Motette am 05. April 2013

Jesus und Nikodemus

 

Ernst Pepping (1901-1981)
Jesus und Nikodemus
Evangelienmotette für vierstimmigen Chor a cappella

Ansprache

Entscheidende Fragen fallen uns meistens nachts ein. Dann wenn wir nicht einschlafen können oder plötzlich in Schweiß gebadet aufwachen, dann wird die Nacht zur Stunde der Wahrheit. So ist das auch bei Nikodemus, einem älteren Herrn, der weise und fromm zugleich ist. In seiner nächtlichen Begegnung mit Jesus - Grundlage der Evangelienmotette von Ernst Pepping - kommt das zum Vorschein, was ihn und viele Menschen umtreibt: die Suche nach einem sinnerfüllten Lebensziel.

Bei Tage sind wir Menschen dazu nicht in der Lage. Denn bei Tage müssen wir funktionieren, unserer Rolle gerecht werden. Da können wir uns nicht lange aufhalten mit Fragen, die wir der Glaubenswelt zuordnen. Dazu fehlt uns die Zeit. Doch in der Nacht steigen sie auf, die bohrenden Fragen und die Zweifel am Sinn des Lebens. Das Bett gerät zum Beichtstuhl. Nikodemus entspringt diesem und nähert sich Jesus - zunächst mit einem Kompliment:
Meister ... du bist ein Lehrer von Gott gekommen.
Jesus geht darauf nicht ein. Er lenkt mit seiner Antwort den Nikodemus auf sich selbst zurück:
Ich versichere dir: nur wer von neuem geboren wird, kann in Gottes neue Welt kommen.
Nikodemus, ganz der Intellektuelle, übernimmt mit seiner Rückfrage wieder die Rolle des Tag-und Tatmenschen:
Wie kann ein erwachsener Mensch noch einmal geboren werden?
Dahinter steht ein uns sehr vertrauter Zweifel: Sind Neuanfänge wirklich möglich? Gibt es so etwas wie die Stunde Null? Und: Ist Umkehr nicht auch ein Zeichen von Schwäche? Bei Nikodemus kommt noch eines hinzu: Er hat eigentlich keinen Grund, mit seinem Leben unzufrieden zu sein. Er ist erfolgreich, angesehen und klug. Warum soll er eine neue Existenz annehmen?

Doch Jesus geht es beim Stichwort Wiedergeburt um eine Grundeinsicht, die wir oft nicht wahrhaben wollen: Die Erfüllung deines Lebens hast du nicht selbst in der Hand. Du wirst dich daran - fremdbestimmt und ohne Erfolg - abarbeiten. So wie ich mein eigenes Leben nicht durch mich selbst erworben habe, nicht mir selbst verdanke, so ist auch die Wiedergeburt, die Erneuerung meines Lebens kein Willensakt von mir, sondern eine Tat des lebendigen Gottes. Es ist der Geist Gottes, der mir neues Leben einhaucht. Es ist seine Stimme, die mich bei meinem Namen ruft „Du bist mein". Dadurch wird ein neuer Mensch geschaffen und dadurch wird mir alle Lebensangst genommen, die mich vor allem des Nachts beschleicht.

Ob der Mann Nikodemus das verstanden hat? Ob er sein Gespräch mit Jesus als ein Neugeborenwerden erleben konnte? Wir wissen es nicht. Aber wir begegnen diesem Nikodemus noch zwei Mal im Johannesevangelium: Einmal im Sitzungszimmer des Hohen Rates, der über Jesus zu Gericht saß (vgl. Johannes 7). Nikodemus weigert sich, Jesus vorschnell zu verurteilen, und zusammen mit Josef von Arimathäa trägt er für ein würdiges Begräbnis des Leichnams Jesu Sorge (vgl. Johannes 19).

All das zeigt: Nikodemus ist seit der Nacht von Jesus und seiner Botschaft nicht mehr losgekommen, obwohl er dort kein dramatisches Bekehrungserlebnis erfuhr oder auf einen esoterischen Trip geriet. Er blieb der alte, höflich fragende Mann, der auch nicht viel stärker war, als die Verhältnisse, die ihn prägten. Und doch hatte sich in seinem Leben Entscheidendes geändert. Denn an ein paar Stellen handelte er anders, als man es von ihm erwarten konnte. An ein paar Stellen war zu spüren, dass Gottes Geist in ihm wirkte. An ein paar Stellen war er sogar stärker als die Anhänger Jesu. Die machten sich alle aus dem Staub, als Jesus zum Tode verurteilt wurde und vermochten noch nicht einmal ihm die letzte Ehre erweisen.

Neugeborenwerden - es ist gut, wenn wir dahinter nicht mehr und nicht weniger vermuten, als Nikodemus erfahren hat:
• Des Nachts nach der Wahrheit und nach glaubwürdigem Leben suchen und dabei alle Selbstsicherheit verlieren und ins Grübeln kommen, anstatt sich zuzuschütten oder zuzudröhnen.
• Durch Gottes Geist dem gewohnten Trott entrissen werden, um am Tage, dann wenn es darauf ankommt, dann wenn sich alle Kompromisse verbraucht haben, der Sache Jesu und dem Nächsten zu dienen.
Mit dieser Erfahrung können wir dann auch die entscheidende Botschaft des Glaubens weitertragen, die immer wieder unter die Räder der Ratio gerät, die wir aber mit der Auferstehung Jesu von den Toten in dieser Osterzeit feiern: Dann, wenn alles andere abgewirtschaftet hat, kann das Leben dennoch neu beginnen. Amen.

Gebet

Gott, unser Vater,
auf der Suche nach Glaubwürdigkeit,
nach erfülltem Leben,
nach verlässlichem Sinn
bitten wir um Erneuerung
unserer Gedanken, unseres Glaubens,
unserer Hoffnung.
Öffne unsere Herzen
für deinen guten Geist,
damit unser Lebenshunger
und Seelendurst gestillt werden können
durch Jesus Christus,
unseren Bruder und Herrn.
Mit seinen Worten beten wir zu dir

Vater unser im Himmel ...

Christian Wolff
Pfarrer an der Thomaskirche
wolff@thomaskirche.org