Predigt im Festgottesdienst Pfingstsonntag über die Dritte Festmusik: "An den Wind" von Hans Werner Henze

Die Predigt wurde im Festgottesdienst am Pfingstsonntag gehalten über die Dritte Festmusik im Jubliäumsjahr "800 Jahre THOMANA - glauben, singen,lernen", "An den Wind" von Hans Werner Henze (Text Christian Lehnert), Auftragswerk des Bach-Archivs aus Anlass des 800jähringen Gründungsjubliäums des Thomanerchores für Chor und Instrumente
Predigt am Pfingstsonntag, 27. Mai 2012, „An den Wind" (Musik: Hans Werner Henze, Text: Christian Lehnert) und 1. Korinther 2, 12-16


Hans Werner Henze
An den Wind / To the Wind
Musikstück zu Pfingsten / Music for Pentecost
Auftragswerk des Bach-Archivs aus Anlass des 800-jährigen Gründungsjubiläums des Thomanerchores
für Chor (ein- bis achtstimmig) und Instrumente
Commissioned by the Bach-Archiv on the occasion of the 800th anniversary of the founding of the Thomanerchor
for chorus (one to eight voices) and instruments

Text: Partitur, Chester Novello, Zeilenumbruch folgt dem Textabdruck in der Partitur, ist nicht musikalisch begründet.
Libretto: Score, Chester Novello, line break follows that of the printed text in the score, no musical significance.


Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
The Spirit Himself makes intercession for us with groanings which cannot be uttered.
Römer 8, 26

1) Mein Himmel, du gespiegelter Abgrund / My Heaven, a reflection of the abyss
(Wirrer Klagegesang der elf Jünger / Confused lamentations of the eleven disciples)

Wind aus der Wüste / Wind from the desert
Hinweg über Felsbruch und Gras,
über wimmernde Zedern,
die Böen:
U-A-U-A.
Away o'er rugged cliff and grass,
o'er wailing cedar trees,
the gusts:
OO-AA-OO-AA.

Sie stöbern im Staub,
der die Schädelstätte deckt,
sie singen an Steinzungen, Stümpfen:
U-A-U-A.
They scatter the dust
o'er the Place of the Skull,
they sing on stones and stumps:
OO-AA-OO-AA.

Sirrende Dornen,
ein Schürfen und Klirren,
Grollen
der Brocken, ein Klagen im Geröll:
U-A-U-A.
Humming thorns,
a scraping and clinking,
grumbling
boulders, cries from the scree:
OO-AA-OO-AA.

Bartholomäus / Bartholomew
Der Wind, der Wind, das himmlische Tier
hebt seine Stimme, es winselt,
schlägt
auf alles, was es trifft:
Hier ist nur noch Lebloses,
nur noch Lebloses ist zu sehen ...
The wind, the wind, that heav'nly beast
raises its voice, it whimpers,
strikes
everything it meets:
Here all is lifeless,
only lifeless things are left ...

Thomas / Thomas
Christus war ein Gedanke,
um da zu sein und zu verschwinden.
Vorbei, vorbei, genug.
Christ was a thought,
no sooner here than vanished.
All gone, gone, enough.

Chor / Chorus
Jesu, meine Freu...
Jesus, joy of...

Philippus / Philipp
Er ist fortgegangen.
Er ist fort...
He has gone away.
He is gone...

Jakobus, Sohn des Alphäus / James, son of Alphaeus
Wir sind wie eine Pflanzung, die verlassen liegt,
verödete Beete.
Erlöst sind wir durch nichts,
einfach durch nichts.
We are like a plantation that lies abandoned,
wasted fields.
We have not been redeemed,
no redemption is ours.

Petrus / Peter
... eine Pflanzung, die verlassen liegt,
ein Garten ohne Zaun und Gittertor und Schlüssel.
Die Feigenbäume sind zerfleddert
vom Wind
aus der Wüste,
gelber Horizont voll Staub - mein Himmel,
du gespiegelter Abgrund: Da ist niemand mehr.
... a plantation that lies abandoned,
a garden with neither fence nor gate nor key.
The fig trees are torn to tatters
by the wind
from the desert,
a yellow horizon full of dust - my Heaven,
a reflection of the abyss: there is no one left there.

