Motette am 06. April 2013

Kantate "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" BWV 12

 

Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen
Kantate zum Sonntag Jubilate, BWV 12

Ansprache

Anlass zum Weinen und Klagen, zu Sorgen und zum Zagen haben wir genug. An himmelschreiendem Unrecht, an Erfahrungen des Leidens, der Ohnmacht und des Scheitern herrscht leider kein Mangel. Wie an einem Tränenbrot kauen wir an dem, was an unerfüllten Wünschen hinter uns liegt und an unerledigten Aufgaben auf uns lastet. Wir würgen herunter, was unvermeidlich, und spucken aus, was unverdaulich ist. Aber weinen wir noch? Bringen wir es noch zur Klage? Schreien wir unsere Ängste und Nöte noch hinaus? Regen wir uns noch auf über die großen und kleinen Ungerechtigkeiten und Schweinereien - so wie sich hoffentlich viele Bürgerinnen und Bürger bei der Lektüre der Leipziger Volkszeitung aufgeregt haben, die über die neueste Posse in Sachen neue Universitätskirche St. Pauli berichtete und zu lesen war, dass der Kustos der Universität nun auch die Aufstellung der historischen Kanzel verhindern will, und die in einem weiteren Artikel berichtete, dass Stadträte mit deutlich antikirchlicher Attitüde den Aufbau des musikalischen Bildungscampus forum thomanum, im Jubiläumsjahr noch feierlich eingeweiht, hinterreiben wollen. Oder sind wir schon so abgebrüht, so gleichgültig geworden, so übersättigt vom Tränenbrot, dass wir aus der Not eine zweifelhafte Tugend machen - uns mit Spaß, Zynismus und dem Bazillus Gleichgültigkeit zuschütten und unsere wahre Befindlichkeit allerhöchstens anonym in Internetforen oder Umfrageergebnissen zum Tragen kommen lassen.

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Weder will ich eine dem christlichen Glauben oft vorgeworfene Leidensstimmung erzeugen, noch möchte ich in ein Lamento darüber einstimmen, dass an den Ungerechtigkeiten und Schlechtigkeiten sowieso nichts zu ändern ist. Natürlich ist sehr viel zu ändern! Denn mit der folgenden Kantate von Johann Sebastian Bach werden wir aufgefordert, uns sehr wach, füreinander einstehend und fürsorgend den Nöten der Menschen zuzuwenden. Bach macht mit musikalischen Mitteln deutlich, dass dies keine vergebliche Mühe darstellt. Mitten im seufzenden Lamento des Eingangschores lässt er die Zeile
die das Zeichen Jesu tragen
wie eine aufmunternde Ermutigung zur christlichen Existenz im Alltag vom Chor singen. Hinter aller Klage und allem Zagen kommt eine Lebensfreude zum Vorschein, die es nicht nötig hat, Missstände zu verdrängen bzw. sich darin wohlig einzurichten.

Damit ist der Zusammenhang angedeutet, der dann vor allem im folgenden Alt-Rezitativ und in der Alt-Arie entfaltet wird:
Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen
Wer über den Tellerrand seines Lebens blickt, wer die Verheißungen Jesu als sinnvolle Lebensziele annimmt, für den wird unerträglich, womit sich andere allzu schnell abfinden: Bereicherung, aggressive Selbstbehauptung, soziale Verelendung, Vergewaltigung der Gewissen, Zerstörung der Lebensgrundlagen. Mögen andere davor den Kopf in den Sand stecken - ein Christenmensch schließt damit keinen Frieden. Er bleibt - weil auf Gottes Reich hoffend - ein getrösteter, aber grundsätzlich unzufriedener Mensch.

Dieser Zusammenhang wird in der Alt-Arie gedeutet:
Kreuz und Kronen sind verbunden,
Kampf und Kleinod sind vereint.
Aktive Anteilnahme am Leiden der Menschen, engagiertes Einstehen für Recht und Gerechtigkeit, leidenschaftlicher Protest gegen jede Form von Menschenverachtung und: die Hoffnungskraft des Glaubens, die tiefe Freude darüber, dass Gott mich den Katastrophen dieser Welt nicht hilflos ausliefert, sind keine Gegensätze. Beides ist möglich und notwendig: Kampf und Kontemplation; Klage und Lobpreis; Widerstand und Ergebung.

Nun unterlegt Bach den gar nicht selbstverständlichen Aufruf
Sei getreu
in der Tenor-Arie mit dem von der Trompete gespielten Choral „Jesu, meine Freude". Und man wird dabei vor allem an die 2. Choralstrophe zu denken haben:
Unter deinem Schirmen
bin ich vor den Stürmen
aller Feinde frei.

Der Schutz Gottes aber macht Unrecht und Leid weder ungeschehen noch unsichtbar noch unmöglich. Doch gibt er uns die Möglichkeit, mitten im beklagenswerten Zustand dieser Welt die Zeichen Jesu aufzurichten. Es besteht kein Anlass, uns ängstlich aus den Auseinandersetzungen um sinnvolles Leben herauszuhalten. Der Glaube ermöglicht uns das, was nicht nur Christen abverlangt werden sollte: Aufmerksamkeit und Zivilcourage. Dazu haben wir jeden Tag Gelegenheit - wenn es darum geht, für die Werte einzustehen, ohne die ein menschliches Miteinander nicht möglich ist: Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Anerkennung eines jeden Menschen als Geschöpf Gottes, Erinnerung an Gottes Recht und Gerechtigkeit.

Und auch dabei können wir die Erfahrung machen, von der im Schlusschoral der Kantate die Rede ist: Im rauen Klima gesellschaftlichen Lebens finde ich mein Zuhause in der Geborgenheit des Glaubens:
Es mag mich auf die rauhe Bahn
Not, Tod und Elend treiben,
so wird Gott mich
ganz väterlich
in seinen Armen halten

Gebet

Gott, unser Vater,
du lässt aus allem Leid
neue Hoffnung wachsen.
Darum können sich unser Weinen und Klagen
verwandeln in tätige Anteilnahme
und aktives Eintreten
für die Lebenszeichen,
die Jesus unter uns aufgerichtet hat.
Wir danken dir und bitten
um die Zivilcourage des Glaubens.
Vater unser im Himmel ...

Christian Wolff
Pfarrer an der Thomaskirche
wolff@thomaskirche.org