Predigt über 1. Petrus 4,10

Die Predigt wurde am Sonntag, 11. November (Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr) von OKR Christhard Wagner im Gottesdienst zum 143. Jahresfests des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V. gehalten
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde, die Grundlage der Predigt soll ein Satz aus dem 1. Petrusbrief sein, mit dem Sie sich in der Diakonie in der letzten Zeit auseinandergesetzt haben. Er lautet: „Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes." Mein Vater Heinz Wagner hat sicher nicht nur einmal über diesen für die Diakonie und Kirche so entscheidenden Satz gepredigt. Doch dieser diakonische Hauptsatz kann auch als Überschrift für sein Leben genommen werden. Es ist erstaunlich, wie es ihm gelungen ist, die vielfältigen Aufgaben an zwei theologischen Fakultäten, der Inneren Mission, beim Rundfunk und in vielen weiteren kirchlichen und diakonischen Arbeitsfeldern zu bewältigen. Er hat sie einerseits immer als Dienst verstanden. Dienst im Auftrag unseres Herrn, der ihn davor bewahrte, als Soldat in den Krieg ziehen zu müssen. Vielen seiner Kommilitonen ist diese Gnade nicht zuteil geworden. So war es für ihn Lebensverpflichtung, für die gefallenen Brüder mit zu arbeiten. Zum anderen war es für ihn Selbstverständlichkeit, seine Gaben mit ganzem Einsatz in seine Kirche einzubringen. Ob in der Universität, in der Inneren Mission oder bei Radio DDR - er verstand sich nie anders als ein Mann der Kirche - als Pfarrer mit besonderen Gaben und damit Aufgaben. So wurde er für seine Kirche und vielen Menschen zum Segen. Dieser volle Einsatz war für uns als Familie nicht ohne Folgen. Er konnte nicht so für uns da sein, wie andere Väter das sind. Einmal Kleinmesse, einmal Pferderennen Scheibenholz, einmal Chemie Leipzig pro Jahr - dazu der Urlaub - das mußte reichen. Wir haben es ohne Murren und ohne Schaden mitgetragen. Das lag natürlich auch daran, dass er seine Frau hatte - unsere Mutter, die mit ihren Gaben das ergänzen konnte, was er nicht schaffte. Und so freue ich mich, dass wir heute mit meiner Mutter und der ganzen Gemeinde den 100. Geburtstag eines Mannes feiern können, der seine Gaben nicht für sich behielt, sondern zum Segen für Viele in den Dienst seiner Kirche stellte. Drei Gedanken zum Predigttext: 1. Jeder hat Gaben 2. Gottes Gnade soll unter die Leute 3. Seid gute Haushalter

1. JEDER HAT GABEN Jeder von uns hat Gaben. Wir denken dabei viel zu schnell an die besonders strahlenden Talente, ob bei Fußballern, Wissenschaftlern, Thomanern. Ich denke an Nicola. Nicola lebte im Diakonissenhaus Borsdorf und war ungefähr so alt wie ich. Sie war schwerstbehindert - und war die Seele von Borsdorf. Sie konnte nach menschlichem Ermessen fast nichts - doch ihr Lächeln, wenn der Posaunenchor am Gitterbett ihre fast tauben Ohren erreichte, war so selig, dass sie Viele - besonders auch mich - tief berührte. Nicola hat mit ihrer Gabe Segen bewirkt - und meine Maßstäbe, was wirklich wichtig und wertvoll im Leben ist, geprägt. Sage niemand, er habe keine Gaben. Ja, es kann sogar sein, dass diejenigen mit besonderer Begabung es schwerer haben als andere. Die Versuchung, sie allein für sich zu behalten und nicht zu teilen, kann in eine traurige Isolation führen. Umgedreht ist es oft der kleine Stein, der für den Bau entscheidend ist. Es gibt vielerlei Gaben. Die vermeintliche Größe ist unerheblich. Eine jede ist gleich wichtig und wertvoll - jeder Begabte ist gleich wichtig und wertvoll.