Johannes / John
Wie einen Hauch höre ich noch,
was Jesus sagte,
ein Rauschen, tonlose Erinnerung:
Like a breath, I hear still
what Jesus said,
a rustling, toneless memory:

Chor
»Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.«
»Peace I leave with you, my peace I give unto you.
not as the world gives do I give to you.
Let not your heart be troubled, neither let it be afraid.«

Jakobus / James
Ein jeder hat sein Lied umsonst zu singen -
seine Weise
aus dem Nichts ins Nichts zu gelangen.
Everyone must sing his song in vain -
his way
of coming from the void into the void.

Judas, Sohn des Jakobus / Judas, son of James
Es liegen Steine aus, der Steppe wunde Fingerkuppen,
sie genügen sich selbst am Wegrand,
wie Menschen,
denen keine Erwartung mehr beisteht.
Stones stand out, sore fingertips of the steppe,
by the wayside they suffice unto themselves,
like people
who have no hope to sustain them.

Andreas / Andrew
Im Wind hört jeder Widerstand das Nichts.
Du hältst den Finger hoch und ahnst den Knochen.
In the wind, all resistance hears the void.
You hold your finger high and feel the bone.

Matthäus / Matthew
Liebe - stärker als der Abschied.
Abschied - beständiger als die Liebe.
Wo keine Hoffnung ist,
fällt alles leichter.
Love - stronger than farewell.
Farewell - more constant yet than love.
Where hope is lost
all is easier.

Simon, der Zelot / Simon, the Zealot
... eine Pflanzung, die verlassen liegt:
Vertrockneter Oleander, das Opuntiendickicht
soll brennen, das Ödland
brennen, lodern im Wind, die Asche
treibt er vor uns her.
... a plantation that lies abandoned:
Dried oleander, the opuntia thicket
shall burn, the wasteland
burn, flare up in the wind which drives the ash
before us.

 

2) Leise, dass uns Menschen nicht hören, nur der Wind / Softly that no one shall hear us but the wind

Ein Jünger / A disciple
Lasst uns rufen,
leise, ganz leise, dass uns Menschen nicht hören,
nur der Wind:
Let us call out
softly, so softly that no one shall hear us
but the wind:

Chor
Komm, schaffender Geist,
suche die Seelen der Deinen heim!
Aus der Höhe erfülle sie mit Gnade,
die Herzen, geschaffen von dir.
Come, Creator Spirit,
and make within our hearts your home!
From heaven high, come, fill with grace,
the hearts that you have made.

Siebengestaltiger,
Finger an der rechten Hand des Vaters, vom Vater
versprochen nach altem Brauch,
gib den Kehlen Sprache!
Oh sevenfold one,
the finger on the father's right hand,
long promised by the father,
give us voice!


3) Es dämmert, der Wind nährt ein Feuer / It darkens, the wind fuels a fire

Ein Jünger / A disciple
Haltet einander! Es dämmert, der Wind
spricht mit unseren Stimmen,
kreist in den Mauern, nährt
ein Feuer:
Hold one another fast! It darkens, the wind
speaks with our voices,
circles round within the walls, fuels
a fire:


Chor
Zünde an das Strahlen der Sinne!
Brenn ein den Herzen die Liebe!
Unsere gebrechliche Gestalt
stärke durch deine unvergängliche Kraft!
Make our senses radiant with your light!
Inflame our hearts with love!
Strengthen our frail bodies
with your immortal strength!

Schlage den Feind weit zurück!
Gib baldigen Frieden!
Geleitet, wo du vorausgehst,
mögen wir alle Fallen umgehen.
Repel the foe to far retreat!
And hasten to give us peace!
Led by you, our guide,
we will safely pass by every snare.

