Predigt über Offenbarung 3,14-22

Im Gottesdienst am Buß- und Bettag, 21. November 2012, predigte Dr. Margot Käßmann. Der Gottesdienst war der Auftakt zum Aktionstag "anders wachsen".

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann | Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017

Evangelische Kirche in Deutschland | Charlottenstraße 53–54 | D-10117 Berlin

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Gottesdienst zum Thementag „anders wachsen“

Thomaskirche Leipzig

Buß- und Bettag, 21. November 2012

Offenbarung 3,14-22

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Gemeinde,

Deutschland geht es gut. Griechenland mag pleite gehen, gar Frankreich Probleme haben,

aber wir doch nicht. Wenn wir uns umschauen in der Welt, spielen wir in der allerersten Liga!

Die Arbeitslosenzahlen sind in einem Bereich, um den uns viele Nationen beneiden. Großer

technologischer Fortschritt prägt unsere Industrie. Auch in der Forschung zählt deutsche

Wertarbeit. Rüstungsexporte steigen stetig! Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen

halten sich in Grenzen. Streiks kennen wir selten und wenn, dann einigen sich Gewerkschaften

und Unternehmer schon auf eine für alle akzeptable Art. Alles klar in Deutschland!

So ähnlich haben sich die Menschen in Laodizea vor fast 2000 Jahren gefühlt. Eine erfolgreiche

Stadt, Mittelpunkt der Heilkunde. Eine stolze und unabhängige Bevölkerung. Nach

einem Erdbeben im Jahr 61 weist sie römische Hilfe zurück mit den Worten: „Ich bin reich

und brauche nichts“. Es ist alles gut in Laodizea. An diese stolze Stadt ist einer der sieben

Briefe der Offenbarung des Johannes gerichtet, der Predigttext für den heutigen Buß- und

Bettag. Es heißt in der Offenbarung des Johannes im 3. Kapitel, die Verse 14 ff.:

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue

und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass

du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist

und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du

elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst,

das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie an-

ziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen

zu salben, damit du sehen mögest.

Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue

Buße!

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Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und

die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er

mit mir.

Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich

überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren

hat, der höre, was der Geist der Gemeinden sagt.

Ach, so ein Brief, der könnte wohl auch an Deutschland heute geschrieben sein. Stellen wir

uns das vor BILD Seite 1 oder meinetwegen auch FAZ Seite 1: Wenn du doch wenigstens

warm oder kalt wärest, liebes Deutschland. Wenn du doch sehen könntest, dass du einer

Selbsttäuschung unterliegst. Weißt du nicht, dass du jämmerlich und bloß bist?

- Hinter der Fassade stehen 148 Menschen, die nach Recherchen der ZEIT zwischen

1990 und 2011 durch rechtsradikale Täter ermordet wurden!

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Wo bleibt der Aufschrei?

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Vgl. www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/todesopfer-rechter-gewalt.

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weiter fliegen und fahren können? Laufen wir damit nicht vielleicht doch auch vor unserem

Leben weg?

Doch, es gibt die Nachdenklichen im Land. Die sich nicht permanent ablenken und zulullen

lassen. Wie sagte der Friedensbewegte Siegmund Schultze: Wir dürfen uns nicht in die Verantwortungslosigkeit

hineinschläfern lassen!!! Jeder und jede von uns kennt zumindest diese

kurzen Phasen, in denen wir denken: so kann es nicht weitergehen. Jemand muss das aufhalten.

Das muss geändert werden!

Buße heißt Umkehr. Martin Luther hat gleich in der allerersten seiner 95 Thesen, deren Entstehung

nun fast 500 Jahre her ist, sehr deutlich gemacht, was das bedeutet: „Da unser Herr

und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das

ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Buße ist also nicht ein einmaliger Akt, sondern

ein steter Prozess. In unserem Leben sollen wir uns immer wieder fragen, wo wir in die Irre

gegangen sind, Schuld auf uns geladen haben, wo es gilt, neue Wege zu finden. Gott traut

uns solche Umkehr zu, das finde ich ungeheuer tröstlich. Buße ist auch ein Akt der Freiheit,

wir können uns ändern und unsere Welt dazu. Deshalb ist Buße gerade nicht der drohend

aufgerichtete Zeigefinger, sondern Lebenszusage. Weil uns in der Taufe Gottes Liebe zugesagt

ist, hat Luther die Buße auch nicht als Sakrament gesehen. Die Taufe und das Abendmahl

sind für ihn die entscheidenden Sakramente, weil Jesus sie selbst eingesetzt hat.

