Motette zum Schuljahresschluss am 12. Juli 2013

Am letzten Schultag findet auch die letzte Motette vor der Sommerpause mit dem Thomanerchor statt - ein jedes Jahr herausragendes Ereignis in einer überfüllten Thomaskirche. In der Motette werden die meisten Stücke vom Präfekten dirigiert, in diesem Jahr vom Thomaner Robert Pohlers.

 

Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1685-1750)
Der Geist hilft unser Schwachheit auf
Motette für zwei vierstimmige Chöre, BWV 226

Robert Pohlers (*1994, Thoman er 2006-2013)
Kyrie
für vierstimmigen Chor

Ansprache

„Wem können wir noch vertrauen?" Diese Frage haben wir schon vor Monaten als Thema der diesjährigen Thomanerrüstzeit gewählt - damals nicht ahnend, wie aktuell das Thema inzwischen geworden ist. Wir wollten damit eine Frage aufgreifen, die vor allem Kinder und Jugendliche bewegt. Sie suchen in der Regel eines: Menschen, auf die sie sich verlassen können; die glaubwürdig sind; die ihre Meinung nicht nach dem Wind richten; die aushalten, dass sie auch einmal in Minderheit geraten; die zusammenhalten und ihnen Sicherheit verleihen. Auch Frank Plasberg fragte vor einigen Wochen in seiner Sendung „Hart, aber fair": „Ausgerechnet Hoeneß - Wem kann man jetzt noch trauen?" Da war gerade ein prominenter Manager, der an andere hohe moralische Maßstäbe angelegt und sich als eine Art außerparlamentarischer Führungsinstanz verstand und deswegen von Millionen Menschen geschätzt wurde, tief gestürzt. Und wenn wir an die globalen Schnüffelaktionen der Geheimdienste im Internet und deren politische Rechtfertigung denken, dann soll da offensichtlich das auf Lenin zurückgehende, alle Menschlichkeit zerstörende Herrschaftsmittel „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" zur Verfassungsmaxime erhoben werden.

Auch die beiden Thomaner, die beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Bachfestes eine wohl formulierte Stellungnahme zur Auseinandersetzung um die Grundschule forum thomanum verlasen, warfen die Frage auf: Auf wen ist eigentlich Verlass? Und sie klagten ein, dass Politiker zu ihrem Wort stehen sollen. Sie taten dies nicht geheim oder die Anonymität des Netzes nutzend sondern offen coram publico. Dafür von dieser Stelle noch einmal: Danke für eure mutigen Worte und die Initiative, aus unberufenem Munde uns Erwachsenen einen Spiegel vorzuhalten. Danke dem Oberbürgermeister, der das Gespräch mit den Thomanern suchte und Vertrauen neu aufbauen konnte. Danke dafür, dass es eben doch nicht folgenlos bleibt, wenn junge Menschen wie ihr über Jahre immer wieder davon singen:
Der Geist hilft unser Schwachheit auf
oder
Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir.
Weiche nicht, denn ich bin dein Gott.
oder
Kyrie eleison
wie wir es nachher in einer Vertonung des scheidenden Präfekten Robert Pohlers hören werden.

Aber nun ist das Tragische, dass jeder von uns schneller, als er oder sie denken, in eine Vertrauens-, eine Glaubenskrise geraten oder diese auslösen kann - auch ich, auch der Thomaskantor, auch ihr Thomaner, spätestens dann, wenn ihr als Obere Verantwortung für die Jüngeren übernehmt und Vertrauen und Opportunität in Widerstreit liegen. Darum richtet sich die Frage eben nicht nur an die Politiker, an die Prominenten, die Lehrer. Vielmehr wird jeder von uns mit der Frage konfrontiert: „Kann ich dir noch vertrauen?" In einem Raum wie diesem, in einer Kirche, ist uns allerdings eine Antwort verwehrt, zu der wir allzu schnell greifen, wenn wir auf vergangene und gebrochene Vereinbarungen angesprochen werden, wenn ans Tageslicht kommt, was im Geheimen rumort: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern." Nein, mein Wort, das ich einmal gegeben habe, hat ein bleibendes Gewicht. Denn darauf haben sich Menschen verlassen, haben davon Entscheidungen abgeleitet und ihre Zukunft aufgebaut.