Durch dich lass uns verstehen, was Gott sei,
der Vater, und auch den Sohn erkennen,
und dir, beider Geist,
über die Zeit vertrauen!
Through you, let us discern who God
the father is, and likewise know the son,
and trust in you, of both the Spirit,
forever and forever!


4) Es brennt!

Ein Zeuge / A witness
Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und setzte sich auf einen jeden von uns:
And suddenly there came a sound from heaven as of a rushing mighty wind, and it filled all the house where they were sitting. And there appeared unto them cloven tongues like as of fire, and it sat upon each of us:

Chor
Flammen das Haar und jeder Atemzug
ein Züngeln, Scheite, die zerspringen,
zischelndes Baumblut,
doch es brennt schon aus Stirnen,
Flammen die Zungen,
Lippenglut,
Aufschrei des Feuers,
in dem Licht
sehen wir das verlorene und das gelobte Land,
wie knisternde
Asche,
auch wenn alles,
was wir glaubten, zu Asche wird,
sagen wir doch: Es brennt
weiter,
es geht ein Feuer im Kreis,
Aschegott!
Blazing, every hair and every breath,
flickering flames, a splitting of wood,
hissing blood of trees,
yet already, out of foreheads it burns,
blaze the tongues,
glow lips,
exclaims the fire,
in the light
we see the lost and praised land
like sizzling
ash,
even if everything
in which we believed is turned to ash,
yet do we say: it burns
on,
fire goes in a circle,
God of ash!

Ein Zeuge / A witness
Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
And they were all filled with the Holy Ghost, and began to speak with other tongues, as the Spirit gave them utterance.

5) Die Taube (Choral) / The Dove (chorale)

Chor
Die Taube will erwachen, ihre Schwingen,
erfasst von Böen, ruhen nicht mehr lang.
The dove will wake, its wings,
caught by the gusts, no longer will repose.

Sie trägt die Angst, das Beben, Schlag um Schlag,
wenn auf die Nacht folgt immer noch ein Tag,
trägt ihr Gefieder wie ein fremdes Lachen.
It bears the fear, the quavering, blow for blow,
though night is always followed by the day,
its feathers seem to wear an alienated smile.

Es war doch nur ein Laut, ja nur ein Hauch,
bevor der Laut begann,
als Vogel, als Gerücht des eignen Flugs?
So was it just a sound, a simple breath
before the sound began,
a bird, a rumour of its own flight?

Am Felshang graut der Morgen, Taubenschwingen,
gestützt auf Knochen, ruhen nicht mehr lang.
Es fehlt ja nur ein Rascheln zum Erwachen,
ein Flügelschlag, ein Wind, ja nur ein Hauch.
Dawn greys the rocky slope, dove's wings,
which bones support, will rest no more.
To wake them, a simple rustling will suffice,
a wing's beat, a wind, a simple breath.

Christian Lehnert

1. Korinther 2,12-16
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.


Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
es ist ein ganz besonderes Geschenk in diesem Jubiläumsjahr und zu diesem Pfingstfest, das uns Hans Werner Henze, Christian Lehnert, sowie der Thomanerchor und das Gewandhausorchester unter Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller gemacht haben mit der Komposition und der Aufführung dieses Musikstücks zu Pfingsten: An den Wind. Danke für diese beeindruckende und berührende Aufführung gestern wie heute!

Das Werk nimmt einen am Anfang mit hinein in die Situation der Jünger zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: Jesus hat sie verlassen, aber der Heilige Geist ist noch nicht da. Sie erinnern sich noch an das Vergangene, aber sie spüren schmerzlich: Dahin gibt es keine Rückkehr mehr, nie mehr wird es sein wie vorher. Und was kommen wird, ist noch nicht absehbar. Was wird sein? Wird überhaupt etwas sein?
Vor dieser Frage wird auch die damals - als sie noch Gegenwart war - als so erfüllt erlebte Vergangenheit in Zweifel gezogen: „Christus war ein Gedanke, um da zu sein und zu verschwinden. Vorbei, vorbei, genug." Da kommt alles ins Schwanken und die Jünger erleben in sich das Chaos. Das bedrohliche, weil ungeordnete, wüste und leere Tohuwabohu des Anfangs vor der Schöpfung - leere, unbeseelte, geistlose Materie, in der man nicht leben kann.