Wenn wir in die Irre gegangen sind, können wir uns auf die Taufe rückbesinnen. „Baptizatus

sum“, ich bin getauft, damit hat Luther sich manches Mal getröstet. Und im Abendmahl erfahren

wir immer neu Gottes Zusage und Lebensbeistand. Nein, das ist kein drohendes, sondern

ein tröstliches Gottesbild.

Das begreifen schon Kinder. Es gibt die schöne Geschichte von einem Pfarrer, der sich ärgert,

dass Kinder ständig die schönsten Äpfel aus seinem Garten stehlen. Also stellt er ein

mahnendes Schild auf: „Gott sieht alles!“. Die Kinder aber haben offenbar begriffen, was Lebenszusage

Gottes bedeutet und schreiben darunter: „Aber Gott petzt nicht!“ Ein gutes Gottesbild,

finde ich. Gott weiß, was wir tun. Unsere Abgründe und Irrwege, unsere Schuld und

Scham können wir vor Gott nicht verbergen. Aber Gott wird uns nicht darauf festnageln, sondern

ermöglicht Buße, Umkehr, Veränderung. Es geht nicht um ein Büßen im Sinne von bestraft

werden, sondern um Hinwendung zu Gott, der uns neue Anfänge gewähren will. Das

ist die Erfahrung von echter Freiheit.

Bußtage gab es für die Evangelischen von Anfang an, staatlich ausgerufen oder kirchlich

angeordnet, Schon 1546 findet sich in Frankfurt der Bußtag mittwochs als Predigtgottesdienst

mit erweitertem Gebet. 1878 gab es in 28 deutschen Ländern 47 verschiedene Bußtage

an 24 verschiedenen Tagen. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der jährliche Bußtag,

1852 schlug schließlich die Eisenacher Konferenz den Mittwoch vor dem letzten Sonntag

des Kirchenjahres vor.

Ja nun, will sie uns eine Geschichte des Bußtages liefern heute, werden sie fragen. Nein,

nicht die ganze, aber sich diese Geschichte bewusst machen, das ist schon wichtig und

spannend, denke ich. Wir sind heute dabei, viele Traditionen leichtfertig über Bord zu werfen.

Und gleichzeitig wird gejammert, die Werte gingen verloren. Da besteht doch ein Zusammenhang.

Bundesweit wurde der Bußtag als Feiertag abgeschafft im Namen des Wirt

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schaftswachstums und der Pflegeversicherung – ich halte das für einen großen Fehler.

Glückwunsch an Sachsen, dass sie es gewagt haben, den Feiertag beizubehalten!

Der Buß- und Bettag hatte immer einen öffentlichen Anspruch. Die Kirche hat der Welt, die in

der Gefahr ist, Gottes Gebot zu vergessen, die Botschaft auszurichten, dass das Leben von

Staat und Volk in der Verantwortung vor Gott steht. Es geht um fürbittendes Eintreten der

Kirche für die Schuld unseres Volkes vor Gott, um die Wahrnehmung des öffentlichen Wächteramtes

der Kirche und um die Gewissensprüfung der Einzelnen vor Gott.

Wie könnte das konkret sein? Ich finde gut, dass Ihre Gemeinde hier in Leipzig heute die

Initiative „anders wachsen“ aufgreift. Wachstum ist zum ideologischen Begriff geworden. Im

Namen des Wirtschaftswachstums scheint alles legitimierbar. Da wird in Kauf genommen,

dass unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, Umweltzerstörung wird ignoriert.

Hauptsache Wachstum. Bei mir in Berlin um die Ecke hat kürzlich eine Kette ihre neue

Filiale eröffnet – der Laden wurde geradezu gestürmt samt Absperrgittern und Sicherheitskräften.

T-Shirts für 3 Euro, Jeans für 11Euro - wo soll so produziert werden? Was verdient

eine Näherin? Wer fragt soR.

Aber wachsen an sich ist noch kein Wert. Wie wollen wir wachsen? Was ist denn entscheidend

im Leben. Gibt es nicht auch eine Ethik des Genug? Gut, dass das heute in Leipzig in

vielen Veranstaltungen diskutiert wird.