2. GOTTES GNADE SOLL UNTER DIE LEUTE Wir sollen gute Haushalter der mancherlei Gnade Gottes sein. Gottes Gnade soll unter die Leute. Gnade? Das gehört nicht zum heutigen Wortschatz. Es sei denn, es ist von „gnadenlos günstig" oder „gnadenlos gut" die Rede. Spricht das gegen das Wort? Es teilt sein Schicksal mit Worten wir Barmherzigkeit, Muße, Vergebung. Es spricht nichts gegen diese Worte - es wirft ein Licht auf unsere Gesellschaft. Sie als Mitarbeiter in der Diakonie erleben täglich, wie viele Menschen an der Gnadenlosigkeit der Leistungsgesellschaft zerbrechen. Sie können davon berichten, welche Folgen es hat, wenn die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht: Menschen kommen nicht mehr mit, leiden unter dem Druck hoher Anforderungen , bekommen keine Chance, bleiben vor der Tür, verlieren ihre Würde. In dieser gnadenlosen Zeit soll Gottes Gnade unter die Leute - durch uns - mit unseren kleinen und großen Gaben. Mein Vater sagte es in seiner Predigt so: "Aber alle unsere Gaben und Talente nützen nichts, wenn die Bereitschaft zum Einsatz fehlt. Wer sich schont, verkümmert, wer seine Gaben für sich erhält, erstickt an ihnen. Erneuerung der Kirche kann nur dadurch geschehen, dass Dienstfreude erweckt wird und Dienstgruppen sich bilden." In der Kirchgemeinde Dayton / Ohio werden regelmäßig Listen durch die Reihen der Gottesdienstbesucher gereicht, in der jeder das, was er als kleine oder große Gabe einbringen will, eintragen kann. Eines Tages schrieb ein Gemeindeglied: ich kann gut Autos reparieren. Die Gemeindeleitung fragte sich: Was machen wir mit dieser Gabe? Und entwickelten ein Projekt: Autos für Arme. Anders als hier kommt man in Dayton ohne Autos nicht zurecht. Trotzdem können sich Arme kein Auto leisten. Ein Aufruf wurde gestartet. Wer stellt sein altes Auto zur Verfügung? Eine Werkstatt wurde eingerichtet. Der Kfz-Schlosser fand Unterstützung und bereitete die alten Autos auf. So fanden Menschen Beschäftigung und arme Gemeindeglieder Mobilität. Es gibt mehr Begabungen unter uns als wir vermuten. Lassen wir sie zur Entfaltung kommen - mit Phantasie, auf unorthodoxen Wegen, mit Zutrauen in Menschen und mit fröhlichem Gottvertrauen. Gottes Gnade muss unter die Leute.