Das ist die Situation der Jünger vor dem Pfingstereignis. Und in vielem ist genau das auch die Situation des modernen Menschen. Es ist noch eine diffuse Ahnung von dem da, was den Vätern und Müttern längst vergangener Zeiten einmal Halt gegeben hat. Man spürt noch was davon. Hat, vielleicht ohne es zu wissen, Sehnsucht danach. Aber man kann dorthin nicht zurück. Kann nichts mehr anfangen mit fremd gewordenen Traditionen. Zurück geht es nicht. Und nach vorne ist man auf der Suche nach Sinn in einer Welt, in der man sich selbst ständig neu definieren und inszenieren muss. In der es zum guten Ton gehört für einen erfolgreichen Menschen, Produkt seiner selbst zu sein, mit einem unverwechselbaren Profil durch sich selbst. Das Mittelmaß wird weder gesucht noch geduldet. Man kann sein eigener Schöpfer sein. Aber man steht eben auch unter dem Druck, es irgendwie doch sein zu müssen. Sich abheben von anderen um des sich Abheben willens. Aber wozu? Wohin soll das führen? Wo ist das eigentliche Ziel?

Dieses Lebensgefühl wird im ersten Teil der Pfingstmusik ausführlich geschildert. Der „wirre Klagegesang der Jünger" beschreibt das Gefühl, als einzelner verloren in den Ruinen der einstmals belebten Vergangenheit herumzuirren. Wo einmal blühendes Land war, sind jetzt Steppe, sirrende Dornen und sich wimmernd wiegende Zedern. Die sind zu Beginn im ersten Chor eindrucksvoll zu hören. Und keine Vorstellung vom Kommenden zu haben, lässt einen diese Gegenwart erst recht als bedrohlich erleben. 11 Jünger, 11 Stimmen sind noch auf der Suche nach Hoffnung, einer hatte ja die Hoffnung schon aufgegeben. Auch der Jünger Bartholomäus steht kurz davor, indem er sich und seine Umwelt für tot erklärt. Und Thomas, dargestellt nur noch von der chorischen Tenorstimme, der absoluten Vereinzelung, bringt den Schmerz darüber auf den Punkt: Der Gedanke, mit Jesus wäre die Erlösung dieser Welt angebrochen, hat sich erledigt. Nichts hat sich geändert.

Und doch: Mitten in diesen Aufschrei mischt sich die Erinnerung an das, was mal war. Ein Gedanke schiebt sich vor, leise, nur ein Soloquartett im Pianissimo. Jesu, meine Freu- Kaum da, bricht er schon ab, dieser Gedanke. Noch fehlen die Worte, noch ist es nicht so weit, ihn bis zum Ende denken oder gar aussprechen zu können. Hören wir noch einmal diese Stelle, beginnend mit dem Jünger Bartholomäus (Takte 45-58) :


Hier ist nur noch Lebloses,
nur noch Lebloses ist zu sehen ...
Here all is lifeless,
only lifeless things are left ...

Thomas / Thomas
Christus war ein Gedanke,
um da zu sein und zu verschwinden.
Vorbei, vorbei, genug.
Christ was a thought,
no sooner here than vanished.
All gone, gone, enough.

Chor / Chorus
Jesu, meine Freu...
Jesus, joy of...