Und dann die Frage: Können wir überhaupt etwas tun? Ja, wir können. Auf der Homepage

von anders wachsen sind viele Beispiele von der Abschaffung des Autos über Einkaufsverhalten

bis hin zu Geldanlagen. Es ist schon klar, manche werden das jetzt wieder abqualifizieren

mit diesem Begriff „Weltverbesserer“. Aber offen gestanden, ich will die Welt verbessern!

Wir können uns doch nicht einfach abfinden. Und noch immer gilt das afrikanische

Sprichwort: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte gehen, können

das Gesicht der Welt verändern.“

Es tut uns gut, eine „Ethik des Genug“ zu kennen. All das Rasen nach „Mehr“ macht ja nicht

glücklicher. Und das Geiz „geil“ sein soll, ist ein grandioser Irrtum. Wer sagt denn: „Schatz,

ich liebe dich, weil du so wunderbar geizig bist?“ Martin Luther hat ja einmal gesagt, woran

wir unser Herz hängen, das sei unser Gott. Heute hängt das Herz der meisten Menschen

anscheinend am Geld, am Haben. Konsum wird da zur großen Religion: Ich konsumiere,

also bin ich. Wie hohl dieser Gott allerdings ist, merke ich spätestens, wenn ich kein Geld

mehr habe, um zu konsumieren.

Und woran das Herz unserer Gesellschaft hängt, begreifen wir, wenn wir uns bewusst machen,

dass wir täglich, manchmal stündlich informiert werden über die Börsenkurse. Ob es

dem DAX gut geht, oder schlecht, das scheint das allein entscheidende Kriterium zu sein.

Ein schönes Gegenbeispiel ist Bhutan. Der König von Bhutan wurde 1979 von einem indischen

Journalisten nach dem Bruttoinlandsprodukt seines Landes gefragt. Er sagte, dass

das Bruttonationalglück entscheidender sei. Er fühle sich einer Wirtschaftsentwicklung verpflichtet,

die Bhutans einzigartiger Kultur und ihren Werten gerecht werde. Statt Wachstum in

den Vordergrund zu stellen, soll nachhaltige Entwicklung und der Blick auf die Lebenssituation

der Menschen im Vordergrund politischer Entscheidungen stehen.

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Liebe Gemeinde, der Buß- und Bettag ist wichtig für unser Land. Wir müssen hinter die Fassaden

gucken. Das Gute wollen wir zugestehen. Das ist keine Frage: Es gibt viel Gutes in

unserem Land, aber die Probleme dürfen wir nicht ignorieren. Luther hat gesagt, dass wir

unser Christsein vor Ort leben, im Alltag. Da wo wir leben und arbeiten. Bei unserer Familie,

in unserem Wohnheim, in unserem Betrieb, in der Schule. Da sind wir gehalten hinter die

Fassaden zu blicken, nachzufragen, uns einzumischen. Nicht Wegseher sollen wir sein,

sondern Hingucker, nicht Zuschauer, sondern Einmischer. Klar in unserem Glauben an Jesus

Christus, Sohn Gottes, des Auferstandenen, der uns Leben zusagt und Umkehr ermöglicht.

Eines will ich zuletzt hervorheben: der Buß- und Bettag wäre völlig falsch verstanden, wenn

wir deprimiert im Büßergewand von dannen gehen. Nein, Umkehr ist ein wunderbares Angebot.

Unser evangelischer Glaube sagt uns: Wir sind eingeladen. Zu allererst steht Gottes

Angebot. Im Abendmahl können wir das nachher feiern als Fest des Lebens. Und das kennen

Sie doch auch: Wir kommen von einer Einladung zurück, einem schönen Fest und fühlen

uns ermutigt, gestärkt, da liegt ein Strahlen, ein Lachen auf dem Gesicht. Im grauen Alltag

ist ein Fest gewesen, das bestärkt für farbige Zukunft. Genau das ist das Angebot des

Evangeliums. Gott sieht dich. Dein Leben macht Sinn. Du hast die Kraft, kalt oder warm zu

sein. Gott gibt dir den Mut Missstände anzuprangern und auch auszuhalten, wenn du selber

scheiterst.

Das ganze Leben der Christen soll eine Buße sein. Sie sollen sich zu dieser Umkehr stellen

in dem Wissen, dass es zuallererst Gott selbst ist, der sich uns zuwendet, unser Leben trägt.

Keine zerknirschten Bußübungen, nein, dem Leben zugewandt offen legen, was faul ist in

unserem Land. Oder wie der Predigttext sagt: „Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht

und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!“ Fröhlichen Buß- und Bettag also! Amen.