Ein drittes : 3. SEID GUTE HAUSHALTER Mein Vater sagte: „Dabei dürfen wir nicht gleich übergeistig werden, fangen wir mit den praktischen Talenten an, dazu gehört auch die Gabe, mit dem Geld recht umzugehen. Die Kirche wird es lernen müssen, ihre Finanzen in einem neuen Geist zu ordnen. Vorrang hat immer, was dem Dienst am Menschen verpflichtet ist." Diese Sätze wurden Anfang der 70'iger Jahre gesprochen. Sie sind aktuell wie nie zuvor. Ein Leitbild der Diakonie ist der „Barmherzige Samariter". Passt nicht viel besser der "Herbergsinhaber" zur Diakonie? Er übernimmt den Überfallenen - pflegt ihn - und bekommt dafür vom Samariter Geld. Das ist nicht abschätzig gemeint. Natürlich muss Diakonie auch wirtschaftlich professionell handeln. Auch das gehört zu guter Haushalterschaft. Aber auch der Barmherzige Samariter bleibt unser Leitbild. Was wären wir ohne die sensiblen Menschen, die mit offenen Augen und Herzen diejenigen sehen, die Hilfe brauchen. Jeder haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterin ist Samariter und gleichzeitig Herbergswirt. Als ehemaliger Vorsitzender eines Diakoniewerkes kenne ich jedoch die Versuchung, allein ökonomische Kennziffern zum Maßstab diakonischen Handelns werden zu lassen. Wie gehen wir dann mit dem Satz aus der Predigt von 1970 um: „Vorrang hat immer, was dem Dienst am Menschen verpflichtet ist."? Gottes Ökonomie kennt andere Controlling-Kennziffern. So stehen wir in der Spannung, einerseits verlässlicher Arbeitgeber mit seriöser Wirtschaftsplanung zu sein und gleichzeitig unserem diakonischen Auftrag gerecht zu werden. Das bedeutet, auch Aufgaben zu übernehmen, die sich nach menschlichen Maßstäben nicht rechnen. Noch schwieriger erscheint es mir, der Versuchung zu widerstehen, alle Förderprogramme auszuschöpfen und nur noch das, was sich rechnet, auszubauen. Seid gute Haushalter der Gnade Gottes: Das heißt auch: Überschätzt eure Kräfte nicht. Wachstum allein ist kein Maßstab. Haushaltet mit euren Kräften. Das gilt für jeden einzelnen von uns - aber auch für die Institution. Unsere geistliche Größe muss mit der ökonomischen Größe Schritt halten. Wir sind kein Wohlfahrtskonzern, wir sind Diakonie. Gott sei Dank hat diakonisches Handeln Schule gemacht - und wir sind froh, dass mit uns eine ganze Reihe von Wohlfahrtsverbänden ähnlich gute Arbeit leisten. Fragen wir uns deshalb öfter: wo werden wir gebraucht - und nur wir? Wo können wir unsere Konkurrenzgedanken zügeln und uns lieber freuen, dass wir nicht die einzigen sind ? Es bleiben genug Aufgaben, bei denen Diakonie ein Alleinstellungsmerkmal hat, wo andere sich nicht trauen oder die Aufgaben nicht sehen. Unser Petruswort ist ein Wort an alle Christen - nicht allein an die Diakonie. Es ist großartig, welche Möglichkeiten sich für die Diakonie ergeben, die Gnade Gottes unter die Leute zu bringen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kirchgemeinden sich zurücklehnen - und sagen: dafür haben wir ja die Diakonie. Wir alle sind gemeint: alle Gaben müssen zusammengelegt werden, die der Gemeinden mit ihren Gemeindegliedern, die der Diakonie mit ihren haupt- und besonders ehrenamtlichen Mitarbeitern. Jeder einzelne von uns darf sich fragen: wo bringe ich meine Gaben ein ? Bin ich handwerklich begabt, kann ich Kindern helfen, melde ich mich zum Besuchsdienst, teile ich mein Geld, kann ich im Büro helfen, kann ich die Kirche oder den Gottesdienst mitgestalten, oder habe ich einfach nur Zeit und frage, was zu tun ist. Frau Uth aus Großenlupnitz konnte nicht mehr vor die Tür. Sie fand ihre Aufgabe: sie betete für die Menschen in ihrem Dorf und war damit schwer beschäftigt. Ein letztes Mal aus der Predigt meines Vaters: „Erneuerung der Kirche kann nur dadurch geschehen, dass Dienstfreude erweckt wird und Dienstgruppen sich bilden." Zum einen brauchen wir Menschen, die sich mit ihren Gaben zur Verfügung stellen. Zum anderen brauchen wir verantwortliche Mitarbeiter in Kirche und Diakonie, die auf diese Angebote eingehen und ihnen zur Entfaltung verhelfen. Nichts ist demotivierender als ein ausgeschlagenes Angebot . Nichts enttäuscht mehr als das Gefühl, ausgenutzt zu werden. Wertschätzung, Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Übertragung von Verantwortung lässt dagegen Menschen aufblühen. Dies verändert nicht nur jeden einzelnen, sondern Kirche und Diakonie: wie hieß es noch: Erneuerung der Kirche kann nur dadurch geschehen... Es ist also nicht allein Auftrag, sondern auch Verheißung: Im diakonischen Handeln, in der Nachfolge Jesu kann sich Kirche erneuern. Als Haushalter Gottes renovieren wir so ganz nebenbei sein Haus. Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.

Für mich heißt das dreierlei:
• Jeder hat Gaben. • Die Gnade Gottes muss unter die Leute • Seid gute Haushalter.

Amen. Und der Friede Gottes, der unser menschliches Begreifen weit übersteigt, der werde in unseren Herzen groß.

OKR Christhard Wagner