Das Lamento der Jünger geht noch weiter, sie sind wie eine verlassene Pflanzung, ein Garten ohne Zaun. Sind wie zerfleddert vom Wind und der Himmel spiegelt ihnen nur ihre eigene Leere und Abgründe wieder: Da ist niemand mehr. Aber auch hier: Da ist wieder ein Hauch von Erinnerung an das Gewesene. An das, was Jesus ihnen zum Abschied gesagt hatte von einem Frieden, den die Welt nicht kennt und von einem Herz, dass sich nicht fürchtet. Sie bricht diesmal nicht ab, die Erinnerung. Aber immer noch bleibt es dabei: Noch kann man nicht recht etwas mit ihr anfangen. Sie setzt sich noch nicht durch. Im Gegenteil, zu mächtig das, was man täglich um sich herum erlebt: da ist kein einziger Tag, an dem es auf dieser Welt keinen Krieg gibt. Kein Tag ohne Nachrichten von Massakern an Kindern, Frauen und Männern wie gerade wieder in Syrien geschehen. Und wo die Herzen immer wieder von Neuem erschrocken sind, verunsichert vom Gefühl, auf das große Ganze in dieser Welt keinen Einfluss mehr nehmen zu können - und sich zurückzuziehen aus jeglicher öffentlichen Verantwortung mit der resignierenden Feststellung: Es bringt ja alles doch nichts. So wird gerade der Erinnerung an dieses Wort Jesu erst recht mit der Beschwörung des Nichts begegnet wie es Jakobus tut: „Jeder hat sein Lied umsonst zu singen, seine Weise aus dem Nichts ins Nichts zu gelangen." Wo nichts, aber auch nichts mehr erwartet wird, bleibt nur der zweifelhafte Trost des Jüngers Matthäus: „Wo keine Hoffnung ist, fällt alles leichter."

Wie ein Wunder ist es, dass sich nach dieser Beschwörung des Nichts die Stimmung zu Beginn des dritten Teils komplett wandelt: Nachdem beim ersten Mal schon der Gedanke an „Jesu, meine Freude" abbricht und sich dann auch der Hauch von Erinnerung an die Abschiedsworte Jesu nicht durchsetzen kann, geschieht es dann aber doch beim dritten Mal. Man mag darin einen Anklang an die uralte Symbolik der Zahl Drei finden, wie sie die Bibel ja auch durchzieht: am dritten Tag geschieht das Besondere, das Unerwartete, das Neue: Jona verlässt den Wal am dritten Tag, die ägyptische Finsternis währt drei Tage, die Auferweckung Jesu ist am dritten Tag und Paulus beginnt am dritten Tag nach seiner Bekehrung die Welt neu zu sehen. So geschieht auch hier beim dritten Mal das Neue, das Unglaubliche. Es ist der Moment, in dem die Erwartung zurückkehrt, vom Himmel gehört zu werden. Und dass ein neuer Anfang überhaupt möglich ist. Noch ganz leise, dass es Menschen nicht hören, ist im pianissimo der hohen Chorstimmen die Bitte um den lebenschaffenden Geist zu hören (Takte 202-216):

Chor
Komm, schaffender Geist,
suche die Seelen der Deinen heim!
Aus der Höhe erfülle sie mit Gnade,
die Herzen, geschaffen von dir.

„Komm, schaffender Geist, suche die Seele der Deinen heim." Leise, aber doch ganz klar, erklingt mitten in dieser neuen Musik der alte Pfingsthymnus: Veni, creator, komm, Heiliger Geist. In den alten Worten der Überlieferung finden die Jünger eine Sprache, die das Alte dennoch neu sagt. Christian Lehnert hat diese alten Worte behutsam in neue Sprache gefasst, in Bild und Metrum an das Alte anknüpfend. Das ist ja das Erstaunliche: Dass Menschen trotz aller Fremdheit dann doch immer wieder Sprache finden in dem, was die Menschheit seit Jahrhunderten in ihren Traditionen niedergelegt hat. Dass man spürt, wo keine eigene Sprache mehr ist - hier ist eine, die sich nicht verbraucht. Eine Sprache, die man sich leihen kann. Die man hindurchgehen lassen kann durch das eigene Leben und Erleben. Dass es möglich ist, sich von ihr wiederfinden zu lassen in seiner Verlorenheit, wenn man ihr bei aller Widerständigkeit nachgeht. Wo man beharrlich und nicht nachlassend bei dem bleibt, was man als Sehnsucht oder verschüttete Erinnerung in sich spürt, bis es irgendwann wieder möglich ist, sie auch auszusprechen: „Komm, schaffender Geist."

