaskantor seit 1992)
Frieden machen
Kleine Kantate nach einem Poetischen Kommentar von Carola Moosbach zur Bach-Kantate BWV 114
- Uraufführung -

Ansprache

Zunächst erscheint sie uns in ihren Gedankengängen fremd, die Kantate "Ach, lieben Christen, seid getrost". Denn weder werden die meisten unter uns in den Anfechtungen, denen wir ausgesetzt sind, eine verdiente Strafe Gottes sehen wollen (so wie das im Bass-Rezitativ zum Ausdruck gebracht wird), noch vermögen wir im Tod das Durchgangsstadium zur Freiheit zu erkennen. Dazu erleben wir Krankheit und Sterben als viel zu zerstörerisch und bedrohlich. Und angesichts der medizinisch-technischen Möglichkeiten gerät die Vergänglichkeit des Lebens mehr und mehr aus dem Blick. Für immer mehr Menschen ist der Tod lediglich das Tor zum Nichts. Dass wir aber mit dem Sterben zu dem zurückkehren, woher wir kommen: zu Gott, dass also unser Leben ein Ziel hat und wir davon müssen - dieser Gedanke aus dem Tenor-Rezitativ ist heute eher unzeitgemäß.

Doch eine Frage dürfte uns vertraut sein, nämlich die aus der Tenor-Arie:
Wo wird in diesem Jammertale
Vor (also: für) meinen Geist die Zuflucht sein?
Ja, wie bekomme ich all das auf die Reihe, was an Schrecken täglich auf mich einstürmt und mein Leben in den Grundfesten erschüttert: Wie ordnen wir das grauenhafte, aber längst aus den Schlagzeilen geratene Flüchtlingselend in Syrien ein, und wie die Waffenexporte, mit denen Geschäfte gemacht und Konflikte angeheizt werden? Und was, wenn ich Zeuge eines tödlich verlaufenden Fahrradunfalls werde? Was, wenn mein Kind in die Unerreichbarkeit des Drogenkonsums gerät? Was also muss ich tun, damit ich an den kleinen und großen Ungerechtigkeiten und Schweinereien nicht verzweifle und am Ende genau in der Sackgasse lande, aus der heraus mich das Elend der Welt anspringt.

Johann Sebastian Bach verleiht der sehnsuchtsvollen Frage danach, wo ich Ruhe finden und Ermutigung gewinnen kann, in der Tenor-Arie eine besondere Intensität - und unterstreicht damit, dass die Suche nach Trost für jeden Menschen von elementarer Bedeutung ist. Es ist wohl kein Zufall, dass die kleine Kantate "Frieden machen", deren Uraufführung wir heute hören werden, sowohl textlich wie musikalisch an diese Arie anknüpft. Der "poetische Kommentar" zur heutigen Kantate von Carola Moosbach beschreibt, was viele Menschen erleben: Schon am Morgen Schmerzen, zumindest im Kopf; Wut darüber, dass Geist und Körper nicht so funktionieren, wie wir uns das wünschen; und dann am Abend und in der Nacht die Alpträume: wie meine Schwäche zur Einflugschneise für Verbitterung wird; und dann nach einer von Angstschweiß durchtränkten Nacht wieder das schmerzhafte Pochen gegen die Schädeldecke. Wie aus diesem Teufelskreis einen Ausweg finden?

Da ist zunächst der ganz einfache, säkulare Gedanke: Eigentlich darf mir das gar nicht passieren. Denn im Gegensatz zu anderen lebe ich nicht falsch, ernähre ich mich richtig, nehme als Bürger meine Verantwortung wahr, bin in meinem Denken und Glauben gesund. Eigentlich stehen einem Krankheit und Unglück doch nur dann ins Haus, wenn man falsch lebt. Und in der Tat: Die Kantate "Ach, lieben Christen, seid getrost" deutet im Bass-Rezitativ das falsche Leben als Sünde und Krankheit als Folge der Schuld. Doch gegen diese zweifelhafte Schlussfolgerung setzt Carola Moosbach ihr
falsch gedacht
im Sopran-Rezitativ. Damit verschiebt sie die Akzente und hat die biblische Geschichte von der Heilung eines Wassersüchtigen auf ihrer Seite. Es liegt nicht am falschen Leben, nicht an dem, was wir Sünde nennen, dass ein Mensch von Schmerzen geplagt ist. Vielmehr ist das Elend der menschlichen Existenz, sind Krankheit und qualvolles Sterben, Teil des Lebens und zwar unabhängig davon, wie ein Mensch lebt.

Diese Korrektur ist wichtig. Denn wir stehen immer in einer doppelten Gefahr: zum einen meinen wir, als anständige Menschen für uns selbst einen Anspruch auf Gesundheit und langes Leben reklamieren zu können. Zum andern wird Krankheit nach wie vor auf falsches Leben zurückgeführt, wie dies in der Debatte über die Finanzierung des Gesundheitssystems ständig der Fall ist. Beides ist aber Ausdruck von Hochmut. Und nun wird deutlich: Krankheit ist nicht dazu da, ein sündiges Leben zu offenbaren und zu bestrafen, sondern Heilung zu ermöglichen. Heilung aber bedeutet nicht, unsterblich zu werden, sondern mit der Krankheit, mit den Verwerfungen, mit den Widersprüchen, mit der Endlichkeit getrost leben zu können - und zwar so, dass jetzt schon das sichtbar wird, was erst noch kommt.

In diesem Sinn erübrigen sich alle Warum-Fragen. Und zum Vorschein kommt die Erkenntnis, ohne die wir nicht verantwortlich leben können: Gott setzt unserem Leben Grenzen. Aber mit dem Sterben löst er diese auf. Mit dem Sterben erlange ich die Freiheit, nach der ich hier auf Erden vergeblich suche:
Du machst, o Tod, mir nun nicht ferner bange,
Wenn ich durch dich die Freiheit nur erlange,
Es muss ja so einmal gestorben sein.
heißt es in der Alt-Arie der Bach-Kantate.

Erst wenn wir dies akzeptieren, werden wir zum einen von der Hybris befreit, um jeden Preis das Leben zu verlängern und - wenn dies nicht gelingt - es achtlos wegzuwerfen; zum andern aber gewinnen wir den Trost, der uns trotz aller Einschränkungen verantwortlich leben lässt - mit einem Ziel vor Augen: Gottes neue Welt. Amen.

Gebet

Gott, unser Vater,
dir verdanken wir unser Leben,
und zu dir kehrt es wieder zurück.
Die Zeit können wir nicht bestimmen.
Aber wir bitten dich:
Lass uns in allem, was uns widerfährt,
den Keim des Guten erkennen,
aus dem die Hoffnung
auf deine neue Welt erwächst.
Lass uns jetzt schon dem dienen,
was du uns mit Jesus Christus verheißen hast:
Frieden und Gerechtigkeit.
Lass uns darin Trost im Leben und im Sterben finden.
Mit Jesu Worten beten wir:
Vater unser ...

Christian Wolff
Pfarrer an der Thomaskirche
Symbol E-Mail-Link wolff@thomaskirche.org