Morgen werden Pfarrerin Taddiken und ich in der Thomas- und Lutherkirche drei Paare kirchlich trauen. Auch da steht die Frage an: Können wir uns aufeinander verlassen? Kann ich dir vertrauen, so dass wir uns trauen lassen? Die Paare werden aller Voraussicht nach die Fragen bejahen. Aber wie lange wird ihr Versprechen halten? Eine Frage, die sich in der Ehe genauso stellt wie in der Partnerschaft ohne Trauschein, in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung genauso wie in einer heterosexuellen Gemeinschaft. Eine Frage also, die uns alle angeht und sich in allen Lebensbezügen wiederholt. Da können wir uns nicht einfach herausreden: Was kümmert's mich, dass ich einmal versprochen habe, in guten und schweren Zeiten zusammenzubleiben. Nein - das JA-Wort ist wie eine Brücke über alle Brüche und Verwerfungen hinweg. Wenn wir aber Vereinbarungen nicht mehr belasten können, dann wird das Zusammenleben, auch ein gerechtes und soziales Miteinander in einer Gesellschaft, sehr, sehr schwierig. Jeder, der mit Kindern und Jugendlichen einen Umgang pflegt, weiß, dass sich Kinder auf das Wort von Erwachsenen verlassen wollen - Gott sei Dank. Umso ernüchternder, wenn das Vertrauen aufgekündigt oder noch schlimmer: wenn Vertrauen als dem persönlichen Erfolg oder der politischen Opportunität hinderlich einfach beiseite geschoben wird. Das geht dann so weit, dass ich Menschen, die etwas anders aussehen, nur noch mit Misstrauen begegne - und dieses auch noch geschürt wird. Wohl gemerkt: Niemand kann von sich behaupten, dass er Vertrauen niemals bricht. Aber es kommt darauf an, wie wir mit einem solchen Versagen umgehen, ob wir es überhaupt so bezeichnen.

Darum stellen wir uns nur für einen Moment vor, Der Gott, in dessen Namen wir uns versammeln, würde mit uns Menschen so umgehen, wie wir es uns gegenseitig zumuten. Stellen wir uns vor, Gott würde trotz seines Versprechens an Noah, diese Welt nicht untergehen zu lassen, sagen: „Sorry, aber das mit der Schöpfung war ein Irrtum, den ich korrigieren muss." - und dann kommt der große Knall. Stellen wir uns vor, Gott würde alle Zusagen, die er uns mit Jesus Christus geschenkt hat, zurückziehen: die Zusage der Gnade, der Vergebung, der Liebe. Stellen wir uns vor, Gott würde sagen: „Jesu Auferstehung und Himmelfahrt? Bedeutungslos, denn ich wollte Jesus nur aus dem Verkehr ziehen. Die Hoffnungen, die ihr damit verbindet, gehen ins Leere." Stellen wir uns also vor, das, wovon wir singen, woran wir glauben, sei alles nur bloßer Schein - was wäre dann mit unserem Leben? Was wäre dann mit all den Visionen von Gerechtigkeit und Frieden, mit glauben, singen, lernen? Dann hätten alle die recht, die voller Sarkasmus von der Sinnlosigkeit gegenseitigen Vertrauens ausgehen und die Verlogenheit zum Prinzip erheben; die im Nächsten nur noch den potentiellen Konkurrenten oder Feind sehen; die ausschließlich auf Sicherheit, aber nicht mehr auf Zuwendung setzen. Dann hätten die recht, die alles zu kontrollieren, zu beherrschen versuchen. Dann hätten die recht, die auf Wahrhaftigkeit keinen Wert mehr legen.

Nun wollen wir aber nach wie vor auf ein Vertrauen setzen, das sich vom Gottvertrauen, also von der Einsicht, nicht alles selbst im Griff zu haben, ableitet und das uns ein Lebensfundament verleiht. In jeder Motette künden wir von diesem Vertrauen. Mit jedem Gesang bekräftigen wir das JA Gottes zu unserem Leben. Und mit jedem Lied bitten wir um Gottes Geist, der uns darin gewiss werden lässt, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will. Was, wenn wir von diesem Vertrauen nichts mehr zu künden wissen? Was, wenn Gottvertrauen als Bedrohung für Kinder und Jugendliche angesehen wird und aus dem Erziehungs- und Bildungskanon gestrichen wird? Was antworten wir dann auf die Frage: „Wem können wir noch vertrauen?" Das ist die Frage, die am Ende dieses besonderen Schuljahres bleibt. Es liegt an uns, eine glaubwürdige Antwort zu finden. Nutzen wir die Zeit und rufen wir dazu Gottes Geist an. Amen.

Gebet

Gott, unser Vater,
wir danken dir für das Vertrauen,
mit dem du uns begegnest,
mit dem du uns Ängste nimmst
und Leben erneuerst.
Wir bitten dich,
stärke jeden Tag neu dieses Vertrauen
und unseren Glauben.
Lass uns in diesem Vertrauen
das Leben gestalten
in unserer Stadt und in unserem Land,
in den Familien, in unserer Gemeinde.
Lass uns auf die Menschen zugehen,
die uns fremd sind.
Schenke uns deinen Geist,
der zur Wahrhaftigkeit führt.
Und wenn wir jetzt auseinander gehen,
dann bewahre und beschütze unser Leben.
Mit Jesu Worten beten wir
Vater unser im Himmel ...

Christian Wolff
Pfarrer an der Thomaskirche
wolff@thomaskirche.org