Dennoch bleibt es ein Wunder, wenn Menschen, die am Ende sind, wieder auf einen Neubeginn hoffen können. Und dass sie nicht nur zu neuer Sprache fähig werden, sondern auch zu neuem Hören, zu neuem Hinhören und auch Hinsehen. Dass man mehr hört und sieht als das, was sich an der Oberfläche unseres Lebens zeigt.

Paulus beschreibt das im 1. Korintherbrief als Unterschied zwischen dem, was der „natürliche" und was der „geistliche" Mensch in der Lage zu sehen und zu hören sind. Er sagt: „Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist...Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes, es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden." Das hört sich auf ersten Blick arrogant an - Wir haben's, aber die anderen haben's nicht. Aber Paulus spielt nicht Fromme gegen Ungläubige aus. Sondern es geht um mich gegen mich. Die Grenze zwischen dem natürlichen und dem geistlichen Menschen verläuft mitten durch mich selbst. Als geistlicher Mensch erkenne ich, was Gott an mir tut, wie er mich durch seinen Geist solange ich lebe, beständig erneuert und erhält - und wie das auch für mein Umfeld gilt. Aber auf der anderen Seite erlebe ich mich aber auch als natürlichen Menschen und sehe nicht mehr als die Dürftigkeit und Brüchigkeit meines Glaubens, meines Lebens, mein inneres und zuweilen auch äußeres Chaos. Sehe, wie die Jünger, nur mein Verlassensein. Sehe den Tod Jesu am Kreuz als Scheitern, halte ihn nur für einen Gedanken, der vorbei ist, aber sehe nicht, was daraus geworden ist: das neue Leben, das auch meine Hoffnung ist in einer Welt des Todes und der Endgültigkeit. Ich sehe unsere Kirche an und denke manchmal: Wir sind schlimmer als jeder Verein - aber sehe dahinter nicht das Geheimnis der Gemeinde als Gemeinde der Heiligen, weil von Gott geheiligten Menschen. Eine Sichtweise, die Paulus als „natürlich" bezeichnet.

Pfingsten ist das Ereignis, bei dem sich der Wandel vom einen zum anderen Teil vollzieht. Wie man vom Menschen, der die Welt nur natürlich betrachtet zu einem Menschen wird, der sie auch geistlich zu deuten weiß. Der also eine Sicht auf die Dinge bekommt, die vom Geist Gottes geprägt ist. Eine Sicht, die einen in die Lage versetzt, hinter das zu schauen, was Menschen in ihrer Unzulänglichkeit und Mittelmäßigkeit zuwege bringen: in der Welt wie in der Kirche.

Wie kommt man von der einen Seite auf die andere? Paulus sagt ganz klar. Niemand kann das machen. Es ist allein das Werk des lebensschaffenden Geistes. Es ist und bleibt ein Wunder. Aber was wir tun können, ist der Versuch, uns selbst dafür zu öffnen - und deshalb ist die Bitte um den Geist so wichtig bzw. die Einsicht, seines Beistands zu bedürfen .

Im dritten Teil der Pfingstmusik dämmert den Jüngern der Wind. Sie spüren, wie er in ihr Leben kommt und schon in ihren vorher so undurchdringlichen Mauern kreist. Wie er sie verändert, wie er in ihnen das Feuer wieder anfacht und aus 11 einzelnen wieder eine Gemeinschaft macht: „Haltet einander!" Und so fällt ihre erneute Bitte an den Wind jetzt umso kräftiger aus. Diesmal sollen sie die Menschen hören - gerade auch die, die ihnen feindlich gesinnt sind. Da ist keine Angst mehr. Wiederum beginnen die hohen Stimmen, diesmal aber im Fortissimo, in das die Tenöre und Bässe sich zur Festigung und Grundierung der Bitte einfügen: „Schlage den Feind weit zurück. Gib baldigen Frieden. Geleitet, wo du vorausgehst, mögen wir alle Fallen umgehen". Wir hören es (Takte 243-256):

Chor
Schlage den Feind weit zurück!
Gib baldigen Frieden!
Geleitet, wo du vorausgehst,
mögen wir alle Fallen umgehen.
Repel the foe to far retreat!
And hasten to give us peace!
Led by you, our guide,
we will safely pass by every snare.

Mit der gleich anschließenden Strophe aus dem alten Pfingsthymnus wird klar: Was den Jüngern mit Jesus als abgetan und vorbei schien, ist die Zukunft. „Durch dich lass uns verstehen, was Gott sei, der Vater, und auch den Sohn erkennen." Worum es Jesus ging, hat für sie wieder Zukunft. Der Heilige Geist fungiert als Zeuge für das, was war und was wieder neu sein kann: eine Sicht auf die Dinge und vor allem auf die Menschen zu haben, die vom Geist Christi geprägt ist. Wo dieser Wind weht, kann ich zurück und nach vorne schauen, kann beides zusammen sehen, die Vergangenheit und die Zukunft. Der Zustand des Dazwischenseins ist vorbei. So heißt es zu Beginn des vierten Teils: „Auch wenn alles, was wir glaubten, zu Asche wird, sagen wir doch: Es brennt weiter, es geht ein Feuer im Kreis." Mit einer unheimlichen, überirdischen Gewalt nimmt dieses Verstehen wie ein Feuer von ihnen Besitz. Wir hören es (Takte 274-305):

Chor
Flammen das Haar und jeder Atemzug
ein Züngeln, Scheite, die zerspringen,
zischelndes Baumblut,
doch es brennt schon aus Stirnen,
Flammen die Zungen,
Lippenglut,
Aufschrei des Feuers,
in dem Licht
sehen wir das verlorene und das gelobte Land,
wie knisternde
Asche,
auch wenn alles,
was wir glaubten, zu Asche wird,
sagen wir doch: Es brennt
weiter,
es geht ein Feuer im Kreis,
Aschegott!
Blazing, every hair and every breath,
flickering flames, a splitting of wood,
hissing blood of trees,
yet already, out of foreheads it burns,
blaze the tongues,
glow lips,
exclaims the fire,
in the light
we see the lost and praised land
like sizzling
ash,
even if everything
in which we believed is turned to ash,
yet do we say: it burns
on,
fire goes in a circle,
God of ash!

Der vierte Teil endet damit, dass die Jünger in ihrer neu gewonnenen Sprache reden. Sie geben von ihrer Hoffnung weiter. Der Geist spricht durch sie. Leere, Erschöpfung, verkorkste Situationen sind nun nicht mehr das Bedrängendste. Mögen sie auch da sein, sie stehen nicht mehr als unüberwindliche Hindernisse im Vordergrund. Es gibt die Hoffnung auf das Kommende, in dem sich alles klären wird. Der Geist zieht einen hinein in eine Atmosphäre des Friedens und der Hoffnung, die mir hinweghilft über meine Klippen, Ängste und Abgründe. So ist der abschließende 5. Satz, der Choral, von besonderer Atmosphäre. Durchsichtige, zarte Klänge erinnern an den Moment vor der Schöpfung. Der Geist ordnet das Chaos, das Tohuwabohu, noch einmal neu. Die Taube hat schon den Wind unter den Flügeln und nur ein ganz kleiner Hauch fehlt noch, um sich zu erheben mit allem, was sie trägt: die Angst, das Beben, Schlag um Schlag (Takte 372-Schluß):

Chor
Es fehlt ja nur ein Rascheln zum Erwachen,
ein Flügelschlag, ein Wind, ja nur ein Hauch.
To wake them, a simple rustling will suffice,
a wing's beat, a wind, a simple breath.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org